Youngtimer-Geschichten I: Ein Auto für 80 Mark

Unverzichtbar in einer woche im Herbst

Wie wird man eigentlich zum Youngtimer-Fahrer, wie zum Youngtimer-Fan?

Hm… meine Geschichte fängt etwa im Jahre 1984 an – da halte ich das erste Mal die alte braune Ausgabe der Oldtimer-Markt in der Hand, habe 20 Hefte auf einen Schlag von einem autonärrischen Freund meines Vaters bekommen. Das ist etwa die Zeit, in der ich beginne, den Amazon-Volvo und den Heckflossen-Mercedes cool zu finden. Man bedenke: die jüngsten Heckflossen sind in dieser Zeit gerade mal 16 Jahre alt und rosten an jeder Straßenecke fröhlich im Alltag herum.

So etwas schwebte mir im Teenager-Alter vor

Ich bin 14 und kann – oder darf – noch kein Auto fahren, aber das Thema gärt in mir über die kommenden Jahre bis zur vollen Reife. Ständige Urlaube in Holland verderben mich darüber hinaus vollkommen. Autos über 20 Jahre sind hier steuerfrei und die richtig coolen Typen fahren alte Riesenschleudern mit Chromfelgen. Mir wird langsam klar, dass alte Autos mehr Charme haben. Ganz kurze Zeit später begreife ich darüber hinaus, dass sie nicht teuer sein müssen, als sich ein guter Freund einen /8 für 1800DM kauft.

1988 sitze ich abends in einer Kneipe und warte auf einen Freund – im Gegensatz zu mir hat er ein Auto, doch mittlerweile habe ich seit knapp 6 Wochen den Führerschein. Ich träume immer noch von einer Heckflosse oder einen /8 – ein Buckelvolvo täte es auch… Aber mein Vater hat sich sehr wohl bereit erklärt, mich bei einem Auto zu unterstützen – nur sollte es ein Golf sein, ein Kadett D vielleicht… Snief…

Ein langhaariger Typ betritt die Kneipe. Ich kenne ihn, auch wenn sein Name mir spontan nicht einfällt. Er fährt einen B-Kadett mit mindestens 3 verschiedenen Farben, den ich immer irgendwie ganz lässig finde.

Für den hätte ich meine Oma ermordet

Der langhaarige Kerl vom Typ Kurt Cobain […ja ja, der ging da auch noch zur Schule…] stellt sich neben mich an die Theke und verlangt ein schönes großes Pils. Sein Wagen sei gerade schon wieder stehen geblieben. Die „verdammte Dreckskarre“ macht das immer, wenn es nass draußen ist [wo ich herkomme, ist es immer nass draußen] – es wird Zeit für eine neue Karre.

Ich starre eine Zeit in mein Malzbier, bis mir „Kurts“ Name einfällt. Er heisst Kai.

Schließlich raffe ich mich – halb Desinteresse heuchelnd – auf und spreche ihn an. „Du willst Deinen Wagen verkaufen…..?“

„Na, allerdings!“

Meine Überlegung, dass das auto soooo viel nicht kosten kann, geht grundsätzlich auf. Zunächst sind wir bei einer vage Vorstellung von ein paar hundert Mark – nach dem vierten Pils einigen wir uns auf 80 Mark – Schließlich ist der Tank fast voll und Benzin kostet neuerdings ja ÜBER EINE MARK!

Ich spüre, dass der Alkohol einen großen Teil der Preispolitik bestimmt – und während Kai nach 2 Litern Pils auf Toilette verschwindet, bitte ich den Wirt um Stift und Papier. Der Freund, auf den ich seit einer Stunde warte, ist gottseidank nicht aufgetaucht und ich setze schnell einen Kaufvertrag auf, der aus kaum 30 Worten oder so besteht. Der Wirt kennt mich und leiht mir spontan die 80 Mark, als er begreift, was hier vor sich geht und erklärt mir, dass Kai nach ein paar Bier nicht sooooo sehr weiss, was er tut. Das stimmt.

Der schwebte meinen Eltern vor – Mit Nachrüst-Kat

10 Minuten später jedoch ist alles unter Dach und Fach und der Deal gilt, bevor auch nur einer von uns recht weiss, was Sache ist. Und es kommt noch besser: Mein Kumpel taucht auf und ein Bier später fahren wir zu Kai und holen Schlüssel und Papiere. Kai kann man mittlerweile durchaus als betrunken bezeichnen. Mein Kumpel, der einen nagelneuen Golf II GT fährt – Beruf Sohn – warnt mich eindringlich vor dem Kauf der „Alten Karre“, aber es ist vorbei.

Ich – besitze – meinen – ersten – Youngtimer – – einen Kadett B, Baujahr 1969, älter als ich also, für den Gegenwert von heute gerade einmal 40€….

Natürlich, am nächsten Morgen kommt hier und da ein böses Erwachen. Der Wagen hat mehr Dellen, als man beim Flüchtigen Bewundern gemeint hätte. Innen sieht er aus, als hätte [Zitat meines Opas] „Eine ganze Zigeunerhorde darin gehaust“. Tja – da ist was dran…

Und der eine oder andere lacht über „die olle Möhre“ – und ich finde sie dennoch cool. Und nach einer Woche packt mich der Ehrgeiz. Die Herbstferien stehen vor der Tür – und ich nutze sie. 5 Tage lang verschwinde ich in der Garage – Lack, Schmirgelpapier, Lack, Grundierung, 4 Staubsaugerbeutel, Lack, Caramba…. in dieser Woche im Herbst 1988 lerne ich alles. Und „Jetzt helfe ich mir selbst – Kadett B“ wird mein bester Freund.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag zimmere ich alles wieder zusammen. Die Felgen sind nun Nachtblau metallic – ebenso wie das ganze Auto. Innen kommen Fellsitze zum Einsatz, die mal im Käfer meines Vaters gewesen sein müssen – so genau weiss das keiner – aber der Wagen sieht nun plötzlich cool aus.

Und an diesem Abend ist meine „Olle Karre“ der Held – und selbst Kai ist erstaunt und gratuliert mir. Dabei hat das ganze keine 100 Mark gekostet – also zusammen mit dem Auto 180.- …. Wahnsinn.

am Anfang war er so trist – später kannte ihn die ganze Stadt – davon kommst du nicht mehr los….

Als ich den Wagen ein halbes Jahr später – er hat mittlerweile knapp 200.000KM drauf, ich bin erstaunlich viel gefahren – in der Oldtimer-Markt inseriere, ist er nach 2 Tagen verkauft. Für 1.900.- Mark.

In meiner Garage steht ein Volvo 142 – für 400.- Mark, mein nächstes Objekt. Steuer, Versicherung – kann ich alles aus meinem Gewinn bezahlen. Und meine Eltern finden ihren Sohn mittlerweile ganz clever. Und eins ist klar: Wenn Du 18 bist und den auffälligsten Wagen in einer mittleren Stadt fährst und dann noch erzählen kannst, dass Du alles selbst gemacht hast… Dann bist Du ein ziemlich cooler Typ 🙂



14 Gedanken zu „Youngtimer-Geschichten I: Ein Auto für 80 Mark

  1. Coole Geschichte! Und ich biete weniger! (allerdings auch weniger Gewinn) W124 vor paar Jahren für 400€ gekauft, Alus, Radio und weiteres Zubehör für 380€ bei Ebay vertickt. Macht 40DM für den Sechszylinder.
    Die Woche erst einen Twingo gekauft, 120tkm, 14 Monate TÜV, Tank halb voll und mit modernem Radio. Springt nicht an, 90€. Erstmal einen Anlasser und Kerzen bei Ebay bestellt für 27€. Dann weiter schauen. Bin optimistisch 🙂

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