Saab 900 II – Youngtimer im Fokus

Der Vorgänger des Saab 900 II ist der Erfinder des ewigen Lebens – satte 16 Jahre lang konnte man ihn neu kaufen – und anschließend lebte er oftmals in vielen „wie neu“ Zuständen in solventen Zahnarztfamilien als zweit- oder Drittwagen weiter, weil er schon Zeit seines Lebens ein Kultauto war.

heimeligDa hatte es der 900 II durchaus schwer, ein großes Erbe anzutreten – machte es aber gut: mit Knapp 300.000 Exemplaren in seiner deutlich kürzeren Bauzeit war er auf Jahre umgerechnet exakt so erfolgreich wie der Urvater. Aber das war kein leichtes Leben, keine leichte Geburt. 1989/90 war Saab die ebenso unheilige wie notwendige Allianz mit General Motors eingegangen – das Ticket in den Untergang, wie sich später herausstellen sollte. Und eigentlich stellte es sich auch schon bei der Entwicklung des Saab 900 II heraus: Das sollte eine unheilige Allianz werden.

GM hatte einfach keine Ahnung.

Saab bestand auch in dieser Klasse auf den Zweitürer – bis 1998

Als der zweite Saab 900 erschien, war Saab Kompromisse eingegangen, die man bis dahin im Unternehmen nicht gekannt hatte. Das hatte angefangen mit GM-Schaltern und Knöpfen hier und dort, dann mit ein paar Großserienschrauben – und plötzlich wurden Dinge gesteckt, die die Saab Ingenieure schrauben wollten und Dämm-Materialien verwendet, die aus GM und Opel-Modellen stammten und nicht zur Premium-Klasse passen wollten und vor allem nicht zu den Qualitätsvorstellungen, die Saab über all die Jahre als sachlich wertstabiles Autos ohne Protz in dieser Klasse etabliert hatten.

Weniger kompliziert ausgedrückt: GM hatte einfach keine Ahnung.

Großkonzern und Saab passten zusammen wie Faust auf Nase. Hatte Saab bei der Entwicklung der Saab 9000 noch legendär und mit dem, was man heute „leaken“ nennen würde, dafür gesorgt, dass klar wurde, wie weit weg der Saab 9000 qialitativ von seinen Entwicklungsbrüdern Lancia Thema oder Fiat Croma war. Beim Saab 900 II gelang das nicht: Der Start missglückte. Defekte an Kupplung und Getrieben machten schnell die Runde, die Turbos waren durch billiger spezifizierte ersetzt worden und zeigten das auch – das passierte seltener als man meint, machte aber natürlich die Runde. Die Jahrgänge 93, 94 und 95 bis zum Sommer galten lange Zeit als toxisch. Saab musste nacharbeiten.

Viele der Saab aus den 90er haben Leder – aber nein: oft gefragt, aber Leder ist nicht Serie

Die Ergebnisse beim Tüv waren in den ersten Jahren nicht gut, die Pannenanfälligkeit besserer Durchschnitt. Die Englischen Garantieversicherer stuften den Wagen in der damals zweitteuersten Klasse ein, weil die Teile, die kaputt gingen, obendrein nicht ganz billig waren, was zu einem schlechten Mängelindex führt.

Der Saab musste reifen.

Nicht wahr ist jedoch, dass der Saab 900 II eine aufgejazzte Kopie des Opel Vectra ist. Da gibt es Gleichteile, ja – aber wer den Saab 900 II heute fährt, der spürt, wieviel Saab Spirit in dem Wagen noch steckt. Es ist die Art, wie die viel zu groß dimensionierten Sitze dieses tunnelartige Feeling im Auto erzeugen, in dem es immer ein wenig zu dunkel zu sein scheint, was aber heimelig wirkt, angenehm. Ebenso fährt sich der Saab etwas hochbeiniger, seine Fahrwerksgeometrie weicht trotz Gleichteilen bei der Bodengruppe erheblich von der des Vectra ab und gibt dem Saab eine angenehme Eigenständigkeit.

Einer der Helden unseres Bilderwettbewerbes vom Sommer 2015. Das Bild passt zum Auto

Schön wäre es, wenn das auch für die teilweise lächerlich billig wirkenden Schalter gelten würde,

Die verarbeiteten Materialien sind schön, haben aber nicht die Haltbarkeit des diesbezüglich brutal optimierten Vorgängers. Ein haltbares auto ist der Saab 900 dennoch – und nicht nur das: Seine Instandhaltung ist relativ leicht zu bewerkstelligen.

Der Saab 900 II eignet sich in vielerlei Hinsicht tatsächlich als Youngtimer für Einsteiger, den viele in ihm so gar nicht sehen würden. Seine Verfügbarkeit ist gut – obwohl vor 19 Jahren bereist Schluß war – nach gerade mal 5 Jahren Bauzeit.

Die Motoren haben alle ihre speziellen Reize – der interessanteste ist vielleicht der 2,3 Liter große Vierzylinder mit 150PS, gefolgt vom Turbo mit stattlichen 185PS, dessen Drehmomentkurve allerdings angenehm fülliger ist als die der anderen Motoren. Der V6 aus dem Opel-Regal muss nicht sein – der Verbraucht mehr ohne so wesentlich mehr Laufkultur zu bieten, speziell gemessen am 2,3 Liter, der unglaublich ruhig läuft.

Die Preise des Saab sind zurzeit erfreulich niedrig – wir hatten einen als Winterauto, der mit TÜV gerade einmal 900€ gekostet hat und uns 12000 Kilometer gute Dienste geleistet hat. Laufleistungen sind beim Saab ohnehin stets gerne exorbitant. Das goldige Rentnerexemplar mit 54.000 Kilometern auf der Uhr vom 79jährigen Vorbesitzer… Gibt’s nicht.

In Summe ist der Saab jetzt einen Blick wert – einen intensiven Blick. Im Anschluß an dieses Modell ging es nicht nur wirtschaftlich bergab – in den Folgemodelle fehlte es einfach am Saab Spirit – und das kannst Du nicht mit Tüv-Statistiken messen.



10 Gedanken zu „Saab 900 II – Youngtimer im Fokus

  1. Schön, daß auch einmal der Saapel gewürdigt wird. Es stimmt, die Autos hatten zu Beginn einige qualitative Probleme, und vor allem sind die Innenräume haptisch eine Katastrophe. GM-Speckplastik und Opel-Kratzvelours sind schon eine ziemliche Zumutung. Das Genick gebrochen hat dem Wagen aber sein Vorgänger. Wer jemals einen 900/I mit nicht ausgelatschtem, sauber eingestellten Fahrwerk gefahren ist, der ist fortan für jeden anderen Fronttriebler verdorben. An die Präzision und das Einlenkverhalten, daß die Doppeldreieckslenkerachse und die perfekte Gewichtsverteilung diesem Auto verleihen kommt bis heute nichts heran. Jeder andere Fronttriebler fährt sich im Vergleich dazu irgendwie „eckig“ – der 900/II mit seinem McPherson-Gelump und der Verbundlenkerachse des Vectra erst recht.
    Und dann kam noch hinzu, daß GM bis zum Schluß nicht verstanden hatte, daß a) der europäische Automarkt etwas anders funktioniert als der amerikanische und b) Saabkunden noch einmal etwas spezieller waren…
    Wer bereit ist, viel Geld, sehr viel Geld für einen Saab auszugeben (für einen 900 turbo gab es auch eine kleine S-Klasse, und das Cabrio zog preislich mit einem 911 gleich), nur damit er ein Auto fährt, daß ganz offensichtlich auch technisch anders ist als alles andere auf dem Markt, der wird es eher nicht zu schätzen wissen, wenn man dann als Hersteller verkündet, daß man den Nachfolger auf die Plattform des Vectra gestellt und die Kosten um über ein Drittel gesenkt habe. Hätte man eigentlich drauf kommen können.

    Nichtsdestotrotz sind 900/II und 9-3 I aber für sich betrachtet keine schlechten Autos. Sie sind komfortabel, das Cockpit ist ergonomisch nahe an der Perfektion, der Kofferraum ist ein schwarzes Loch und das Fließheck läßt es den Wagen in Sachen Variabilität und Laderaum mit den allermeisten Kombis aufnehmen.
    Vor Allem aber sind sie die wahrscheinlich streßärmste Möglichkeit, ein Auto mit dem mythischen Greif im Emblem zu fahren. Das dürfte insbesondere auf den „Säugling“ zutreffen, den Zweilitersauger der Einstiegsmotorisierung. Der gilt zwar als lahm und langweilig, das ist er aber nur relativ im Vergleich zu seinen Turbobrüdern. Absolut sind das immer noch 130 PS und reichlich Drehmoment im mittleren Drehzahlbereich für ein recht kleines und leichtes Auto. Das reicht mit etwas Rückenwind für echte 200km/h und im Weg herumstehen wird man auf Landstraßen und in der Stadt auch niemandem. Vor allem aber ist dieser Antriebsstrang nahezu unverwüstlich und unbegrenzt haltbar (wenn man ihm gelegentlich Wartung zukommen läßt). Daß man bei diesem Motor auf das (geniale!) Saab- Eigengewächs Trionic als Motorsteuerung verzichtet hat und auf eine altmodische Verteilerzündung und eine Bosch-Motronic zurückgegriffen hat macht dann auch die Elektronik für einen leidlich begabten Dorfschmied beherrschbar.

    In der Tat handelt es sich bei den beiden 900/II und 9-3/I mit dieser Maschine im Bekanntenkreis um die probemlosesten Autos (nach seinen eigenen w123 Dieseln natürlich), die dem Autor dieser Zeilen bekannt sind. Obwohl einer der Wagen über 300.000km als Kurierfahrzeug auf den unmöglichsten Pisten Süd- und Osteuropas abgerissen hat. Aber das ist eine andere, durchaus lesenswerte Geschichte. Wer miterleben möchte, wie sich ein 20 Jahre altes Auto aus Kosten- und vor Allem Zuverlässigkeitsgründen gegen neue Leasingfahrzeuge durchsetzt, der lese diesen thread:
    http://www.saab-cars.de/threads/dauertest-saab-902.36822/

    1. Selten eine so treffende Analyse zum 90o/II gelesen!!!
      Das Hauptproblem des 900/II (neben dem qualitativ miserablen Start): sein grandios skurriler wie guter Vorgänger 900.
      Gleichzeitig war bzw. ist der 900/II ab MY 96 ein qualitativ großartiges Langstreckenfahrzeug, beinahe unkaputtbar und prima motorisiert in der häufig wenig geschätzten Basismotorisierung als 2,0i mit 130PS…
      (den 9-3/I sehe ich aber etwas kritischer: die Rückmeldung von der Straße wurde den Stabis weitgehend geopfert)

  2. Endlich wird der ungeliebte 902 rehabilitiert. Er ist kein schlechtes Auto, das beweisen die vielen Exemplare, die immer noch unterwegs sind. Aber was der Schneewittchentreiber sagt, ist leider auch richtig: Der 901 ist der bessere Saab.

  3. gepflegte Rentnerfahrzeuge gibts noch. Habe erst letztes Jahr eins gekauft. Die Preise für die 902 und 9-3 Modelle sind noch immer in einem vernünftigen Rahmen. Noch gilt der Saab nicht als sammelnswerter Young- oder Oldtimer und die meisten Fans des klassischen 900ers rümpfen bei seinem Anblick die Nase. Dazu kommt noch der schlechte Opel/GM-Ruf. Aber auch wenn die Materialien nicht besonders hochwertig wirken, so überzeugt mich doch die Qualität mit der sie zusammengeschraubt wurden. Mein 902 ist 23Jahre alt und da klappert nix. Da bin ich schlechtere Autos – auch mit Stern – gefahren. Ich möchte mich hier dem Artikel oben anschließen und eine absolute Kaufempfehlung für den 2,3l-Motor aussprechen.

  4. Moin,
    auch ich bin dem 900 II verfallen fahre in der guten Saison ein Cabrio, 1994, 2.3 SE mit 323.000 KM. Nun suche ich ein Winterauto oder auch wenn das Wetter schlecht ist. Bin auf das dunkle Coupe mit Anhängerkupplung in Eurem Beitrag gestoßen. Wer kann etwas über das Auto sagen, denn das Coupe steht zum Verkauf und ich will es!!!.
    Im Voraus vielen Dank
    Martin

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