40 Jahre Kadett gegen Golf

Bei unserem traditionellen Angrillen mussten wir diese Jahr tatsächlich einen entfernten Nachbarn mit anhören, der sich stammtischgerecht zitierfähig äußerte mit „Der Kadett verliert seit 40 Jahren jeden Test gegen den Golf – warum soll ich da überhaupt noch einen Astra probefahren .- Zeitverschwendung!“

Ist es denn wirklich so einfach? Ist die Golf-Klasse tatsächlich ausschließlich vom Golf bewohnt und der Kadett der vorgebuchte Verlierer?

Phase 0: 1962 bis 1974

Kadett A

Ganz so romantisch, wie das GM Bilderarchiv glauben machen will, war er nicht – aber ein dekoratives auto war der A Kadett

Wollen wir doch mal fair sein beim Vergleichen: Wie so oft später hatte Volkswagen alles andere als die Nase vorn – auch Autos wie der VW Tiguan und der VW Sharan kamen erst, als der Markt schon längst da war und mutigere Firmen den Weg gebahnt hatten, während VW schlief. Vor 1974 schlief VW sogar gründlich und tief und wäre beinahe nicht mehr aufgewacht, Die Käfer-Politik war desaströs, auch wenn die Autozeitungen eine Zeitlang im Sinne des Wirtschaftswunders noch mitgespielt hatten. Aber Mitte der 60er wurde der Käfer langsam zu Relikt, während Opel 1962 den erste Kadett auf den Markt brachte. Eine schnuckelige kleine Limousine, die mit ein bisserl Chrom übergossen war und mal ganz entschieden mehr hermachte als der Käfer, dem er nicht nur die Limousinen-Linie voraus hatte, sondern auch selbstverständliche Dinge wir einen echten Kofferraum. Käferfahrer waren da demütig und stopften Gepäck unter die vordere Haube und hinter die Sitzbank, wo einerseits auch kein Platz war und man sich außerdem furchtbar verbiegen musste, weil es auch gegen Geld keine hinteren Türen gab, die eine Ente und ein R4 von Beginn an hatten…

Opel Kadett B

Ausgeglichene schöne Form, die in diesem Bild einfach wunderbar zur Geltung kommt

1965 reichte Opel den nochmals deutlich repräsentativeren Kadett B nach, etwas sachlicher gezeichnet, schon ein kleiner Rekord, wenn man so wollte – ein Wagen, der zeigte, dass man mehr wollte – und das von einer Marke, bei der man mehr bekam – bis hin zum großen Diplomat / Kapitän / Admiral, die echte Staatskarossen waren. VW baute 1965 das 317. Facelift vom Käfer und ließ sich von den Autozeitungen schon für neue Webmuster auf den Sitzbezügen feiern und zahlte dafür mit dicken Kampagnen in den großen Blättern – solche Parallelwelten findet man sonst nur in sozialistischen Ländern oder bei George Orwell.

Man darf das nicht falsch verstehen – der Käfer war kein schlechtes Auto – 1949. Und der Käfer hat Qualitäten – aber Fortschritt erkannten hier nur noch religiöse VW Fanatiker – während Opel dem Kadett B auf Wunsch 4 Türen mitgeben konnte, ein Coupé Juwel der Extraklasse oder einen Kombi – und selbst der war dekorativ. Obendrein war der Kadett leichter und dynamischer, besser gefedert und sein gefühlter wie objektiver Innenraum lagen eine Klasse über dem Käfer-Niveau. die Vierzylindermotoren waren darüber hinaus halb so laut wie ein Käfer auf Drehzahlen,

Artenvielfalt, neben der der Käfer peinlich wirkte: Opel Kadett B

Artenvielfalt, neben der der Käfer peinlich wirkte: Opel Kadett B

Pardon, Nachbar – Bis hierher steht es also erst mal locker 2:0 für Opel, aber mindestens.

Phase 1: 1973 bis 1979

Nach 8 Jahren wirft Opel den Kadett C auf den Markt. Der erreicht in den kommenden Jahren zwar über anderthalb Millionen Exemplare, ist aber auch nicht ganz umstritten. Technisch gesehen begeht Opel oder genauer gesagt Mutter General Motors hier einen ganz entschiedenen Fehler. Der Kadett C ist ein Weltauto nach Wünschen der US-Manager, der ganz neue Märkte erschließen soll. Aus diesem Grund ist die Karosserie anders konzipiert, einfacher herzustellen und auch kleiner. Außerdem ist der Wagen weniger repräsentativ.

Noch schlimmer: Die Werke Bochum und Antwerpen favorisieren zu dieser Zeit einen ganz anderen Ansatz: ein alternativer Entwurf, der später ebenso gerne verschwiegen wird wie halbherzig umgesetzt, verschwindet in der Konstruktionsphase wieder – nach dem Vorbild der französischen und italienischen Hersteller Schweben der späteren Antwerpen-Besatzung und Bochum ein modernerer Wagen mit Schrägheck und Frontmotor vor. Dieser wird später als Kadett City umgesetzt – und floppt aufgrund seiner Halbherzigkeit zurecht. Alfa Romeo platziert einen solchen Wagen mit dem Alfasud, Fiat hatte bereits ein Jahr vorher mit dem 127 einen Wagen gelauncht, der den Käferartigen Fiat 850 radikal ablöste, Renault 6 und Renault 16 hatten gezeigt, wie sich die Platzverhältnisse in so einem Wagen ändern würden und welche Möglichkeiten in diesem Konzept steckten, der Simca 1100 war eine kleine Revolution – aber General Motors wollte die klassische Limousine.

Opel-Kadett-C-GruppeAls Weltmarktentscheidung richtig, wie sich zeigen sollte – der Wagen wurde auf diversen Märkten bis zum Sanktnimmerleinstag erfolgreich gebaut – erst in den späten 80ern liefen die Kadett C Klones in vielen der damaligen Schwellenländer aus.

Schlicht, profan, erfolgreich

Schlicht, profan, erfolgreich

Genau den Wagen, den Bochum gewollt hatte, wirft 1974 plötzlich mit einem Paukenschlag der Wolfsburger Konkurrent auf den Markt – der Golf ist geboren: Frontmotor, quer eingebaut, Frontantrieb, Kompaktkarosserie mit großer Heckklappe. Der Golf war ein Paukenschlag.

Und plötzlich sah das Leben in Bochum und Rüsselsheim viel trauriger aus. Der Golf war einfach besser – dynamischer, billiger, knackiger, angesagter. Es bildet sich zwar eine Kadett C Szene heraus, die viel um den Tuning-Kosmos kreist – aber die Massen rennen zum VW Händler und kaufen den Golf.

Da sagen wir mal: 2:1 für Opel.

Phase 2: 1979 bis 1983

kadett_d_eltern

Der Golf I von Opel

1979 zieht Opel pflichtschuldig nach und kommt mit dem Kadett D – der Golf von Opel, anders kann man es nicht sagen. Aber hier mal ganz klar, Herr Nachbar: Dieser Wagen gewinnt den großen Vergleichstest in der Auto Motor und Sport. Phasenweise erobert der Kadett D sogar die Herzen der Deutschen wieder zurück und ist der bestverkaufte Wagen Deutschlands. Es scheint, dass Opel Boden gut gemacht hat. Zurecht: Der Kadett D greift den Golf gezielt an – beispielsweise mit längerem Radstand, der den Passagieren auf der Rückbank weit mehr Platz offeriert. Die Fahrdynamik ist vom langen Radstand beeinflusst und sorgt am Ende für den Sieg im Fahrkapitel, in dem der Kadett Golf und Escort 1981 an die Wand schmettert.

Der Kombi rundet das Programm ab! Da sagen wir mal: 3:1 für Opel – und Respekt für die Reaktion.

Phase 3: 1983 bis 1984

golf_gti_spaetes_modellPaukenschlag Nummer 2: Der Golf 2 erscheint. Aber Hallo. Der Golf 2 wirkt selbst heute nicht völlig veraltet. VW hat in dieselben Punkte investiert wie Opel – nur weit besser und konsequenter. Der Golf 2 bringt die „Golf-Klasse“ auf ein neues Level – qualitativ wie auch im Fahranspruch. Der Golf 2, erst recht nach dem späteren Facelift, ist ein leises Auto, dass sich weit erwachsener fährt als alles, was die Klasse sonst zu bieten hat. Folgerichtig outperformed er den Kadett D in ihrer kurzen parallelen Bauzeit und degradiert den Escort zum Statisten, der sich fortan eher über Flottengeschäfte über Wasser halten muss.

Das Duell steht 3:2 – und beinahe wünscht man sich, dass man hier stoppen könnte…

Aber nein:

Phase 4: 1984 bis 1992

Opel launcht den Kadett E – nach gerade einmal lächerlichen 5 Jahren Bauzeit des Kadett D. Warum Opel diesen Wagen auf den Markt bringt, war uns immer unerklärlich. Man wünscht sich historisch, dass Opel sich lieber eine Auszeit genommen hätte und 2 Jahre später ein richtiges Auto auf den Markt gebracht hätte.

kadett_eDer Kadett E ist das langweiligste Auto, das Opel im Verhältnis zu den Wolgfsburgern in dieser Klasse je auf den Markt brachte. Mit verlottert alten Motoren ausgestattet, in einer hässlichen Karosserie verpackt, rostanfällig bis in die Scheiben, einen Innenraum mit sozialistischem Flair… Man fragt sich sehr ernsthaft, wie Opel sich mit solchen Autos selbst den Ast des Erfolges absägen konnte.

Man muss sich das Drama des Opel-Abstieges hier noch einmal klar vor Augen führen, denn in dieser Phase blicken wir in das hässliche Gesicht vermeidbaren Misserfolges und unfreiwilliger Exklusivität, die Opel trotz größter und respektabelster Anstrengungen in Deutschland nie mehr aufholen konnte. Bis hierher war noch alles okay. Hätte man den Kadett D anständig facegeliftet und vielleicht zum Spaß noch verzinkt: Wir würden heute auf einen anderen Opel schauen. Dann noch einen liebevollen Ascona D und einen qualitativ guten Rekord F…

Aber nein: während der Golf 2 sich zum klassenlosen Deutschland-Liebling entwickelt und zudem der Lieblings-Zweitwagen der Mercedes-Fahrer wird, stellt Opel mit dem Kadett E ohne Not sein häßliches Kellerkind in den Showroom, dessen Plastik-Anbauteile schneller verbleichen, als Du Caravan sagen kannst. War das wirklich nötig? Nur noch rund die Hälfte an Kadett kann Opel in dieser Zeit im Vergleich zu Volkswagen absetzen – und im Privatmarkt, wo die gut ausgestatteten Wagen mit der höheren Rendite fahren, sind es weit weniger. Das 3:3 ist hier so klar, wie nur was.

Phase 5: 1992 ff

Das 4:3 wird von Volkswagen souverän und entspannt gespielt – und nicht nur das: es läutet auch gleich den Todesstoß und das Ende ein. Der Golf 3 ist die konsequente Weiterentwicklung der erfolgreichen Ikone – der Astra F die nächste Variante der Weltauto-Freundlosigkeit. Pardon, Opel – hier habt ihr geschlafen – und dann bringt VW noch den Kombi und nagelt die Sache zu.

Das wars.

Aber da befinden wir uns ja schon in einer Phase, in der die Journalistische Verantwortung des Youngtimer Blogs endet. Und bis dahin, Herr Nachbar – haben wir einen Gleichstand – wie so oft ist das Leben komplexer, als es sich an der Theke anfühlt… ;D