Ford Taunus 1977 vs Ford Taunus 2017 – sentimental Journey

GastPost von Gerhard

Sentimental Journeys waren früher nicht so mein Ding… Aber mit zunehmendem Alter schaut man da vielleicht anders drauf. Diese Woche haben wir eine gemacht, eine hektisch angelegte, die dann doch einen ganz anderen Charakter bekam..

Die Aufgabe war eigentlich ganz einfach: Einen Ford Taunus aus dem Rhein-Main Gebiet nach München bringen und dann nach einem kurzen Espresso über Umwege mit dem Begleitfahrzeug wieder zurück. Witziger Weise gestaltete sich dieses Begleitfahrzeug zufällig als der – sozusagen – Ford Taunus des Jahres 2017: Der Ford Mondeo 1.0 Ecoboost. Wir wechseln uns beim Fahren immer wieder ab – Und plötzlich bekommt diese Fahrt einen ganz anderen Charakter.

Maximale Komplexität 😉

Wenn Du dich in den knapp 40 Jahre alten Taunus setzt, dann fällt Dir eins sofort auf: Die Sicht ist unglaublich viel besser als in heutigen Fahrzeugen. Eine klassische Rundumsicht hast Du im Grunde heute gar nicht mehr in modernen Fahrzeugen. Beim Taunus hast Du große Fensterflächen, schmale Säulen – das halbe Auto um Dich herum scheint aus Glas zu bestehen. Allein das gibt der Fahrt in so einem Wagen schon einen vollkommen anderen Charakter, macht die Fahrt zu einer Reise, bei der Du nicht nur langsamer fährst, weil das Auto aus einer anderen Epoche stammt, sondern auch, weil Du einfach mal aus dem Fenster schauen möchtest. In aller Fairness: Beim Rangieren „sieht“ man im Taunus von 2017 mehr. Man kann alle möglichen Technik-Features verfluchen – aber diese Parkpiepser rundum sind wirklich cool – und aktivieren sich mittlerweile auch mal selbst, wenn Du irgendwo zu dicht heran gerätst. Erkenntnis: Sicht ist nicht mehr gleich Sicht – und das ist in dem Falle nichts schlechtes.

Beim Ford Taunus galt das als erhöhte Sicherheit: Herumgezogene Blinker, die gepolsterten Stoßstangen und ein Zusatzblinker samt erweitertem Scheinwerferset – mehr geht nun wirklich nicht…

Der Taunus ist cool. Das Fahrwerk des Ford aus den späten 70ern ist faktisch ein Alptraum, fühlt sich aber eben nach Cruiser an. Wenn Du im Ford Taunus TC sitzt, möchtest Du das Fenster herunter kurbeln, den Arm heraushängen lassen und einfach mal eine Stunde später ankommen.Genau genommen war der Taunus seinen damaligen Mitbewerbern schon reichlich unterlegen – zumindest nach Maßstäben der Gleichmacherei der Auto Motor und Sport. Faktisch war er eben ein anderer Ansatz, kam mehr vom Strassenkreuzer und war nicht so von germanischer Perfektion beseelt wie der ansonsten eher seelenlose Passat, der den Kampf am Markt gewonnen hat. Heute sind diese Unterschiede voll und ganz verschwunden – der Mondeo von 2017 ist ein richtig gutes Auto. In Vergleichstests hat er manchmal 3 Punkte weniger als der Passat und mal 2 mehr als irgend ein anderer Mazda 6, Opel Insignia oder sonstiger Mittelklassewagen.

Sitzt Du im Ford Mondeo, fühlst Du dich sehr effizient, der Wagen um dich herum scheint dich zu organisieren, erzählt Dir etwas über Staus und wie das Wetter draußen ist und wo du lang fahren sollst. Der Mondeo bevormundet Dich, sagt Dir, wann Du den Gurt anlegen musst, und dass Du zu schnell fährst. Der Taunus ist da stumm. Er kann Dir was über die Geschwindigkeit sagen, übers Kühlwasser, wenn Du freundlich fragst. Warnleuchten und Infodisplays sind ihm fremd.

In Hipster Kreise etwa so teuer wie ein neuer Mondeo

Der Taunus ist cool, der Mondeo ist easy.

Fahrwerk, Lenkung, Straßenlage, Sitze: Der Mondeo ist unfassbar viel besser als der Taunus – und der hat gerade frischen TÜV und dafür alle Lenkungsteile, Stossdämpfer und einiges mehr ganz frisch bekommen – wie mag der sich davor gefahren haben? Wenn Du den Mondeo anweist, eine Kurve mit 9,4 Grad nach rechts zu fahren, dann tut er das, genau das. Der Ford Taunus schiebt vage nach rechts und bittet anschließend um weitere Anweisungen, als sei die erste Anweisung nicht ganz eindeutig gewesen. Sehr undeutsch, aber irgendwie menschlich.

Um Würzburg herum besteht die Autobahn praktisch ausschließlich aus Baustellen. der Mondeo ist so breit, dass man lieber rechts hinter schwankenden LKW bleibt – der Taunus, der damals großzügig breit erschien, zischt förmlich auf der linken Spur vorbei, ungehindert verbotene 105 auf dem Tacho, aber wer weiss schon, was das in echt bedeutet.

Ab hier staut sich alles – der Mondeo weiß Rat und leitet uns auf die A8, wo sich die Panorama-Fensterfronten des Ford Taunus zur vollen Blüte entfalten und Wiesen, Berge, Täler und langgezogene Kurven freilegen – der Mondeo zeigt sinkende Werte bei Verbrauch und Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Landstrasse. Folgt man dem Taunus von 1977 im Taunus von 2017, kommt man sich vor, als würde man stehen – folgt man dem 2017er Exemplar im Urgroßvater, wirkt die Straße hektisch und anstrengend.

Wir haben uns mit den Jahren an völlig unvernünftige Geschwindigkeiten gewöhnt – weil wir uns sicher fühlen. Aber sag das mal den Rehen und Füchsen.

unglaublich viel Fenster, wenig Säulen – ideal, um die Landschaft zu begutachten – im Dunkeln wird es dann schnell hässlich – Die Scheinwerfer scheinen mehr als sie werfen…

Dabei sind die Leistungen einigermaßen identisch: Der Ford Taunus hat die damalige Killer-Motorisierung: 114PS aus 2,3 Litern Hubraum, während der Mondeo mit schier kindlichen 999 Kubikzentimetern auskommen muss. Der Taunus war super im Quartett – 2300 Kubik, damit warst Du schon bei den ganz großen dabei. 999 Kubik hatten damals eher Fiestas – und die galten als untermotorisiert. Heute findet Ford in den diesem halben Motor (das ist ein Dreizylinder!) stolze 125PS. Und überraschend: Die sind da wirklich drin. Obwohl es einem zunächst schwachsinnig vorkommen mag, einen solche mikrobischen Motor in eine so stattliche Limousine einzubauen – der Mondeo ist größer, als der Granada je war – ist das eine beeindruckend harmonische Paarung. Der Dreizylinder treibt den Mondeo kräftig, knurrig und drehfreudig an – und den kannst Du wirklich drehen – beim ersten Tankstop zeigt der Bordcomputer 7,7 Liter an, die Zapfsäule knapp 7,9. Beim Taunus scheint das Benzin irgendwo in einem holen Federbein verschwunden zu sein: 12,8 Liter… Der Bordcomputer schweigt dazu.

Ergonomie automobiler Steinzeit – lang Zeit galten weiche Sitze als komfortabel

Dabei schafft der Mondeo gute 200, der Taunus eher so 160+. Endgeschwindigkeit war nie so sein Ding – bei dem Fahrwerk aber im Grunde auch eine ganz vernünftige Geisteshaltung.

So ein Taunus hat damals um die 15-17.000 Mark gekostet – 40 Jahre später kostet der kleinste mit seinen 125PS etwa das 3-4 fache. In meinem Alter muss man da aber in aller Fairness sagen: Schon der Sitze wegen würde ich heute zum Mondeo greifen – und da reden wir noch gar nicht über Sicherheit oder so. Auf der A9 treffen wir später einen Bruder im Geiste: Den Fahrer eines Audi Typ81, Baujahr 1979. Wir unterhalten uns kurz – er hat 8,8 Liter verbraucht… Wie gesagt: Der Taunus war kein Auto, das sich durch seine technische Überlegenheit hervor tat – der hatte eben andere Qualitäten. In Ingolstadt biegt der Audi später ab – Zufall?

Heute braucht ein Airbag mehr Platz…

Der Ingenieur in mir schweift beim nächsten Umsteigen in den Mondeo ab und denkt über den Dreizylinder nach – ist das eigentlich wirklich so schlecht? Der Motor macht einen wirklich soliden Eindruck, hat eine gute Performance. Klar fährt der aus der Ferne betrachtet bei höherer Last – auf der anderen Seite entlastet er sich mechanisch gleichermaßen selbst. Vielleicht ist das doch nicht so dumm, wie man spontan meinen würde.

In der Holledau komme ich zu dem Schluss dass das nicht dumm ist, obwohl mich in der Qualitätssicherung das Zerlegen eines BMW 525e etwas anderes gelehrt hat – dieser niedrig belastete Motor war immer erstaunlich gesund, wenn man ihn mit dem 525 oder dem 520 verglich. Aber man muss ja auch umdenken können – denn ganz klar: Die Vebrauchsvorteile, die man sich damals erhofft hatte, erreichte das eta Konzept auch nur unter Laborbedingungen – mit dem Mondeo kann man eine echte 5 vor dem Komma fahren, wenn man es drauf anlegt.

Schafft ein durchschnittlich intelligenter Labrador auch…

Nach über 400 Kilometern abwechselnder Fahrt geben wir den Taunus bei seinem neuen Besitzer ab, der von einem solchen Wagen schon lange träumt. Der Bursche ist so um die 30, Klischee-Hipster aus Bogenhausen, arbeitet in einem Digital Lab und trägt einen dieser Bärte, die mehr Pflege benötigen als mein gesamter Körper…. Was soll’s – man wird milder mit den Jahren.

Ich frage mich, wie lange der Spaß an dem Wagen haben wird, während er sich fragt, wo er die Bluetooth-Adapter für seine ganzen Geräte anschließen soll.

Auf der Rückfahrt bin ich sehr versöhnt. Der heutige Mondeo ist das besser Auto, mit dem Taunus lässt es sich viel besser reisen, der hat mehr Würde. Schön ist die geringe Komplexität des Ford Taunus. Der Mondeo hat einen Haufen Schalter, Regler und Menüs und eine gemischte Bedienung aus Knöpfen und Touchscreen, die nicht konsistent ist. Die Bedienung der zentralen Multimedia-Einheit im Mondeo ist alles in allem nervig – und warum Ford die Mittelwelle als Radio-Standard wählt, bleibt unerklärlich. Wie man jedoch damals mit dem Taunus weite Strecken gefahren ist, erscheint im Vergleich mysteriös. Die Aussicht entschädigt, aber das Fahren ist vergleichsweise anstrengend – das vergisst man mit der Zeit.



5 Gedanken zu „Ford Taunus 1977 vs Ford Taunus 2017 – sentimental Journey

  1. Ich war 2001 auf Hochzeitsreise mit meinem Toyota Starlet (KP60, 45PS, Bj1983) in Marokko. 5,5 Wochen, 7200km inkl. Rundreise, 0,5l Ölverbrauch, keine Panne, keine Klimaanlage. Nähe Ouazazarte 38°C Fahrtwindtemperatur, in Marakkech durch das Getümmel, Hotel am Jemnaa-el-Fna, zu Hause 4 Schieber voller Dia’s.

    Schön war es…….

  2. Naja, 7,9 l mit diesem Motörchen hauen mich jetzt nicht um. Einen A4 aus 2004 (B6) ist ein schwerer Brocken. Ich meine so um 1600 kg als Cabrio. Mit dem 1.8 Turbo (163 PS) fahr ich den auf der Bahn mit 7l ohne zu schleichen. Bei Bedarf geht der 220.
    Also wo ist der Ford-Schritt?

  3. Lass bei Mondeo einmal was kaputt gehen und Dinge die Kaputt gehen gibt es darin viele. Selbst machen kann man vergessen und selbst in den Werkstätten ist es viel Aufwand den man am Ende auch bezahlt (z.B Stirndeckel ab und anbauen: Taunus vielleicht 2 Stunden, Mondeo kann man einen Tag arbeit rechnen + viele Spezialwerkzeuge) Die Motoren sind zwar effizient und Leistungsfähig, aber dafür auch Thermisch sehr anfällig, da reicht ein unentdeckter Marderbiss und die Maschine erleidet den thermischen Tod. Beim Taunus kannst dich zum reparieren zum Motor mit reinstellen, wenns garnicht weitergeht hift dir jeder Hufschmied. Elektronikprobleme? Was soll beim Taunus groß kaputt gehen. Und ich finde genau das ist ungemein beruhigend.

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