Aus der beliebten Youngtimer-Reihe: „Früher war alles besser“ – Individualität

youngtimer

Motorhaube Saab 900 – die bekam nicht jeder Laie gleich auf

Ich gehöre ja wirklich nicht zu den Leuten, die früher pauschal alles besser fanden – die Autos schon, die Musik im Durchschnitt auch – ausser in den 90ern, als sie durchschnittlich eher schlechter war und Typen wie Haddaway die Hitparaden bestimmen konnten. Unerklärlich.

Wonach ich mich aber im Bereich Autos wirklich zurück sehne, ist die Individualität, die es früher im Automobilbau gab – als Autos noch grundlegend unterschiedlich aussahen, aber auch eben grundlegend unterschiedlich waren und klare Positionen bezogen. Haltung würde man das heute vielleicht nennen.

Youngtimer & Schrulligkeit

Ein Saab etwa – der war schrullig. Das Zündschloss zwischen den Sitzen, wo es kein Mensch findet – wer denkt sich denn so etwas aus…? Für irgend jemanden überwog der technische Sinn aber und die Jungs aus dem „Saab-Marketing“ waren zu dieser Zeit noch gar nicht geboren und konnten somit auch keine Gleichmacherei durchsetzen.

Wer in einen Citroen in den 70er oder 80er Jahren einstieg, dem konnte es passieren, daß er vor Verzweiflung über die Instrumente und Bediensateliten erst gar nicht losfuhr – wer hingegen mutig losfuhr, erfuhr an der ersten Ampel, welche Wirkung die sagenhafte Hydropneumatik dieser Youngtimer hatte. Abgefahren.

Youngtimer & Individualität: das war gar nicht so einfach

Wer einen solchen Wagen einem Freund lieh, der musste immer noch ein paar Sätze dazu sagen, erklären, was schrullig ist und vielleicht sogar entschuldigend wirken – aber das stärkte doch am Ende des Tages den Charakter – den des Wagens und den des Fahrers!

Der kleine Don Johnson Moment eines jeden Subaru-Fahrers: Rahmenlose Scheiben

Wer in meinen Subaru steigt, bleibt immer noch einen Moment stehen und starrt den fehlenden Türrahmen an. Dafür würde ich Eintritt bezahlen! Und dann kommt immer, wenn ich beim Subaru-Händler vorbeischaue, dieser nervöse Blick auf den neuen Legacy – nicht schlecht, aber diese Türrahmen….! Was soll das denn? Der aktuelle Citroen wagt es auch nicht mehr recht, sich von seinen Mitbewerbern zu unterscheiden – Von Saab auf Opelplattformen mal gar nicht zu reden…

Citroen baut heute Allerweltsautos, Saab auch — da muss man sich nicht wundern.

Wer erinnert sich heute noch daran, dass man beim  Saab 900 die Motorhaube nach vorn öffnete? Wie bei BMW, werden da die älteren unter uns sagen – und dann macht es irgendwo weiter hinten im Hirn „klick“ – das war ja auch früher – auch BMW hat heute konventionelle Motorhauben. Schlägt man wenigstens den Rückwärtsgang noch mit einem beherzten Schlag nach links rein?

Wie konnte es so weit kommen? Es ist schon eigenartig: Vorne in der Marketinggeschichte, die die Autos verkaufen will, da kann man gar nicht individuell und besonders genug sein – aber bitteschön so ungewöhnlich wie der Mainstream… Ja, das ist etwas schizophren. Einer der Schuldigen dürften Sixt und Hertz und ihre Mitbewerber sein. Hier wurden irgendwann die Stimmen laut, dass man es den Kunden nicht zumuten kann, sich ständig an neue Bedienungseinrichtungen zu gewöhnen – also am besten schön alles da hin machen, wo es die anderen auch haben. Sixt spielt bei solchen Überlegungen keine Rolle? Manch Hersteller bringen in den ersten Wochen eines neuen Modells 50% ihrer Fahrzeuge über die Leihwagenflotten auf die Strasse – und halten das für ein gutes Werbemittel.

youngtimer

Erforderte Fingerspitzengefühl: Bedienung im Citroen Youngtimer

Dann sind da noch die in diesem Kontext weit wichtigeren Autozeitungen, allen voran die Auto Motor und Sport. Die haben erst einmal jahrelang den dreh- drück-Regler bei BMW verdammt, bis alle Autohersteller eine zentrale Bedieneinheit cool fanden – dann wurde eingelenkt. Und auch hier gilt: Natürlich reden wir von erfahrenen Redakteuren, dennoch fahren die ein Auto nicht 5 Jahre lang jeden Tag, wie das nun mal die meisten Menschen mit ihrem Wagen tun. Da gewöhnt man sich an manche Dinge, versteht sie traumwandlerisch und versteht manchmal sogar, dass sie besser sind als der Standard der Masse…

In unseren Youngtimern finden wir noch viele liebenswürdige Schrulligkeiten – solche, die man beim Einsteigen vielleicht erklären muss – oder beim Aussteigen, wie das bei Mercedes‘ Fußfeststellbremse lange der Fall war. Die etwa bescherte uns eine schöne große Mittelablage, auch wenn sie im Grunde nur zusammen mit Automatik lässig ist.

Im Zeiten von Plattformstrategiern wird das immer schwieriger – das verstehen wir und freuen uns um so mehr der täglichen Individualität im Einheitsbrei.



4 Gedanken zu „Aus der beliebten Youngtimer-Reihe: „Früher war alles besser“ – Individualität

  1. Das Zündschloss zwischen den Sitzen, wo es kein Mensch findet? Halt nur deinen rechten arm und hand mit dem Schlüssel denn körper entlang und das zündschloss befindet sich unter deinem Hand. Einfacher gibts nicht.

  2. Da haben sie wahrlich Recht,der Saab der früher schon locker 300000 km erreichte ohne das am Motor was ausfiel,ein Mercedes 200 D der zwar langsam war aber irre bequem gefedert,einen Käfer mit nur ab 24 PS aber gutem Drehmoment,einen ollen Kadett A B und C mit doch verdammt grossem Kofferraum und der super Zuverlässigkeit,einen Ford Consul oder Granada der alles auch überladen von hier bis Türkei oder weiter lief ohne zu mucken.Wenn früher ein Bauteil versagte war es leicht wieder flott zu machen,Keilriemen durch Damennylons ersetzte,Kontakte bog um ans Ziel zu kommen,oder Ventile löste um mit halben Motor noch ans Ziel zu kommen.Wenn früher ein Getriebe schon Geräusche machte brauchte man keine Angst zu haben liegen zu bleiben.
    Aber einiges ist besser geworden,die Motorenöle lassen einen Motor sehr lange Leben,die Reifen die in allen Lagen Grip haben,die Bremsen ziehen besser.
    Spritverbrauch zwischen früher und heute,ich empfinde das die heutigen elektronischen gesteuerten Autos wesenlich mehr brauchen als die der 50 er bis 80 er Jahre.
    Wo bitte ist der Fortschritt in punto Economie,der angeblichen wenigen Ölvorräte die wir nur noch haben.

  3. Ich mag Youngtimer, wenn ich ehrlich bin, nicht nur wegen der (für mich) interessanten Technik, sondern auch, weil sie sich eben vom „Mainstream“ abheben. Im (Sommer-)Alltag grüßen uns einige andere Youngtimerfahrer, auf Oldtimertreffen werden wir hingegen mit unserem 80er Golf Cabrio meistens eher ignoriert – macht mir überhaupt nichts. Dafür muss ich nicht erst schauen, welche von den Millionen Pagoden, die da immer stehen, meine ist. Das gleiche gillt für mein aktuelles Projekt, ein 57er PV444 – das Auto sieht man zumindest hier nicht sehr oft auf Oldtimertreffen, und wenn, dann meistens im Besser-als-neu-Zustand. Ich werde probieren soviel Patina wie möglich beizubehalten. Und werde die Gute im Sommer auch im Alltag fahren. Warum auch nicht? 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.