Meine unfreiwilligen „Youngtimer“-Jahre und mein Weg zum echten Youngtimer

Gast-Post von einem guten alten Bekannten

Im Gegensatz zu manch anderem hier habe ich ein gestörtes Verhältnis zum Mercedes Strichacht, zum Mercedes W123 und W124. Und ich bin einer der wenigen Menschen, der ein solides Recht dazu hat… 😉

Ich wuchs auf in einer Familie mit einer eigenartigen Tradition: Mein Vater kaufte alle 3 Jahre einen neuen Benz der Mittelklasse – das war schon immer so gewesen. Und als meine Mutter den Führerschein machte, in Zeiten weit vor meiner Geburt und als das noch gar nicht so selbstverständlich war für eine Frau, da wurde diese Tradition erweitert. Von diesem Moment an übernahm meine Mutter den Benz nach 3 Jahren und fuhr ihn, bis er 6 war. Und diese Tradition wurde im Laufe der Jahre einfach noch weiter erweitert, als die Kinder den Führerschein machten.

Ich hätte lieber einen GTI gehabt

Klingt cool? Hm… Ich sollte ergänzen: Ich bin das dritte von 3 Kindern… Wenn ich die Benze bekam, waren sie also stets 12 Jahre alt und hatten immer deutlich über 250.000 Kilometer auf der Uhr. Und das schlimmste: Ich musste mir 12 Jahre lang jeden Kratzer und jede Delle anschauen, die meine Mutter, mein älterer Bruder und meine Schwester dem Wagen zufügten – mein Vater tat das über die Jahre nie… Als ich 1990 meinen Führerschein bekam, war mein erstes Auto ein Strichachter – jeder, der rechnen kann, schreit jetzt natürlich. Stimmt!  Es war ein 230.6, der zwar 1976 von meinem Vater bestellt worden war, aber erst 1977 zugelassen wurde. Mein Vater wollte das 6 Zylindermodell haben und der Verkäufer hatte ihm gesagt, dass es diesen Motor im W123 nicht geben würde – also wurde der Wagen sozusagen auf Halde bestellt und dann 1977 zugelassen. Und als er mir 1989 hätte zufallen sollen, fehlten mir noch ein paar Monate zum Führerschein.

Ich wollte einen Golf GTI haben – aber das interessierte niemanden in unserer Familie so recht. Ebenso gut hätte ich Whisky Cola zum Frühstück verlangen können – der Wunsch war so absurd, dass man ihn nicht beachtet hätte – ebenso wie der Wunsch nach einem Nicht-Benz. Also fuhr ich mit einem 230.6 durch die Gegend – Automatik natürlich, 240.000 Kilometer drauf – das uncoolste Auto für einen 18jährigen, das ich mir persönlich vorstellen konnte – aber eben umsonst.

W123

Ich mochte den schon auch irgendwie….

Warum hasste ich das Auto so? Er war tranig. 120PS wurden irgendwo vergurgelt und kam nie so recht an den Hinterrädern an – wo zu allem Überfluss aus meiner Sicht keinerlei Kraft hingeführt werden sollte, sondern vielmehr auf die Vorderräder oder noch besser: auf alle Räder. Hinzu kam, dass meine Rechnung damals war: Für die 120PS in der Versicherung hätte ich auch locker den Golf GTI fahren können – statt dessen hatte ich dieses Träge Ding… Ich hatte meine ganze Jugend in Mercedes Mittelklassen verbracht und immer von etwas knackigerem geträumt, weniger spießig. Aber der geschenkte Gaul….

1992 kam der W123 als 250er in der Erbfolge bei mir an – immerhin schon das Modell mit 140PS, auch der mit Automatik. Und der „neue“ war dringend notwendig – denn entgegen mancher anders lautender Berichte ist der Strichachter nicht unverwundbar gewesen. Im Gegenteil. Der Wagen rottete an vielen unsichtbaren Stellen vor sich hin und wir schmissen ihn am Ende mehr oder weniger weg. Und trotz guter familiärer Pflege und Garage: Der W123 war keinen Deut besser. Die Sitze und das Getriebe waren unverwüstlich, der Motor nahezu – allerdings zum Preis des unglaublichen Saufens von runden 14 Litern. Und auch dieser Wagen rostete – und zwar nicht zu knapp. Na gut – er hatte runde 230.000 drauf, als ich ihn übernahm – und in meiner Studienzeit wurde das auch nicht gerade weniger – aber ganz klar auch mal hier: Am Ende schmissen wir den Wagen weg. Die Klimaanlage war trotz Ersatz in 1993 am Ende wieder von Pilzen befallen und vor dort aus verrottete der Wagen in unvorstellbarer Weise, der Kofferraum wurde zwei mal geschweißt und ich brauchte in den 3 Jahren ganze 2 Endtöpfe und einmal den kompletten Rest der Auspuffanlage. Hooka-hey – you call that Quality…?

Prospektromantik

Aber ich muss fair sein: der folgende 250er W123 von 1983 war cool – qualitativ war der richtig lässig – gesoffen hat er dennoch – und als ich ihn 1995 bekam, hatte er um die 220.000 Kilometer drauf und war innen nicht mehr hübsch – meine Schwester hatte zwischenzeitlich 2 Kinder, die ihn übel behandelten…

Das Jahr 1995 hatte für unsere Familie aber noch einen weiteren unfassbaren Impact: Mein Vater ging gewohnheitsmäßig zum Benz-Mann und wollte einen 6zylindrigen Mercedes kaufen – aber die Probefahrt und der Check des nagelneuen W210 vermochten ihn nicht zu überzeugen.

Moment mal – warum denn das? Mein Vater, Jahrgang 1942, hatte seinen ersten Benz, eine gebrauchte 230er Heckflosse, 1965 erworben – war also sein Leben lang Benz gefahren. Doch der W210 erschien ihm auf der einen Seite zu protzig, zu groß – auf der anderen hatte er den Eindruck, dass der Wagen nicht so solide gebaut sei und Dinge wir das Wechseln von simplen Glühbirnen unnötig erschwert worden war. Man muss sich das vorstellen! Der Mercedes Händler kam, als er hörte, dass mein Vater Probefahrten bei Audi und BMW-Händlern vereinbart hatte, ernstlich Abends zu uns nach Hause und machte meinem Vater schwindelerregende Angebote, um bei der Marke zu bleiben. Als Chef unseres Metall-Unternehmens war mein Vater in der Stadt mit Hinz und Kunz bekannt – und er hatte IMMER die Mercedes Mittelklasse gefahren. Würde er wechseln, war das ein Signal. So kam es zu Probefahrten mit einer C-Klasse und sogar einer S-Klasse und einer G-Klasse – und mein Vater lehnte ab. Die beiden Großen zu protzig, die C-Klasse zu laut. Eine Woche später übernahm ich den 250er W123 und mein Vater kam mit einem Audi A6 nach Hause – dem ersten Nicht-Benz, den unsere Familie besaß  und gleichzeitig der erste Kombi, den wir je hatten. Der Händler hatte ihm einen unvorstellbaren Preis gemacht für einen Vorführwagen mit einer Ausstattung, die sich mein Vater sonst nie gegönnt hätte – und nicht nur das: Der Wagen hatte einen 140PS 5Zylinder Diesel! Tatsächlich führte das in unserer Siedlung zu einem kleinen spontanen Menschenauflauf…

Audi 100 C4

In einer kurzen Winterpause, etwa 2009

Ich liebte den Wagen von Tag 1 an. Neben ihm war mein gleich motorisierter 123er so dynamisch wie ein Haus. Kombis fand ich total lässig… Und ich wusste: Auf mich warteten noch zwei 260er W124 von 1986 und 1989 sowie ein E280 von 1992, die ich alle weniger cool fand….

Und irgendwie gab mir das ein hässliches Gefühl: Da bist Du 23 und kannst nicht mal über dein eigenes Auto entscheiden… Dabei sollst Du mal mit Deinem Bruder zusammen die Firma leiten…

Dann jedoch kam einiges anders als geplant. Zunächst einmal war ich scheinbar der einzige, der den Wagen in der Familie so recht lieben wollte. Die Kunden meines Vaters fanden, dass Audi irgendwie ein sozialer Abstieg sei – heute auch nicht mehr nachvollziehbar. Meine Mutter fand Kombis blöd, meine Schwester die Handbremse. Und weit wichtiger: Die Frau meines Bruders bekam Zwillinge – und plötzlich erwarb meinen Bruder einen Sharan… wohin nun mit dem Audi…? 1998, mit dem erscheinen der neuen S-Klasse, kaufte mein Vater diese – und ich erbte einen Audi mit nicht mal 80.000 Kilometern!

Mercedes W220

Als die Welt wieder so langsam in Ordnung kam….

Und dann passierte etwas eigenartiges. Nicht nur, weil der Wagen neuer war als die anderen zuvor – ich liebte diesen Wagen und gab ihn nicht mehr her… Als ich für den nächsten der Reihenfolge, die ja nun völlig aus dem Trott gekommen war, dran gewesen war, ließ ich sie weiter machen. Und zwar…. bis heute. Und ich habe mich ganz frech ausgeklinkt. Ich hab den Audi behalten, hab ihn durch die Jahre einfach jeden Tag benutzt und kein besseres Auto gefunden.

Heute, mit Mitte 70, haben meine Eltern keine 2 Mittelklasse-Mercedes mehr, sondern eine gemeinsame B-Klasse, die Kinder meiner Geschwister sind in weiterführenden Schulen oder studieren und fahren eigene Autos. Mein älterer Bruder hat tatsächlich die Firma übernommen und hat sie an einen Chinesischen Investor verkauft. Er fährt jetzt wieder E-Klasse und ist bei den Chinesen angestellt. Meine Schwester leitet ein Forschungslabor und fährt Tesla.

Nur ich bin den Audi treu geblieben. Er war bis 2015 in unserer Familie und hat über 400.000 drauf gehabt, bevor sein Tacho versagte – das wird so 2012 oder 2013 gewesen sein.

2015 parkte ich ihn dann an einem leicht abschüssigen Straßenrand an einem Hotel in Brandenburg. In der Nacht regnete es heftig und eine Art kleinerer Erdrutsch nach dem Straßenrand die Festigkeit und der Audi rutschte mehrere Meter in die Tiefe und wurde unter Schlamm und einem Findling von mehreren 100 Kilo begraben.

Ich hätte ihn freiwillig wohl nie begraben. Ich habe im Anschluss versucht, wieder so einen Wagen aufzutreiben – aber in der Qualität habe ich keinen gefunden.

2016 habe ich den Dienstwagen Joker gezogen und fahre jetzt einen A6 Kombi. Der fährt sich tatsächlich besser, wenn auch nicht sooooo viel. Qualitativ war der alte Audi das bessere Fahrzeug.



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