Strichacht: Die Schwelle zum modernen Automobilbau

Mercedes Strichacht

Deutschlands Marktführer war ein ungewöhnlich gutes Auto und in der Summe seiner Detailverliebtheit so weit vorne, dass er zurecht von allen kopiert wurde

Mercedes Strichacht – das ist nun wirklich kein Youngtimer mehr – er war einer, als ich meinen Führerschein gemacht habe. Daher hat er auch seinen Namen: Seine Modellbezeichnungen waren exakt die gleichen wie die des Vorgängers „Heckflosse“, also brauchte man etwas, das die Wagen differenzierte, beispielsweise in den Kleinanzeigen der Zeitungen – dafür etablierte sich /8 für das Erscheinungsjahr 196/8.

Strichacht: Hype oder Meilenstein?

Wenn man heute in einen Strichacht – der mit korrektem Namen je nach Motorisierung eigentlich W114 oder W115 heißt – steigt, versteht man tatsächlich nach wenigen Metern, warum der Wagen eigentlich so angebetet wurde – oder vielleicht sogar wird. Klar – der Wagen ist ein Oldtimer heute, aber fährt es sich so? Nein – der Wagen ist immer noch stämmig und satt – und wenn man es mal übertreibt in der Kurve – dann fängst Du den noch locker ein.

Strichacht

Heute in jedem Golf zu haben – aber das war eine echte Revolution in der Summe der Qualitäten und trägt unheimlich zum Wohlfühl-Faktor des Strichacht bei

Die ältesten Exemplare sind 46 Jahre alt. Als ich den Wagen zum ersten Mal fuhr, stammten 46 Jahre alte Autos aus dem Jahre 1942! Das waren echte Oldtimer – der Strichacht ist mehr eine Art alte Ausgabe eines heutigen Autos.

Warum? Weil er in vielem die Standards neu gesetzt hat, was heute im Automobilbau nur noch ganz selten vorkommt. Einmal sind da diese dicken Polster rundherum – nicht die Sitze, sondern die deutlich abgepolsterten Türen, das Lenkrad – das war nicht nur neu, es war hier auch vollkommen integriert. Der Mercedes Strichacht wirkt nicht mehr wie ein Auto, das halb zufällig aus Einzelteilen entsteht – da gibt es plötzlich ein Gesamtkonzept mit einer Mittelkonsole und ähnlichen Dingen. Dagegen wirkten Mitbewerber wie ein Opel Rekord C schier dilettantisch unvollkommen.

Fahren im Strichacht: Immer noch ein Erlebnis

Strichacht

Der Strichacht ist kein Heiliger – Der Rost nagte gerne und intensiv an ihm, in einigen Baujahren taugte die Karosse nahezu nichts

Ich erinnere mich noch ganz genau an meine erste Fahrt im Strichacht – ein 240D in der 72PS Version mit Automatik. Der Wagen war objektiv sicherlich irgendwie langsam, aber er fühlte sich nicht so an. Angefangen bei den legendären Mercedes-Türen, die dick und satt klangen, war nach ein paar Metern Fahrt im Strichachter sofort klar, dass viele modernere Autos (Mein Vater fuhr einen zeitgemäßen Jetta 2) immer noch nicht dort angekommen waren, wo der Mercedes Strichacht bereits 1968 war! Dieses Gefühl stellt sich auch heute noch ein. Der Wagen liegt immer noch unglaublich satt & sauber auf der Strasse. Das Fahrverhalten ist so untadelig, dass man nie das Gefühl bekommt, hier irgendwie vorsichtig oder gar zögerlich unterwegs sein zu müssen.

Mercedes Benz Strichacht

Ausgeglichen und dadurch schön und einfach

Soll das wirklich ein Oldtimer sein? Auf dem Papier wohl schon – aber dadurch, dass alle ihn im Anschluss imitiert haben, fühlt er sich immer noch so eigenartig gegenwärtig an. BMW kam 1986 final auf diesem Level an, Audi 1990, andererseits hat auch Mercedes mit dem W123 nicht so viel nachgelegt und im Anschluss den sehr guten W124 so lange gebaut, bis viel zu viele mit Mercedes mithalten konnten.

Und jeder, der mal Boxen in die Hutablage bauen wollte, ahnt, warum sich der Strichacht so unglaublich fest und satt anfühlt – der ist einfach ernsthaft aus Stahl…. Auch sonst: Die Komfort-Maße des Wagens haben sich in den folgenden 30 Jahren praktisch nicht verändert – scheinbar eine gute Größe und alles am rechten Platz.

Aber aus heutiger Sicht kommt hier auch hinzu, dass Mercedes mit dem Strichachter wohl einfach auch unglaublich weit vorne war und es vielleicht einfach an Autos gar nicht mehr so viel zu verbessern gab, wie uns die Autozeitschriften aus substanziellem Eigennutz immer erklären wollen.

Am Ende war der Strichacht dann irgendwann das meistverkaufte Auto Deutschlands. Irgendwie zurecht.

10 Gedanken zu „Strichacht: Die Schwelle zum modernen Automobilbau

  1. Der Stricher war 1984 mein erstes Auto. Ich werde Ihn wahrscheinlich vererben. Er tut heute wie vor 45 Jahren seinen Dienst. Und das jeden Tag! Auch heute noch. Die wenigsten Autos schaffen das.

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