Warum Youngtimer bald sterben werden

Zweiter GAST POST von SÖREN MATTSSON,
International Automotive Consultant


Der Begriff „Youngtimer“ ist in meiner Branche nicht direkt gern gesehen. Nicht wie eine häßliche Krankheit oder so – mehr wie der Schwabe sagt „hat a gschmäggle“, was auch nicht heißt, dass etwas wirklich stinkt. Aber machen wir uns nichts vor: der derzeitige Automotive Manager, vor allem der Deutsche, tut sich schwer mit dem Phänomen „Youngtimer“, vom „Newtimer“ mal ganz zu schweigen, den wirklich keiner haben will.

Der Youngtimer ist ein wenig so wie ein Mahnmal, dass keiner will. Ich hatte Ende der 90er Jahren ein Abendessen mit einem hochrangigen europäischen Manager von Ford in Belgien. Der fragte mich, während wir auf’s Essen warteten, welchen Ford ich denn am liebsten möge. Ich schluckte kurz, traute mich dann aber zu sagen: „Die letzten coolen Autos haben sie 1984 und 1985 eingestellt“ … Tick, Tack, Tick, Tack – dann lachte er. Wir schwätzen den ganzen Abend über Youngtimer und das ist mir sehr lebhaft in Erinnerung geblieben.

fette Schleuder ohne Kat? Das ging noch eine ganze Zeit gut

In a nutshell – dem Ford Manager waren Granada und Capri Youngtimer ein Greuel:

  • sie stehen für eine Art Ford, die wir nicht mehr sind und vor allem nicht mehr sein wollen
  • sie zwingen uns auch nach Jahren noch, in unseren Werkstätten Wissen und Werkzeug vorzuhalten, machen aber weder Masse noch gescheiten Umsatz – vom Thema Ersatzteile mal nicht zu reden
  • Wir müssen sie in Zahlung nehmen, wollen sie aber (siehe 1) nicht auf dem Hof
  • Kunden zeigen uns ihre Youngtimer und sagen „schau, die gehen nicht kaputt – viel besser, als die heutigen Wagen“

Viele Argumente erkenne ich aus professioneller Sicht an – aber was lösen sie operativ in den Firmen aus? In allen Kosten- und Controller- und Shareholder Value getriebenen Konzernen sind sie der betriebswirtschaftliche Stachel im Fleisch. Wer einen 3jährigen Term überstehen muss, bis sein Vertrag erneuert wird, will sich nicht mit 20 Jahre alten Produkte befassen – die bringen ihm kein (nachweisbares) neues Geld. Einsparungen bringen Geld.

Halten wir fest (1): Autohersteller (und Importeure, die da eher schlimmer sind) sparen Geld, wenn sie sich nicht um Eure Youngtimer kümmern. Wer Geld einsparen kann, hat im Wettbewerb Vorteile.

Youngtimer der Zukunft

Aktuelle Volkswagen-Modellpalette mit Hand zur Vernischelung

In der Zeit, aus der Eure Youngtimer vorwiegend stammen, waren die Modellpaletten noch übersichtlich – vor 30 Jahren hatten Mercedes W201, W124, W126, G-Klasse zuzüglich der Coupé-Derivate und dem SL, der eine weitgehend eigenständige Baureihe war. Heute baut Mercedes je nach Sichtweise zwischen 12 und 16 Modellreihen. Volkswagen bietet eher 20+ Modellreihen an – ein ähnliches Bild des Nischenbesetzens zeigt sich bei allen Autoherstellern, vernünftig organisierte Marken wie Dacia einmal ausgenommen.

Das ist ein logistischer Alptraum sowie ein internes Schulungs-Desaster – und: Es verschlimmert das unter (1) beschriebene Problem um den Faktor 2.5 bis 4, je nachdem, wie man Plattformstrategien gewichten will, denen heute gleichermaßen höhere Fluktuation und kürzere Modellzyklen gegenüberstehen.

Halten wir fest (2): Die logistische Komplexität, sich um Youngtimer zu kümmern, nimmt in den nächsten Jahren, wenn die Modellreihen ab etwa 1995-98 ins Youngtimer-Alter kommen, sprunghaft zu – ohne, dass daraus wirtschaftlicher Nutzen (für den Hersteller) abzuleiten wäre.

Immer gab es in der Automotive Industrie Phasen endogener Komplexität – hauptsächlich herbeigeführt durch Gesetze zum Schutz von Insassen, Umwelt und anderer Verkehrsteilnehmer. Die seit 2006 anhaltende Veränderung hin zur verbesserten Abgaswerten ist bislang ungekannt und auch nicht mit den frühen 70ern vergleichbar, wo der Sturm sich schnell legte. Heute sitzen Autohersteller in einem Korsett aus gesellschaftlichen Zwängen und Regelungen, die sie Millionen kosten. Der Umbruch hinsichtlich alternativer, vorwiegend Strom-basierter Antriebe verschlingt entwicklerische Unsummen und verspricht auf mittlere Sicht nicht nur keinen Profit, sondern ist gleichermaßen unselig verquickt mit der lokalen wie globalen Energiepolitik, denn solange ein strombasiert (plugin) angetriebenes Auto faktisch einen höheren Co2 Ausstoss verursacht als eine S-Klasse der 70er, wird der Verbraucher die Sinnhaftigkeit in Frage stellen. Die hier anstehende Unsicherheit bei gleichzeitiger Diversifikation der Antriebsangebote, macht das langfristige Vorhalten komplexer Technologien wirtschaftlich (aus Konzernsicht) unzumutbar – die noch schneller drehende Spirale der Entwicklung stärkt diesen Trend und ergänzt die unter (1) und (2) aufgezeigten Fakten. Gleichzeitig wird die Politik all jene, die die Energiewende mitmachen belohnen müssen – und dieses Geld unweigerlich aus der Bestrafung derer holen, die lieber noch einen Vorkammer-Diesel fahren.

Youngtimer von Morgen

Beste Chancen auf Aussterben vor der rechten Zeit: die ersten Hybride

Halten wir fest (3): Die aktuellen Ansprüche an die Energiewende im Fahrzeugbau steigert die Komplexität der Automotíve Industrie dergestalt, dass das Vorhalten älterer Energiesysteme (Benzin- und Dieselmotoren) unwirtschaftlich wird, einhergehend mit den kommerziellen Folgen aus (1) und (2).

Wo befindet sich der Youngtimer-Fahrer, der Bewahrer Automobiler Kultur in dieser Rechnung in den kommende 8- 14 Jahren? In einem weitaus weiter entfernten Abseits als heute. Beim Prius wird keine kleine Werkstatt an der Ecke sagen können „Das mach ich schnell für einen Hunderter“ – das wird er schon deshalb nicht können, weil er a) die dafür nötigen Software-Komponenten zur Analyse nicht vorhalten kann und daher b) vermutlich nicht mehr existieren wird. „Selber machen“ – vor Jahren immer ein Top-Thema in der Youngtimer-Szene, stirbt folgerichtig in gleichem Maße oder treibt die verbleibende Szene zurück dahin, wo sie schon mal war: zu den Kfz-Mechanikern/Mechatronikern/Hardwarewhatevers.

Es ist paradox, aber der Youngtimer stirbt, weil ihn die Gegenwart nicht mehr zulassen wird. Wir werden Autos wegwerfen oder recyclen; nicht weil sie ökonomische, sondern weil sie ökologische Totalschäden sein werden.

Triste Aussichten? Ja.

Also: Genießen und zwar jetzt (und sich von der dunklen Seite der Macht nicht die Laune mit langweiligen Autos verderben lassen).

Anne Clark, ohnehin sehr weitsichtig, brachte es in Our Darkness schon zu Zeiten des W201 auf den Punkt:

There is no room for Ideals in this mechanical place


16 Gedanken zu „Warum Youngtimer bald sterben werden

  1. Es macht mich traurig ! Aber mit einer starken Youngtimer Szene im Rücken wird die Zukunft ja vielleicht nicht so düster. Das sich in den großen Autohäusern so niemand um die Bedürfnisse eines Youngtimer Fan´s kümmert, habe ich selbst schon erfahren dürfen. Gott sei dank habe ich eine kleine aber feine Werkstatt (in meiner Nähe) die mein Hobby teilt und mir hilft wenn´s mal brennt.

  2. Nichts Neues in diesem Artikel eines Dampfplauderers.

    Die deutsche Automobilindustrie erinnert mich an die
    Hersteller von Photoapparaten Ende der 60er-Jahre.
    Wer kennt heute schon noch die Firma KODAK?

    Die Karawane zieht weiter.
    Nächster Halt China. Deutscher Markt unwichtig.

    In 30 Jahren werden Hersteller wie Opel oder Ford vergessen sein.
    Auch Daimler(-ExChryslerExBenz) hat bereits mehr als die Hälfte
    seiner Seele verkauft.

    Porsche ist bald Geschichte.
    Wie Bugatti. Und Maybach.

    Vielleicht bleiben die Namen noch einige Zeit am Leben.
    AEG? Was war das nochmal?
    BYD ist die Zukunft.

  3. HI

    Ich sehe das nicht ganz so. „Früher“ dachte man ja auch das man komplexe Autos wie einen Düsenberg oder Bugatti niemals ohne den Hersteller erhalten würde können. Und was ist? Es werden neue Betriebe entstehen und Arbeitsplätze die sich genau um die alten Autos kümmern. Schaut euch doch um wieviele Betriebe es jetzt schon gibt wo die Technik für Ü30 Fahrzeuge repariert werden kann und seien es ersatzteile. Und das was wir jetzt für kompliziert erachten wird in Zukunft kein Problem sein.

    Und dass der Toyota Prius kompliziert ist, ist ein ammenmärchen. Toyota hat PERFEKTES Engineering bewiesen, siehe auch Pannenstatistik, da geht nichts kompliziertes Kaputt (im gegensatz zu einem VW Golf oder Passat oder Renault Megane). Aber auch dafür wird es lösungen geben denn gerade die Volumenmodelle werden betreut werden, ja klar nicht vom Hersteller, aber andere Firmen.

    Und NIEMAND wird den Herstellern einen Vorwurf machen (können) wenn diese nach 30 Jahren keine Ersatzteile mehr haben. Es gibt zig andere firmen die sich nur zu gerne darum kümmern! 😉

    Jedes Modell das beliebt ist wird auch erhalten werden, wenn wir den 22. Dezember 2012 erleben 😉 *ggg*

    In diesem Sinne, lasst euch nix einreden, klar dass die Firmen das nicht sooooo gerne sehen.

  4. Der Einzug der Elektronik ins Auto in der Vergangenheit ist der eigentliche Youngtimer-Killer der Zukunft: Elektronische Bauteile werden oft schon nach 10 oder 15 Jahren nicht mehr nachproduziert. Steuergerät kaputt – vorbei.

  5. Eine bekannte Wahrheit mal aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf den Punkt gebracht. Insofern kann man den Schreiber sicherlich nicht als „Dampfplauderer“ bezeichnen. Ich gebe auch Rainer recht wenn er (sinngemäß) behauptet, dass irgendwer in die Bresche springen wird, wenn die Hersteller die Ersatzteilversorgung endgültig einstellen. Die Frage ist dann nur: für welchen Preis? Denn da können wir sicher sein: billiger werden die Teile dann nicht.

    Insofern ist dann auch jeder Altkarren-Pilot selbst gefordert, sich nicht nur Gedanken um seine eigene Altersvorsorge, sondern auch um die seines Wagens zu machen. Wer sein Auto als Geldanlage in der Garage stehen hat, wird sich langfristig sicherlich über sinkende Renditen ärgern dürfen, wenn die Preise der E-Teile nach oben klettern. Und auch wer seine Karre einfach nur fahren möchte, sollte anstehende Reparaturen nicht auf die lange Bank schieben sondern machen, solange man noch relativ einfach an Teile ran kommt.

    Ich persönlich sammel schon seit einiger Zeit E-Teile zusammen um für die zu erwartenden Engpässe gerüstet zu sein. Da muss man dann eben eine Ecke in seiner Garage opfern und (mit Sinn und Verstand) anfangen zu horten. Ersatz-Agregat, Antriebsstrang, Bremssättel, Tachowelle usw. usw. Immer mal wieder bei Ebay gucken und versuchen ein Schnäppchen zu machen. Ordentlich einlagern und sich wieder ein Stückchen sicherer fühlen.

    Das Leben im Young- oder Oldtimer wird schon irgendwie weiter gehen. Am Ende kann man dann nur hoffen, dass die Kraftstoffe nicht ausgehen, bevor die Karre dahin gerottet ist. >;-)

  6. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht könnte in der Tat ein solch düsteres Bild abgegeben werden. Und dennoch sehe ich das ganze (noch) nicht ganz so negativ. Denn die Nachfrage nach Youngtimer ist unbestritten vorhanden und vor allem sind einige Automobilhersteller auf diesen Zug aufgesprungen. Es wäre fatal, wenn man auf dieses Klientel verzichten würde. Youngtimer fährt man nicht, weil man sich nicht einen neues Fahrzeug im Wert von mehr 30000€ leisten kann, sondern weil diese Autos mehr als Liebhaberei sind. Wer die Techno Classica in den letzten 3 Jahren besucht hat, wird beobachtet haben wie insbesondere Mercedes, BMW und VW Ihre Flächen sukzessive vergrößert haben. Es ist förmlich ein Marketing-Hype für Youngtimer.

    Warum gibt es auf einmal so viele Zeitschriften zu diese Thema?
    Warum spezialisieren sich immer mehr Gebrauchtwagenhändler die sich auf Youngtimer?
    Warum sorgen vor allem Mercedes, BMW und VW für eine stetige Ersatzteilversorgung?
    Warum erleben wir bei manchen Modellen(BMW E32, Saab 9000, Mercedes W124) innerhalb nur eines Jahres solche Preissprünge?
    Warum gibt es sogar Werkstätten und Sachverständige, die auf Young- und Oldtimer spezialisiert sind?

    Sicherlich stellt sich die Frage, ob und wie lange es so weiter gehen wird. Denn die automobile Lobby und der Staat haben diesbezüglich ein gewichtiges Wort mitzureden. Dennoch glaube ich nicht daran, dass Youngtimer gänzlich sterben werden. Wer möchte schon, dass solche Autos gänzlich von der Bildfläche verschwinden? 😉

  7. Was soll man sagen,irgendwie möchte man einen neuen Wagen fahren,der Dacia ist mitunter der einzige vernünftige Wagen,er bietet viel Platz,Übersicht und hat ein vernünftiges stabiles Fahrwerk.Wer aber meint die neuen Autos sind Umweltgerecht,der irrt-die alten Autos verbrauchten enorm weniger,die Sicherheit siehe Volvo,Mercedes gabs immer schon.Der Hybridantrieb hatte Porsche schon in Traktoren gebaut.Manche Faceliftmodelle die auch noch in 3 te Länder gebaut wurden werden die Oldies des nächsten Jahrzehnten denke ich.

  8. leider gibt es diese apokalyptischen ansichten seit ich in der youngtimer szene aktiv bin. freunde, ich kenne jetzt schon x freaks, die euch jedes e46 steuergerät reparieren/programmieren können – und der e46 ist noch nicht mal ein youngtimer! habt doch ein bisschen die phantasie, euch die zukunft vorzustellen! oder denkt einfach daran, dass die liebhaber von autos aus den vorkriegsjahren oder auch von autos aus den 50ern/60ern genau denselben blödsinn über unsere heiss geliebten youngtimer erzählen. und ja, ich bin ein manager aus der autoindustrie und ja, ich habe zwei wunderschöne youngtimer. und ja, es wird immer weitergehen. ausser ihr zerredet alles, was ihr nicht in der eigenen garage stehen habt (autos mit elektronik zum beispiel). – dann werdet ihr irgendwann nur noch meckern und euch nicht an eurem hobby erfreuen.

    1. In der Tat ist das genau eines dieser Themen, die sich gerade ändern – wir haben in den letzten Monaten hierzu ziemlich viel experimentiert – und siehe da: Gegenüber dem Erscheinungsdatum dieses Posts hat sich wirklich viel verändert 🙂

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