Der E32 will uns nicht – Youngtimer Begegnungen der dritten Art

Oder: Ach- da steht 178.000KM? – Nein, das muss natürlich 278 heißen…


Du bist soweit, Du willst es mal wieder wissen – Oberklasse, der E32, zweifellos einer der schönsten… Irgendwo im Hinterkopf sagst Du dir fast schon „Es könnte ja auch ein E38 sein…“, haust Dir aber schnell auf die geistigen Finger. Der E32 ist einfach schon ein cooler Genosse mit seinem massigeren Heck, mit seiner cool verbrauchten Art… das ist einfach ein Juwel, no matter what. Einer dieser Wagen, die auch verratzt immer noch eine coole Würde ausstrahlen, die ein Benz so nicht kann, schon gar nicht der Audi V8 aus dieser Epoche.

Also muss wieder einer her, oder?

Du screenst eine halbe Nacht lang die Anzeigen und sitzt schon wieder um 2 Uhr morgens vor dem Rechner und denkst beinahe „Vielleicht könnte ich jetzt gerade anrufen….? Manche Leute schlafen ja schlecht und am Ende sind die dankbar für eine Ablenkung…?“

Du wartest bis zum Morgengrauen, du hast Dir drei Wagen zusammengesucht und Du bist dir sicher, dass die Route so unglaublich klug ist, dass – wenn alle auf Deine Terminvorschläge eingehen – Du praktisch an jeder Stelle zum besten Wagen zurückfahren kannst – genial, Du hast es drauf – am Ende des Tages wirst Du einen 7er aus der Waschstraße fahren und Deine grillenden Nachbarn werden wieder spöttische Bemerkungen machen, obwohl die ganzen Mondeo-Fahrer halt einfach alle nur neidisch sind auf Deine Hingucker-Coolness und Deinen Mut, solche Exoten zu bewegen – das wird triumphal.

Du lädst Deinen Youngtimer[-Blog]-Kumpel ein, ihr habt Schoko-Croissants dabei und 160GB Musik, EC-Karten und Sonnenbrillen.

Dein Kumpel schaut auf den Ausdruck und Du spürst dieses leichte Zögern, während er die Bilder inspiziert. „Sag mal, ist das ’ne Beule?“ „‚Ne Beule? Nein – hab ich nicht gesehen.“ „Hm… kann am Ausdruck liegen – oder da spiegelt sich was, aber es sieht aus wie ’ne Beule.“ Oh Gott! Anfängerfehler? Nein… irgendwie liegt es entweder am Ausdruck oder da ist wirklich irgendwie was wellig – aber an dieser Ecke, die man auf dem Bild nicht sieht…

20 Minuten später fährst Du auf den Hof – wobei Hof irgendwie höfisch klingt…. Ein Schäferhund bellt, das Haus hätte Deine Oma mütterlicherseits als Kaschemme bezeichnet und „außerordentlich gepflegter Youngtimer“ verliert an Glanz. Das wird doch nicht der da sein? Bestimmt hat der zwei und verkauft den hübschen gepflegten, oder…? In jedem Falle stimmt die Farbe einfach nicht ganz – auf den Bildern sah der doch anders aus….?

Der Besitzer kommt aus der Kaschemme. Verdammt – wie kommt der an den Schnurrbart von Jon Lord? Jon Lord lebt doch noch, oder? Du schwörst Dir, das nachher zu prüfen, machst gute Miene zum bösen Spiel und fragst der Vollständigkeit halber, warum der Wagen so vollkommen anders aussieht als auf den Bildern? „Hä? Die Bilder sind doch nicht echt – die Digi-Cam ist futsch, da hab ich mir welche gezogen.“

Hm… und dass der jetzt noch Zigaretten dreht, das ist mir einfach zu klischeehaft. Eigentlich möchtest Du dem Kerl eine reinhauen – dein Youngtimer[-Blog]-Kumpel rettet Dich mit dem diplomatischen „Wir suchen leider ein Modell in genau der Farbe“ „Na und? Den lackier ich Euch noch. Ich hab jede Menge Farben im Schuppen. In dem Moment hörst Du ein lautes Geräusch [FFUMP!] und Sekunden später kommt der Hund, der bislang professionell mit einem Stück stark gebrauchtem Seil gesichert war, um die Ecke geschossen.

Jetzt reichts – runter vom Hof. Eine echte Film-Szene. Nach 2 Kilometern können wir wieder lachen und ärgern uns im Grunde schon, dass wir nicht fotografiert haben, weil das Szenario einfach zu cool war – Aber wer demnächst mal zwischen Stuttgart und Leonberg unterwegs ist, sollte die Augen ruhig mal nach einer Kaschemme schweifen lassen… So etwas haben wir lange nicht mehr gesehen. Und die Preisvorstellung lag bei 2800.-

Kopfschütteln.

Das nächste Objekt liegt deutlich weiter nördlich – beim Einbiegen in eine Reihenhaus-Siedlung spüren wir Erleichterung. Der 735er steht vor einer Garageneinfahrt und strahlt in der Sonne. 2750.- soll der kosten, blau, helles Leder, das auf den Bildern gepflegt aussah. Während wir den ersten Blick auf den Wagen werfen, kommt der Besitzer aus dem Haus, schüttelt und patent freundlich die Hand – Erster Eindruck: im besten Sinne des Wortes Geschäftsmann. „Den Wagen hab ich noch nicht lange, knapp ein halbes Jahr“ – wie sich im Gespräch herausstellt, hatte der Besitzer zu dieser Zeit „plötzlich keinen Dienstwagen mehr“ Hm – was soll’s, kommt in den besten Familien vor. Lassen wir mal die Frage beiseite, ob man sich dann am besten einen 7er kauft…

Egal – haben wir nicht alle Träume. Ihr startet zur Probefahrt – der Wagen sieht von außen nicht dumm aus und der Besitzer drängt Euch beinahe zur Probefahrt und setzt sich artig nach hinten. Nach einer Minute fällt der Blick auf den Tacho. 278.000? „Sagen Sie mal, da stand doch 178.000KM?“ „100? Nein – da müssen Sie sich vertan haben. 278 – aber das ist ja nix für einen Wagen wie diesen.“

„Aber eben viel mehr als in der Anzeige…“ „Nein – ich denke, da haben Sie sich verlesen.“

„Und die Klimaautomatik ist eine Klima-Anlage“

„Ist das ein Unterschied?“

„Hm… funktionieren tut die auch nicht…“

„Ich fahre eh fast immer mit offenem Fenster….“

…wie sich herausstellt, liegt das Klima-Problem vermutlich an dem Marder, der gegrillt im Motorraum liegt. In dem treten so viele verschiedene Flüssigkeiten aus, dass man sich fragt, wie bescheuert dieser Marder gewesen sein muss, als er in diesen Motorraum eindrang. Der Ölwechsel liegt knapp 45.000 Kilometer in der Vergangenheit, die Lenkung gibt Befehle nur vage weiter – der Wagen fährt so schlecht geradeaus, dass wir uns am Ende kaum trauen, zurückzufahren. Hier stimmt eigentlich nix…

Nur die äußere Erscheinung, die ist toll.

Ob Besitzer ein Idiot ist, ist schwer zu sagen. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: Er hat die Anzeige zwischenzeitlich korrigiert und [die meisten] der Fehler, die wir gefunden haben, offen in den Text aufgenommen. Der Wagen war so gut wie rostfrei, das Leder wirklich toll.

Eigentlich wollen wir den dritten Wagen gar nicht mehr ansehen, ringen uns dann aber doch durch, weil der am Telefon eigentlich ohnehin am nettesten klang. Abgesehen davon ist es ein langes Modell, was trickreicher aber halt irgendwie cooler ist.

Die Begrüßung hier ist nett, aber schon der dritte Satz macht einen wieder stutzig: „Der Wagen gehört nicht mir – ich verkaufe den für meinen Cousin – der ist im Ausland.“

Naja – wir wollen nicht rumnörgeln, aber am Telefon hat der Besitzer immer von SEINEM Wagen gesprochen. „Hatten Sie nicht gesagt, Sie seien den Wagen gefahren….?“ „Ja, auch…“ „Aber sie dürfen den verkaufen….?“ „Klar, also im Grunde spricht nichts dagegen.“

Gut, wir haben an dem Tag idiotischere Sachen gehört, so what? Wir folgen dem Mann eine Weile die Strasse runter. Schließlich kommen wir an einen Garagenhof. Der Mann dreht sich verschwörerisch um und uns scheint das noch zur Dramaturgie zu gehören, dann öffnet er die Garage mit einem auffällig neumodischen Sicherheitsschloß, reißt die Tür förmlich auf und sagt eilig „Lassen Sie uns doch erst mal ein bisserl fahren…“ Er huscht in die Garage, startet den Motor. Der Wagen klingt fantastisch und sieht fantastisch aus, oberflächlich.

Bei der Ausfahrt aus der Garage ändert sich daran erst einmal nichts – whow, der sieht super aus. Da ist kein Rost und keine Dellen. Nur der nervöse Besitzer nervt. Warum der so nervös ist, kapieren wir sehr schnell – Sekunden später ist die Hölle los auf dem Garagenhof. 6 Typen, reichlich Leder und Nieten – und zwei Hunde, neben denen der Schäferhund von vorher plötzlich lammzahm wirkt. Waffen spielen plötzlich eine Rolle und alles geht sehr schnell und in die Hose machen wäre nicht übertrieben, wenn man dafür nur die Zeit hätte. Nach sehr kurzer Zeit wirkt der „Besitzer“ etwas verbeult, wir etwas verängstigt und der BMW plötzlich etwas verschwunden – mit allen Typen und Hunden drin, was wirklich für die Kapazität des großen Youngtimers spricht.

Es spricht auch dafür zu verschwinden.

Wir fragen uns später sehr ernsthaft, wie viele Autos wir schon angesehen oder gekauft haben. Alle zusammen können diesen Tag nur schwer toppen – das ist schon irgendwie absurd, aber der E32 Youngtimer scheint uns nun mal wirklich nicht zu wollen.

Wir geben nicht so schnell auf, aber einen Moment Pause brauchen wir schon…



8 Gedanken zu „Der E32 will uns nicht – Youngtimer Begegnungen der dritten Art

  1. also irgentwie kenne ich diese Art geschichte, gerade die von dem letzten 7er, von dir 😀
    wenn die leute unbedingt ein PKW verkaufen sollen, kann das doch echt nicht so schwer sein ehrlich und gute infos zum Auto zugeben, deswegen kaufe ich niemals Autos die im sogenannten “ Im Auftrag zu verkaufen“ angeboten werden, es sei den es ist aus rentnerbesitz wo der Partner verstorben ist oder so, und es auch glaubhaft versichert wird
    an sonsten tolle geschichten von dir 😀

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