Verloren an die Hipster?

Wohnmobile auf Basis von T3 und T4 sieht man in Berlin reichlich. Berlin - vielleicht nicht mehr die Youngtimer Hauptstadt der Republik aber ganz klar die des Fernwehs und alternativer Lebensentwürfe

Wohnmobile auf Basis von T3 und T4 sieht man in Berlin reichlich. Berlin – vielleicht nicht mehr die Youngtimer Hauptstadt der Republik aber ganz klar die des Fernwehs und alternativer Lebensentwürfe – und home of the hipster und pseudo-hipster

„Ich hab immer mehr das Gefühl, dass wir die guten Youngtimer an die Pseudo-Hipster verlieren,“ sagte kürzlich ein alter Weggefährte zu uns – der ist 53 und hat in seinem Leben keinen Neuwagen gefahren und ist mit seinen Youngtimern mitgealtert – eher ein Lebensprinzip.

Seit 4 Jahren nun lebt Roland in Berlin, eine der geheimen Hauptstädte der Daily Driver Youngtimer – aber eben auch das Hauptquartier der Art Hipster, die schon fast eine Lachnummer-Kopie ihrer eigenen Szene darstellen und ohne 3 karrierte Schals von 1982 und einen lächerlichen Hut nicht mal rüber zum Bäcker gehen können….

Ad absurdum.244erhip

Das Auto ist hier gerade tatsächlich wieder eines DER Accessoires geworden – ausgerechnet in der Stadt, in der man nie irgendwo parken kann. Bizarr. Schönstes Erlebnis am Prenzlauer Berg: Du sitzt auf dem Balkon und schlürfst aus Prinzip einen Milchkaffee aus einer bewusst unstylischen Ikea-Tasse und siehst plötzlich einen der Hutträger hektisch die Strasse rauf rennen und stellst eine Minute später fest: Der hat seinen 244er geholt, um ihn so zu parken, dass die Nachbarn ihn sehen können 😉

Man muss auch Prioritäten haben. Bewegt im eigentlichen Sinne wird der Wagen nicht – er ist ein Accessoire – genauso wie der später rote Käfer, der ein Stückerl weiter unten parkt. In 5 Tagen, die wir in Berlin verbringen, wird der Wagen keinen Meter bewegt – aber Samstag früh kommt ein junger Kerl mit einem abenteurlichen Bart, der mit einem Hut und 2 sichtbaren Tatoos um die Aufmerksamkeit des Betrachters wetteifert, mit einem Eimer Wasser auf die Strasse, um den Wagen zu putzen. Ja, jetzt strahlt er wieder – und der Besitzer auch…. 😉kaefer!

Wir sprechen mit „Jerry,“ der eine zentral gelegene „Garage“ betreibt, die sich nur um Youngtimer und Oldtimer kümmert – und das im elegantesten Sinne: „Die Hipster hier in der Gegend wollen tollen Lack und Patina auf den Ledersitzen – da spielt Geld dann oft gar keine Rolle.“ Eine dekorative Lackierung und Leder in einem Farbton, den es damals garantiert noch nicht gab – das ist immer ein guter Anfang…

Stimme einer Szene, die eine solche Stimme nicht recht brauchen wollte

Stimme einer Szene, die eine solche Stimme nicht recht brauchen wollte

Jerry hat auch eine Dependance in Leipzig eröffnet vor knapp 2 Jahren. „Dort haben wir im Grunde einfach nur 3 mega lackierte Karren vorne hin gestellt und los gings. Das war früher echt anders. Die Motoraver wollten Taunus mit große Boxen, vielleicht noch Granada – aber die hatten zum Teil noch Ahnung von den Autos. Nicht nur im technischen Sinne – die haben sich einfach richtig dafür interessiert. Jetzt ist das Auto nur noch ein Accessoire für die. Das ist wirklich die erste Generation, wo ich das beobachte. Und Leipzig ist im Grunde fast noch schlimmer“ Weil Jerry damit super verdient, will er aber erst mal nichts dagegen sagen. Aber in der Tat: An die Motoraver erinnern wir uns – die haben uns alle Knudsens weggekauft – und das waren ja nicht die einzigen, die Youngtimer und Oldtimer so gesehen haben.

In den 90ern ließen sich junge Ärzte für unvorstellbare Summen Saab 900 Limousinen restaurieren, die Studienräte den Volvo 245. Das waren

So wahr...

word.

ein paar der ersten Youngtimer, die irgendwie trendy waren neben Heckflosse und Strichacht – granted: Wir hatten 142er und 164er Volvos zu der Zeit – neben einem B Kadett – wir sagen also mal nix.

 

Wir finden die Typen mit ihren Autos okay – auch, wenn Roland von denen genervt ist, weil die mit viel Geld auf gute 7er Volvos losgehen, die eigentlich er haben möchte. Die Pseudo-Hipster sind so sehr im H&M Mainstream angekommen, dass wir uns drüber freuen – denn ewig werden die ihre überteuerten neu lackierten Autos nicht cool finden 😉



15 Gedanken zu „Verloren an die Hipster?

  1. Langsam wird’s dann doch ziemlich hanebüchen. Oh mein Gott… Der Käfer wird nicht jeden Tag in den autountauglichen Berlinalltagsverkehr gestopft und dann auch noch am Wochenende Auto waschen – Das is ja wirklich nicht zum aushalten.
    Dieser miefiger Anti-Gegen-Alles-Früher-wars-nun-wirklich-besser-Diskurs is irgendwie hipsteriger als die kritisierten Inhalte.
    Ich wollte nur nochmal betonen, dass ich alte Autos schon cool fand, bevor die cool wurden!

  2. Ichmuß mit entsetzen feststellen, daß ich dem Anschein nach auch als Hipster durchgehen könnte: ewiger Student, kreativberuflich, Vollbart, analoge Photographie, mechanische Uhren, Rennräder mit gemufften italienischen Stahlrahmen, gutes Essen und alte Autos. In Berlin auch noch.

    Bis auf den Bart (und die Studiererei) war das aber schon, bevor die Hipster hip wurden. Tja, was macht man, wenn die eigene Nonkonformität plötzlich zum mainstream wird?
    Einen neuen Trend erfinden? Die nächste Welle der Retro-Avantgarde?
    Damit würde man sich ja auch der Masse beugen, indirekt zumindest. Schwierig, schwierig. Man könnte sich ja in Ironie und Zynismus flüchten. Könnte man, wenn die Ironie nicht so postmodern vereinnahmt wäre, und postmodern ist im Zweifel auch nur Kitsch.

    Vielleicht ist jetzt die Zeit, 90er-Jahre-Mittel- und Oberklassen zu kaufen, Jogginghosen mit Lederjacken zu kombinieren und Silberketten zu tragen. Oder Leinenhosen und handgefertigte italienische Schuhe. Oder schlichtes schwarz, egal ob als jeans oder Tuchhose, Hemd oder Rollkragen, immer kombiniert mit einem immer mitzuführendem Taschenbuch.
    Das wäre zwar alles nicht originell, aber authentisch. (Jedenfalls in Charlottengrad. Die Hipsterkieze meiden wir ja eh.)
    Authentizität, noch so ein Hipsterwort. Es ist ein Kreuz.

    1. Authentizität gab es schon mal. Die Älteren unter uns mögen sich vielleicht noch an die Zeitschrift TEMPO erinnern. Die fanden es auch mega authentisch, wenn man in lässigen Szene Clubs Ernte23 geraucht hat. Legendär 😉

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