25 Jahre germanische Zusammengehörigkeit… Der Trab(b)i wurde überrollt

Klischees, die Wessis völlig akzeptabel fanden

Klischees, die Wessis völlig akzeptabel fanden

In einer häßlichen Foren-Diskussion mussten wir uns letztlich anmachen lassen, weil wir „Trabbi“ geschrieben hatten – ein Begriff, von dem wir bis dahin sicher waren, man schriebe ihn entweder mit einem oder mit 2 B – Wie wir gelernt haben, tun „echte Ossis“ das nicht, wo käme auch das zweite B her – heißt ja nicht Trabbant.

Da wird dann manch einer schon echt sauer – und das sind nicht nur Ostalgiker, da liegt schon mehr drin. Gut – die meisten Steffis heißen auch nicht Steffanie… Aber dem stellen wir uns wohl beiderseitig der Grenze 😉

Eines der großartigsten Bilder, die wir je in unseren Wettbewerben hatten - der Wartburg in dieser freudlosen Original-Lackierung mit Blick auf DIE Wartburg, die später sozusagen von Volkswagen erobert werden sollte. Ein Ort, an dem das Wort "Einsturzgefahr" auf Schildern vor zu vielen Häusern prangt

Eines der großartigsten Bilder, die wir je in unseren Wettbewerben hatten – der Wartburg in dieser freudlosen Original-Lackierung mit Blick auf DIE Wartburg, die später sozusagen von Volkswagen erobert werden sollte. Ein Ort, an dem das Wort „Einsturzgefahr“ auf Schildern vor zu vielen Häusern prangt und dennoch einer der schönsten Landstriche Deutschlands bis rüber nach Erfurt

Youngtimer-seitig wäre heute der Feiertag einer Armada von Trab(b)is und Wartburgs, die uns dereinst auf der rechten Seite der Mauer motorisierten. Aber immer, wenn wir zurück nach Pirna und Zschopau fahren, stellen wir fest, dass die einzigen Youngtimer im Heimatkaff eher BMW E34 sind. Zum Teil solche, die dereinst schlimm überfinanziert waren, über Jahre hinweg.

In solchen Zuständen deutlich unterhalb von "rar"

In solchen Zuständen deutlich unterhalb von „rar“

Die grenznahen Trab(b)is fielen 1990 Werbeagenturen und Event Managern in die Hände, die sie lustig bunt lackierten und als EyeCatcher und HeadTurner für luschige Werbebotschaften verwendeten, später für schmuddelige Callshops, deren Zielgruppe keinen Plan hatte, auf welches Auto sie da eigentlich starrten.
Und irgendwann verschwanden die mehrfach umlackierten Ostwagen dann in Garagen und irgendwo hinten in der Ecke.

trabant_werbungKeine falsch verstandene (N)Ostalgie – die Wagen der DDR wurden ebenso Opfer einer Wahnsinnsstimmung wie manch andere Themen, die östlich der Deutsch Deutschen Grenze nicht alle falsch waren. Man hätte beispielsweise bei der Einheit durchaus einmal drüber nachdenken können, ob die wenigen Flaschentypen der DDR nicht ebenso gesamtdeutsch ausreichend wie am Ende ernsthaft umweltschonend gewesen wären – auch, wenn es nicht so viele lustige verschiedene Typen davon gab wie im Westen Deutschlands.

dererlei Mist hat überlebt....

dererlei Mist hat überlebt….

Die Geschichte des Wartburg ging erst recht im freien Fall bergab – einerseits fehlte dem mit Westblick wohl das knuffige – und während der Trabant ja zumindest eine Fahrzeugklasse war, die schon cool war, weil es sie so in der alten BRD eigentlich gar nicht gegeben hatte, war der Wartburg einfach ein Mittelklasse-Auto, dem VW am Ende einen Motor geborgt hatte – ein Wagen, der auf ernsthafte Konkurrenz traf und gebraucht ab 1991 vollkommen unverkäuflich wurde und heute oft unrettbar festgerostet in der Nähe von Plauen in einem Schuppen herumstehen muss.

Was da angeht, blicken wir also auf eine eher traurige Entwicklung zurück: Während das Ampelmännchen Kult geworden ist, Spreewaldgurken einen Siegeszug angetreten haben und selbst Filinchen, die ich nie freiwillig essen wollte, sich einen unerklärlichen Fan-Kreis westlich des Harz erarbeitet haben, sind die Autos aus Holzmark-Zeiten viel zu schnell verstorben.



6 Gedanken zu „25 Jahre germanische Zusammengehörigkeit… Der Trab(b)i wurde überrollt

  1. Die Nachwenderezeption von Trabant und Wartburg zeigt exemplarisch das Dilemma guten Designs: Die Masse hat keinen Geschmack.
    Der Trabant spricht niedere Instinkte an – er ist „knuffig“, süß“… – klarer Fall: Kindchenschema. Aber er ist die Karrikatur eines Autos, er greift die zum Zeitpunkt seines Entwurfs verbreiteten fragwürdigen Elemente (Pontonkarosserie, Rundscheinwerfer, Heckflossen) auf, aber die Grundform des Autos mit seinen zu kleinen Rädern und dem Mißverhältnis von Höhe und Länge, mit zusammengestauchtem Vorderwagen und Kofferraum, ist grotesk verzerrt.
    Der Wartburg dagegen sachlich und mit ausgewogenen Proportionen. Besonders hervorzuheben ist aber, wie der Entwurf mit den realexistierenden Grenzen der Fertigungsqualität umgeht: aus der Erkenntnis, keine konkurenzfähig kleine und gleichmäßige Spaltmaße fertigen zu können folgt kein Versuch des halbherzigen Kaschierens, im Gegenteil wird die Karosseriefuge vergrößert, betont und dadurch zum bestimmenden Gestaltungselement, das die flächige Karosserie gliedert. Kein Teil verleugnet hier seine Form, eine Tür ist eine Tür, ein Kotflügel ein Kotflügel – Modularität wird mit Händen und Augen erfahrbar.

    Das Kindchenschema wirkt, der Trabant erreichte schon schnell Kultstatus. Der Wartburg dagegen, zum Zeitpunkt seines Produktionsbeginns nach objektiven Maßstäben gewiß kein schlechtes Auto, wurde und wird immer noch verkannt. Seine ästhetischen Qualitäten erschließen sich nur mit geschmacklicher Vorbildung.
    Parallelen zur Moderne in Architektur und Kunst drängen sich auf.

    1. Auch bei der Bewertung der Gestaltung des Trabant benötigt man die, wie es so treffend formuliert wurde, “geschmackliche Vorbildung”.

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