Majestätische Erfahrung eines 18jährigen: Mercedes W124 300CE

magische-kulisse

Da stimmte alles….

Eins geht einem über die Jahre beim Autofahren, vor allem mit Nicht-Youngtimern, doch irgendwie verloren: Der Sinn für den Moment, für das Besondere. Kann auch sein, dass moderne Autos das einfach nicht mehr haben.

Aber wenn ich sagen sollte, was die besonderste Fahrt meines Lebens war, dann war das nicht meine erste Fahrt in einem Bentley, nicht die erste Autofahrt als solche oder irgend eine spezielle Autofahrt, die mich an ein besonderes Ziel gebracht hat.

Der Legendäre Scheibenwischer mit dem besten Wirkungsgrad

Der Legendäre Scheibenwischer mit dem besten Wirkungsgrad – unfassbar durchdacht

Es war die Fahrt im 300CE W124 Automatik meines Onkels, die sich ergab, da mein Onkel geistesabwesend einen Wein zuviel getrunken hatte. Er drückte mir den Schlüssel in die Hand, fuhr mit meinen Eltern heim und bat mich, den Wagen spätestens am kommenden Morgen um 11 vor seiner Haustür wieder abzustellen und gab mir 20 Mark.

Ich glitt irgendwie ehrfürchtig in den Wagen. Der war zwar zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre alt, war aber der erste Benz meines Onkels nach langen Jahren mit Opel und Ford und war gepflegt wie im Showroom.

Sind die Fenster durchgängig und ohne störende Säulen heruntergelassen, kommen ganz große Erinnerungen an die herrschaftlichen Coupés der 50er und 60er auf

Sind die Fenster durchgängig und ohne störende Säulen heruntergelassen, kommen ganz große Erinnerungen an die herrschaftlichen Coupés der 50er und 60er auf

Du setzt dich, steckst den Schlüssel rein, justierst den Sitz und verschaffst dir einen Überblick über die Instrumente, Bedienhebel und diverse ausgewählte Accessoires, die Du noch nie gesehen hast – zumindest nicht live. Dann startest Du diesen satten Sechszylinder, dessen Klang ich persönlich stets cooler fand als den des BMW E34, der mir zu heiser klang. Der Benz wirkte irgendwie germanischer auf mich. Tantendrang. Dann diese coole Schaltkulisse…

Das Gesamtkunstwerk gab mir das Gefühl der totalen Überlegenheit – das Klacken der Automatik, eine Klimaanlage mit einem Drehregler, elektrische Fensterheber, eine Maschine mit unfassbar viel Dampf…

Ja – und wenn Du da so in diesem Wagen durch die große Stadt gleiten durftest, dann kam in dir schon irgendwie das Gefühl auf, dass der Herrgott es besser mit dir meinen könnte, als mit manchem anderen – aber das war nur eine Begleiterscheinung.

Traumwagen, Traumfoto. Schlicht und groß

Traumwagen, Traumfoto. Schlicht und groß

Zunächst einmal erkannte ich die wahre Größe dieses Wagens. Mein Vater hatte zu der Zeit einen Opel Rekord E2. Alles andere als ein schlechtes Auto, im Gegenteil. Aber es sind die Feinheiten, die den Benz besser machen, die auch einem 18jährigen auffielen. All die liebevollen kleinen Details, die ungemein durchdachte Bedienung und die Wertarbeit, die ich wirklich nirgends so sehr gespürt habe, wie damals da in diesem Benz. Heute ist so ein Mercedes nicht besser als irgend ein beliebiges anderes Autos, haben alle den Trick der fühlbaren Materialien verstanden – da begreifst Du keine Qualität mehr. Damals schien Qualität irgendwie endgültiger gemeint.

Der W124 als Coupé – das war ein Auto fürs Leben, ein echtes Langzeitauto. Da war alles satter, besser, rastete sauberer ein… Diese Feinheiten – die Bedienung der Klimaanlage hatte offensichtlich mehr Ingenieuren den Schlaf geraubt, auf dem Weg zur totalen Perfektion, als anderswo ganze Autos.

Oh Mann. Erst durch Düsseldorf, dann kurz rüber nach Köln – über die Autobahn zurück ins bürgerliche Sprockhövel, wo der Wagen zuhause war. Die Lichter der Großstadt, die Autobahn. Ich ließ die hinteren Scheiben runter – der durchgängige Freiraum lässt den Wagen ungemein elegant wirken. Ein echtes Juwel. So etwas merkst Du später vielleicht nicht mehr so – aber vielleicht gab es das später auch einfach nicht mehr.

Vermutlich ein bisschen von beidem.



4 Gedanken zu „Majestätische Erfahrung eines 18jährigen: Mercedes W124 300CE

  1. Nachfühlbar geschrieben. Täglich „erfahrbar“ für mich …

    230 CE, MoPf 1 (1990 – arktikweiss), Wurzelnuss, Leder (grau), Heckrollo, Klimaanlage, el. Hub-/Schiebedach, null Rost, Garagenfahrzeug, bin der Zweiteigner

  2. Dieser Beitrag und vor allem in der Art wie er geschrieben ist, bestätigt mich in meiner Entscheidung, mir einen W124 Coupe zu kaufen. Es ist wie bei einem kleinen Kind: „Ich will haben“.

    Ist es ein 300CE mit 179PS oder 220PS??

  3. Ich kann das voll und ganz nachvollziehen, da ich selbst ein 124er QP, so die allgemeine Forenabkürzung für das Coupé, mein eigen nenne.
    Ein Auto, was ich nicht mehr hergeben werde, außer für das 124er Cabrio 🙂
    Mercedes wie er sein soll, schlicht, robust, durchdacht und stabil, einfach für die Ewigkeit gemacht.
    Dieses Auto sollte so wieder aufgelegt werden, würde viele gestresste Autofahrer auf das wesentliche im heutigen Straßenverkehr reduzieren und die Welt wäre wieder ein Stück ausgeglichener.
    Gruß Chriss

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