Das Langzeitauto – war das eigentlich wieder nur so ein dösiger Traum?

In den 80er Jahren geisterte das Langzeitauto immer mal durch die Medien – das erreichte phasenweise Züge wie das idiotische Bildtelefon, das jeder Bundespostminister gewohnheitsmäßig vorstellte und das dann doch nie auf den Markt kam. Irgendwann hat Skype das dann wohl erledigt, ohne den Bundespostminister zu fragen…

War ein Klassiker in diversen Europäischen Ländern und blieb doch ein Phantom: Das Bildtelefon. An dieser Stelle grundsätzlich empfehlenswert: Ein Besuch im Museum für Kommunikation Frankfurt

Ganz so ging es dem Langzeitauto nicht – das hat nämlich bis heute niemand so recht erledigt – und irgendwie wird sich wohl auch so schnell keiner mehr finden, der es macht.

Aber grundsätzlich war das eine Diskussion der 80er Jahre, eine ernst gemeinte, die es bis in die verrauchten Talk-Shows schaffte: Warum baut man ein Auto nicht einfach so, dass es signifikant länger hält? Mercedes war hier mit dem W123 sicher in der richtigen Richtung unterwegs, ebenso Audi mit dem Typ44 und seinem Nachfolger, dem letzten Audi 100. Diese Fahrzeuge waren in vorbildlicher Weise auf Langlebigkeit ausgelegt – vom Zapfenschloss an der Tür über unglaublich langlebige Sitze bis hin zu hochwertigen Teppichen, die die Kombi-Kofferräume auskleideten. Es ist ja kein PR-Märchen, dass diese Wagen signifikant länger halten – und das bis heute in afrikanischen Ländern gegen jede Wahrscheinlichkeit immer noch tun.

Mercedes W123 Taxi

irgendwo in der Welt fahren sie alle noch…

Natürlich schreit da jetzt jeder „Hey – da brauch ich doch kein BWL Studium! Wenn keiner neue Autos kaufen würde, gehen die doch alle pleite!“

Ist das wirklich so einfach?

Wenn es so einfach wäre, hätte es sicherlich nicht die Idee des modularen Smartphones gegeben, die es in eine weite Entwicklungsphase hinein gebracht hat. Aber faktisch steckt hier natürlich das gleiche Gedankengut drin.

Stellen wir uns mal vor, wir hätten 1982 einen modulare W123 gekauft, sagen wir ein T-Modell als 240D und Mercedes hätte den verzinkt. Klar, dann hätten wir erst mal in regelmäßigen Abständen Flüssigkeiten gewechselt und nachgefüllt, Bremsbeläge getauscht und hier und da mal eine Birne ersetzt. Und ansonsten wäre alles so weiter gelaufen und Mercedes hätte nach wie vor den W123 gebaut.

Audi Typ44 Avant

Zum Langzeitauto fehlte dem vielleicht ein besserer Kofferraum – er war aber ganz dich dran

Irgendwann hätte unser Mercedes-Händler dann einmal angerufen und gesagt, dass es jetzt einen 220CDI gibt mit 125PS und ob wir diesen Motor nicht gegen unseren bisherigen mit 72 PS tauschen wollten. Der Mercedes Händler hätte uns einen Preis für den gebrauchten 240D Motor gemacht und wir wären nach der nächsten Inspektion mit 125PS nach Hause gefahren – eine Leistung, auf die der W123 ja locker ausgelegt war. Bei der Gelegenheit hätten wir natürlich auch das Getriebe getauscht und jetzt eines mit Tempomat genommen, den wir eigentlich damals schon hatten haben wollen. Der neue Motor hätte durch sein verbessertes Abgasverhalten dafür gesorgt, dass wir weniger Steuern zahlen müssten.

2021 hätte der Sohn in den geerbten W123 dann Ergonomie-Sitze und einen Elektromotor eingebaut – Aber die Karosserie wäre immer noch die von 1982 gewesen….

Das Langzeitauto – ginge das wirklich?

Tatsächlich gibt es ja diverse gute Gründe, sich neue Autos zu kaufen, wie etwa die steigende passive Sicherheit der heutigen Fahrzeuge – das ließe sich bei einem modulare Ansatz natürlich nur in Grenzen umsetzen. Oder?

Wir fragen Gerhard, unseren Mann vom Fach.

Der hätte wohl auch das Zeug zum Langzeitauto gehabt – genau genommen war wohl noch nie ein Hersteller so dicht dran – Volvo verwendete einzelne Komponenten bereits im 120er Volco, dann im 140er, dann….

„Hm… Ich wäre der erste, der das hätte bauen wollen! Tatsächlich gab es mindestens zwei große Automobil-Hersteller, die das ganze mal sehr konkret durchdacht haben und nicht nur nach dem dritten Schnaps beim Kegeln der Ingenieure. Tatsächlich ist das ganze aber komplizierter, als man meint.

Zunächst einmal brauchst Du dafür ja einen sehr berechnbaren Markt. Ihr habt hier auf dem Blog die Antwort schon mal gegeben, als ihr Euch um das EU-Einheitsauto Gedanken gemacht habt. Da kam vereinfacht gesagt raus, dass Du einen Mittelklassewagen brauchst – und zwar als Kombi, weil Du ja ausreichend Stückzahlen über eine lange Zeit realisieren musst. Im Grunde der sozialistische Ansatz.“

Und Tatsache ist hier: Diesbezüglich war der Sozialismus mit all seinen zweiten Leben von Mittelklasse-Fahrzeugen das richtige Umfeld, um das zu testen, denn hier stellen sich ein paar Effekte ein, über die man so nicht nachdenkt – und die sind dann auch betriebswirtschaftlich wieder interessant.

Wir hätten das modulare Smartphone gekauft

„Was das ganze ja durchaus interessant macht, sind Skalen-Effekte. Wenn Du einen Wagen konzipierst, der 400.000 bis 600.000 mal gebaut werden wird, dann bedeutet das auch, dass du im Vorfeld immer weißt, dass rund 500.000€ Entwicklungsaufwand den Wagen sozusagen einen Euro teurer machen, auch wenn das ein wenig vereinfacht ist. Wenn Du einen Wagen 20 Jahre lang bauen könntest oder länger, dann würdest Du nicht nur über ganz andere Stückzahlen reden. Du würdest auch konstruktive Fortschritte machen, würdest mit der Erfahrung im laufenden Betrieb drauf kommen, wie einzelne Teile billiger, besser oder haltbarer produziert werden könnten – konnte man beim Käfer ja sehen. In der Erprobung könntest Du gänzlich anders in Haltbarkeit investieren – und auch Dein Business-Modell würde sich komplett verändern. Der eigentliche Verkauf des Wagens würde zu einem Moment von vielen werden, nicht mehr zu DEM Moment. Viel mehr als heute würde das Geld über Inspektionen, Service und Umbauten und Nachrüstungen gemacht werden.

Ach so… na ja… gut – es gab das Langzeitauto

In anderen Worten: Plötzlich würde es für dich als Hersteller doppelt so viel Sinn machen, dass der Wagen haltbar ist und lange lebt, weil er ja sozusagen das Abo für deine Service-Leistungen werden würde. Und wie gesagt: Einen Wagen doppelt so haltbar zu bauen, kostet ja keineswegs das Doppelte.“

Wir müssen sagen, wenn wir da länger drüber nachdenken, erscheint uns das eine Perspektive zu sein, die doch eigentlich unglaublich attraktiv wäre, oder? Zumal die Energie, die in den Bau des Fahrzeuges fließt, ja die Ökobilanz so in den Orbit tritt, dass es doch eigentlich ohnehin egal sein müsste, oder?

„Vorsicht,“ erklärt und Gerhard dann allerdings, „Ganz so einfach ist es eben doch nicht.

Was spräche dagegen?

  1. Der Markt – die Leute wollen neue Autos haben, das haben sie so gelernt – dieser Faktor ist sehr schwer zu beziffern, hat aber selbst im Sozialismus eine gewisse Relevanz gehabt – und da zählte Kundenmeinung exakt nichts
  2. Punkt Eins könnte man in Teilen mit visuellen Mitteln abfangen. Statt Facelift gibt es dann sozusagen Nachrüst-Facelifts. Du behältst Dein Auto und schraubst eine andere Front dran – Hat Pontiac mal versucht und Smart in gewisser Weise auch mit den Body Panels. Ließe sich wirtschaftlich leicht rechtfertigen – du würdest ja viel Geld sparen, wenn Du dir nicht ständig neue Autos kaufen müsstest. Am Ende hat das aber dennoch Probleme: Einerseits höhlt es die Idee des Langzeitautos aus, weil du ja plötzlich doch überall neue Teile am Wagen hättest – das wäre vielleicht nicht so schlimm – Schlimmer ist, dass
  3. modulare Konstruktionen, die den Tausch gegen Teile ermöglichen, die es noch gar nicht gibt, immer automatisch ein hohes Konstruktionsgewicht mit sich bringen – das lässt sich auch nicht durch pfiffige Tricks umgehen, das ist immer ein Fakt bei Standardisierungen dieser Art, weil Du alles auf alle Eventualitäten hin konstruieren musst. Deshalb waren beispielsweise Motherboards in den 90er Jahren immer so anfällig: Sie wurden über die Jahre mit zig Neu-Entwicklungen konfrontiert, die niemand hatte ahnen – und vor allem nicht testen können. Also konstruierte man sie vorneweg immer komplexer – nur, um dann festzustellen, dass die Kunden nichts mehr nachrüsten, sondern sich lieber gleich neue Rechner kauften

Den letzten Punkt darf man nicht unterschätzen.“

Interessant beim Käfer: Konstruktiv war der als Langzeitauto nicht gedacht: Übler Kofferraum, viel zu wenig Türen, irre laut, etc. Immerhin: Modular war er in vielerlei Hinsicht

Das erscheint uns in vielerlei Hinsicht einleuchtend, gleichzeitig sagt uns etwas, dass es hier auch einen Faktor des Umdenkens geben würde und Konstrukteure in dem Punkt sicherlich auch dazulernen würden.

Punkt 1 macht uns mehr sorgen. Denn tatsächlich spielt der Faktor Mensch hier ja eine nicht unerhebliche Rolle. Hätte Audi den Typ44 einfach weitergebaut als cooles Langzeitauto, so würde es sicherlich Leute geben, die das unterstützt hätten – andere wiederum hätten sich irgendwann den BMW E39 angesehen, dann irgendwann den E61…. und ja – wir ahnen, dass es einen unglaublichen Vernunft-Level benötigt, um das durch zu ziehen, oder?

Wie schätzt Du das ein? Welche Chancen hätte das Langzeit-Auto heute?

Langzeitauto - ginge das?

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9 Gedanken zu „Das Langzeitauto – war das eigentlich wieder nur so ein dösiger Traum?

  1. Hallo, also mal ehrlich, diese Interpretation des Langzeitautos ist doch lächerlich. Die Fortschritte z. B. in der passiven Sicherheit wäre doch nicht im Ansatz erreicht worden, wenn man heute noch auf Basis einer 70er-Jahre-Konstruktion Autos bauen würde. Autos wären ein Konglomerat von drangefrickelten Extras, ohne konstruktives Konzept.

    „Langzeitauto“ macht doch eher dahingehend Sinn, dass ein Fahrzeug eine längere mittlere Nutzungsdauer hat und dabei durch mehrere Hände geht. Vielleicht käme damit auch eher das untere Ende des Marktes unter Druck, z. B. Dacia. Da würde man für 6k vielleicht weniger neue Dacias, sondern eben ein 15 Jahre altes ‚Langzeitauto“ kaufen, das von der Verarbeitung her noch so gut beisammen ist wie ein neues Billigauto. Sozusagen Youngtimer für die Masse. Diese Autos gibt es ja, aber einerseits nicht in der Marktbreite und viele Käufer haben Angst, ein Auto >200 tkm zu kaufen, eben weil da die wenigstens noch brauchbar sind. Außerdem halten viele Autos durchaus sehr lange, wenn sie gepflegt und gewartet werden.

    Ein gesundes Neues Jahr, KS

  2. Opel Rekord E mit 2l mit 100 ps motor verzinkter karosse ich glaube der wuerde ewig halten. (schade das meiner net verzinkt ist der faengt leider an mit dem rosten)

  3. Mir fällt bei „Langzeitauto“ ein dem Namen entsprechendes Projekt von Porsche aus den 70er Jahren ein.
    Vor meinem geistigen Auge taucht da ein AMC Pacer-artiges Ding auf.

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