Die Ungeliebten: Youngtimer Ford Fiesta

Die schlichte Klarheit der ersten Fiesta-Karosserie ist kaum zu überbieten – die Fensterflächen sind groß und erlauben auch hinten Sitzenden einen tollen Ausblick

Zu Lebzeiten des Fiesta sah man immer Leute, vorzugsweise dem Klischee junger Frauen entsprechend, die mit ihrem Fiesta an die Zapfsäule fuhren und dann entweder kompliziert wendeten oder mit viel Gewalt die Zapfpistole quer über den Wagen zogen – das sah blöd aus. Warum machten die das? Der erste Fiesta hatte hier offensichtlich ein wenig zu viel von britischer Entwicklungshoheit im Konzern mitbekommen – für Deutsche Tankstellen saß der Tank auf der falschen Seite.

Sonst hatte Ford sicher einiges richtig gemacht beim ersten Fiesta – er war ein Renner. Er fiel ganz stark in eine Zeit, in der immer mehr Frauen den Führerschein erwarben – kein Klischee, sondern gesellschaftliche Realität in dieser Zeit. Und wenn ein zweites Auto angesagt war, kaufte Papa oder Gatte das gerne beim gleichen Händler wie seinen Taunus oder Granada. In dieser Zeit kaufte man „sortenrein“ – aus naheliegenden Gründen. So funktionierten auch Passat und Polo oder später Rekord und Corsa – obwohl Opel zunächst mal schlief in diesem Segment. Während man sich bei Opel Zeit ließ, erschienen 1975 der Fiesta und der Polo auf dem Markt – ausgeliefert wurde der Fiesta ab 1976.

Fiesta Innenraum: Wer zur Hölle hat denn damals in der Konzeptionsphase das Radio vergessen? Da, wo es im Fiesta ist, ist es praktisch unbedienbar

Der erste Fiesta, speziell vor dem Facelift zum Modelljahr 1982, verfügte über eine der am klarsten und schlichtesten gezeichneten Karosserien – nicht nur seiner Zeit. auch heute wirkt er unglaublich zeitlos und schlicht. Daneben wirkte der erste Polo fast verspielt – vom ersten Corsa mit seinen Pausbacken mal gar nicht zu reden.

Den Fiesta musst man einfach mögen, zumindest visuell. Fahrerisch war der Fiesta gar nicht mal so ein Traum. Zwar waren die verfügbaren Motoren standfest, machten aber auch für damalige Verhältnisse einen brummigen Lärm, vor allem in der Version mit 53PS, die jedoch erstaunlich zügig bewegt werden konnte. Die Lenkung nervte schon eher – ohne Servo ausgestattet und hohe Haltekräfte erfordernd untersagte sie sportliches Fahren bereits konzeptionell – ebenso war der Winkel des Lenkrads unkonventionell, was nicht allen Fahrern und Fahrerinnen zusagte.

Innenraum nach dem Facelift. karg und schlicht – und an der Lae des Radios hat sich nichts geändert. Die Automatik lässt Rückschlüsse auf ein gutes Elternhaus zu, macht aber keinen Spaß

Ebenso konnten seltsame technische Detail-Lösungen wie etwa die fummeligen Scheibenwischer und einige berüchtigte Dichtungen den Hobbymechaniker schon mal in den Wahnsinn treiben. Der Auspuff [vor allem bei 1.1 und 1.3er Modellen hatte zwar immer ein leicht heiseres Röhren, setzte aber gerne noch einen drauf, indem er überproportional schnell den Geist aufgab. Die hinteren Bremsen gingen leicht fest und das Getriebe galt in der Verbindung mit dem 1.0-Motor als labberig. Gerne setzte sich auch der Rost mit dem Fiesta auseinander, speziell unter den Sitzschienen, wo er schlecht zu entdecken war und Fiestas oftmals sinnlos früh hinrichtete. Ansonsten ist der knorrige kleine Ford Youngtimer ein Prima Zeitgenosse: Einfach, schlicht und von traumhaftem Panoramablick geprägt.

Wie seine Zeitgenossen Polo und Corsa gab es ihn stets nur 3türig – hier hatten die Franzosen mit Wagen wie dem Renault 5 die Nase wirklich vorn – selbst R4 und Ente hatten Türen für hinten, aber wir Deutschen waren das ja vom Käfer gewohnt…

Das Original war schöner, die facegeliftete Version ist besser

Ford bahnte mit dem heutigen Youngtimer Fiesta XR2 darüber hinaus für die kleinen Deutschen Modelle den Weg in die Sportlichkeit. VW machte hier mit dem Polo zunächst einen lächerlichen GT-Versuch mit 60PS, aber Ford nahm die Sache ernst, implantierte einen 1.6er mit stattlichen 84PS, die bereits den Escort RS beatmet hatten und installierte ernsthafte Räder, Sitze, etc. und hatte damit zwar keinen GTI-Killer – aber doch einen, der an deutliche größeren Fahrzeugen mühelos dran blieb – vor alle auf Landstrassen. Und man darf nicht vergessen: Ein Mercedes 200 leistetet zu der zeit auch nur 4PS mehr….

Youngtimer Fiesta XR2 der ersten Generation: Hier hatte Ford ein gutes Händchen und erreichte viel mit wenig Aufwand. Man fragt sich manchmal, warum Ford auf diesem Weg nicht konsequent weitergegangen ist

Im Verhältnis sind von den XR2s noch recht viele übrig. Allem voran jedoch von dem Modell nach dem Facelift. Das sieht zwar mit seiner etwas abgerundeten Schnauze irgendwie langweiliger aus, aber es ist in vielerlei Hinsicht der bessere Wagen. Die Rostvorsorge ist deutlich besser gelöst, die Stoßstangen halten sich aus dem Thema raus. Die Sitze der Standard-Modelle sind fester und weniger verschleißdreudig, was den Wagen speziell als Youngtimer etwas interessanter macht. Leider fehlen ihm die schrillen Farben, die noch vor 82 am Fiesta bekam. Dennoch: in vielerlei Hinsicht ist er heute die besser Wahl. Darüber hinaus ist er meist billiger, da der Fiesta der 70er Jahre doch mittlerweile rar ist, das Modell aus den 80ern aber immerhin bis 89 gebaut wurde und schon deshalb eine deutlich höhere Verfügbarkeit aufweist.

Hier und da bekommt man sogar mal ein gutes Modell unter 1000 – ein Modell mit einer schrillen Metallicfarbe vor 81 kommt schon bis auf 4000 bei entsprechendem Zustand.

Sooo viele in gutem Zustand gibt es jedoch nicht mehr – es mag also Sinn machen, langsam mit dem Suchen zu beginnen. Wer richtig Mut hat, sollte dabei auch den Englischen Markt nicht ausser acht lassen – speziell der erste Fiesta ist hier noch weitaus verbreiteter.

6 Gedanken zu „Die Ungeliebten: Youngtimer Ford Fiesta

  1. ich hab euch auf der FB-Seite einen traurigen, kleinen, blauen MK2 gepostet, der vergessen in der hintersten Ecke eines Kiesplatzhändlers auf seine Verschrottung wartet. Traurig, traurig…aber irgendwie hat´s Stimmung.

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