Youngtimer im Fokus: Mercedes C-Klasse W202

Mit dem W202 als Youngtimer tun sich scheinbar alle schwer, den wollen sie alle hassen – zumindest am Stammtisch. Wie jedoch die Auswertung unserer internen Suche zeigt, suchen ständig jede Menge Leute auf unserer Seite nach dem Mercedes W202 – der ersten C-Klasse ab 1993.

Und nicht nur das…

Wir machen uns auf den Weg und sprechen mit Leuten – alten und neuen Mercedes Fans, Gebrauchtwagen-Händlern… Die ganze Show.

Schaut man sich einmal die Google Trends an und vergleicht den W124, den W201 und den W202 – so liegt das Interesse am W201 erstaunlich konstant, das am W124 steigt kontinuierlich über mehr als 10 Jahre – und der W202 liegt dazwischen – deutlich höher als der W201 und im Gegensatz zum W201 aber signifikant steigend.

Die gelbe Kurve zeigt das Interesse am W124, die mittlere den W202, die stabile unten das Suchvolumen des W201

Die gelbe Kurve zeigt das Interesse am W124, die mittlere den W202, die stabile unten das Suchvolumen des W201

Wer hätte das gedacht….?

Hm… Mercedes Händler hätten das gedacht, aber das sagen sie auch nicht gern auf Parties. Warum, erklärt uns ein Händler im nördlichen Bayern: „Platt gesagt: Man kann gegen den W202 ja alles mögliche sagen und ihm Qualitätsmängel attestieren und andichten – aber der W203 ist für viele das weit schlechtere Auto. Wer dann eben einen Mercedes in der Größe will, greift lieber zum W202 und wartet dann auf den W204 – der wird jetzt ja auch bald 10 Jahre alt.“

Der gleiche Händler sagt aber auch. „Der W202 ist aber auch nicht so schlecht, wie alle behaupten. Da gibt es Mängel, aber die sind sehr überschaubar…“

Das ist genau die Aussage, bei der die Daimler-Foren sozusagen im Strahl kotzen – denn genau das ist die Stärke des W201 und des W124. Und echte Fans nehmen es Mercedes übel, mit dem W202 ein „Versager-Auto“ gebaut zu haben, das Mängel hat.

Hier spürt man noch den Geist des W123 - und die zum Teil wirklich scheußlichen Farben der Armaturenträger sind legendär - so einen Quatsch hat sich Mercedes nur hier getraut

Hier spürt man noch den Geist des W123 – und die zum Teil wirklich scheußlichen Farben der Armaturenträger sind legendär – so einen Quatsch hat sich Mercedes nur hier getraut

Zahlen zufolge stimmt das zunächst einmal gar nicht – weder die TÜV Ergebnisse noch die Pannen-Statistiken des Mercedes W202 waren zu Lebzeiten wirklich übel – aber das ist eben nicht das Maß der Dinge in diesem Bereich – das Maß sind der W124 und der W201. Die älteren unter uns allerdings erinnern sich… da war doch was… Genau: Der W124 startete ganz übel schlecht mit dem sogenannten Bonanza-Effekt. Rost-Ecken gibt es sowohl am W124 als auch am W201 – speziell zu nennen Späße wie die Wagenheberaufnahmen, die oftmals kostspielig repariert werden müssen. Die Sitze der frühen 80er taugen qualitativ nur im Bereich des Bezuges, während die Polsterung in den Bereich von Folter abdriften kann – und das oft schon bei kaum 100.000 KM. Also da ist ja dann auch nicht alles Gold, was aus der ferne glänzt… Auch wenn die Wagen unzweifelhaft großartig sind und qualitativ weit besser als viele ihrer Zeitgenossen.

Äh - das soll ein Benz sein? Ja - diese Version richtete sich an Yuppies, die es damals noch gegeben haben soll, wenn man Merketing-Leuten glaubt - und angeblich wollten die sowas

Äh – das soll ein Benz sein? Ja – diese Version richtete sich an Yuppies, die es damals noch gegeben haben soll, wenn man Merketing-Leuten glaubt – und angeblich wollten die sowas

„Aber der W124 und der W201 sind längst heilig gesprochen,“ sagt uns ein Mitglied eines Mercedes Fanclubs, der viel Wert darauf legt, nicht genannt zu werden – „über die kannst Du nirgends objektiv sprechen, weil Du immer zuerst niederknien musst. Wir haben hier im Club deutlich über 20 gepflegte W202, die hier zuerst niemand sehen wollte – aber das sind auch keine wirklich schlechten Autos, wenn Du sie pflegst. Und jeder Mercedes ist irgendwie der letzte Echte Mercedes – kommt immer ein bisschen drauf an, wen Du da genau fragst.“

Fakt ist: Gepflegte Modelle, vor allem solche mit Automatik, sind ihre heute schier lächerlich geringen Preise oftmals mehr als wert. Immer wieder erreichen uns Mails von Lesern, die 350.000 Kilometer und mehr mit ihren frühen C-Klassen abgespult haben.

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Wertig – eine solche Front hatten noch der W140, der R129 – und dann war Schluß und bei Mercedes zog Beliebigkeit ein

Und ja: Da gab es undichte Klimakondensatoren, da gab es kaputte Lenkungsdämpfer und auch Probleme mit den Federbeinaufnahmen – andere Autos, andere Mängel.

Fährt man heute einen W202, muss man eines ganz klar feststellen: Ohne den vielzitierten letzten echten Daimler ausgerechnet in diesem Wagen zu vermuten, muss eines klar sein: Er ist der letzte Wagen, der sich fährt wie ein echter Benz. Der grottige W203 versuchte verzweifelt, ein 3er zu sein und scheiterte (ganz abgesehen von seinem schier krankhaften Rost). Der Mercedes W202 gibt als Youngtimer noch den eleganten Benz, lässt sich gediegen bewegen, hat noch die klackende vertrauenerweckende Automatik – so, wie sie sein soll. Er hat weit mehr Platz auf der Rückbank als der geizige 190er und er hat diesen angenehm freien Platz zwischen den Sitzen, wo andere Autos die Handbremse haben. Da ist der alte unzerstörbare Hebel für alles links am Lenkrad, der einem immer dieses coole Taxi-Gefühl gibt.w202-amgig

Der W202 hat fahrerisch weit mehr von W124 als manch anderer Mercedes – und das macht heute gerade jüngeren Fahrern Spaß, für die der W202 „der alte Benz“ ist, denn der Nachfolger und viele andere Benze sind nicht nur qualitativ deutlich schlechter, sie sehen auch nicht mehr benzig aus. Der W202 hat noch das alte Armaturenbrett, das im Prinzip in vielerlei Hinsicht noch den Stil des W123 pflegt, Modellkonsistenz im besten Benz-Sinne, das konnten sie damals einfach.

Die Frage ist am Ende des Tages wahrscheinlich: Willst Du einen Benz fahren, der sich irgendwie noch so anfühlt, als sei er einer?

Heute schon Hipster-geeignet

Heute schon Hipster-geeignet

Unser neuer Kumpel, der Hipster-Schrauber, wirft noch ein anderes Licht auf die C-Klasse ab 1993: „Wir haben tatsächlich diverse C-Klassen in den vergangenen 2 Jahren umfangreich und teuer restauriert. Das sind die frühen Exemplare, die es noch in den lustigen Ausstattungslinien gibt. Da findest Du die Modelle mit der farbigen Mittelbahn im Sitz und natürlich die Champagner-farbenen mit knallroter Innenausstattung wie im Puff, bei denen selbst das Lenkrad noch farblich angepasst ist – solchen Quatsch hat Daimler sonst nie gemacht – und das ist jetzt eben auch bald 25 Jahre her, wirkt ebenso cool, wie es Style hat. Ist was für Innere-Wert Typen. Filterkaffee, wenn Du so willst“

durchaus nicht unelegant, oder?

Durchaus nicht unelegant, oder? Und die Wagenheber-Aufnahmen sind eher fehlerfrei… Vieles an dem Wagen ist zugegebenermaßen nicht mehr so sauber durchkonstruiert wie beim Vorgänger – so etwa die legendären Rückleuchten

Mit der Motorisierung tun sich viele schwer beim kleinen Benz der 90er. Bei den Dieseln ist das verhältnismäßig leicht: Der 220er mit 95PS bei den frühen Modellen, im Anschluss die CDIs. Bei den Benzinern mag der C180 aus der Ferne nicht cool wirken – den muss man einfach mögen. Einfacher Rat: Nie Vollgas fahren und nie auf S stellen – das kapiert die Automatik nicht. wer sonst zügig fährt, kann mit dem Wagen glücklich werden. Der C230 kann was – C200 und 220 sollte man besser meiden. Bei den Sechszylindermodellen ist der C280 in seiner Version mit 193PS schlicht der Hammer – alles darüber sinnlos und sinnlos teuer. Die AMG Modelle mit 6 und 8 Zylindern

Der W202 als T-Modell ist nicht einfach nur ein dösiger LifeStyl-Kombi - dann wäre Mercedes nicht Mercedes gewesen. Der kann was, hat einen gescheiten Laderaum, ein ausgezeichnetes Gepäcklraumrollo und eine unglaublich belastbare Teppich-Einlage

Der W202 als T-Modell ist nicht einfach nur ein dösiger LifeStyl-Kombi – dann wäre Mercedes nicht Mercedes gewesen. Der kann was, hat einen gescheiten Laderaum, ein ausgezeichnetes Gepäcklraumrollo und eine unglaublich belastbare Teppich-Einlage

sind praktisch nie so recht billig geworden – und kurz danach dann schon wieder teuer….

Am Schluß unserer Recherche landen wir am Flughafen in Düsseldorf und steigen in einen W202 als C220D, als hätte der dort auf uns gewartet, um uns nach Bonn zu bringen. Natürlich kommen wir nach wenigen Metern ins Gespräch – 98er mit Automatik und 560.000 auf der Uhr. „Die Differentiale taugen nicht so viel, ebenso die vorderen Träger – aber ansonsten kann man gegen den W202 nicht so viel sagen. Du tauschst hier und da mal ein Teil, den Motor haben wir vor 3 Jahren überholen lassen – aber auch eher vorsichtshalber, nicht, weil es nötig gewesen wäre.“

Und auch er sagt uns eins ganz klar „Der Nachfolger ist viel schlechter, rostet wie irre, ständig gehen die Xenons kaputt und er hat einen ganz üblen Kofferraum und die Leute wollen hinten nicht sitzen – der W202 war in der Klasse bislang der größte Benz. Man darf da nicht alles glauben, was man im Internet liest.“
Unsere Rede… Dieses Internet… 😉


7 Gedanken zu „Youngtimer im Fokus: Mercedes C-Klasse W202

  1. Hallo Blog,
    einen schönen Bericht habt ihr da geschrieben, gefällt mir sehr. Da ich beide habe (202 und 124) muss ich einfach sagen, dass der 124er grenzenlos gehypt wird. Alles spicht davon und es ist auch ein wirklich tolles Auto – aber schlechter ist der 202 nun auch nicht, denn er hat zum großen Teil viele Gene von dem E, Austattung und Verarbeitung fand ich auch immer top und im Stich haben mich beide nie gelassen. Der M104 im C280, da muss man nichts zu sagen: Die Laufruhe sucht bis heute seines gleichen. Verbrauch und Leistung stimmen definitiv, vor allem für das Geld. Habe in 6 Jahren mit Kauf, Wartung und TÜV unter 5000€ ausgegeben. Was alle gegen die Handschaltung haben weiß ich auch nicht, habe mich bewusst gegen die Automatik entschieden (habe sie im 124) und bin bis heute froh darüber. Nur die Sitzposition gefällt mir in anderen Autos besser (124, E36).

  2. Der 202 hatte für mich nur einen Nachteil – er ist leider in allen Richtungen etwas zu klein. Obwohl ich nicht sonderlich groß bin hatte ich immer das Gefühl, in einem Auto für Hobbits zu hocken. Und das ist dermaßen unbenzig, dass ich ihn abgeschafft habe. Interessant an dem Artikel ist, dass man ihn zu 80% für den 210er übernehmen könnte. Aber der hat in diesem Blog ja noch den Bashing-Status, aus dem der 202 langsam rauswächst. Innen ist der 210er noch ein echter Benz und hat eine angemessene Größe.

  3. Kann mir jemand erklären was an Mercedes der 90er Jahre toll sein soll?
    Für mich sind die Teile einfach nur langweilig und rosten ohne Ende. Der W202 gilt bei uns als Bauernkutsche.
    Auch der Nachfolger W203 ist laut meinen Bekanntenkreis nichts Ausser Anfällig und teuer in der Anschaffung
    (da sind welche dabei die nach 3,4 Jahren rostiger waren als mein astra f nach 15 jahren)
    Aber soll jeder fahren was er will und damit glücklich werden, ich werde trotzdem nie verstehen was mercedes youngtimer so begehrt macht.

    1. Hm, Jannik… Sieh sie dir mal im Vergleich zu den Nachfolgern an und nicht zu den Vorgängern. Als Daily Driver haben die werksmässig Euro 2 oder besser, ABS, meist Klima, einfach mal weniger km drauf und trotzdem noch etwas aus den 80ern hinübergerettet. Wenn auch eher innen als aussen… 123, 124, 201 sind einfach alte Autos, aber ich brauch eins auf das ich mich jeden Tag verlassen kann und das nicht vollkommen runtergeritten ist. Und für einen A- oder B-Zustand dieser Baureihen fehlt mir das Geld und die würde ich dann auch nicht mehr durch Wind und Wetter treiben wollen. Falls du aber eher ein „Blitzer“ bist ist war die Frage ja eh rethorisch, oder?
      Zum Thema „Langeweile“: das ist ja gerade das Schöne daran. Seit jeder Polo gefühlt in unter 10 Sek. auf 100 ist und 200 schafft, ist das alte schneller-höher-weiter sowas von sinnlos und „gähn“, dass man sich was Nettes (halb)altes sucht mit dem man glücklich ist. Meine Art des „Stinkefingers“ zu allen, die jeder Zehntelsekunde, „Kurvendynamik“ und ähnlich sinnentleerten Marketingfloskeln nachhecheln.

  4. Für mich stellte der W202 im Design immer die konsequente Weiterentwicklung des 190ers dar. Ich persönlich empfinde die erste C-Klasse als das schönere Auto. Die Rostprobleme, die vielen W202 schon aus großer Entfernung anzusehen sind, hatte ich jedoch mit dem 190er nie. Auf jeden Fall war die C-Klasse angemessener motorisiert als der Vorgänger.
    Im Falle des W203 möchte ich hier noch die Modelle ab MOPF empfehlen, die Qualiät hat sich dann merklich verbessert.

  5. für einige jahre einen gebrauchten vom fähnchenhändler gehabt. C-180 (nach mopf) in weinrotmetallic/stoff schwarz (siehe oben) mit reichlich ausstattung: z.B. 4x eFh, klima, GSD, fondkopfstützen, fahrer u beifahrerarbg, geteilt klapprückbank uvm. da hatte der erstbesitzer reichlich investiert. war ein wunderbar gutmütiges tier. und sparsam: frankreichreise (Vmax 130) solide und fahrgefühl wie W123. mit autobahnschnitt 5,8 l/100km leider die typische rostpest, aber dann komplett hohlraumversiegeln lassen – absoluter roststopp und dann mit angemischshtem farbeimerchen und pinsel…. egal. war dennoch eine außerst gepflegte erscheinung. das ende jähe kam mit der hagelkatastrophe von reutlingen 2013…. 🙁

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