Audi 100 C4: Der letzte Audi 100

Audi 100 C4

Die orangen Blinker sind heute bei vielen Modellen Klarglasblinker – sie wirken angenehm alt

Man mag es kaum glauben, aber auch die jüngsten Audi 100 sind mittlerweile 19 Jahre alt. Zeit, einen intensiveren Blick auf ein Auto zu werfen, das für Audi eine große Bedeutung hatte.

So brachte der Audi 100 etwa den langersehnten Sechszylinder, mit dem man so prima gehobene Mittelklasse spielen konnte – und zu allem Überfluss kam sogar noch ein Achtzylinder. Mit dem Audi 100 C4 zeigte Audi, dass man mit ihnen jetzt nicht mehr spaßen konnte – Audi war bei den großen 3 angekommen und kein aufgeplüschter VW mehr. Tatsächlich war das mit dem Vorgänger, dem Typ44, auch schon so gewesen – die Auto Motor und Sport mochte es aber noch nicht recht zugeben. Gut, man gestand ihm zu, dass er mehr Platz hatte als W124 und E34 – ebenso, dass er weniger verbrauchte und durch seine Verzinkung natürlich auch eine Haltbarkeit mit sich brachte, nach der sich andere die Finger leckten – und das ganze kombiniert mit einer besseren Traktion.

Audi 100 C4 innen

speziell mit den 3 Zusatzinstrumenten wirkt der Audi 100 Youngtimer angenehm wuchtig – der Innenraum ist es ohnehin

Da konnte man als BMW oder Mercedes-Kunde ja plötzlich schon ins Grübeln kommen, aber Tests wurden dann aber am Ende stets für einen der beiden anderen entschieden, weil es dem Audi an Prestige mangelte [er war günstiger] und er „bei hohen Geschwindigkeiten auf Querfugen zum Stuckern neigte“. Ah ja.

Außerdem nickte der Typ44 beim Bremsen – zugegeben – das tat er wirklich. Gerade in dem Bereich fasste sich Audi ein Herz. Bei den ersten Pressevorführungen – und einer durfte ich damals beiwohnen – war das ein Riesenthema. Wenn man die Journalisten fahren ließ, wollten sie das wissen. Fakt war: So richtig interessierte es sie dann doch nicht, weil an dem Wagen alles andere so cool geworden war… Der Innenraum war GROSS und repräsentativ – Audi hatte sich hier und da ein bisschen Chrom getraut, tolle Materialien verwendet, alles wirkte ungemein robust, hochwertig – und erneut so, als sei es für die Ewigkeit gebaut. Zusammen mit der Verzinkung steckte hier schon eine ziemlich starke Ansage drin.

Audi 100 C4 weiss

Fetzig, wenn man ihn lässt

Hinzu kam: Am Fahrverhalten war jetzt wirklich nix mehr zu meckern, das kapierte man sofort. Neben dem Audi 100 C4 wirkte ein Mercedes W124 plötzlich in allen Dimensionen ein wenig altbacken und ein E34 konnte auch nicht mehr mit viel mehr Sportlichkeit auftrumpfen. Der Audi 100 C4 hatte es geschafft: er war aufgenommen worden…

Tatsächlich hatte schon der Typ44 eine ganz solide Rolle in Fuhrparks gespielt – der Audi 100 C4 jedoch schaffte jetzt einen wirklich stattlichen Anteil. Plötzlich konnte man als Manager mehr als 2 Marken kaufen [Opel spielte mit Omega und Senator zu Beginn der 90er schon keine echte Rolle mehr in den Fuhrparks des Managements]. Und man konnte Front- und Allradantrieb fahren. Bei Allrad konnte Mercedes noch ein bisschen mithalten, BMW mit dem 5er nicht – und der hatte auch so schon eine schlechtere Traktion auf Schnee als der W124.

Audi 100 c4

Schowroomquality – man findet sie noch, aber nur als Limousine

Hier hatte Audi sich ganz klar ein Segment erschlossen, das Sinn machte – Mercedes und BMW waren nun definitiv nicht mehr allein. Der große Kombi rundete das Bild ab – der war größer als der des BMW und kleiner als der des Mercedes, bot dafür einen sportlich wirkenden Heckabschluß – woraufhin es ja später auch heißen sollte „Schöne Kombis heißen Avant“.

Tatsächlich hat der Audi 100 C4 auch heute noch etwas sehr zeitloses an sich, fällt im Strassenverkehr zunächst gar nicht so richtig auf. Vielleicht auch, weil Audi keine rabiaten Designänderungen bei den Nachfolgemodellen durchgeführt hat, wie etwa BMW oder auch Mercedes mit dem Vieraugengesicht und Ähnliches. Der Audi Youngtimer ist zeitlos. Und das ist nur eine seiner Langzeitqualitäten. Schaut man sich seine 2 Jahrzehnte TÜV-Geschichte an oder die Ergebnisse von ADAC oder Institutionen wie dem Reliability Report, so wird klar: Es gab kaum je ein besseres Auto in dieser Klasse, was die Haltbarkeit angeht – selbst der heiliggesprochene W124 hält nur gerade so mit. Der Audi 100 C4 ist ebenso robust wie zuverlässig und legte dabei interessanter Weise auch noch mehr Kilometer zurück als seine beiden wichtigsten Mitbewerber… Das las man seinerzeit auch oft in Taxi-Foren.

Audi 100 c4 Avant

So ist er eigentlich am schönsten und am zeitlosesten

Auch sonst ist der Audi 100 heute ein guter Kauf: Die Preise sind nicht ganz so im Keller, wie man meinen könnte, aber streng unterhalb des Typ44 – und man bekommt unheimlich viel Auto fürs Geld – und eben straffe Qualität in allen Belangen. Selbst die Sitze fühlen sich auch nach 300.000 Kilometern noch toll an.

Unterdurchschnittlich sind die Bremsschläuche, die Handbremsen und die dösigen Faltenbälge der Vorderachsen – wenn auch nicht mehr so schlimm wie beim Vorgänger. Hier und da stressen Silentblöcke – die Zahnriemen und die Thermoschalten waren stets eine potentielle Ärgerquelle. Obszön teuer: das Reparieren der frühen TDIs. Da gönnt man sich lieber einen gepflegten Youngtimer mit Benzinmotor – bei Leistungseinsatz keine Kostverächter, aber im Rahmen.

Der beste von allen ist dabei der 2.3er 5 Zylinder in der Summe seiner Qualitäten. Der kaum stärkere 2.6er verbraucht deutlich mehr und fühlt sich trotz deutlich überlegenen Drehmomentes nicht viel kräftiger an – harmoniert allerdings besser mit der Automatik, deren Hebel man aus Sicherheitsgründen immer erst runterdrücken muss. Der 82PS Diesel ist eher mild, der größere Diesel im Reparaturfall ein Albtraum.

So diskret bewarb Audi das Top-Modell mit dem Hammer V8

So diskret bewarb Audi das Top-Modell mit dem Hammer V8

Der zweifellos coole S4 mit seinem sehr dezenten Auftritt, dem man einen 4.2 Liter Motor nicht zutrauen würde, ist ein unglaublich geiles Sportgerät mit traumhafter Straßenhaftung – bis heute ein Genuss eines Sportwagens in Tarnverpackung: diskret, gigantisch schnell… sehr lässig.

Auffällig sind beim letzten Audi 100 die teilweise gigantischen Laufleistungen, die nur einen sehr geringen Einfluss auf die Preise haben. Tatsächlich ist es leichter, einen Typ44 in Rentnerqualität mit 67.000 auf der Uhr zu finden, als dies beim Audi 100 C4 der Fall ist. Rentnermodelle gibt es hier und da mit dem kleinen Motor und dann gerne ohne Klimaanlage, was bei den schräg stehenden Scheiben nervt, wenn auch nicht so stark wie beim Vorgängermodell.
1994 war dann Schluß mit dem Audi 100 – ab da hieß er A6, blieb aber im Herzen erst einmal gleich. Aber der alte Name war einfach kerniger…



8 Gedanken zu „Audi 100 C4: Der letzte Audi 100

  1. Der V8 hat (zurecht) einen schlechten Ruf, dafür habt ihr den besten Motor der Baureihe – 20vt – unter den Tisch fallen lassen. Schade.

  2. Hab mir kürzlich (als 20-jähriger) zum Spaß & Schrauben einen C4 2.8 quattro von 1992 als Zweitwagen (neben BMW 1er von 2010) gekauft.
    Hat 275.000km (Innenraum absolut top!), ist 7. Hand und Außen total (!) runter gerockt…. Hat dafür nur 500€ gekostet (incl. 5 Monaten TÜV) was extrem günstig ist. Zur Zeit sind nur 5 Stück inseriert (2.8 quattro als Limousine).
    Ausstattung hat er dafür keine, nicht mal Klima ist drin…
    Aber ich bin echt begeistert von der Qualität. Es klappert einfach nichts und alles ist sehr wertig. Und das, obwohl er beim Vorbesitzer 3 Jahre lang Winterauto war.

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