Kult Youngtimer im Test VI/X: Mercedes 190 [W201]

Eine Form für die Ewigkeit: Klassenloser Youngtimer Mercedes 190

Als Mercedes die interne Nummer W201 für den 190er vergab, war klar, dass hier ein neues Zeitalter anbrach – der erste Vertreter der internen w200er-Reihe!

Auch sonst wurden hier viele lustige Pfade beschritten – der heutige Youngtimer, der kantig auf uns wirkt, war für einen Mercedes so ungewöhnlich rundlich geraten, dass Mercedes die Versuchsfahrzeuge nahezu ungetarnt mit dem japanisch klingenden Schriftzug Ushido durch die Lande fahren ließ und keiner so recht drauf kam, worum es sich da handeln könnte. Der CW-Wert von 0.33 übertraf dann auch tatsächlich alles, was bei Mercedes bis dahin vom Band lief, um ein Vielfaches.

Doch was für ein großer Wurf der 190er werden sollte, das hatten wohl auch die Mutigsten nicht geahnt…

An der falschen Stelle gespart: 2 Zentimeter mehr Knieraum hätten den W201 vielleicht einen noch größeren Erfolg werden lassen – hätten aber auch den W124 gefährdet

Die Problem-stellung war klar: Mercedes Benz baute zu große Autos, war zu elitär für die breite Masse. Die Ölkrise hatte klar gemacht, dass bei den großen Limousinen vom Schlage eines W123 und W116 irgendwann Schluss sein könnte, je mehr ökologisches Fahren in den Vordergrund trat. Etwas ökonomischeres, auch visuell kleineres musste her – und das sollte Daimler auch wieder Stückzahlen bringen, die in der Klasse von VW, Opel und Ford gemacht wurden. Konkurrent BMW war mit dem 3er [E21] sehr erfolgreich, kommender Konkurrent Audi hatte mit dem Audi 80 einen sehr erfolgreichen Wagen in dieser Klasse im Programm – und das nagte an Mercedes, auch wenn viele Aufsteiger nach dem Audi 80 gerne zum W123 griffen.

Konnte auch edel und sportlich: Mercedes W201 „190er“

Ein Zweitürer wie der damalige 3er BMW kam für den Limousinen-Hersteller Mercedes Benz nicht in Frage, soviel war klar.

Was dann schließlich aus einem mega-dicken Lastenheft herauskam, war ein richtig großer Wurf – und auch heute spürt man in kaum einem anderen Mercedes, wie wichtig es ist, seine Hausaufgaben wirklich zu machen. Der 190er ist bis in den letzten Winkel durchdacht, was man schon merkt, wenn man mal eine Bremsleuchte wechselt. Der Wagen hat seine große Zahl Fans wirklich zurecht – verdienter vielleicht als der W124, der sich zum Start nicht gerade mit Ruhm bekleckerte.

Gegenwartskunst:: Arbeitsplatz im 190er

Der W201 war von Anfang an Top – eigentlich nur mit zwei wirklichen Ausnahmen, die bis heute ärgerlich sind. Einmal rostete der Benz an den Türunterkanten, den Radläufen und vor allem den Wagenheberaufnahmen – darüber hinaus haben die ersten Jahrgänge wirklich schlechte Sitze. Die sehen zwar gar nicht mal soviel anders aus als die Folge-Sitze, taugen aber wirklich nichts. Schon nach viel zu kurzer Zeit biegen sie sich rund und fühlen sich an wie Hängematten – Rückenschmerz vorprogrammiert. Erst mit dem Modelljahr 89 ab Sommer 88 wurde das besser. Obwohl die 190er sonst wirklich im Bereich Haltbarkeit über jeden Zweifel erhaben sind, sind die Punkte wirklich ein Absturz. Viele Youngtimer-Besitzer haben daher das spätere Gestühl nachgerüstet.
Ansonsten überzeugt der W201 auch heute noch – qualitativ wie konzeptionell. Die Hinterachse, damals eine echter Meilenstein, verleiht dem Wagen ebenso viel Dynamik wie Haftung und das kombiniert mit verblüffend oberklassigem Federungskomfort – in die Abstimmung dieses Fahrwerks waren tausende von Ingenieursstunden geflossen – und das spürt man bis heute. Der 190er fährt sich auch als gestandener Youngtimer flink wie ein Golf II, GoCart-artig beinahe, wenn man gerade aus einem W123 aussteigt. Selbst das große Lenkrad wird nach einiger Zeit Dein Freund – überhaupt ist das gesamte Cockpit wenig modisch und sehr geschmacks- und zeitneutral – ergonomisch ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

All das gilt vor allem dann, wenn man zu zweit fährt – denn auf der Hinterbank ging der Kompromiss zu weit. Obwohl dies graduell nach dem Facelift durch geänderte Sitze besser wurde: die Hinterbank ist beim Youngtimer W201 wirklich nur die Straf- und Ersatzbank und erst beim Nachfolger wirklich zumutbar. Die Federn begrenz gut, der Platz für die Knie einfach zu knapp – hier machen lange Strecken wirklich nicht übermäßig viel Spaß.

Dennoch wurde der 190er ein Riesenerfolg, den man auch beim Youngtimer noch spürt. Zunächst einmal wurde er satte 11 Jahre bis 1993 gebaut und erfolgreich verkauft. Der Baby Benz, wie ihn die Amis nannten, war jederzeit ein ökonomisches Auto – und er konnte W123/W124 auf kleinerer Fläche: Dieselben fantastischen Automatikgetriebe mit der coolen Kulisse, derselbe Qualitätseindruck – und dennoch brauchten die späten Benziner kaum 8 Liter. Auch hier lag der W201 auf Golf-Niveau!

Auch als Youngtimer-Pilot braucht man keinen Diesel. Selbst Vielfahrer kommen mit der Benziner-Ökonomie hin, wenn es nicht gerade der ohnehin seltene 2.6er mit Automatik und 160 Kat-PS ist. Und selbst der geht für die gebotenen Fahrleistungen okay.

Die Sport-Modelle sind nicht so ausgestorben, wie man meint, aber so teuer wie man fürchtet

Die Diesel, vor allem der 2.5er mit 90PS machen zwar Spaß – die Spannvorrichtung für den Antrieb der Nebenaggregate nervt aber – ebenso schlagen hier die Kugeln der Vorderachse überproportional häufig aus. Auch die Auspuffanlagen haben hier kein sonderlich langes Leben.

Obwohl manche Fans die Beplankung der Facelift-Generation nicht mögen: Leider ist die zweite Serie objektiv die bessere, speziell im Bereich der Rostvorsorge – von den Sitzen gar nicht zu reden. Die Handbremse macht hier auch weniger Ärger, behaupten Taxifahrer, obwohl konstruktiv nicht verändert. Mit dem Novum „Handbremse“ wollten sich echte Mercedes-Fahrer übrigens nie anfreunden – der Nachfolger hatte wieder eine Fußfeststellbremse, wie es „sich gehört“.

Macht auch heute noch was her

Ähnlich wie von den großen Brüdern W124 und W126 sind vom Youngtimer Mercedes 190 überproportional viele Fahrzeuge erhalten – und ähnlich wie bei den großen Brüdern gibt es sie in allen erdenklich Zuständen. Von Schlimm mit wenig glaubhaftem Tachostand bis über-perfekt aus Vororten in zweiter Familienhand mit allen Belegen seit 1983 – ein echter Benz eben. Hier wird jedoch bis heute viel Schindluder getrieben – an den abgegriffenen Lenkrädern sollt ihr sie erkennen…

Dennoch: Es gibt wirklich ausreichend viele gute Exemplare, bei denen die Roststellen professionell gemacht wurden oder früh durch Reparaturbleche eingedämmt wurden.

Der W201 wird noch lange ein begehrtes Auto bleiben – die Preise zeigen es

Solche kommen immer mal noch hier und da für 2.000€ auf den Markt, was aber langsam die Ausnahme ist; hier hat sich in den letzten 4 Jahren sehr viel getan – und kommendes Jahr kommt das H-Kennzeichen… Die Preise werden also weiter zulegen – und ab kommendem Jahr eher noch schneller. 3.000€ – 5.000€ werden für die gutem Exemplare gezahlt – auch wenn es wie gesagt noch Ausnahmen gibt. Gemessen am Gegenwert und der Prognose des Wertes vermutlich sogar ein fairer Preis. Zumal der W201 relativ leicht zu reparieren ist und die Ersatzteile weit weniger teuer sind, als man am Stammtisch erwarten würde.

Auch hier ist der Baby Benz ein echter Benz – einer der echtesten, die man derzeit kaufen kann.


20 Gedanken zu „Kult Youngtimer im Test VI/X: Mercedes 190 [W201]

  1. Ich danke Ihnen für diese tollen Eindrücke. Youngtimer und Oldtimer lösen immer eine unglaubliche Faszination aus. In alten Autozeitungen kann man vieles über die guten Stücke in Erfahrung bringen. Es lohnt sich mal zu schmökern.

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