Renault R12: Hidden Champion

Aus dem Fiat 124 wurde DER LADA und hätte beinahe für ewig weitergelebt, der Käfer wurde im fernen Brasilien zusammen mit dem Bully T2 zum ewigen Leben befördert – bei den Franzosen war es der Renault 12.
Der Renault 12 kam mit seiner elegant spießigen Form bereits 1969 auf den Markt und wurde in Frankreich bis immerhin 1980 produziert – insgesamt waren die Modellzyklen der Franzosen damals zum Teil länger als die germanischen 8 Jahre, die sich zu einer Art Marktstandard etablierten.Renault R12
Doch die 11 Jahre Bauzeit waren für den Renault 12 noch lange nicht das Aus. Während bereits der irgendwie noch spießiger R18 als Nachfolger des R12 die Straßen Europas eroberte, wurde der Renault R12 in einer beachtliche zweiten Karriere sowohl bei Dacia in Rumänien als auch bei Oyak-Renault in der Türkei weiter produziert – und zwar länger als in seiner ersten Karriere! Erst 2003 war in der Türkei Schluss – die Rumänen bauten den R12 gar bis 2004 weiter, also 35 Jahre nach seinem Erscheinen. Whow – was ist also dran am Renault 12?
Immerhin bringt es der R12 in allen seinen Derivaten auf satte 8,7 Millionen produzierte Einheiten – das ist schon fast die Hälfte des legendären VW Käfers, der dafür im übrigen weit mehr Zeit beansprucht hat.

Renault R12 Sport

Ein ganz besonderes Exemplar, sozusagen der GTI der R12 Szene

Einmal war der Renault auf Simplizität, Robustheit, Durchhaltevermögen und einfaches Reparieren hin konstruiert worden – schließlich wollte Renault damit auch afrikanische Länder beliefern, die bei weitem nicht über die ausgefeilten und geteerten Straßennetze Europas verfügten. Die Konstruktion auf diese Zielländer brachte ihm große Federwege, eine extrem haltbare Starrachse und profane aber ebenso haltbare Motoren ein, mit denen man keine Bäume ausreissen konnte – Konkurrenten in der Mittelklasse wie Passat oder Audi 80 waren weit besser motorisiert, während ein Renault R12 Youngtimer praktisch nie über 150 fuhr – ausser in der Rallye-Version Gordini. Erst die türkischen Versionen der späten 80er waren kräftiger, ebenso einige Dacias.

Solidität von Renault – zum letzten Mal?

Das machte den Renault R12 eben auch zum idealen Ostblock-Auto, brachte ihm aber auch in Deutschland handfeste Vorteile wie geringe Anfälligkeit und geringe Reparaturkosten. Einer der Gründe, warum die Käufer des Renault R12 mit dem R18 kreuzunglücklich waren; der war zwar formal ähnlich, technisch aber grottig konstruiert und ruinierte den Renault Ruf in Deutschland genauso wie der R14 und der Fuego, die bei allen Statistiken zwischen total übel und katastrophal abschnitten. Eine britische Auto-Zeitung riet R18 Käufern später mit nicht geringem Ernst, den Dacia 1300 zu importieren „as this, being the former Renault R12, is solid at least“.

Renault R12

So sah ihn der Deutsche zum letzten Mal, bevor er in sein zweites Leben eintauchte: Renault R12

Auch aus heutiger Sicht bietet der Renault R12 nicht nur den unanfälligen Grund-Aufbau. Der Wagen war innen groß – der Kofferraum größer, als die abfallende Linie vermuten ließ. Wer den Wagen heute fährt, kann die Federung immer noch als passabel komfortabel empfinden – allemal besser als die schwamm-Fahrwerke des späteren Renault R18.

Die Dacias haben andere Federn, durch die der Wagen schon zu hochbeinig ist und auf lange Bodenwellen schwankend wirkt – aber hey: der Wagen kam 1969 auf den Markt – fahr heute mal einen Käfer aus dem Jahrgang…

Neben aller Robustheit hatte der Renault R12 natürlich dennoch ein Rostproblem, wenn auch beileibe kein so dramatisches wie die Modelle, die von vornherein auf den Europa-Markt hin konzipiert worden waren, wie etwa R14 oder R20, deren Rost komplette Beschwerdeabteilungen am Leben erhielt…

Einen R12 als Youngtimer kaufen? Pfff… wo?

Die unbestreitbare Eleganz und Zeitlosigkeit der R12-Linie macht ihn heute zum echten Hingucker, mit dem man gerne und oft angesprochen wird.

Renault R12 Kombi

Speziell der Kombi des Renault R12 hatte eigentlich eine fantastisch ausgeglichene Linie – und er war weit größer als ein Laguna von heute

Leider muss man das mit 3 tränenden Augen sagen: Wie bei allen Renaults ist die Dichte auf dem Deutschen Markt heute praktisch gleich Null. Auch in den Niederlanden, wo der Renault R12 sogar fast 2 Jahre länger angeboten wurde als in Deutschland, ist der Markt wie leergefegt – speziell in Meeresnähe griff das Rostproblem durchaus kräftiger zu.

Darüber hinaus ist Renault leider nicht gerade begabt darin, Autos mit Ersatzteilversorgung am Leben zu erhalten. Schon Mitte der 80er straffte Renault das Ersatzteilprogramm brutal und fasste Einzelteile zu großen teuren Einheiten zusammen, bei denen  man dann Blinker nur zusammen mit Scheinwerfer bekam und ähnliches, was ebenfalls dazu beitrug, den Erhalt des Wagens signifikant zu erschweren.

Selbst in Frankreich ist das Angebot dürftig – auch wenn man hier hin und wieder noch einen Renault 12 Break findet, der in Deutschland in den späten 80ern im Rahmen studentischer Umzüge missbraucht, geschunden und entsorgt wurde.

Ein trauriges Bild für ein großes Welt-Auto – aber eben auch symptomatisch für eine Marke, die mit ihren Klassikern sorglos schlampig und schändlich umgeht.



5 Gedanken zu „Renault R12: Hidden Champion

  1. Als Kind wuchs ich in Rumänien auf, der Dacia 1300, später die Variationen 1302, 1310 und andere, gehörten einfach zum Straßenbild dazu, wie der Kopfsteinpflaster und später die abermals geflickten, geteerten Straßen.
    Meine Freude war groß, als ich einen 1973-er Variable aus den Niederlanden ergreifen durfte, doch ach, der deutscher Verkäufer war ein Blender und das Auto auch schon zusammengeschustert…
    Wirklich schlecht, daß Renault kein Herz für die Oldtimergemeinde hat und viele der Teile in Rumänien eher schlecht, denn recht nachgebaut wurden, die Türkei recht früh sich anderen Automarken widmete…
    Die elegante, klare, schnörkellose Linie überzeugt bis heute, die schmalen Dachsäulen, das hervorragende Rundumblick, die wirklich einfachste und nach kurzer Einarbeitung gut beherrschbare Technik sind einfach unschlagbare Argumente für einen Alltagsklassiker für den schmalen Geldbeutel eines ewig, notorisch klammen Autobegeisterten.
    Im Himmelblau, mit den obligatorischen Skai-Sitzen einfach ein Traum, der nach vielen-vielen Jahren wahr wurde.

  2. Der Renault R 18 ist nicht Nachfolger des Renault R 12, sondern des Renault R 16.
    Nachfolger des Renault R 12 war (vorübergehend) der Renault R 14 und schließlich der Renault R 9.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.