Wie lebt der Youngtimer rund um den Prater?

Mit Wien verbindet uns ja eine alte Auto-Erinnerung der besonderen Art – und nicht nur das: Seit den späten 80er Jahren wohnt Onkel Paul gleich hinter dem Prater, was man in vielerlei Hinsicht mögen muss, aber durchaus lieben kann.

In letzter Zeit waren wir wieder oft dort, haben uns sogar ein paar Wagen angeschaut – und natürlich viel mit Onkel Paul gesprochen, der nach 30 Jahren immer noch mit einer gewissen Distanz auf die österreichische Szene blickt – aber auch mit einer gewissen Distanz von den gemeinen Wienern betrachtet wird.

Wir treffen uns auf ein Schnitzel im Lugeck, um ganz stilsicher im Klischee zu bleiben – auf der Taxifahrt passieren wir Schloß Schönbrunn und im Radio läuft ernsthaft Rock Me Amadeus, um das Sterotype der Situation zu komplettieren – unfassbar. Aber in aller Fairness: Diese Schnitzel können die Wiener – und Falco – ob man ihn nun mag oder nicht – war seiner Zeit weit voraus. Aber hey – das hat ja auch dem Ro 80 schon nicht geholfen…

In den Tagen, die wir in Wien sind, haben wir jede menge Youngtimer entdeckt – 2 wollen wir uns am nächsten Tag mit Onkel Paul anschauen. Und über Backhändel und doppellagigem Wiener Schnitzel erzählt er uns, wie er Youngtimer in Wien über die Jahre empfunden hat.

„Die richtig dekorativen Autos, kratzerfrei und Opa-gepflegt, sind hier eher selten. Der Wiener parkt ein wenig wie der Pariser und ist mit seinem auto dann auch selbst nicht ganz so pingelig wie der Deutsche. Achtet mal drauf, wie viele große Auto-Waschstrassen es in Wien gibt….“ Und tatsächlich – Wien mag die zweitgrößte Deutschsprachige Stadt sein – aber Autopflege genießt hier im Strassenbild eine ganz entschieden untergeordnetere Rolle als bei uns in den großen Städten.

Auffällig tatsächlich: Autos aus den 80er und 90er Jahren fahren hier jede Menge rum. Wir bewegen uns viel im zentralen zweiten Bezirk, wo der Parkraum knapp, die Parklücken eng sind – und Kratzer und Feindkontakt scheinen hier ebenso an der Tagesordnung zu sein, wie man nicht viel davon hält, die Kratzer zu entfernen. Wenn Du dein Auto hier liebst, hast Du es nicht leicht…. In Spuckweite des Praters entdecken wir diverse Typ44, W124, 7er und 9er Volvos – die großen Fahrzeuge, gehobene Mittelklasse, wie auch bei uns oft der Fall. Aber wir finden auch 1er Golf auss den frühen 80ern, die hier noch im vollen Daily sind und Kindersitze, Windelpakete und Müllberge enthalten.

In Tiefen von Parkhäusern, von denen es hier diverse gibt, finden wir einige schöne Wagen der 80er und 90er. Und vor allem: Beeindruckend viele Japaner. Denen gegenüber war der gemeine Austro-Kunden nicht ganz so niederträchtig wie der Germane in den 70ern und 80ern.

Abgesehen davon spielte Subaru im schneesicheren Österreich natürlich durchaus eine gewisse Rolle durch den Allrad-Antrieb. Wobei die Marke aller Marken für den Österreicher VW zu sein scheint und neuerdings noch um ein mehrfaches stärker: Skoda. Skoda Youngtimer jedoch sieht man nirgends. Na gut, das wäre auch durchaus eher ungewöhnlich.

Zwei Youngtimer verstecken sich auf diesem Bild 😉

Das bestätigt auch Onkel Paul. „Skoda wird hier noch Marktführer, fürchte ich. Die Österreicher sind nicht so markenverrückt wie die Deutschen, da hat Skoda es noch leichter. Die siehts Du draussen am Flughafen auch mittlerweile oft als Taxi.“ Tatsächlich verkauft Opel noch einen Hauch mehr Autos als die Volkswagen–Tochter. Der Volkswagen-Marktanteil liegt bei 17% – Premium-Helden wie Mercedes, die im diesbezüglich realitätsfreien Deutschland zweistellige Marktanteile erreichen, kommen in Österreich auf milde 4%. Der Österreicher fällt 2016 auf die Premium-Lüge nicht so rein. Dennoch: Der Mercedes W124 ist hier präsent. Zumindest in Wien. Auf dem Land sieht mal viel mehr alte Japanische Geländewagen. Aber die trauen sich scheinbar nicht in die Stadt.

Und warum das ist ist, ist schnell klar: Die meisten Youngtimer scheinen hier wirklich kein schönes Leben zu führen – Man fühlt sich ein Bisschen an Berlin erinnert. Die Autos müssen hier nicht nur als Dailys dienen und Rempler wegstecken, man scheint sie gesamtheitlich nicht zu lieben.

Youngtimer Audi 100 typ44 youngtimer audi a6

Alt und mittelalt – im Detail grauenhaft verkratzt

Die Autos, die wir uns angeschaut haben, hatten wirklich keinen schönen Stand – weder innen noch außen. Das bestätigt auch Onkel Paul „Wenn Du hier einen Gebrauchtwagen in der unteren Preisklasse kaufst, dann räumen die Leute schon die meisten Flaschen raus und so – aber würde da jemand den Sauger durchschwingen? Eher nicht – für einen Deutschen echt unvorstellbar….“. Wir Deutschen mögen grundlegend zu Auto-verrückt sein, aber im Erhaltungszustand hilft das definitiv.

Leicht haben es die Youngtimer hier also nicht, soviel steht fest. Aber wir haben noch ein wenig Zeit vor Ort und schauen uns nach etwas schönem um.

Stay tuned.




7 Gedanken zu „Wie lebt der Youngtimer rund um den Prater?

  1. Nach 4 1/2 Jahren Wien weiß ich eines: Der Wiener Stadtverkehr und die mangelhafte Pflegementalität der Österreicher, was ihr Auto angeht, machts es Autos in Wien schwer.

    Wien hat aber eine wirklich gute Seite: In Wien gibts nur 3 Tage im Jahr echten Winter. Sprich salznasse Straßen und Schnee. Im Vergleich zum Großteil von Restösterreich rosten Autos in Wien sehr viel weniger als anderswo.

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