In the Line of Dreier: Alfa Romeo 75

Dass man den Alfa Romeo 75 schon mit H-Kennzeichen fahren kann, erscheint uns total schwachsinnig. Das ist doch „Der neue Alfa“ – oder? Als er damals auf den Alfa Romeo Giulietta vom Typ 116 (nicht W116….) folgte, da schien es einen Fehler in der Matrix zu geben. Zu sehr wirkte der Alfa 75 irgendwie klumpig und regelrecht verzweifelt familienfreundlich mit seinem Mords-Heck, welches sich schier über die Höhe der gesamten Karosserie zu heben schien, was aus heutiger Betrachtung mit der nötigen historischen Distanz gar nicht mehr so scheint.

Also, jetzt sag noch einer....

Also, jetzt sag noch einer….

Na klar – irgendwo hattest Du längst gelesen, dass das dem CW Wert förderlich sei und gar nix mit dem möglichen Kofferraum-Volumen zu tun hatte – aber wir reden hier doch von einem Alfa! Seit wann scherten die sich denn um solch profanes Zeug?

Beim Alfa 33 ging das irgendwie noch an – aber sah man sich die Vorgänger an… In der Ahnenreihe des Alfa 75, dessen Name schon blöder wirkte als die klangvollen Bezeichnungen seiner Ahnen, standen ja immerhin Killer wie die Original Giulia aus den 60ern – praktisch der einzige Wagen dieser Klasse, der irgendwie noch cooler war als der 3er von BMW – und hey – das soll ja wohl mal was heißen, oder? Auch der 116er Alfa war ein Gedicht. Und dann das….

Ja, genau....

Ja, genau….

Aber wie so oft im Leben, wenn Du denkst, dass es nicht mehr schlimmer…. Doch, doch – es kam schlimmer. Rückblickend ist der Alfa 75, wie er die folgenden Sechseinhalb Jahre gebaut wurde, am Ende des Tages doch ein richtiger Alfa, der sich ohne rot zu werden in the line of Dreier aufstellen kann. Heckantrieb, Transaxle-Bauweise, Traum-Gewichtsverteilung von zwischen 52:48 und echten 50:50 (je nach Modell) sprechen Bände.

Und tatsächlich war der Alfa in der Lage, das Versprechen einzulösen. Mit Leergewichten ab gerade mal lächerlichen 1040 Kilogramm beim kleinsten Modell, die dann schon Leistungsgewichte von weniger als 10 Kilo pro PS erlaubten, war der Alfa 75 jederzeit Herr der Lage auf den Landstrassen Europas, hässliches Heck mal hin oder her. Tatsächlich hatte der Wagen immer noch die klassischen Alfa-Qualitäten, für die er zurecht gefeiert wurde – vor allem ausserhalb Deutschlands. In Deutschland selbst wurde der Wagen natürlich reflexartig für seine miese Verarbeitung gescholten.

Nein... Rot hilft auch nicht - das Heck kann nix

Nein… Rot hilft auch nicht – das Heck kann nix

Tatsächlich zeigten die Modelle vor dem 89er Facelift wieder einmal das, was der Fachmann „Eine breite Serienstreuung“ nennt – einzelne Modelle neigen also zu katastrophaler Qualität, während andere unauffällig sind. Bei den frühen Jahrgängen gibt es aber auch ein paar sehr handfeste durchgängige Probleme: Auspuffe taugen am Alfa 75 nicht viel, die Bremsen verschleissen enorm früh (und das liegt nicht nur am sportlichen Fahren, zu dem der Wagen herausfordert…). Auch der ADAC ratterte die ganze Litanei herunter: Zahnriemen, Kraftstoffpumpen, ausgehängte Gaszüge (das leider ständig), Defekte an der Zündelektronik, teils vollkommen unberechenbare Defekte an den Zündschlössern, die das Starten des Wagens zum echten Glücksspiel machen und zum Teil nur durch Handauflegen oder Voodoo behoben werden können oder durch gutes Zureden (und natürlich alternativ durch kostspieligen Austausch größerer Funktionseinheiten, die heute übrigens nur schlecht zu bekommen sind…) Wer einen Alfa 75 ins Auge gefasst hat, der unerklärlich viele Schlüssel hat, ahnt, warum…

Der Alfa ist näher am italienischen Sportwagen als ein BMW an einem Porsche

Dennoch muss auch der Germane eine Lanze für den Wagen brechen dürfen, der einen tollen Innenraum hat, eine unfassbar gute Sitzposition, bei der auch BMW Fahrer einen trockenen Mund und feuchte Hände bekommen… Der Alfa ist näher am italienischen Sportwagen als ein BMW an einem Porsche, soviel muss klar sein – das galt eben auch noch für den Alfa 75. Vielleicht auch nur noch für den. Was danach kam, war teilweise wirklich übler Schund – kaum eine Marke hat den Wechsel zum Frontantrieb so schlecht verkraftet, so schlecht umgesetzt und so qualitativ minderwertig begleitet – da sage man nur „Antriebswellen“ und viele (ehemalige) Alfa Fahrer zucken und greifen Reflexartig mit Schutzbedürfnis nach ihrem Geldbeutel.

Warte, ich hol schon mal das Werkzeug

Warte, ich hol schon mal das Werkzeug

Hier hat der Alfa 75 noch Transaxle, ist noch cool und verdient vielleicht schon deshalb sein H-Kennzeichen – auch, wenn er uns immer noch irgendwie zu modisch dafür erscheint. Und der fährt sich immer noch so irre gut. Mit dem kannst Du um Kreisverkehre driften, wenn Du Bock drauf hast oder dir einen Spaß machen und mal einen E36 abhängen, wenn Du den Alfa 75 verstanden hast. Beim Alfa 75 hast Du auf magische Weise das Gefühl, irgendwie in der Mitte zu sitzen, als wäre der Schwerpunkt ziemlich genau in deinem Hintern…

Die Frage nach der besten Motorisierung für Deinen neuen Traumyoungtimer stellt sich in Deutschland leider nicht: Die Auswahl an 75er Alfa Romeos ist praktisch gleich Null.

Das beste Paket ist vermutlich der 2 Liter Twin Spark in allen seinen Evolutionsstufen – der 2.5er Sechsender ist italienischer – aber in Deutschland einfach weg. In Italien findet man den noch – dann auch zu (Achtung!) Fett Fünfstelligen Preisen. 12.000 werden da schnell mal aufgerufen, nach oben ist da nicht so viel Grenze gesetzt…

Der ist aber auch irgendwie geil – im Vergleich zum 3er E30 oder E36 ist der sehr körperliche 3er der Wagen fürs Hirn, der Alfa 75 der Wagen für die Sinne. Für alle Sinne.




7 Gedanken zu „In the Line of Dreier: Alfa Romeo 75

  1. Hallo,
    Was habt Ihr mit dem Heck des 75? Von wegen das kann gar nix.
    Ich finde das gar nicht schlecht, auf jeden Fall besser als bei der Vorgängerin Guiletta.
    Die abfallende Kofferraumklappe und die ansteigende Linie der grauen Zierleiste, die sich dann im abschließenden Heckspoiler treffen, das hat doch was.
    Daß das Heck so hoch ist, daß man zum rückwärts einparken ne Einparkhilfe bräuchte, die es damals, glaube ich, noch gar nicht gab, ist eine andere Geschichte.
    Also nochmal, das Heck ist deutlich besser und schöner, als Ihr es und weis machen wollt.

  2. Boooaaaahhh… wenn ich an meinen Alfa 75 denke…. oh oh ohhhhh! (…und dabei grinse ich!)

    „… guter Zustand… technisch einwandfrei… fährt [schön]…schwarz, 60Tkm aus Erstbesitz, viele Neuteile und TüV neu, ohne Mängel!“ 5399,- DM…
    damals… mitte 90… so in etwa stands in der Zeitungsanzeige – Privatverkauf, wie gesehen und Probe gefahren! (falls es diesen Satz noch gibt!).
    Die Fahrer-Sitz zu klein, aber aus Velour! Felgen von Abarth (Fiat) mit einem Sachs-Sportfahrwerk, Doppelrohrauspuff- als wenn er von Haus aus nicht schon genug röhrte, el.FH und Sonnendach. Holzimplantate, Drehzahlmesser und mehr als eine Anzeige im Cockpit, sogar schon ein ZV… SERIENMÄßIG!
    Nur nach hause bin ich gekommen… ca 18km!
    Nochmals 3000,- DM später und ca 4Monate Reparaturzeit (Motor, Schweller, Achsaufnahme, Bremsen, ELEKTRIK!!!) nach dem „Gebrauchtwagenkauf“, hab ich gute 240km (zweihundertvierzig!) mit noch dem mitgekauften Sprit verfahren können. Für diese Summe wäre auch ein stabiler Mercedes drin gewesen… aber der 75´er gefiehl mir AUSGESPROCHEN gut… Zeitlos und sehr individuell.
    Gerade der Hintern machte ihn unverkennbar… und mit der Spoilersicke… was gabs schöneres??? Schick schick schick!

    … achja… nach 240km traf mich ein 7,5 Tonner und machte dem gerade durchreparierten Alfa ein jähes Ende! Sicherheitsfahrgastzelle: Fehlanzeige!
    Airbag: hatte er nicht!
    …so richtig heil geblieben ist auch nichts!
    Und von der Versicherung bekam ich ein Widerbeschaffungswert um die 3000,- DM + Schmerzengeld!

    Jammerschade… aber das war auch das letzte mal, daß ich einen Alfa kaufen würde! So ein vermurkstes Auto…nenene…

    Obwohl… das Design…. auch heute noch sehr mutig und schick…
    richtig schick,… also:
    schick schick schick!

    1. Das dürfte der längste Kommentar auf dieser Seite sein 😉 Da merkt man mal, wie viele Emotionen in diesen Autos gesteckt haben

  3. Die Sitzposition der 75 ist nicht gut sondern übel. De Pedalen und das Steuer sind relativ zum Siz nach rechts positioniert, der Gashebel hängt zu hoch und führt zum Schmerzen im Knöchel, das sogar verstellbare Steuer steht immerhin zu weit weg vom Fahrer. Und der Sitz hält den Fahrer nicht besonders gut in Kurven.

    Trotzdessen möchte Ich meinem 75 nie mehr los werden.

  4. Komisch.
    Ich fahre mit und schraube an diesen Alfas seit über 20 Jahren. – und einen ausgehängten Gaszug hatte ich noch nie.
    Und sorry, was da zu den technische Kränkeleien geschrieben steht ist auch weitgehend Unsinn – ganz objektiv. Technisch sind diese Wägen ausgereift. Und mit etwas (nur ein wenig) Sachverstand gewartet, ist so ein 75 ein zuverlässiger und alltagstauglicher Begleiter.
    Bebildert wird das ganze mit einem VM-Diesel. Was bitte soll denn das? Der 75 bietet als letzter noch die echte 4Zyl-Nordmotoren (1,6 – 1,8 – 2,0) oder die brachialen V6-Busso´s (2,5 und 3,0Liter). Damit ist dieser Alfa normalerweise befeuert.

    Die Sitzposition lobt auch nur jemand, der den Alfa nur von außen kennt. Wobei sich das optimieren läßt. Sogar Alfa hat das seinerzeit schon in die Serie einfließen lassen und vorzügliches Recarogesühl verbaut.

    Der Alfa 75 ist nicht gebaut, um einfach von A nach B gefahren zu werden. Der Weg dazwischen ist das, worum es geht. Je länger und je kurviger, umso besser.
    Die Kiste fordert dich. Die röhrt Dir rotzig die Ohren voll und behauptet nach jeder Kurve: „…da geht noch mehr!!!“
    Der 75 ist ein Auto, in das seine Väter hineinkonstruiert haben, was zum Fahren gut ist. Und sie haben sich von Buchhaltern nicht dreinreden lassen.
    Wer den 75 nach seiner Optik beurteilt, dem ist das Entscheidende entgangen: Dieser Transaxlealfa ist eine ultimative, elektronikfreie Fahrmaschine.
    Die reizt bei Gaskranken den Bauch und die Triebe. Ein 75 kann es einfach!!!

    1. In Italien, wo wir den auch zuletzt gefahren sind, ist der Diesel ungemein verbreitet – zurecht. Die Sitzposition fanden wir auch ohne Recaro top- gilt vor allem für kleinere Fahrer

  5. Das ist aber dann vermutlich schon lange her, dass Ihr den gefahren habt. Heutzutage ist der Diesel in Italien verschwunden – komplett. Der Diesel als 2.0 und 2.4 ltr war verbreitet, das ist richtig, Seit den 90ern war das gerade in Italien vorbei. Stichwort Fahrverbote und Abwrackprämien. Viele dieser Diesel haben nach der Öffnung des eisernen Vorhangs den Weg in den Osten geschafft. Euer Foto findet sich ja auch in einer ungarischen Verkaufsanzeige 😉
    Ausdrücken wollte ich aber mit meinem Beitrag etwas anderes:
    Heute wird die Transaxleszene dominiert von den einstigen Topmodellen wie den diversen Turbos (besonders verbreitet in Italien) und V6-befeuerten Exemplaren (USA als „Milano“ und den europäischen Exportmärkten). Gute V6 werden mittlerweile zu ordentlichen Preisen nach Italien reimportiert.
    Die Masse stellen heutzutage aber die klassischen Alfa Nordmotoren im 75. Der TwinSpark, 1,8 Einspritzer (beide mit Phasensteller) sowie in Italien immer noch die Vergaser.
    Und genau diese Motoren verleihen dem 75 seinen unverwechselbaren agilen Charakter und bringen das Potential des Transaxlekonzeptes mit der DeDionachse richtig auf die Straße.
    Dazu muß man sie (die 75er) fahren, nicht nur ankucken…..

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