Youngtimer Ford Granada – Der Raser mit Ecken, Kanten und Profil

Das war noch eine klare Linie, wie man sie nur noch von Youngtimern kennt: Ford Granada – verunziert durch Spoiler und Felgen, aber immer noch cool

Doyle und Bowdie fuhren Escort und Capri, Cowley einen Granada – hier herrschte noch eine klare Trennung der Welten…

Objektiv verbanden speziell den Capri und den Granada mehr Technikkomponenten als manch einem lieb war – aber eines war klar: die fette Spur und die beinahe geduckte Form des Capri sorgten wirklich für eine herausragende Strassenlage, wie in einzelnen Folgen der Profis noch heute zu erkennen ist ;->

Aber auch im realen Leben brachte das dem Granada eine substanziellen Ruf ein: Der letzte Granada wurde gerne von gehobenen Außendienstlern als Dienstwagen bestellt, auch wenn die sich im Regelfalle nicht den zwoachter Einspritzer leisten konnten. Der Granada bot auch andere Vorteile. Einmal hatte er diesen schier unendlich großen Innenraum. Auf den Rücksitzen war man hier König – da hatte ein W123 weit weniger zu bieten, ebenso der Rekord, vom E28 mal ganz zu schweigen. Dem Opel Rekord E hatte der Granada sowieso in allem eine halbe Nasenlänge voraus, orientierte sich deutlich weiter nach oben mit mehr Chrom, 6 Zylindermotoren und gediegenen Automatikgetrieben – ganz selten sogar Leder. Der Granada spielte schon ein wenig Oberklasse, weshalb er in Großbritannien auch durchaus als Basis für Verlängerungen Verwendung fand.

Granada Kombi – Ein Youngtimer mit Kapazität. Hier ergänzt durch zeitgenössischen „Dachgarten“

In UK sind Granadas leider heute ebenso Mangelware wie hier in Deutschland oder anderen Europäischen Ländern, in denen selbst der Nachfolger Scorpio schon großflächig verschwunden ist. Zu bürgerlich, zu profan, zu wenig Premium. Schräge Zeitgenossen ließen ihn vergammeln.

All das hat seine Preise schnell nach oben klettern lassen – solange es sich um gute Exemplare handelte. Heute kosten leider auch die schlechten Exemplare kaum mal unter 2000€ – hier und da werden auch gerne mal 5000 oder 7000 Euro aufgerufen, seit ausreichend viele Motorraver vor ein paar Jahren den Wagen zum Kultobjekt Nummer 1 erklärt haben. Hier und da sind Exemplare unter 2000€ zu finden, die dann eher ohne TÜV und mit schlechtem Lack – aber normaler Weise mit überraschend wenig Rost.


Objektiv hat sich der Granada-Rummel in der Szene  ohnehin längst gelegt – übrig geblieben sind viele unfachmännisch in „coolem Orange“ lackierte Exemplare zu überhöhten Preisen, die etwas in den Granada hineininterpretierten, dass es da zu Lebzeiten nicht gab. Der Granada war nie der coole Cruiser für Leute mit dicken Oberarmen – die fuhren Capri. Der Granada war ein Biedermann, der ein bisserl zu sehr auf dicke Hose machte. Die meisten hatten einen braven 2 Liter Vierzylinder unter der Haube – der übrigens alles in allem ein ganz guter Kauf ist, da er halbwegs bescheiden mit dem Sprit umgeht und als knorrig robust gilt.

Klassischer Innenraum mit einem Hauch US-Style. Die tiefliegenden Instrumente nerven, sind aber nach Gewöhnungsphase zumindest gut lesbar

Desweiteren offerierte Ford auch zwei kleine 6 Zylinder mit 2 und 2.3 Liter im letzten Granada, die in erster Linie dadurch auffielen, dass sie gut klangen – im Bereich Spritkonsum erwartete man beim abstellen des Motors beinahe einen stattlichen Rülpser zu hören – die Vergasermotoren sind auch dann nur schwer satt zu bekommen, wenn man sie behutsam fährt – und die Automatikgetriebe, die mit amerikanisch verchromtem langem Hebel mutig aus den Untiefen des Wagens hervorragen, tun ihr Übriges – vom Luftwiderstand mal gar nicht zu sprechen…

Die Granada-Technik ist freundlich überschaubar – auch bei größeren Motorisierungen und Klimaanlagen können 2 Marderfamilien ein Winterdomizil im Motorraum beziehen. Die Motoren alles in allem einfach, haltbar und vernünftig zu reparieren – technisch stammen sie prinzipiell aus dem 60ern, wie damals bei Ford üblich. Der Diesel hingegen ist ein wenig fummelig und insgesamt für diesen Wagen einfach charakterlich total unpassend, angefangen bei 63 beziehungsweise 69PS – nicht einmal die Taxi-Szene konnte sich mit dem Wagen anfreunden, aber in Köln und Berlin fuhren auch in den 90ern noch Taxi-Exemplare mit dem 2 Liter Vierzylinder herum. Auch die kleinen Vierzylinder mit 1.7 und 1.6 Litern Hubraum kann man aus heutiger Sicht sicherlich meiden, zumal sie eh so gut wie ausgestorben sind.

Kantigkeit hat ihren Preis – der Granada Youngtimer gilt zurecht als Säufer

Der größte Spaß am Granada ist aus heutiger Sicht die selbstbewusste Art, mit der der Wagen vor Kanten nur so strotzt. Ein Denkmal der Benzinverschwendung, fürwahr… Aber wer fährt seinen Youngtimer heute noch 30.000 Kilometer im Jahr? Eben.

Mit dem Granada kann man es sich irgendwie zu einem fairen Preis gutgehen lassen und ein Auto fahren, mit dem man sich wirklich überall sehen lassen kann – der Granada strahlt heute eine Retro-Coolness aus, die sich gewaschen hat, steht für bunte Tapeten und Italien-Urlaube mit Leder-Koffern ohne Rollen. Und er vermittelt eine eigenartige Geborgenheit – akustisch vor allem als Sechszylinder, ohne Frage.

Die Wertsteigerung findet bereits statt – und der Vorgänger, vor allem der Consul, hat gezeigt, dass für den oberklassigen Ford nach oben kaum Grenzen gesetzt sind.




13 thoughts on “Youngtimer Ford Granada – Der Raser mit Ecken, Kanten und Profil

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  12. „Aber wer fährt seinen Youngtimer heute noch 30.000 Kilometer im Jahr? “

    Stimmt. Macht keiner. Aber fuffzichtausend aufwärts…
    Autos sind Fahr- und keine Stehzeuge! Egal welche Marke, und egal wie alt.

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