Die Ungeliebten: Youngtimer Polo Typ86

Wie ein kleiner Golf sah er aus: Die runden Äuglein, die verspielt eingefasste Heckklappe – und die richtigen Attribute: Frontmotor und negativer Lenkrollradius und eine sehr kleine Abart des Mitteldruckmotors unter der Haube. Nachdem der Käfer wirklich und endlich zu Grabe getragen werden konnte, sah so die selbstbewusste Zukunft des VW Konzerns aus. Modern, frontgetrieben, sachlich – vielleicht auch ein bisserl blutleer….?

Lackierte Stahlfelgen, damals war das was…. Sonst war der Versuch des ansportelns nicht so recht gelungen

Die Zeichen standen auf Sturm – binnen weniger Jahre war aus dem hässlichen Heckmotor-Entlein Volkswagen ein stolzer Schwan geworden – in der ersten Hälfte der 70er kamen in kürzester Schlagfolge der Golf, der Scirocco, der Passat und der kleine Bruder Polo. Das Konzerregal und die erste Gleichteilestrategie standen und konnten ihre ersten Früchte ernten – eigentlich taten sie das sogar schon, denn den Passat gab es schon als Audi 80, den Polo als Audi 50. Selbst der 1977 erschienene Rucksack-Bruder des Polo, der VW Derby, war ursprünglich als potentieller Audi 60 gezeichnet worden, bevor die Konzern-Strukturen ihn zum Volkswagen machten und Audi zur Premium-Marke polierten, in dessen Portfolio der spiessige Zwerg nun nicht mehr so recht passen wollte.

Wer einen Polo der ersten Generation heute besteigt, der kapiert relativ schnell, warum der Polo ein so erfolgreiches Auto wurde. Verglichen mit einem Fiesta wirkt der Wagen erstaunlich frisch und modern, befreit von der plüschigen Last der größeren Brüder, während ein Fiesta innen beispielsweise viel mehr aussieht wie ein geschrumpfter Taunus. Der Polo Youngtimer der ersten Generation ist vor allem eins: schlicht. Vielen war er nicht kuschelig genug – Frauen fuhren beispielsweise lieber Fiesta oder Renault 5. Einige Modelle waren zu Beginn sogar eher karg: Da wurde noch mit dem Fuß gepumpt, wenn Wasser auf die Scheibe gespritzt werden musste…

Ausgeprägte Tendenz zur Freudlosigkeit: Der Innenraum des ersten Polo hat in seiner Bemühung um Sachlichkeit beinahe sozialistische Züge

Leider war Volkswagen ein wenig zu risikofreudig beim Blech-Einkauf – die Polos der ersten Generation waren sehr rostfreudig. Dem Erfolg tat das zunächst keinen Abbruch – Der Polo ging lange Zeit wie geschnitten Brot. Die Motoren mit 40, 50 und 60PS erwarben sich sehr schnell einen Ruf als robust, langlebig und sparsam. Einzige Ausnahme war der nur 900 ccm große 40PS Motor, dessen Choke in Verbindung mit häufig unerfahrenen Fahrern töteten die 4 Zylinder häufig zu früh. Ebenso waren die Motorhalterungen hier nicht besonders haltbar angelegt, was gerne zu Problemen führte.

Das Fahrverhalten des Polo darf auch heute noch als durchaus narrensicher bezeichnet werden – solange nicht die 135er Reifen aufgezogen sind, die den Wagen zum gruseligen Untersteuerer machen. In dieser Region zeigt sich auch ein weiteres beliebtes Problem: Die Manschetten der Antriebswellen, die auch bei den anderen Frontantriebs-VW der 70er und 80er ein Problem waren, sind beim Youngtimer VW Polo ein Dauer-Ärgernis; weit schlimmer ausgeprägt als bei seinen Artgenossen. Das behielt VW aus alter Tradition auch beim Nachfolgemodell bei…

Einer der typischen Innenräume, die entstehen, wenn Freudlosigkeit kompensiert werden soll: Sitze aus dem Nachfolgemodell, Lenkräder, die im Stand absurde Kräfte erfordern. Immerhin zeigte das facegeliftete Modell innen die Züge von Jetta / Golf der späten 80er, was den Wagen schon bedeutend aufwertete

Von seiner Verfügbarkeit auf dem Markt ist der erste Polo heute längst ein Oldtimer, obwohl die letzten Exemplare 1982 zugelassen worden sind. Zu sehr wurden sie, wie eben die meisten ungeliebten Kleinwagen, verschlissen. Der Nachfolger sieht da in vielerlei Hinsicht noch deutlich besser aus, aber der erste Polo ist mittlerweile wirklich rar – seltener sogar als der zeitlich parallel gebaute Ford Fiesta. Eine wichtige Facette dabei war vermutlich die, dass der Polo Ende der Achtziger, als die ganzen guten Golf I verschwanden, zeitweilig ein beliebtes Objekt für Extrem-Tuning war – das war nicht nur der Originalität abträglich, das endete auch häufig am Baum.

Leider wurden die Polos zum Teil schlimme Tuning-Opfer, die unter wenig fachgerechter Hand bis zur Unkenntlichkeit verbaut wurden. Zugegeben: Es steht dem Wagen nicht schlecht – leider haben die meisten Polos, die so schnell aussehen, doch nur 40PS…

Wer sich heute nach einem umsieht, sollte die Formel E Modelle ebenso meiden wie den 40PS-Motor, der einfach ein wenig zu freudlos war und heute auch nicht mehr ganz zeitgemäß mitschwimmen mag. Ausserdem ist der Motor so laut, dass er kaum recht Fahrfreude aufkommen lassen will. Der 1100er ist die bessere Wahl, der 1300er mit 60 PS in den heutigen Youngtimer-Polos leider ebenso selten wie schon zu Lebzeiten. Bei vielen potentiellen Liebhabern wird es daher am Ende doch eher ein Golf I oder ein Fiesta, der weit öfter mit 53 oder 60PS zu finden ist. Ebenso sind die facegelifteten Modelle qualitativ graduell besser, wenn ihnen auch die natürliche Kantigkeit des Originals fehlt.

Dennoch: die klare kluge Form des Polo hat heute weit mehr Charme als zu Lebzeiten – wäre der Polo nicht in die typischen Hände gekommen, in denen die ungeliebten Kleinwagen leider immer landen, er wäre ein cooler Youngtimer mit einer substanziellen Fan-Base. So jedoch sind die wenigen guten Modelle einfach zu teuer, als dass man sie richtig geniessen könnte. Für Einsteiger eignet sich aus heutiger Sicht jedoch eher das Nachfolgemodell, das technisch weit simpler ist, als die modernere Karosserie vermuten lässt.



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