Die Legende vom sparsamen Auto – Gölfe nach Wien schaffen…

Als ich kürzlich mal wieder einen #Golf II in einem Super Zustand gefahren bin, und dachte: Whow – dieser Golf war ein Meilenstein!, fiel mir diese Youngtimer Geschichte und Golf Erinnerung wieder ein, die auf ihre Weise sehr prägend war – und so wollen wir sie euch nicht vorenthalten.

Wenn Du 18 bist und jemand offeriert Dir einen Nebenjob, dann ist der Inhalt nicht sooooo wichtig – wichtiger sind da eher solche Parameter wie Stundenlohn, oder? Damals, in den späten 80ern gab es da eine Menge Leute, die einem halbwegs erwachsenen Schüler, der rechtschaffendes Interesse an einer stark gebrauchten Heckflosse und daraus resultierenden Finanzierungsbedarf hatte, hemmungslos Stundenlöhne wie 5 Mark anboten – dafür kann man heute nicht mal mehr illegale Einwanderer in dem Alter bekommen….

VW Golf 2 Typ 19 Youngtimer

Mann, war der modern…. VW hatte sich alle Mühe gegeben, den Golf 2 so zu bauen, dass er wie ein Golf I wirkte, inklusive der idiotisch breiten C-Säule, die schon in der Fahrschule genervt hat, dem VW Golf 2 aber zweifellos einen großen Teil seiner gefühlten Solidität verleiht.

Wenn Dir dann einer sagt: „Du – magst Autos von A nach B fahren und dafür ein paar Hundert Mark bekommen?“ dann hörst Du dem zu…

Ein paar Hundert Mark waren damals nämlich richtig Asche!

Und da ergab ich plötzlich folgendes Angebot: Eine große Firma muss regelmäßig Poolcars vom Typ Golf II nach Wien oder von Wien nach NRW schaffen – vorzugsweise am Wochenende. Dafür gibt es 500 Mark – Sprit und Rückfahrt zahlst Du allerdings selbst. Ach – da musste ja ein Haken sein….

An die Zeit denkst Du erst mal gar nicht – aber das sind knapp 900 Kilometer…. Sprit, Bahnfahrt… muss ich mal rechnen.

Samstag früh stehst Du am Hauptbahnhof in einer langen Schlange (ja ja… Bahn-App…. Nicht mal Mobilfunk, geschweige denn Smarte Phones….) und musst Dich von einem rothaarigen schnurrbärtigem Typ mit schlecht verdeckter wachsender Stirnglatze durch den Tarifdschungel der Bahn coachen lassen – ja, den gab es damals schon. Und weil es keine adäquaten Computer gab, gab es ein dickes Buch: „Bahnverbindungen Deutschland, Österreich Schweiz 1989“.

Unfassbar.wiener_hbf

Und die gefühlten oder gar realistischen 1200 Dünndruckseiten kann nur ein versierter Mitarbeiter der Bahn bedienen – und wenn Du ganz lieb bittest, schreibt er dir die Verbindungen und Preise auf (Er hat einen 9-Nadel-Drucker, den aber vermutlich nur sein Gau-Leiter bedienen darf oder so…).

Als erstes spuckt er Dir einen Preis von 191 Mark aus. Dazu kämen dann Sprit für 900 Kilometer, den Liter Diesel zu 95Pfennig. Wenn der Golf II so etwa 7 Liter Diesel braucht, bist Du von den 500 Mark also die Hälfte los – bleiben die 250, ein Besuch in Wien und etwa 20 Stunden Arbeit… – im Grunde Ausbeutung, aber doppelt so viel wie für den Ausbeuter-Job, den Du bislang nach der Schule machst…

Hm…. Für’s Autofahren bezahlt werden – hey, wie cool ist das denn?

Erst bei der ersten Fahrt geht Dir so langsam auf, das da noch Potential drin steckt – denn nun hast du laaaaaange Zeit, um drüber nachzudenken. Weil Du Dir die Zeit frei einteilen kannst, fährst Du Freitag Nachmittag los. Das ist clever, denn Du bist Samstag (theoretisch) früh genug wieder da, um noch ein paar Takte zu schlafen und Abends auf die Rolle zu gehen – und zwar mit 250 Mark in der Tasche – und das jedes Wochenende, wenn Du willst. In dir keimt zwar der Verdacht auf, dass Fluktuation in diesem Job doch enorm gering sein müsste, aber hey…

Erst mal fällt Dir der tragische Denkfehler auf: Der Wagen muss in Wien vollgetankt werden – hast Du nicht neulich auf dem Klo in der ADAC Zeitung von Opa gelesen, dass Sprit da viel teurer ist? Mist.

Ursimpel

Ursimpel

Also fängst Du an, zu rechnen…. Und Tatsache: Sprit sparen – das ist eine Option. Als Du das komplett durchdrungen hast, bist Du allerdings schon auf der Höhe von Nürnberg und reichlich müde und hast volle Dreieinhalb Stunden im Stau verbracht. Neue These: Freitag ist das mit weitem Abstand Allerallerallerdümmste, was Du machen kannst – da fahren alle gen Süden…

Als Du gegen 4:40 am Samstag Morgen in Wien aufschlägst, kannst Du nicht mehr aus den Augen schauen – die Fahrt hat 14 einhalb Stunden gedauert.

Erkenntnis: Der Golf II ist ein erstaunlich langstreckentaugliches Auto und ein Sekundenschlaf muss nicht immer tödlich sein – manchmal bringt er Dich auch nur 1,50 Meter von der richtigen Fahrbahn ab, bevor Du wieder aufwachst. Weitere wichtige Erkenntnis: Diesel kostet umgerechnet den historischen Höchstpreis von 1,31DM! Du hattest einen Durchschnittsverbrauch von 6,7 Litern…

Murx!

Am Wiener Hauptbahnhof schläfst Du ein und verpasst den ersten Zug, aufgrund einer Signalstörung in Frankfurt kommt es zu Wartezeiten – da war die Bahn damals keinen Deut fantasiebegabter in ihren Entschuldigungen als heute. Gegen 19:20 bist Du zurück und hast den Plan, Die Schul-Lektüre „Die Blechtrommel“ zu lesen, nur in Teilen umgesetzt – das verdammte Ding hat 700 Seiten, eine schlimmer als die andere!

Eingebaute Unauffälligkeit - aber brutal sparsam - sparsamer als aktuelle Hightechsparer

Eingebaute Unauffälligkeit – aber brutal sparsam – sparsamer als aktuelle Hightechsparer

Am kommenden Wochenende bist Du klüger. Im Lauf der Woche alles gelesen, was die Stadtbücherei über Spritsparen hergibt. Gesteigerter Luftdruck scheint Dir ein probates Mittel zu sein, das Du sofort nach der Abholung umsetzt. Du machst die letzten 2 Stunden Freitags blau, um vor dem Stau unterwegs zu sein – und dann fährst Du gegen Zeit und Tanknadel. Der Golf II hat einen 55 Liter Tank – beeindruckend. Du fährst sehr konstant, hast für Kaffee gesorgt und wirst die teure Tankstellen-Nahrung diesmal meiden.

Die Reifen sind ätzend hart, auch wenn die Federung des Golf 2 zum Verzeihen neigt. Außerdem hast Du das Gefühl, dass der Wagen mit seinen schon knapp 130.000 Kilometern pauschal weniger effizient ist als das deutlich neuere Modell der letzten Woche. Ob die Dich da nicht mal über’s Ohr gehauen haben?

Immerhin – der Schilling-Kurs hat sich graduell zu Deinen Gunsten verschoben. Und Du bist klug genug, vor der Grenze einmal zu tanken. Ankunft diesmal weit besser, letzter Tankstop: 5,8 Liter Diesel.

Ich wette, da geht noch was. Und Tatsache: Bei der nächsten Fahrt fixe ich mich in schier paranoider Weise auf etwa 108 KM/H. Um München herum tut mir mein Fußgelenk schon weh, mein rechtes Bein ist vollkommen verkrampft, der Luftdruck in den Reifen vermutlich viel zu hoch – jedenfalls fährt sich der ausgeglichene Golf eher hart – und ich komme mit 5,2 Litern an – 4,9 in der Woche danach, dann 4,7, dann 4,6 Liter. Drunter schaffe ich es nie. Wobei man hier auch ganz klar sagen muss: Ich lerne die Strecke besser kenne – weiss, wo man den Wagen ewig rollen lassen kann und wo sich Gas geben lohnt oder wo das Tempolimit kommt.

vielleicht der einzige Wagen, der noch unauffälliger als der Golf II war... ;-)

vielleicht der einzige Wagen, der noch unauffälliger als der Golf II war… 😉 Aber er konnte es nicht mit ihm aufnehmen im Bereich brutaler Sparsamkeit

Einmal komme ich mit einem Kollegen in Kontakt, der das ganze schon seit 3 Jahren macht. Keiner von uns versteht, wie dieser unglaublich teure wie idiotische logistische Prozess der Überführung eigentlich zustande kommt – aber er erzählt mir, dass er einerseits noch die 1er Gölfe gefahren hat. Mit denen kam er runter bis auf 4,9 – beim Golf II hat er mich mit 4,4 unterboten. Wir tauschen unsere Spartips aus und 2 Wochen später komme ich auch runter auf 4,4 – YEAH! Einen neuen Spartarif bei der Bahn hab ich auch gefunden, der die 190 Mark deutlich unterschreitet. 🙂

Irgendwann gehe ich studieren und gebe das ganze auf. Auch wenn ich heute noch nach Wien komme, ergreift mich so ein eigenartiges Gefühl, als sei ich gerade sehr sehr müde und ausgelaugt, selbst, wenn ich frisch ausgeschlafen aus meinem Lieblingshotel direkt am Hauptplatz komme…

1993 hatte ich aber noch einmal ein interessantes Erlebnis: Ich mache die Tour noch 5 mal als Ferienjob mit einem Golf III. Ich hab es nie unter 4,8 gebracht.


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