Kult Youngtimer im Test IV/X: Volvo 240

Volvo 145: Die Ähnlichkeit des 245 mit dem Vorgängermodell ist auch für Laien leicht zu erkennen

Der Volvo 240 startete im Grunde unter einem schlechten Stern – eine lange Bauzeit war eher unwahrscheinlich, denn die Fachpresse zerriss sich das Maul über den 240, der klar als das erkannt wurde, was er war: ein zum zweiten Mal facegelifteter Volvo 140.

Was keiner ahnen konnte: der Volvo 240 entwickelte sich schon zu Lebzeiten zum Kult-Objekt, zum Gegenentwurf der Daimler-Benz-Gesellschaft.

Als Audi und BMW noch keine Alternativen zu Mercedes waren und das Wort Premium-Segment, das sie heute belegen, noch nicht geboren war, da war ein großer Volvo die einzige echte Alternative. Wer es zu etwas gebracht hatte und zeigen wollte, dass er aus Prinzip keinen Benz fahren würde, der legte sich den kantig schlichten großen Schweden zu.

Notfalls auch mal augenzwinkernd: Volvo-Werbung aus den 80ern

Berufsschullehrer, Architekten, Selbständige, Freiberufler. Ein neues Klischee gebar sich selbst.

Und genau in dieser Zielgruppe war eine hohe Überlappung zu einem weiteren Segment vorhanden: Vielfahrer. Obwohl Volvo eigentlich lange Zeit nicht mit einem konkurrenzfähigen Diesel punkten konnte, kauften die Vielfahrer den 240, der zudem bei hohen Geschwindigkeiten gerne mit eigenartigen Windgeräuschen nervte. Die mutigen nahmen auch Saab 900, später 9000 mit auf die Autobahn – aber dazu musste man schon wirklich dem Mainstream entwachsen sein, während man den 240er auch als solider Spießer vor dem Reihenhaus stehen haben konnte, ohne als exotisch oder schräg zu gelten.

Die sportliche Aufmachung täuscht – der 240 ist wahrlich kein Sportler

Die Vielfahrer formten auch einen Teil seines Rufes: Ein Volvo, der keine 100.000KM auf der Uhr hat, scheint sich den Namen Volvo noch nicht verdient zu haben. Wir haben vor Jahren auf Youngtimer-portal.de einmal einen Aufruf gestartet und den 240er mit der höchsten Laufleistung gesucht – gewonnen hat ein 244 mit 2.1er Turbo und 761.000KM Laufleistung. Hier sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Aber liegt das wirklich an einer schier mysteriösen Qualität? Nicht ausschließlich. Die meisten 240er sind 245er, also Kombis, auch wenn dieser Namen dem vorletzten Facelift zum Opfer fiel. Lange Zeit waren sie die einzigen ernsthaft großen Kombis am Markt [neben dem Ford Granada und dem Opel Rekord].

Ja, es gab ihn auch als Limousine… Für dieses frühe Werbephoto würde der Fotograf wohl heute von der Umwelt-Lobby gesteinigt werden.

Solche Wagen schmeißt man nicht weg – da findet sich immer jemand, der Kapazität im Kofferraum braucht – und wenn die Legende vom Meilenfresser erst einmal steht…

Faktisch hat der 240er sehr wohl das eine oder andere Problem. Die auffälligsten sind sicherlich:

  • Auspuff
  • Rost: Schweller, Vorderwagen, Ersatzrad
  • Kühler
  • Vorderachsgeometrie
  • Wassereintritt an der Verklebung der Scheiben [bis 79]
  • Einseitige Wirkung der Handbremse
  • die Zündung

Man muss jedoch zugeben, dass die klassischen großen Probleme, wie sie manch andere Baureihe zeigt, wirklich rar sind. Die Motoren sind ungewöhnlich robust [für den 82PS Diesel gilt das nur eingeschränkt], fair gepreiste Ersatzteile gibt es auf der ganzen Welt. Und insgesamt ist der 240er wirklich reparaturfreundlich, was man auch nicht von jedem Auto sagen kann.

Sollte man heute vielleicht besser meiden: die 240er der frühen Baujahre. Die späteren Modelle sind vor allem im Bereich Rostschutz entschieden besser aufgestellt

So gesehen ist an der Legende schon etwas dran.

Und bis heute vermittelt der Youngtimer Volvo 240 diese ewige Geborgenheit – Abrahams Schoß muss irgendwo in Schweden liegen…

Dennoch gilt: die neueren Exemplare sind die besten. Die finale Family Edition mag nicht ganz so historisch aussehen, wie die Exemplare aus den 70ern, die leider zum Teil nur über grausig schwache Beleuchtung verfügen.

Und mit dem konzeptionell dämlich verlegten Auspuff, der einfach immer mal wieder in regelmäßigen Abständen ersetzt werden muss, findet man sich scheinbar über die Jahre hinweg ab, weil der Rest einfach so stimmig ist. Der Innenraum in

Zeitgenössisch und unfreiwillig komisch

seiner Wohnzimmer-Kantigkeit, der hakelige Schalthebel mit dem unhandlichen Rückwärtsgang, das leicht tranige Fahrverhalten, das selbst in den 70ern nicht direkt

state of the art war… das alles hat dem Volvo nicht geschadet, sondern hat ihm Charakter gegeben, der schnell den Vorgänger überstrahlte – und zu allem Überfluss die Nachfolger überlebte. 1982 sollte der 740er ihn ablösen, dann der 940er, der 850er… Alles Geschichte – aber der 240 lebt. Selbst 2 Jahre nach Bauzeitende fanden sich immer noch Volvo-Händler, die ein paar Modelle gehortet hatten, vorwiegend in ländlichen Gegenden in Norddeutschland – und prinzipiell nur als Kombi.

Nur echte 240-Fans wissen, was am 765 schlechter sein soll als am 2er Volvo – der Wagen hätte das Zeug gehabt, den 240er abzulösen, wurde von Fans jedoch mit hartnäckiger Ignoranz gestraft, ausser in den USA

Die Volvo-Legende sagt darüber hinaus, dass in den 90ern zuweilen hektisch von Göteborg nach Togliatti geflogen wurde. Angeblich verhandelten die Schweden darüber, die komplette Produktionsstrasse des 240 an den russischen Autohersteller AвтоВAЗ, bei uns besser bekannt mit seiner PKW-Marke Lada, zu verkaufen. Lada suchte ein simples Auto, das den

Nach dem Ende seiner Tage wäre der 240 beinahe noch der Evil Twin des Lada-Klassikers gewesen. Unbestreitbar: die Designer waren Brüder im Geiste!

vollkommen veralteten Fiat 124-Klon ablösen sollte. Und da kam der alte Volvo 240 mit seiner großen Bodenfreiheit und der simplen Technik gerade recht für russische Strassen – speziell als Kombi hätte er in diesen Regionen wirklich alle Zwecke erfüllt, die ein Wagen erfüllen muss. Doch die Legende sagt auch, dass die Schweden am Ende zurückschreckten –
Sie hatten Angst, eine sowjetische Wiederauflage des alten Volvo 240 könnte die Verkäufe der aktuellen Volvo-Modelle immer noch gefährden….