Kult-Youngtimer im Test II/X: Mercedes W124

Die Traum-Linie war gut für satte 12 Jahre Bauzeit – auch wenn das zu Beginn so nicht geplant war

Wenn es derzeit etwas gibt wie den Kult-Youngtimer, dann steht er hier vor uns: der Mercedes W124, der zum Beginn seiner Bauzeit noch nicht einmal E-Klasse hieß, denn das kam erst später.
Geboren wurde er als Nachfolger der beiden brutal erfolgreichen Modelle W114/W115 [besser bekannt als Strichacht oder /8] und schließlich des W123. Beide Modelle bildeten später stets so etwas wie die Kernaussage der Youngtimer-Zunft: Das Langzeitauto, das es sich zu pflegen lohnt.
Ich erinnere mich noch wie heute an die Auto-Motor-Sport-Ausgabe, in der der W124 vorgestellt wurde und auf die diversen Revolutionen akribisch eingegangen wurde: Einarmscheibenwischer mit Extender – unvorstellbar! Erdrutschartiger Boost in der Diesel-Technologie mit 72PS im 200D, mit dem man nun plötzlich auch auf Kriegsschauplätzen wie der

Vielleicht der schönste W124 und deutlich teurer als die Limousinen – das T-Modell; hier als seltener 300T Turbodiesel

A7 mal auf die linke Spur gehen konnte – denn jetzt gingen notfalls auch mal spektakuläre 160 KM/H! Es scheint einem heute schwer zu glaube, aber im 60PS Vorgänger war man über 130 KM/H schon froh…
Und doch hatte Mercedes es auch hier mal wieder geschafft, an gutem Festzuhalten – wie etwa dem hervorragend ausgewogenen 230E oder der ausgezeichneten Schaltkulisse der Automatik, die selbst von prominenten Vertretern wie Audi hemmungslos nachgeahmt wurde – weil sie einfach schwäbisch solide und gut durchdacht war – ähnlich wie das Auswechseln von Blinkerbirnen, die präzise ablesbaren Instrumente und tausend andere kleine Dinge, die die Qualität und den Vorsprung, den Daimler damals tatsächlich noch hatte, im sprichwörtlichen Sinne erfahrbar und erlebbar machten.

Auch heute noch im Alltagsdienst zu finden – Mercedes Benz W124 als Taxi – gerne auch mal mit mehr als einer halben Million Kilometer auf der Uhr – Taxifahrer lieben ihn

Mit Sicherheit sind es diese Qualitäten, die dafür sorgen, dass der Wagen auch 15 Jahre nach Ende seiner Bauzeit noch hier und da am Taxistand zu finden ist oder T-Modelle aus der Mitte der 90er auch in eleganten Wohngegenden heute weder ärmlich noch deplatziert wirken, sondern wie derzeit kein anderes Fahrzeug in Deutschland von Automobiler Kultur und Qualität künden.
Hinzu kommt die schier unüberschaubare Modellvielfalt aus Limousinen, Coupes, Cabrios und T-Modellen, gepaart mit Dieseln, Benzinern, Vier-, Sechs- und Achtzylindern – selbst Allradantrieb war für den W124 erstmals zu haben – stets mit der hervorragenden Automatik unter dem Namen 4Matic verkauft.

Wer sich hier nicht zurechtfindet, der sollte es besser lassen – vom linken Hebel mal abzusehen, der sich erst nach gewisser Zeit in seiner vollen Qualität erschließt

Und trotz aller Features verdankt der W124 seine lange Bauzeit nicht nur seinem eigenen Erfolg – eine interessante Geschichte ragt sich in schwäbischen Kleingartenanlagen um dieses Phänomen – denn traditionell wurden die Mittelklasse von Daimler 8 Jahre gebaut. Als 1990 jedoch der Mercedes W140 als desaströs groß und misslungen galt, schritt die Daimler-Leitung ein und bestimmte, dass der für 1992 geplante Nachfolger des W124 größer und schlichter werden musste, um den Abweichlern von der S-Klasse eine Alternative im eigenen Haus zu bieten – vielleicht einer der Gründe für Größenwachstum in dieser Fahrzeugklasse, das später als W210 zu Stahl wurde. Außerdem war die Konkurrenz unfassbar stark geworden: Der E34 und der Audi 100 hatten sich viel dichter an die E-Klasse heran gerobbt – man musste ein Zeichen setzen.
Abgesehen vom Kult-Status: Worauf muss man achten?
• Rost an den Türunterkanten
• Ausgeschlagene Lenkung
• Blinde Scheinwerfer
• Rost an der Wagenheberaufnahme [vorn]
Speziell letzteres wird schnell mal ätzend. Darüber hinaus sind die Baujahre bis 1988 mit

Nur wegen 544.000 Kilometern muss noch lange nicht Schluss sein – das vielzitierte Langzeitauto; hier kann man es noch kaufen

denselben üblen Sitzen ausgestattet wie der frühe 190er – und die halten zwar sehr gut im Bereich der Bezüge – die Polsterung jedoch ist eher übel und matschig.
Der Rest ist und bleibt der Kult des Langzeitautos – da hält wirklich kaum einer mit – zumal der W124 auch sonst wirtschaftlich vernünftig ist – immer noch mit verträglichen Unterhaltskosten punktet und schlicht und einfach lange haltbare Teile aufweist.
Viele der Diesel schaffen leider keine grünen Plaketten, was sie aus den Innenstädten vertreibt – aber die Benziner sind, vernünftige Bewegung vorausgesetzt, mit 9 bis 12 Litern zu bewegen, wobei die Automatik hier nicht signifikant mehr Sprit benötigt.

– ohne Worte –

Also Leute: Kauft ihn endlich, bevor die Preise komplett ausrasten und die besten Modelle weg sind – sonst bereut ihr es genauso, wie nie einen Strichacht oder W123 besessen zu haben. Und die Wertsteigerung ist darüber hinaus bei längerer Haltedauer ausnahmsweise mal garantiert, wie bei kaum einen anderen Fahrzeug am gesamten Markt. Und mit Schnäppchen ist dann bald Schluss.
Und noch etwas: der W210 mag jede Menge Qualitäten haben – die Langzeitqualität gab es das letzte Mal hier, soviel darf als gesichert gelten.

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Der Post erschien erstmals im November 2010 und wurde seitdem mehrfach überarbeitet

 



27 Gedanken zu „Kult-Youngtimer im Test II/X: Mercedes W124

  1. Die Kernaussage des Artikel ist tatsächlich: JETZT KAUFEN! Denn faktisch gibt es noch 2 Arten von Verkäufern: zum einen die, die zu Zeiten der Abwrackprämie schon nicht die Kohle hatten um trotz Prämie noch mal 6500 Öcken für den Dacia Logan auf den Tisch zu legen. Das bedeutet Wartungsstau, unbehandelte Durchrostungen, durchgerittene Bulleneier und die wildesten Elektropfuschereien. Diese und ähnliche (fast unendliche) Baustellen gehen beim Benz auch schnell ins Geld.

    Die anderen sind die, die ihr Fahrzeug immer gehegt und gepflegt haben. Die konnte aber selbst die Abwrackprämie nicht in Versuchung führen sich von ihrem Schmuckstück zu trennen. Das sind dann auch die, die den Wert ihres Fahrzeugs recht realistisch taxieren können und wissen: kauft ihn nicht der erste zum festgestzten Preis, kauft ihn eben der zweite oder dritte. Die Karre geht für den Real-Preis weg. Heute oder eben erst morgen.

    Ich selbst habe inzwischen drei T-Modelle angesammelt und würde mich im Leben nicht davon trennen. Der 124er ist eben genau das, was VW von seinem Golf nur glaubt: DAS Auto.

    1. DER Mercedes. Völlig korrekt! Da ich seit 4 Monaten einen BMW E34 im Alltagsbetrieb fahre (und auf Langstrecken staune wie grandios dieses Auto auch nach über 20 Jahren noch ist), merke ich wieder wie klar die Marken damals noch definiert waren. Ein Mercedes war ein Mercedes, ein BMW ein BMW – und ein VW eben ein VW. Heute sehe ich das definitiv nicht mehr – wenn eine Mercedes A-Klasse martialischer daherkommt als eine Giulietta, wink ich geistig ab. in diesem Sinne spricht ein alter BMW-Fan: Hut ab W124!

  2. Im Jahr 2000 kaufte ich einen 124 Mercedes mit 199 000 km,
    am 16.08.2013 musste ich ihn abmelden.
    Die Aufhängung der Hinterachse ist auf beiden Seiten durchgerostet, ich wollte 400 000 km fahren, es wurden beachtliche 373 000 km bin voll zufrieden. Werde nach dem gleichen Modell suchen es gibt für mich keinen besseren Wegbegleiter!

  3. Mein A124 ist heute (2017) 23 Jahre und hat 105 tkm auf dem Zähler, weil er nur bei schönem Wetter ans Licht geholt wird. In den vergangenen 10 Jahren bin ich mindestens 30 x gefragt worden, ob ich ihn nicht verkaufen möchte. Ich habe stets erwidert, dass sich darum wohl irgendwann meine Erben kümmern werden. So in 30 bis 40 Jahren…

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