Youngtimer: Waren Autos früher wirklich besser?

GastPost von Gerhard

Ich erwarb meinen Ingenieurstitel im Frühjahr 1975 – Fahrzeugbau war immer mein Traum gewesen und ich hatte Glück und arbeitete reihum bei allen relevanten großen Premium-Herstellern. Und ich mache mir immer noch viele Gedanken um Autos, fahre sie immer noch gerne und finde Autos von früher immer noch in vielen Dimensionen besser.

Der letzte Audi 100 war aus meiner Sicht sicher der beste Wagen, der je gebaut wurde – die Mischung aus Qualität, Zugänglichkeit und konzeptionellen Fortschritt gegenüber den Fahrzeugen aus den 80er Jahren war gigantisch. Die anschließenden Fortschritte wurden kleiner und wurden oft für den Preis schlechterer Zuverlässigkeit erkauft.

Aber waren Youngtimer durchgängig besser und ist heute alles schlechter?

Youngtimer haben gegenüber neueren Autos einen unglaublichen mentalen Vorteil: Sie gehen anders kaputt. Mechanische Dinge gehen mechanisch kaputt. Sie quietschen, sie knirschen, werden krumm, sie verbiegen sich, sie brechen ab. Das verstehen Leute. Digitale Dinge gehen von jetzt auf gleich kaputt. Die kannst Du nicht zurückbiegen, nicht mit dem Hammer draufschlagen, die kannst Du nicht mit der Zange wieder in Form bringen. Kaputt ist kaputt – und das verwirrt Menschen und gibt ihnen das Gefühl, dass die Technik ungerecht zu ihnen war.

Youngtimer Opel Rekord

Papa Auto für echte Männer. Der war damals schon einer der luxuriöseren im Lande – gemessen mit heutigen Autos waren Langstrecken dennoch der pure Stress

Hinzu kommt: wenn ein großes Metall-Teil kaputt geht, da kannst Du akzeptieren, dass das 400€ wert sein soll. Warum aber soll ein kleines Relais so viel wert sein, obwohl es kaum so groß ist wie eine Zigarettenschachtel und kaum eine sichtbare Funktion erfüllt?

Aber ein paar andere Dinge vergisst man über die Zeit in den neuen Autos.

Parkpiepser zum Beispiel sind wirklich unglaublich praktisch. Jetzt mag man sagen, dass man die im Youngtimer nicht braucht, weil er übersichtlicher ist – aber auch im Rekord D hätte ich was für Parkpiepser übrig gehabt – sie machen das Leben leichter. Navis sind eine echte Sensation – versucht Euch mal an die Zeit zu erinnern, als man diese bescheuerten Karten auf den Knien hatte – grauenhaft.

Tippblinker sind unglaublich praktisch, oder? Und zugegeben: Zuerst fand ich die irgendwie blöd – überflüssig in ihrer Weise. So schwer ist Blinken doch eigentlich nicht, dass man noch ein Vorstufe davon brauchen könnte….

Youngtimer Ford Escort RS 2000

Der Unterschied zwischen so einem und einem normalen Escort war signifikant

Und was keiner so recht wahrhaben will: Der Fortschritt bei Fahrwerken ist viel größer, als man im normalen Alltag so drauf hat. Ich bin kürzlich mit einem Skoda Roomster gefahren – 105PS. Und man muss wirklich sagen – Hochdach hin oder her: der fährt sich wie der originale Golf GTI. Leichtfüßig, schnell, agil. Und ob man es glaubt oder nicht: Ein profaner Kleinwagen wie dieser erreicht tatsächlich höhere Kurvengeschwindigkeiten als der originale Golf GTI, der sich so unglaublich sportlich anfühlte. Von den besseren Bremsen mal gar nicht zu reden. Ein Einser BMW erreicht heute Fahrdimensionen, die früher mal Porsche-Grund waren – und so lange ist das gar nicht her. Und da reden wir eben noch nicht von Themen wie Sicherheit.

Ich bin 1979 mal mit einem relativ neuen Rekord D von München nach Tarp (nähe Flensburg) gefahren. Danach war ich physisch vollkommen erschöpft, obwohl halb so alt wie heute. Heute kannst du das mit einem Golf machen und steigst erfrischt aus, weil Autos viel weniger Aufmerksamkeit erfordern, dir viel Arbeit abnehmen, klimatisiert und vor allem ausgezeichnet belüftet sind. Und so eine Golf-Klasse ist heute objektiv luxuriöser als ein W123 damals, auch wenn man das nicht wahr haben will… Schon, weil er enorm viel leiser ist, was das Fahren entspannt macht.

Youngtimer wollen gefahren werden

große Phasen der Verweichlichung

Nur… was nicht mehr passiert, wenn Du so einen Wagen fährst, ist, dass Du dich fürs Fahren interessierst, Dich fürs Fahren begeistern kannst. Weil die Unterschiede fehlen. Mit verbundenen Augen könntest Du heute nicht mehr sagen, ob Du in einem Golf, einem Focus oder einem Astra fährst – und auch nicht herausschmecken, welche Maschine der hat. Manche Diesel sind so leise, dass Du vor dem Tanken (gerade bei Mietwagen) lieber mal schaust, wo der rote Bereich anfängt, bevor du was falsches tankst…

Wenn Du früher von einem 75PS Escort in einem RS2000 mit seinen 110PS gestiegen bist, dann hat es dir schier das Hirn weg geblasen. Ein front-getriebenes Auto unterschied sich im Fahrverhalten damals noch massiv von einem heck-getriebenen – ein Diesel bewegte sich gänzlich anders als ein Benziner. Heute… Lassen wir das…

Und vielleicht ist es auch das, was die älteren Wagen aus heutiger Sicht so fahrenswert macht: Sie wollen gefahren werden. Bei ihnen merkt man noch, dass Fahren Fähigkeiten erfordert, dass Du einen Führerschein machen musstest und wissen musstest, wie das mit dem Zwischengas geht und wie man sich aus einer Schneewehe herausschaukelt und wann man wie stark gegenlenken muss.

Heute weiss das alles dieses Relais… Was braucht es mich da noch groß? Und einem Relais vertraue ich nicht.




7 Gedanken zu „Youngtimer: Waren Autos früher wirklich besser?

  1. 100% Zustimmung.
    Das einzigste richtige Problem bei Altfahrzeugen ist der Rost gewesen.
    Hätte man damals alles schön verzinkt würden Opel Rekord , Vw Käfer usw. immer noch im Alltag das Straßenbild verschönern

  2. Wer sich in den 80er Jahren mit den für Studenten erschwinglichen Alltagsautos auseinandersetzen musste, hat nicht selten auf den Bodensatz des „rollenden Kulturguts“ blicken dürfen.
    Vor diesem Hintergrund erscheinen mir heutige Lobgesänge auf die Krücken von damals manchmal als blanker Hohn.
    Zum Einen, weil es immer noch dieselben alten Möhren sind wie damals, nur halt mit 30 Jahren mehr Stand (und Gammel-) zeit ,
    Zum Anderen, weil man Ersatzteile , die es damals für Kleingeld auf jedem Schrottplatz gab, heute in Gold aufwiegen darf.

    Mag sein, der Youngtimer und Jungoldie geht „anders“ kaputt, aber auch er geht kaputt. Und wenn man sich z.B. mal mit …sagen wir: einem Ford Capri herumschlagen musste, erinnert man sich womöglich daran, dass an der Mühle Dinge kaputt gingen, von denen man bei anderen Autos noch nicht mal wusste, dass sie überhaupt existieren.
    Ein Auto mit über 100.000 km galt (so ziemlich unabhängig vom Alter) als „Risikopatient“, wenn es sich nicht gerade um einen Mercedes Saugdiesel handelte. Bei einem Käfer waren Revisionen allein schon aufgrund des Ölverlustes unumgänglich.
    Von tödlichen Unfällen innerorts bei Baumberührung frontal wollen wir genauso wenig anfangen wie bei den teils beschissenen Heizungen und Lüftungen, die Winterbetrieb nicht selten zu einer Tortur machten.

    Es ist halt doch immer noch ein ziemlicher Unterschied, ob man so ein Gefährt spasseshalber im Sommer zur Eisdiele chauffiert, oder ganzjährig darauf angewiesen ist. Letzteres macht nämlich deutlich weniger Spaß.

    Und wenn man es sich ne Weile lang angetan hat, merkt man dann doch, dass Verklärung eine scharfe Klinge hat . Dass die guten alten Zeiten gar nicht so gut waren, und schlußendlich, dass sie nicht wiederkommen, nur weil man wieder die gleiche Kiste wie damals bewegt.

    Nur Gulasch wird besser, wenn man es wieder aufwärmt.

    1. Stimme dir absolut zu, Rainer. Ich habe in den 80ern KFZ Mechaniker gelernt, Und Gott weiß wieviel Bleche ich in diese „Kulturgüter“ geschweißt habe!
      Jeder der Käfer fuhr war meist froh wenn er die Kiste endlich los hatte. Im Winter war man froh wenn wenigstens die Scheibe nicht beschlug, und im Sommer hielt man es nicht mehr aus weil bis dahin die Klappen in den Heizbirnen festgerostet waren 🙂
      Renault R4, R5, 2CV, Kadett B und C u.v.a. Rosteten fast schneller wie man die Bleche einschweißen konnte; Trommelbremsen die entweder einseitig oder gar nicht zogen, Ausgeschlagene Vergaser usw usw…
      Was heute Internet und Ebay war damals der Samstag Morgen auf dem Schrottplatz 🙂 Denn wer damals so eine Kiste fuhr hatte auch meist kein Geld für Ersatzteile aus der Fachwerkstatt.
      Oder wie oft riefen mich Kumpels in der mitten Nacht an „Kannst du mich mal abholen oder abschleppen?“
      Wenn man heute mit den Kumpels von damals zusammen sitzt und über die alten Zeiten (Autos) redet hört man auch oft wie günstig das fahren damals war, und was man heute in der werkstatt liegen lässt. Aber die meisten sind heute Etabliert mit gutem Gehalt und keiner möchte sich mehr schwarze Finger holen. Und wer damals so eine Karre fahren musste hatte auch meist jemand im Freundeskreis der zumindest einen Kannte der ihm weiterhelfen konnte für ein „Lass stecken“, oder für eine Kiste was auch immer.
      Aber eins möchte ich doch sagen: Charakter hatten die Autos damals! Jedes war auf seine Art eigen und einzigartig. Deshalb, und wegen der vielen schönen Erinnerungen mag ich die Old- und Youngtimer 🙂

  3. Ja, der Artikel sagt es ja. Stieg man früher von einem Taunus in einen 3er um, war das ein echter Unterschied, der BMW fuhr einfach um Klassen besser. Diesen Unterschied gibt es heute so ganz sicher nicht mehr.

  4. Im Old- oder Youngtimer habe ich noch das Gefühl, selber fahren zu können und nicht von einem Computer gefahren zu werden. Ich geniesse meine Fahrzeuge aus den 70er, 80er und 90er Jahren jeweils sehr. Allerdings gebe ich auch zu, dass für Strecken über 500 km oder lange Autobahnfahrten in der Regel das moderne Alltagsfahrzeug zum Zuge kommt – selten auch der BMW 635 CSI, der für solche Fahrten zwar gebaut wurde, ohne Klima aber mit Handschaltung ebenfalls anstrengender als jeder Golf-Neuwagen ist. Bei meinem Saab 9000 werden dann die Unterschiede zu heutigen Wagen kleiner. Komfort ist ausreichend vorhanden und keine Sensoren nerven mit Fehlermeldungen…

  5. Schöner Artikel! Allerdings kann ich einige Erfahrungen (auch aus den Kommentaren) so nicht bestätigen.

    Klar – mangelnde Sicherheit, schlechte Heizungen und vor allem Rost sind bei den damaligen Wagen große Ärgernisse. Vor allem, wenn man das mit den Fahrzeugen der letzten 10 Jahre so vergleicht.

    Allerdings waren etliche dieser Gegebenheiten schlicht Stand der Technik. In späteren Baujahren (insbes. ab den 90ern) kamen zu den „Besonderheiten“ der komplexeren Technik mehr und mehr hausgemachte Probleme hinzu.

    Quer durch alle Hersteller zog (und zieht) sich der Sparwahn, einhergehend mit minderwertigen Bauteilen – sowohl mechanischer als auch elektronischer Natur.

    Dass z.B. Steuergeräte ausfallen, liegt oft an minderwertigen Kondensatoren (die für ein paar Cent ersetzt werden können) oder/und ungünstiger Positionierung im Motorraum (Feuchtigkeit, gar Nässe in den Boxen). Die mangelnde Rostvorsorge und oft erschwerte von Verschleissteilen ist ja inzwischen legendär.

    Wartungsfreundlichkeit ist in Zeiten des heiligen Wachstums um jeden Preis (Ja – das geht nur, wenn immer mehr Neuware verkauft wird!) eher kontraproduktiv. Dementsprechend wird konstruiert und umgesetzt. Das ist gerade in der Autoindustrie lohnend.
    Der Markentreue tut das anscheinend auch keinen Abbruch.

    Zumal Neu-Fahrzeuge heutzutage wohl eher nicht „erspart“, sondern als Firmenwagen, per Leasing oder Kredit für eine Laufdauer von 3-5 Jahren angeschafft werden.
    Da ersetzt sich so ein Wagen schneller, als die Macken bewusst wahrgenommen werden, wenn der Nächste mit neuem „BlingBling“ lockt.

    Bezüglich der Komfort-Vergleichbarkeit von Old-/Youngtimern und aktuellen Fahrzeugen:
    Man sehe in die Kleinwagenklasse der letzten 20 Jahre. Mindestens 2 Airbags, Klima und modernere äußere Erscheinung. Das war es im großen und ganzen schon.
    Die innere Haptik, Verbräuche und Alltagstauglichkeit sind mMn. nicht wesentlich besser geworden. Gerade die Materialauswahl scheint mir (klassen-und herstellerübergreifend) unterhalb der absoluten Oberklasse (und teilweise auch dort) wieder Ziel einer Sparpolitik zu werden.

  6. Man muss den uns Alten gewohnten Gedanken “früher war alles besser” einfach aus dem Kopf herausschneiden. Ab dem 60. Lebensjahr lebt man in der Nostalgie – es sei denn man hat noch mal eine junge Frau geheiratet, die einem die Flausen austreibt und einen jeden Tag neu erdet.
    Ich fahre als Erbmasse einen top erhaltenen Rekord E1 mit Automatik und Servolenkung. Parallel stehen mir ständig drei andere Autos modernster Bauart ( Audi A3, Audi A4 & Mazda MX5) zur Verfügung. Obejektiv sind die alle besser, als der alte Opel. Trotzdem erwische ich mich im Frühjahr, Sommer und Herbst, wenn es nicht zu arg heiß ist, immer wieder, in dem ich spontan den Opel wähle. Das Auto entschleunigt so schön und es vermittelt diese unbedingte Opel-Zuverlässigkeit der 70er Jahre. Die Sitzposition ist so, dass man Parkpiepser nicht braucht. Scheiben statt Sehschlitze. Aber lange Strecken auf der Autobahn zu Treffen mit den Oldie-Freunden sind einfach nichts. Man hängt dann oft hinter den LKW’s.
    Ein Oldtimer ist zum geniessen. Ich bin letztes Jahr über die Schwarzwaldhochstrasse gefahren und von Freudenstadt dann ins Allgäu. Die Landstraßen entschleunigt zu fahren, ist ein Traum. Wenn ich schnell Kilometer “bürsten” will, nehme ich einen unserer Audi’s. Eines fällt mir mehr und mehr auf und hätte ich bei einem so stinknormalen Opel nie vermutet: Die Leute registrieren das Auto wohlwollend. “Heben Sie ihn gut auf!” “So einen hatte mein Opa auch mal!” Solche und ähnliche Sprüche kommen immer wieder. Alte Porsche und Benz sieht man oft. Alte Opel schon weniger. Aber das diese Autos besser waren, als die heutigen, kann man wirklich nicht behaupten. Auf jeden Fall haben sie mehr verbraucht und die Bremswege waren erheblich länger. Beides interessiert mich beim Oldie weniger. Damals in den 70er Jahren habe ich auf Bremswege und Straßenlage geachtet. Da fiel der BMW 323 i ins Raster und der Opel fiel durch. Heute aus dem Abstand sind sie ähnlich “gut” oder “schlecht” – je nach Betrachtung. Für mich ist ein Oldtimer die Bewahrung von einem Stück Kultur! Das macht Freude!

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