Youngtimer im Fokus: Volvo 740 / 760 – Donars Beil

Der wirkt vor der Garage ebenso wie im Rückspiegel: Traum-Youngtimer Volvo 760

Selbst Volvo-Fans, die ja mit kantigen Linien umgehen konnten, waren veritabel geschockt, als sie den 740er zum ersten Mal erblickten – zu sehr zeigte dieser Volvo die aktuelle Mode seines wichtigsten Zielmarktes: den USA.

Da waren senkrechte Heckscheiben gerade der letzte Schrei und der 7er Volvo sollte sich in den folgenden Jahren zum Hit entwickeln – in Europa hingegen zogen die Käufer vorsichtshalber den Kombi vor, dem man wirklich nicht nachsagen könnte, er ginge mit irgendeiner unsinnigen Mode ganz gleich welchen Landes.

Der Kombi wurde ein Hit, auch in Europa – dennoch traute Volvo dem Braten nicht. Der 7er, der eigentlich den 2er Volvo ablösen sollte, blieb parallel zum 240er Volvo im Programm, später sogar parallel zum 9er und zum 8er Volvo… Aber das ist eine andere Geschichte. Ebenso wie die Tatsache, dass der Wagen die Nomenklatur von Volvo außer Kraft setzte, indem der 740er mit 6 Zylinder-Motoren zu haben war, der 760er aber auch mit 4 Töpfen.

Wer meint, nur Deutsche Hersteller haben schräge Farben in Innenräumen verbaut… weit gefehlt: Volvo 760 Youngtimer von 1986 mit Innenraum-Farbe, die einem Subaru der 80er zur Ehre gereicht hätte

Wer heute einen 7er Volvo sucht, hat gute Chancen, ein liebevoll gepflegtes Exemplar zu finden. Die ersten Baujahre ab 1982 sind jedoch bereits erstaunlich selten. Speziell die coolen Versionen mit lässigen Namen wir „Turbo Intercooler“ kann man sich getrost abschminken – wie uns ein befreundeter Volvo-Händler erklärt „Wegen iss nich„. Diese nicht ganz wissenschaftlich lupenreine Erklärung trifft es aber im Grunde auf den Kopf: Die ersten beiden Jahrgänge gibt es einfach nicht mehr. Das ist schade, da diese Versionen mit den noch sehr kantigen Faltenbälgen an den Stoßstangen und dem sinnlosen Chrom-Zierrat heute schon sehr lässig sind. Zudem waren die 7er Volvos, speziell die 760er, im Regelfall solide Ausgestattet: Leder, Automatik, Klima – die ganze Show, die damals schon als oberklassig durchging.

Beledert einfach schöner, vor allem in diesem Pflegezustand: 760er von 89 mit hellem Lederinneraum – VHB: 7500…

Dennoch war der 240er der Star der Zeit – selbst als Kombi. Hier muss man fairer Weise sagen: Der 245 hat gegenüber dem 765 einfach den besseren Kofferraum – dessen Laderaumhöhe ist nämlich geringer, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Das macht ihn noch lange nicht zu einem kleinen Kombi – aber es macht ihn eben nur zu einem begrenzt würdigen 240er-Nachfolger.

Aber in Bezug auf alle anderen Volvo-Tugenden ist er definitiv voll am Start. Die Solidität, die der Innenraum auch nach 29 Jahren noch vermittelt, ist einfach cool. Hier waren auch die Schweden in den 80ern dem Weltruhm zurecht sehr nahe. Das traf jedoch beim Volvo nicht an allen Stellen zu: der im 760er verbaute Europa-V6, den wir auch bei zahlreichen anderen wenig erfolgreichen Autos seiner Zeit finden [Renault 30, Renault 25…] konnte leider nie viel – und daran konnte auch Volvo nichts ändern.

Die US-Scheinwerfer hatten teilweise seuchenartige Verbreitungsgrade erreicht – dabei ist ihre Lichtausbeute bedeutend schlechter als die des Originlascheinwerfers

Die Turbos halten den thermischen Belastungen nicht immer gleichmäßig gut stand, die Kanten der frühen Modelle rosten gerne, leider auch die Einstiege von unten, Ölverlust ist darüber hinaus auch ein gern gesehener Mangel beim Volvo 760. Insgesamt ist der 740, wenn auch vielleicht nicht durchgängig vergleichbar sexy, etwas belastbarer, im Gegenzug dafür jedoch nicht ganz so gepflegt und gehätschelt wie sein sechszylindriger Bruder – am Ende ist es da im Zustand vermutlich Jacke wie Hose.

Go duuuutch – life is peaceful there….

Ähnlich wie beim 240er gilt: Vovlo-Paradies Niederlande.

Für alle, die es überlesen haben sollten: Fahrt nach Holland, wenn ihr einen Volvo kaufen wollt. Hier sind sie sogar billiger als in Schweden und die Pflegezustände sind im Regelfall Traumhaft – Niederländer sind die besten Youngtimer-Vorbesitzer Europas. Auch hier dominiert der 740er, dennoch sind ausreichend 760er vorhanden – sogar als Limousinen weit häufiger als in Deutschland.

Youngtimer-Käufer des Volvo 760 lehnen oft mehrere Modelle ab, bis sie kapieren, dass die Hinterachse nicht unbedingt kaputt ist – sie poltert halt – und den US-Zielkunden Jimmy Everybody war“s egal – der fuhr sein Leben lang mit 88 KM/H geradeaus – was hätte der sich an einer komplexen Hinterachskonstruktion erfreuen sollen?

Das Fahrverhalten geht dennoch auch heute noch als komfortabel durch und entspannt: große Fensterflächen, schwedische Sofa-Gemütlichkeit – beinahe ist man geneigt, seine Gäste zu Tee und Gebäck lieber in den Volvo zu bitten als ins Germanische Wohnzimmer. Die Summe seiner Berechenbarkeit und Gemütlichkeit macht den Volvo bis heute zu einem guten Langstreckenauto, aus dem man noch entspannt aussteigen kann, wo andere verschwitzt über Rückenschmerzen klagen.

Das ist mal ein Heck… Gab es natürlich so auch beim Chrysler Saratoga und ähnlichen Vertretern…

Hier ist der Volvo Top. Speziell mit Automatik ist er immer noch ein echter Traum-Youngtimer, was sich leider auch in den Preisen niederschlägt, oder präziser: Niedergeschlagen hat. Gut ausgestattete Volvo in restaurierten Zustand liegen schon wieder bei 6.000 – 8000€. Und wie bei Volvo üblich: Auch gammelige 7er sind nicht billig, nicht mal in den Niederlanden.

Ist er’s wert? In der Summe seiner gemütlich charakterstarken und berechenbaren Art – auf jeden Fall. Der 760er gehört auf dem Youngtimer-Olymp nicht so weit unterhalb der 123/124er Mercedes Modelle – für viele gar darüber.

Er hat einfach mehr von diesem sinistren Charakter.

10 Gedanken zu „Youngtimer im Fokus: Volvo 740 / 760 – Donars Beil

  1. „Turbos halten den thermischen Belastungen nicht immer gleichmäßig gut stand, die Kanten der frühen Modelle rosten gerne, leider auch die Einstiege von unten, Ölverlust ist darüber hinaus auch ein gern gesehener Mangel beim Volvo 760. Insgesamt ist der 740, wenn auch vielleicht nicht durchgängig vergleichbar sexy, etwas belastbarer, im Gegenzug dafür jedoch nicht ganz so gepflegt und gehätschelt wie sein sechszylindriger Bruder – am ende ist es da im Zustand vermutlich Jacke wie Hose.“

    Hej, kleine Korrektur alle 760er Turbo sind Vierzylinder.

    1. Das Germanisten-Spiel spielen wir gern, wenn es sein muss:
      „Die Turbos halten den thermischen Belastungen nicht immer gleichmäßig gut stand, die Kanten der frühen Modelle rosten gerne, leider auch die Einstiege von unten, Ölverlust ist darüber hinaus auch ein gern gesehener Mangel beim Volvo 760. Insgesamt ist der 740, wenn auch vielleicht nicht durchgängig vergleichbar sexy, etwas belastbarer, im Gegenzug dafür jedoch nicht ganz so gepflegt und gehätschelt wie sein sechszylindriger Bruder – am Ende ist es da im Zustand vermutlich Jacke wie Hose.“
      vollkommen korrekt kann man den Satz so nicht formulieren, denn schließlich erfahren wir ja bereits weiter oben „Ebenso wie die Tatsache, dass der Wagen die Nomenklatur von Volvo außer Kraft setzte, indem der 740er mit 6 Zylinder-Motoren zu haben war, der 760er aber auch mit 4 Töpfen.“ Dennoch steht der 760er vorwiegend für den Sechszylinder, der 740er für die geringere Zylinderanzahl. Der zitierte Satz lässt das im übrigen nicht ausser Acht – schließlich befindet sich dort ein Punkt, in dessen Folge ein neuer Satz fazithaft mit „insgesamt“ gebinnt. Die Schlußfolgerung, der Satz bezöge sich somit nach wie vor auf den direkt davor befindlichen, ist somit weder zwingend noch im Kontext sinnvoll.
      Zufrieden? 😉

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