Warum Youngtimer nicht sterben werden

GAST POST von HAGEN HUND,
International Automotive Consultant


Es ist schon irgendwie krass: Der Artikel „Warum Youngtimer bald sterben werden“ ist der meistgelesene auf dieser Youngtimer-Plattform im Moment. Ich schätze den Kollegen Sören sehr – Lasst uns kurz den Versuch unternehmen, ein anderes Licht auf dieses Thema zu werfen.

Ich bin kein Wahrsager, daher möchte ich mich auf sichtbare Zeichen konzentrieren.

Sichtbares Zeichen Nummer 1: Der Youngtimer-Blog.de hat fast 2000 Fans

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Youngtimer Sterben? Von Wegen: Ausgezeichnetes Langzeitauto

Schließen wir den bevorstehende Weltuntergang einmal für den Moment aus, wird diese Seite weiterwachsen. Damit hat sie nicht so viele Fans wie Coca Cola und Nike – aber irgendwas scheint dran zu sein an dem Thema – viele emotionale Reaktionen zeigen das. Und warum ist das wichtig? Das Internet wird  zunehmend das Träger-Medium für Communities. Das bedeutet: Wo sich früher 15 Youngtimer-Fans in einer Region gefunden haben, finden sich heute schnell ein paar Hundert Fans eines speziellen Typs zusammen und können sich – und somit auch den Nachschub für Youngtimer, weit besser organisieren.

Das ist eine der wichtigsten systemischen Voraussetzungen für den Fortbestand bedrohter Fahrzeugarten.

Sichtbares Zeichen Nummer 2: Unbeherrschbare Technik wird beherrschbarer

Wer erinnert sich noch an die Installation von Windows 3.11 für Workgroups und die dafür notwendige Installation von DOS 6.0? Ein Alptraum, den unsere Eltern nicht beherrschten – sie hatten Angst davor. Aber der viel zu früh verstorbene Nils Koppruch hat es sehr nett auf den Punkt gebracht:

„Modern sind die Zeiten, solange ich denke“

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Youngtimer sind im Bereich Computertechnik extrem selten – sie machen hier auch weniger Sicht, weil sie mit den Nachfolgetechnologien nicht kompatibel sind. Youngtimer sind mit den Strassen der Gegenwart noch sehr kompatibel

Das ist vereinfacht, stimmt aber. Als der Kat kam, hatten alle Angst, als das ABS kam, der Airbag…. Moderne Steuer-Elektronik kann weit mehr, als die Lächerliche Steuerung eines ABS im W126 der frühen 80er. Und das ist es, was mich glauben macht, dass man Steuer-Chips irgendwann als eine Teilfunktion eines weit komplexeren Chips nachkaufen kann. So, wie man heute Universal-Fernbedienungen für ein paar Euro bekommt – und ich mich noch gut daran erinnere, wie meine Eltern 150 Mark für das Reparieren einer einzelnen, spezifischen Fernbedienung ausgegeben haben – und die hatte vielleicht 10 Funktionen oder so. Das ist ein ziemliches Ansinnen und vielleicht sogar grenzabsurd – ich halte es dennoch im Rahmen technologischen Fortschritts für wenig absurd. Ich kann mit meinem Smartphone auch einen Commodore C64 emulieren und parallel location based services nutzen, die der 64er nicht mal steuern hätte können.

Sichtbares Zeichen Nummer 3: Heutige Autos halten länger

Ich werde jetzt hier nicht am Mythos der Haltbarkeit einfacher Technik rütteln – aber das hat auch viele soziologische Komponenten.

Natürlich repariert sich ein altes Auto leichteren Herzens, wenn die Teile beim Bosch Dienst 25€ kosten… Dennoch sind Durchschnittsfahrzeuge heute viel höheren Dauerbelastungen gewachsen, als dies vor 30 Jahren der Fall war. Schon deshalb werden Youngtimer durchaus eine Massenhaltung mit Breitenwirkung sein. Das macht den Markt alles in allem wertvoller für größere Anbieter und erhöht die Grundgesamtheit. Die Nutzungsdauer privater Fahrzeuge steigt – entgegen subjektiver Wahrnehmung bereits seit 2005 – nur die Nutzung der Deutschen Dienstwagen ist noch so kurz und die Abwrackprämie hat – durch ihre Fokussierung auf Kleinwagen der Segmente 1 und Null die Nutzungsdauer statistisch verschoben. Dirk Durchschnittsdeutsch behält seinen Wagen heute dennoch länger.

200.000 Kilometer und mehr bekommen die meisten Serienfahrzeuge heute ohne weiteres hin. Die älteren unter uns erinnern sich da an ganz andere Werte.

Sichtbares Zeichen Nummer 4: Back to basic

Youngtimer sind so gesellschaftsfähig geworden, weil sie eine Geisteshaltung auf ganz anderer Ebene ausdrücken. Wer sich heute einen Dacia kauft, besitzt dennoch ein teures Ipad. Er kauft den Billigwagen vw_bus_youngtimer_t2nicht, weil er kein Geld für einen A6 hat – er hat andere Prioritäten. Speziell in Großstädten bringen Youngtimer das auch immer mehr zum Ausdruck und sind keine exklusiven Spielzeuge der Schrauber-Kaste mehr, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen.  Mit einem E34 kann man sich überall sehen lassen, ein A8 der ersten Generation wird gerade wieder cool, es muss nicht immer W124 sein. Die Automobilhersteller erkennen diese Bewegung so klar, dass sie mit Skoda, Dacia und weiteren Billigmarken verstärkt dahinsteuern. Die Mittelklasse verschwindet in allen Bereichen und wird durch Spreizung ersetzt., Da passt das soziologisch voll rein.

 

Alles in allem ist das größte Risiko daher die Computerisierung – in keinem Bereich der Gesellschaft oder Industrie wird alte Computertechnologien erhalten – sehr wohl aber durch modernere billigere ersetzt. Und die flankierenden Bewegungen dazu lassen mich professionell hoffen. Ebenso wie der langsam erkennbare Trend der Ersatzteil-Neuversorgung durch die Hersteller selbst. Das sind zunächst mal die Premium-Hersteller – aber denen haben wir jetzt auch lange genug klar gemacht, welcher Image-Wert darin steckt, um dich gegen die Import-Marken abzugrenzen – und hier sind Sören und ich dann mehr als zusammen – einen Dreck um ihre Youngtimer kümmern und Youngtimer sterben lassen – ebenso wie Opel und Ford. Mag sein, dass die andere Sorgen haben, langfristig klug ist es dennoch, sich um Youngtimer zu kümmern – die Überalterungs-Pyramide  kommt auch im Automobilbau.

4 Gedanken zu „Warum Youngtimer nicht sterben werden

  1. Es ist wohl wahr, die „Autos von heute“ halten so einiges aus. Ich kenne Zeiten in denen musste man Autos von Zeit zu Zeit sehr präszise reparieren. Immer mal wieder die Zylinderkopfdichtung neu machen, immer alles gut abschmieren (Schmiernippel) und immer überall den Rost wegmachen, weil der Wagen sonst der braunen Pest zum Opfer fiel.

    Alles in allem wird es den modernen Wagen etwas besser ergehen.

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