Der letzte ECHTE Mercedes Benz – wissenschaftliche Spurensuche in der Youngtimer Szene

Der letzte echte mercedes

Rostete und wurde dennoch Kult – und keiner hätte sich getraut, über die Qualität zu meckern

Wenn ich genau drüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass die Diskussion um den letzten echten Mercedes irgendwann in den 70ern angefangen haben muss – ernsthafter Weise waren damals eine Menge Leute zu der Überzeugung gelangt, dass der W123, heute der Olymp der Solidität, ein „Papp-Benz“ sei. Woher kam das? Das kann jeder leicht beantworten, der einmal versucht hat, Boxen in die Hutablage des Vorgängers /8 zu bauen – mancher Panzer wird da blass…

Schauen wir hier also auf einen ganz normalen Trend, bei dem der W123 oder W124 einfach nur verklärt wird von der jetzigen Generation der Youngtimer-Fans, während unsere Kinder den W211 als den „Letzten echten Benz“ beschreiben werden?

Spurensuche.

Das erste Interview führt uns zum Taxistand – zunächst einmal in Deutschland. Nach wenigen Sekunden sind wir umringt von Fachleuten – und die kann man wohl wirklich als solche bezeichnen. Ein Münchner Taxi-Fahrer bringt es auf den Punkt: „Ich hab im W124 mehr Zeit verbracht als in meiner Wohnung!“ Und da werden Kriegsgeschichten ausgetauscht. Gerd, der heute noch W124 T-

Der Arbeitsplatz des vertrauens: W123 von innen

Modell 250D fährt, kennt noch einen, der mit dem 123er die Million geknackt hat, irgendwann Ende der 80er. Er weiß auch, dass der 124er der ersten Jahrgänge gar nicht so gut war – nicht nur die Sitze, auch der Rest war nicht so gut. Dennoch sagen alle Taxifahrer, dass der W210 – bis auf seinen Karosserierost – auch gar kein so schlechtes Auto gewesen ist – aber sicher nicht der letzte echte Mercedes. In erster Linie war er mal schlechter als seine Vorgänger, was an sich schon übel genug war. „Der ist erst mit dem Facelift schlecht geworden – der ganze Elektronikmist; das haben die bis heute nicht sauber im Griff.“

Ein Taxifahrer in Basel weist uns auf einen anderen interessanten Punkt hin. In einem Land wie der Schweiz, wo es keine eigene Automobilindustrie und den damit verbundenen Nationalstolz wie in Deutschland gibt, kann man die Qualität auf der Strasse sehen: „Der Benz ist hier am Taxistand eher die Ausnahme als die Regel – vor 20 Jahren hatte der noch einen Anteil am Droschkengeschäft von 90%“ Und tatsächlich – heute fährt der eidgenössische Taxifahrer eher Toyota, gerne auch mal einen BMW und natürlich

Hat auch nicht toll gestartet und wurde der Qualitätsmaßstab einer ganzen Ära

Subarus, was aber an den geografischen Gegebenheiten liegt. Dennoch: Während die E-Klasse hierzulande noch der Quasi-Standard ist und wohl auch von den Kunden erwartet wird, hat der Schweizer Taxifahrer längst entschieden: „Der W210 war bei uns etwa 3 mal so Anfällig für Pannen wie der W124 – warum soll ich mir den kaufen? Legacy und Avensis machen 400.000 ohne Mucken – und der Camry war sogar noch besser.“

In der Tat lässt sich dies nicht nur durch den Experten auf der

Irgendwann werden die Leute wohl auch den W210 als Youngtimer mögen – gemessen am W213 wird er so angenehm überschaubare Technik haben…

Strasse nachweisen. Schaut man sich die Mängellisten aus den 90ern an, dann hält der W210 mit dem W124 in Summe nicht mit – weder beim ADAC, noch bei Dekra, Tüv, etc. Dazu bieten unseren nächsten Interviews einen ganz interessanten Ansatzpunkt. Ein Mechaniker, der seit 26 Jahren in einer schwäbischen Mercedes-Niederlassung arbeitet sagt uns: „Der W123 hatte noch einen echten Vorteil: den haben viel mehr Privatleute gekauft“. Obwohl mir das zunächst nicht ganz nachvollziehbar erscheint, legt er nach: „Der Pflegezustand war besser! Einen Benz zu fahren, das war in den 80ern noch etwas viel größeres als heute, wo Audi und BMW voll nachgezogen haben. Den hat man gepflegt. Und: Die ganzen Dienstwagen heute sind einem ganz anderen Stress ausgeliefert. Hohe Laufleistungen in den ersten Jahren machen die Wagen billiger. Der Zweitbesitzer erwirbt dann ein 3jähriges Auto mit 150.000 Kilometern auf der Uhr – das pflegt er nicht mehr so, wie man das mit einem W123 gemacht hätte, der eben einerseits ein Mercedes war und andererseits eher 50.000 drauf hatte.“

In der Tat scheint der psychologische Effekt nicht ganz unbegründet. Speziell, wenn man dies ins Verhältnis mit den TÜV-Reports setzt. Früher hat der Mercedes dort natürlich besser abgeschnitten, weil er gehätschelt wurde – vor dem TÜV ließ man den Wagen durchsehen oder der TÜV wurde gleich in der Werkstatt gemacht, wo nie ein Wagen durchfällt, weil die Reparaturen gleich versprochen werden. Ist der Wagen erst einmal nicht mehr so viel Wert, gerät er in die Hände von Leute, die da etwas schludriger sind – auch kein uninteressanter Faktor. Aber eben auch die relative, die wahrgenommene Qualität ist ein Thema. Der Benz war der Benz und damals in seiner Qualität, seinem Anspruch, das einzige Premiumauto. Da er mit diesem USP im Grunde wirklich allein war, bevor Audi und BMW aufrüsteten, konnte der Preisabstand finanziert werden. Mit dem E34 und dem Audi 100 der 80er/90er änderte sich das plötzlich. Audi rüstete mit High-Tech auf, BMW mit Premium-Sportlichkeit versus Proll-Sportlichkeit – und plötzlich wurde es eng.

Zeitloses Design ist ein – Detailqualität ist cool, gewinnt aber keinen Test

Und genau das bestätigt auch ein weiterer Mercedes-Mechaniker. „Ab den 90ern hat Mercedes gespart – sie mussten es, sonst wären die Kunden noch stärker zum Audi und BMW gerannt. Das war zwar falsch, weil die Qualität ab Ende der 90er gelitten hat, aber dennoch unumgänglich.“ Und wenn die Kunden dann noch Mercedes-Qualität erwarten, diese aber nicht bekommen – dann finden sie den Wagen gleich noch um ein Vielfaches schlechter.

Und da ist wirklich etwas dran. Seit sich die drei Deutschen Premium-Hersteller im Grunde nur noch im Marketing unterscheiden, war für die echte Premium-Qualität weniger Geld da; Mercedes drohte, unbezahlbar zu werden gegenüber der sehr nahe gerückten Konkurrenz. Und Qualität, wie sie Benz früher produziert hat, lässt sich im Prospekt nur schwer erlebbar machen – und mit Langzeitqualität gewinnt man keinen Vergleichstest in der Auto Motor und Sport – wohl aber mit angemessenem Pricing.

KFZ-Meister Gerrit bringt es auf den Punkt: Würde der W123 heute noch gebaut werden, wäre er genauso gut oder genauso schlecht wie der A6 und der 5er. Und Gerrit, der privat einen 380SEC von ’82 fährt und seit über 10 Jahren bei Mercedes arbeitet, setzt noch einen oben drauf: „Das qualitativ beste Auto in der Klasse war der Audi 100/ A6 von 90 bis 97 – der war auch noch verzinkt und hatte keinerlei sinnlos anfällige Elektronik. Am besten den 2.6er mit Automatik. Qualitativ lässt der sogar den W124 stehen.“


14 thoughts on “Der letzte ECHTE Mercedes Benz – wissenschaftliche Spurensuche in der Youngtimer Szene

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