Kult Youngtimer im Test III/X: Mercedes W126

Zeitlose Eleganz in Stahl

Automobile Hochkultur war die S-Klasse schon immer – hier fuhren Direktoren, Vorstände, Politiker durch die Lande; Macht ist im Kühlergrill der S-Klasse schon immer eingebaut gewesen.

Und doch war die S-Klasse kein Protzer für russische Neureich-Dealer – nur für einen kurzen Moment in den 90ern – aber davon soll eine andere Geschichte erzählen…

Der W126 erschien 1980 als Ablösung für den legendären W116, die erste echte S-Klasse [1972-1980], die mit dem 450SEL 6.9 den größten Nachkriegsmotor deutscher Herstellung aufbot und eine Legende wurde.

Da läuft dem Automobilisten das Wasser im Mund zusammen: W126 in perfekt erhaltenem Nicht-Leder-Innenraum – – sehr selten

Der W126 war hier von Anfang an anders: Understatement der besten Natur; elegant unauffällig aber doch mit klaren Machtanspruch unterstreicht er mit seinem entspannt schwebenden glatt bügeln nicht standesgemäßer Bodenwellen die natürliche Wichtigkeit seines Auftretens – und er hat sich seinen Charme bis heute beibehalten. Immer noch wirkt der Wagen wie einer dieser entspannt schwimmenden Haie – warum aufgeregt herumzischen, wenn Du dir Deiner Rolle bewusst bist? Der Vorstand eines DAX-Unternehmens könnte den Wagen heute noch fahren, ohne spinnert zu wirken. Mercedes könnte morgen wieder anfangen, den Wagen zu bauen und würde sich keine Feinde machen.

Versprüht Zuhälter-Charme: W126 Youngtimer im US-Ornat

Neben der Mercedes S-Klasse W126 wirkt der zeitgenössische Mitbewerber Audi V8 eher wie ein geschminkter Piranha nach einer durchzechten Nacht.

Hinzu kommt, dass sich beim W126 die Kern-Kompetenzen aus Mercedes Komfort und Qualität in einem Wagen paaren mit technischem Anspruch, ohne Ingenieur-überkandidelt zu wirken. ABS und Airbags gab es hier schon – aber die Motoren sind noch recht überschaubar, die Motorräume aufgeräumt, wenn nicht zu viele der Komponenten wie Klimaanlagen oder hydropneumatische Federung der endlos langen Zubehörlisten mit den krummen Nachkomma-Preisen geordert wurden, die den Motorraum unzeitgemäß füllen.

Im Motorraum eines 280SE von 1982 ist so viel Platz wie im C-Kadett.

Schon das macht den W126 als Youngtimer heute noch voll alltagstauglich. Ebenso sind die Kosten für Ersatzteile im Grunde überschaubar – zumal der Wagen bis heute solide und robust ist und nicht alle drei Tage in die Werkstatt muss – man mag das bei 30jährigen Autos kaum glauben! Aber hier wurden die Materialien sorgfältig ausgewählt und der Mehrpreis in Qualität angelegt. Teppiche, Sitzbezüge, etc waren in den 80er Jahren bei Mercedes mit dem W126, dem W124 und dem W201 auf nie gekannten Niveau – verpackt in einem leicht spiessigen, aber eben unaufgeregten und zeitlosen Design.

Mann, ist der Lang…. Mit den Originalfelgen würde man auch heute noch auf den Chef-Parkplatz dürfen…

Der so erzogene Benz-Kunde war freilich erstaunt, als die Stuttgarter 1990 mit einer peinlich unschuldigenden Kampagne den gigantischen Nachfolger W140 auf den Markt brachten. Mit unfreiwillig begleitender Komik brachten Mercedes hier nun doch die S-Klasse für Russische Zuhälter und Drogendealer auf den Markt, was speziell die Diesel später zu den meistgeklauten Autos machen sollte.

Wer heute einen W126 kauft, muss auf ein paar wichtige Punkte der grundsätzlich komplexen Fahrzeuge achten:

  • verschlissene Bremsanlagen, ungleichmäßige Bremswirkung
  • defekte Feststellbremsen
  • Undichtigkeiten am Automatikgetriebe [teuer….]
  • Heckscheibenrahmen
  • Durchrutschen vom 2. in den 3. Gang [häufig nicht teuer aber schwer zu diagnostizieren]
  • Schimmel bei Klimaanlagen und Pilzbefall [vor allem vor 1985]
  • Rost an den Türunterkanten bzw. den Schwellern [ausgeprägter beim SEL]
  • Defekte an der Lenkung
  • Das SEC-Coupe des W126 ist selten und selten unverbastelt – aber wenn, dann obercool

    Gummilager an den Hinterachsen [Hebebühne]

  • Fangbänder in den vorderen Türen [nervt]

Und leider gibt es trotz aller Vorteile bei einem so attraktiven Auto natürlich auch jede Menge grauenhafte Exemplare – glücklicherweise sind von denen bereits viele ausgestorben – aber Borbet-Felgen, Holz-Lenkräder und Tieferlegungssätze sowie Radlaufchrom geben hier häufig klare Indizien. Es lohnt sich, einen Mechaniker während des Kaufprozesses 50 Euro in die Hand zu drücken, damit er den Wagen einmal auf die Bühne hebt und ordentlich mit geschultem Blick von unten anleuchtet. Im schlimmsten Fall hat man dann 50 Euro ausgegeben und zum Glück keinen W126.

Die besten Motorisierungen gibt es für diesen Wagen kaum – sie sind eigentlich alle ausreichend. Die späten 260SE, 300SE und 420SE nach dem Facelift mit glattflächig

Erstaunlich, wie viele schöne Exemplare noch erhalten sind… Da wurde vom ersten Tag an nicht an Pflege gespart

verkleideten Planken, stellen vermutlich das Optimum dar. Der 560er ist natürlich cool, aber alles in allem stets sinnlos teuer und meist mit Technikkomponenten voll gestopft, die die Wartung unnötig verteuern. Interessant allerdings: Der 560er, obwohl im Verhältnis sündhaft teuer, war – direkt nach dem 280SE und 300SE das am häufigsten verkaufte Modell der Serie. Mit 272 bis 300PS kann er auch nicht so viel mehr als der 260SE, zumal dann, wenn der Wagen vernünftig als Youngtimer bewegt wird und eher mit schwimmt als sich Rennen mit modernen 7ern auf der linken Spur liefert.

Und wirtschaftliche Betrachtungen spielen hier eine nicht unwichtige Rolle – mehr noch als bei W123 und W124 zeigen die großen S-Klassen der Vergangenheit wie W116 und W108/109, dass sich die Werte dieser Fahrzeuge früher oder später wieder auf den Originalen Anschaffungspreis zurück bewegen. Und die billigsten 280S des ersten Produktionsjahres kosteten 49624,72 DM.



22 Gedanken zu „Kult Youngtimer im Test III/X: Mercedes W126

  1. Ein wirklich schöner Artikel über die Mercedes Benz Klasse der Baureihe W126. Allerdings sollte der Leser nicht um den Hinweis gebracht werden, dass es eine – neudeutsch – Community für diese Baureihe gibt, die Ihres gleichen sucht:
    http://www.w126-forum.de
    Oder rheinländisch zum Ausdruck gebracht: Da weirse geholfen…
    Gruß vom vierkommazwei

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