Na, bist Du schon Jetta-jährig?

Der Jetta erschien 1979 – und er sollte eigentlich Golf Stufenheck heißen. Volkswagen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie alles mögliche im Massenmarkt zum Erfolg führen konnten – Stufenheck-Limousinen waren stets gefloppt: der K70 war ein Desaster gewesen, vom 1500er VW mal gar nicht zu reden. Sollte man da den Leuten auf die Nase binden, dass es sich beim Jetta eigentlich um einen Golf mit dem kassengfitigen Stufenheck handelte? Ungern.

Jetta

Der Jetta im Reigen seiner Mitbewerber. Eigentlich war er eine Nummer kleiner – Die Volkswagen Gruppe wiederholte diesen Spaß weit später mit dem Skoda Octavia

Kurz vor Ende der Entwicklung wurde eine Werbeagentur mit der Findung eines griffigeren Namens betraut – aus dieser Übung kam „Jetta“ heraus, denn Volkswagen peilte eine Zielgruppe junger Berufsaufsteiger an, die einen Kontrapunkt setzen wollte, einen cleveren Wagen – kompakt wie sportlich, fahren wollten. Eine Art Wolfsburger 3er BMW. Hier jedoch lag Volkswagen wieder einmal gründlich falsch – wie so oft. Der Golf Plus war auch für junge Familien gedacht, der Touran ebenso – gekauft wurden beide von Rentnern – und so auch der Jetta. Wenn man mal einen jugendlichen Jetta Käufer der ersten Generation traf, dann war der 49 – in der Jetta Zielgruppe galt dieses Alter schon fast als infantil…

Jetta I marsrot Youngtimer Bilder

Später wurde der Jetta I gerne zum Tuning-Opfer der Generation der Söhne

Der typische Jetta Fahrer trug Blousonjacken, kämmte die grauen Haare mit dem Kamm nach hinten, verwendete Seborin Haarwasser und Tabac Original – und die Kinder waren schon fast schon aus dem Haus, nix jugendlicher Manager. Für den sollte der Name „Jetta“ nämlich nach Jet-Set klingen und entsprechend englisch ausgesprochen werden. Auch hier versagte die Zielgruppe, die etwa Jahrgang 1920 war und Englisch nur aus der Kriegsgefangenschaft kannte. Der Wagen hieß fortan „Jetta“ – so, wie man es schreibt… Schließlich hieß Jazz in dieser Zielgruppe auch nicht Jähss, sondern Jatz

Jetta

Unfassbare Konzerndummheit – warum wurde dieses Auto nie gebaut?

Nachdem das ganze also VW-typisch mit der selbstgewählten Wunsch-Zielgruppe schief gegangen war, passierte jedoch etwas erstaunliches: Der Jetta entwickelte sich in dieser Zielgruppe als quasi-Standard. Ein VW Manager ließ sich witzelnd zitieren mit „Wir haben genau das Auto im Programm, dass Opel grad rausgeschmissen hat – und es ist ein riesen Erfolg!“ Gemeint war mit dieser Stichelei der Kadett C – die Stufenheck-Limousine hatten die Rüsselsheimer gerade aus dem Programm geschmissen und gegen eine Kopie des Golf, den Kadett D, ersetzt – und nun wussten die traditionsbewussten Käufer tatsächlich nicht, was sie kaufen sollten. Opel importierte in seiner Verzweiflung sogar die britische Version des Kadett C, der in seinen letzten Jahren durch seine katastrophale Verarbeitung auffiel und die traditionsbewussten Käufer schließlich endgültig in die Arme von VW trieb – eine historischen Randnotiz nur, doch sicherlich eine wichtige in den zahlreichen Mosaik-Steinchen, die Opel ins Straucheln brachten.

Schon allein der unfassbare 630 Liter Kofferraum war bei der Zielgruppe der Hit – klar: 38 Zentimeter Plus gegenüber dem Golf waren ein Wort.

Jetta Kofferraum

Der Kofferraum war eines der wichtigsten Argumente für den Jetta – hier der Jetta 2

Bizarr aus heutiger Sicht und vollkommen unverständlich: Warum baute VW nicht – wie Opel das beispielsweise auch mit dem C-Kadett gemacht hatte – auf dieser Basis gleich den Jetta Kombi?
Jetzt kann man sagen „Naja – das Modell sollte ja nur noch 4 Jahre laufen…“ Okay – also: Bizarr und vollkommen unverständlich: Beim Nachfolger von 1983/1984 stand die Jetta Plattform von Beginn an zur Verfügung! Da hätte doch irgend etwas bei den Wolfsburgern klingeln müssen – da hätte doch jemand nach dem Kombi schreien müssen, zumal der beim Konkurrenten, der mittlerweile Kadett E hieß, so ziemlich das wichtigste Element der ganzen Modellreihe war, der Escort Kombi verkaufte sich ebenfalls hervorragend in diesem Segment, Toyotas Corolla Kombi war ein Hit. Unerklärlich – oder tatsächlich ein Tribut an die Opa-Zielgruppe, die VW wohl mittlerweile als faktische Käufergruppe hingenommen hatte..

Jetta 2

Dauerbrenner in den USA – und sogar von der Wunschzielgruppe gekauft: Jetta 2 in den 80ern

Der zweite Jetta war alles in allem etwas glückloser als der erste, der unzweifelhaft ein großer Wurf seiner Zeit war, während der zweite designerisch nicht so ausgewogen war. Da Heck war zu hoch, was selbst diejenigen störte, die es gerne voll packten. Schon, als die ersten Erlkönigbilder damals skandalös auf dem Cover der Auto Zeitung landeten, war klar, dass dieser Jetta ein bisserl misslungen war.

Dafür bescherte ihm die mit 15 Zentimetern mehr Radstand gesegnete Plattform des Golf 2 die nötige Beinfreiheit, die beim Vorgänger stets gefehlt hatte, wo auch bei kurz gewachsenen Menschen der Kontakt mit den vorderen Sitzen praktisch unumgänglich war. Die Alterstruktur des Wagens senkte sich eigenartiger Weise ein ganz klein wenig – dennoch blieb der Jetta der klassische Rentnerwagen – was ihn später, wie auch seinen Vorgänger, zu einem begehrten Youngtimer machen sollte, da hier exakt die Rentner-Exemplare gedeihen, die wir so lieben – 23 Jahre alt, 41.000 Kilometer auf der Uhr, 2 Kratzer an der hinteren Stoßstange, alle Inspektionen 😉

jetta

Baby, mal ganz unter uns: Du hast einen fetten Hintern…

Was keiner ahnen konnte: Wem das Heck des Jetta II schon zu hoch war, der sollte vom Jetta-Nachfolger auf Basis des Golf III dann ernsthaft schockiert sein. Warum VW bei dieser Gelegenheit den schon leicht blöden, aber immerhin gut eingeführten Namen gegen den ebenso blöden aber vollständig unbekannten Namen „Vento“ austauschte, bleibt wohl ein Geheimnis… An der Altersstruktur vermochte das ganze jedenfalls nicht zu rütteln: der Jetta, der nun nicht mehr auf diesen Namen hören wollte, blieb ein Renterauto erster Klasse, da mochte sein Heck noch so hoch sein. Der neue Name konnte jedoch nichts am mangelnden Erfolg in Deutschland ändern – während der Wagen in diversen anderen europäischen Ländern eine Konstante blieb – und in den USA, wo man seinen Namen vorsichtshalber nie änderte. Witzig: Hier waren die Zielgruppe jüngere Manger, der Jetta galt als Clever Choice…

Jetta als Bora

Die Form des Bora war irgendwie besser ausgewogen und beinahe sexy, wenn man den Vorgänger als Vergleich heranzieht. Und es steckte viel Passat im Design. Eigentlich ein Erfolgstyp

Nachdem der Name Vento dem Jetta auch nicht zum rechten Erfolg helfen wollte und Volkswagen starr an der Idee festhielt, den Wagen jünger zu positionieren, weil bei Käufern Ende der 30er die Ausstattungsquoten besser sind, setzte VW nochmals nach. Der nächste Jetta erschien zusammen mit dem Golf IV Ende der 90er Jahre und trug den Namen „Bora“ – in welcher Sprach das konkret für Jet-Set steht, weiss nur eine Wolfsburger Werbe-Abteilung, die scheinbar keine ausreichenden Mengen an Marktforschern beschäftigt…

Jetta Golf Bora

Volkswagen mal als Knallharter Spaßvogel: Golf Kombi und Bora Kombi – der mit den dickeren Scheinwerfern ist das gleiche Auto – nur teurer ** Quelle: Wikipedia

Mit diesem Modell jedoch gelang VW ein Schurkenstück erster Güte. Vielleicht, um die Schmach des verspäteten Kombis gut zu machen, launchte VW mit dem Bora den einzigen Jetta Kombi, den es je gab. Und das war bizarr: Der Wagen hatte mit Ausnahme einiger designerischen Kinkerlitzchen, die gleiche Karosse wie der Golf IV Kombi. Dass der Bora grundlegend teurer war als der Golf war jedem klar – dass der Bora Kombi nur aufgrund eines Chrom-Ringes und anderer Scheinwerfer als Kombi ausstattungsbereinigt bis zu 700DM teurer war als der Golf, war kompletter Unsinn – und doch kauften ihn ein paar Leute zu diesem Preis… das verstehe, wer will. Einziges Highlight: den Bora Variant gab es auch mit den ganz dicken Maschinen – das werden mal gesuchte Klassiker für Feinschmecker: bis zum 204PS im 2.8 V6 waren hier möglich – eine Motorisierung, die es auch im A8 gab!

Nach 7 Jahren Bauzeit hatte VW ein Einsehen: seit 2005 heisst der Jetta wieder Jetta – ganz so, wie es sich gehört. Der vorerst letzte Versuch einer neuen „jünger“ Positionierung kommt Ende des Jahres – der Jetta als viertüriges Coupé im Stil des Volkswagen CC. Wir überlegen, ob wir Wetten entgegen nehmen… 😉

Eine bewegte Geschichte von 35 Jahren für ein Modell, das zu Beginn seiner Karriere stets als „Rucksack-Golf“ verspottet wurde.



2 Gedanken zu „Na, bist Du schon Jetta-jährig?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.