Übermotorisiert – Leistung ist eine Marketing-Frage

Brian Hugh Warner, im Normalfall besser bekannt als Marilyn Manson, hat 2015 mal in einem Interview gesagt:

Wenn Du heute auf der Bühne noch etwas wirklich Schockierendes tun willst, musst Du dir wahrscheinlich einen Arm absägen und ihn aufessen

Wir kennen Leute, die in diesem konkreten Falle viel für die Idee übrig hätten – aber ganz abgesehen davon trifft das für die Show-Bühne sicherlich ebenso zu wie für den Fahrzeugbau.

In unserer Kindheit der Auto-Quartett Ära, da kanntest Du die krassen Autos, die Spitzentrümpfe – und die waren wirklich krass, die hoben sich wirklich ab. Schaut man sich mal den ersten Golf GTI an, dann hatte der zunächst mal 110PS – das ist auch heute noch eine anständige Motorisierung – aber damals hatte ein Golf bis dahin 50-75PS gehabt. So ein 110PS Golf ragte da also richtig ernsthaft heraus.

Ein 450SEL 6.9, der ewige Spitzentrumpf aller Spitzentrümpfe, steckte den normalen 450er nicht nur einfach so in die Tasche. Der normale 450er hatte schon knapp 3 mal soviel Hubraum wie eben jener übermotorisierte Golf GTI – und dennoch hatte er ein volles Drittel weniger Hubraum als der legendäre 6.9er. Die Legende der Strasse sagte, dass man bei 70KM/H das Gas durchtreten konnte und der Wagen so viel naturgewaltige Kraft hatte, dass die Räder durchdrehen würden. Und das stimmt – wir haben es probiert. Unvorstellbar heute.

Könnte mit seinen 550Newtonmetern Drehmoment auch heute noch beeindrucken

Als der Golf GTD erschien, hatte der 16PS mehr als der ordinäre Golf Diesel. Die kannst Du heute in einem normalen Golf als Unterschied nicht mal mehr erspüren – damals war der dicke Diesel mal eben 30% stärker.

Das war schon reichlich krass – und vor allem war es erlebbar – angefangen mit der Tatsache, dass die Autos leichter waren, sich durch die Übermotorisierung weit erheblicher von ihren normal oder gar untermotorisierten Brüdern unterschieden. Und damals gab es ernstlich untermotirisierte Autos…. Ich sehe noch heute einen Freund vor mir, der mit meinem 220DA /8 schnell die bestellte Pizza abholen fuhr (Bringdienste gab es im Kaff damals noch nicht…) und mir voll Schrecken mitteilte, dass mit meinem Wagen etwas nicht in Ordnung sei – „der beschleunigt gar nicht“. 🙁

Der Wagen hatte 60PS und wog 1470 Kilogramm – hallo? Der beschleunigte auch 1969 schon nicht, als er nagelblitzeneu beim Benz-Händler abgeholt wurde – aber mit viel Geduld konnte man bergauf mit ihm einen Käfer überholen – bergab waren die jedoch im Regelfall schneller…

Dein Wagen beschleunigt gar nicht!

Beschleunigung ist etwas sehr relatives. Ein 220D brauchte mit Automatik volle 31 Sekunden auf 100 – aber diese entspannte Lebenshaltung bescherte ihm Laufleistungen im Siebenstelligen Bereich

Der 280E aus der gleichen Serie schaffte 200 und brauchte, was viel krasser war, nicht einmal ein Drittel der Zeit des 220D, um auf 100 KM/H zu kommen – und das zeigt nur, um wie viel gigantischer die Unterschiede damals waren. So etwas ist heute schlicht nicht mehr möglich – eine E-Klasse 220D von heute braucht 7,2 Sekunden auf 100 – wie schnell sollte das Spitzenmodell sein, wenn es das in einem Drittel der zeit schaffen würde…?

Nicht nur uns Kindern schien es damals noch so, als würden Ingenieure noch in bis dahin unbekannte Gefilde vordringen, wenn sie plötzlich ein neues Sportmodell herausbrachten. Als der Porsche Turbo erschien, war das nicht nur ein Spitzentrumpf – auch gestandene Väter täuschten für Probefahrten echtes Interesse beim Porsche-Händler zwei Orte weiter vor… Die Verhältnismäßigkeit war eine andere. Und tatsächlich war an dieser Empfindung ja auch etwas dran.

Ralph Nader war hier eindeutig: Der Käfer war Teufelszeug, weil seine konstruktive Geometrie nicht einmal für die aus heutiger Sicht lächerlichen Geschwindigkeiten ausreichte. Tatsächlich war es historisch zunächst einmal einfacher, einen Dicken Motor zu konstruieren, als die dafür notwendigen Fahrwerke oder die ausreichenden passiven Sicherheitsmeachanismen

Als Ralf Nader mit seinem legendären Buch „Unsafe at any Speed“ 1965 zumindest die Amerikaner aufrüttelte, da hätte er auch hier durchaus einige Abnehmer gefunden – denn faktisch waren die Autos (und die Fahrer….) bei weitem nicht in der Lage, die Geschwindigkeiten zu beherrschen, in denen sie nun vordrangen – Fahren war abenteuerlich und Menschen kamen dabei zu Tode. Daran hat sich mittlerweile wirklich vieles geändert.

Wann schockt dich heute mal ein Auto so richtig, dass Du denkst, Du hast hier gerade eine echte Naturgewalt erlebt? Das schaffen Autos heute vielleicht noch im Schnee – und auch da nur noch recht selten.

BMW 3er

So kennen wir den BMW 3er: Fröhlich driftend für die, die ihn beherrschen – Und nein, liebe Kinder: Für dieses Bild hat der Fahrer nicht das ESP abgeschaltet…

Bis in die frühen 90er Jahre hinein war die höchte Versicherungsklasse die für „Autos über 150PS“ – erst kurz vor der Deregulierung wurde eine für Autos mit mehr als 193PS eingeführt – zuvor war alles von Ford Granada bis Lamborghini Countach Evoluzione gleich behandelt – weil es in der Realität da auch gar nicht so viel Unterscheidung gab. Bis in die 80er Jahre hinein waren Autos mit mehr als 150PS einfach in der Realität kein Massen-Phänomen, obwohl es sie natürlich gab.

1980 widmete die auto motor sport dem Facelift des W123 volle 8 Netto-Seiten – denn Daimler hatte es doch tatsächlich geschafft, aus dem 2,3 Liter großen Vierzylinder dank des Einsatzes modernster Gemischaufbereitungstechnologien unfassbare 136PS herauszukitzeln! Hammer. Gut – Ford zwirbelt heute 125PS aus einem 3 Zylinder mit 983 Kubik – und kommt dabei fast auf das Drehmoment des frühen Mercedes 250 der 123er Serie…

Und – hier lassen wir uns gerne der Realitätsflucht durch Youngtimer-Bloggen beschuldigen – aber wenn wir mit unserem nochmals älteren Freund Gerhard sprechen, dann stellen wir manchmal schon fest, dass uns das heute fehlt. Vermutlich könnte Ford durch die Änderung von 7 Zeilen Software auch die 136PS aus dem Kleinstmotörchen herausholen, mit dem sie den stattlichen Ford Mondeo befeuern – und das nicht mal schlecht. Oder wie Gerhard gerne sagt „Die Leistung ist eher eine Marketing-Frage als eine der Ingenieure“.

Die Grenzen sind sehr relativ geworden. Derselbe Leitartikel zum W123 warf eine  Blick auf die Diesel, bei denen der 2 Liter Diesel von 55PS auf satte 60PS geklettert war – Opel und Ford schafften solche Literleistungen damals noch nicht. Der heutige 2 Liter Diesel wird von VW mit 190PS verkauft – und wenn Du bei Typen wie Racechip fragst, sagen die „Hey, kein Problem – da leg ich noch mal 35PS oben drauf…“ Leistung ist eine Marketing Frage… Ford und Opel waren für solche Literleistungen damals nicht zu blöd – sie wollten beispielsweise, dass ihre Autos erst gescheit getestet wurden, um herauszufinden, ob ihre Kunden auch nach Jahren noch ein zuverlässiges Auto haben würden… Das war der eine Aspekt. Ein anderer war, dass es damals als vollkommen akzeptabel galt, dass ein Diesel langsam war.

Eine Welt, in der alles möglich ist, macht gleichzeitig auch vieles langweiliger. Vielleicht erleben wir noch einmal wirklich epochale Fortschritte beim Elektro-Auto und vielleicht wissen wir dann die Early-Birds auch noch einmal ganz anders zu würdigen. Emotional wird uns das nicht mehr packen – so wie uns die heutigen Autos nicht mehr recht anmachen wollen.

Denn neben der Marketing Frage tritt hier bei uns eine Glaubensfrage ein, zu der wir uns bekennen: Wir trauen dem 3zylindrigen 180PS Benziner einfach keine 20 Jahre Lebensdauer zu. Wenn wir noch ein paar Jahre hier weitermachen, können wir es vielleicht gemeinsam überprüfen. 🙂




10 Gedanken zu „Übermotorisiert – Leistung ist eine Marketing-Frage

  1. Ist das nicht vor allem auch ein deutsches Phänomen? Ein Tempolimit wäre wohl ein echter Game Changer, einfach weil ein 190 PS-Diesel dann vollkommen sinnlos wäre. Oder die Leistungsexzesse darüber.
    Wenn man sich mal die Motorenpaletten zB von PSA seit ca. 2000 ansieht, also die Volumenmodelle. Die hohen Leistungen werden doch nur aus Prestigegründen und für die (deutsche ?) Autopresse angeboten damit nicht im Artikel steht, dass die 150 PS leider das höchste sind und man das Auto daher keinesfalls kaufen kann, weil VW 180+ PS bietet… Marketing halt, den V6 kauft keiner, aber man hat dann ein Auto dass es auch mit 200 PS gibt, das muss dann ja besser sein.

    1. Für ein allgemeines Tempolimit fallen uns so unglaublich viele gute Gründe ein… Spannend aber: Warum fahren Schweizer so viele Supersportwagen und exzessive Tuning-Autos in einem Land mit ebenso durchgängigem wie hart exekutierten Tempolimit? Gut… Eine Erklärung könnte sein, dass sie hin und wieder nach Deutschland fahren… 😉

      1. Das war KEIN Plädoyer für ein Tempolimit, nur die Feststellung dass der Leistungswahnsinn damit zu tun hat und sich für den Normalkäufer mit einem Tempolimt ziemlich erledigen würde.
        Zur Schweiz: Auch da offenbar eine eher „deutsche“ Neigung: https://www.nzz.ch/mobilitaet/auto-mobil/comparis-studie-motorleistung-gefragt-ld.1849
        Dass die durchschnittliche Leistung in der Schweiz tatsächlich weit über der deutschen (z. Zt. ca. 125 PS) liegt, wird wohl zum Gutteil an der Schweizer Kaufkraft liegen, was der Artikel ja auch belegt (dessen Aussagekraft aufgrund der Art der Datenerhebung auch nicht so gut ist). In gewissen Preisregionen und bei Neigung zu deutschen Fabrikaten gibt es eben keine „schwachen“ Motoren mehr.

    2. Wenn dem so waere, haette es nie die Muscle Car-Exzesse der 60er und fruehen 70er gegeben – oder Autos wie Viper, Chevy Z-Modelle, Shelby, …
      Wenn man sich die Paletten anschaut, findet man mittlerweile mehrere unterschiedlich motorisierte Modelle der gleichen Baureihe, die allesamt bei 250km/h abgeregelt sind. Irgendwie hinkt die Theorie.
      Und dann gibt’s natuerlich auch noch die Schweiz.

  2. Heutzutage wiegt ja jeder Kleinwagen schon min. 1,2 Tonnen und diese müssen ja irgendwie bewegt werden und das geht ja nur durch PS (aus der Turbodose)
    Deswegen sind doch alle im Zugzwang immer mehr Leistung anzubieten damit die Wagen noch vom Fleck kommen.
    (selber Schuld )

    1. Naja… In den Segmenten gab es in den 80er Jahren praktisch keine Turbos und heute gibt es keine Sauger mehr – hier hat die Evolution ja praktisch so zugeschlagen, dass ein Vergleich nicht mehr recht möglich ist…

  3. Ich habe da gestern Abend auch mal die technischen Daten von W124 E300 Turbodiesel und W213 E200 d verglichen und das ist schon erstaunlich, wie die heutige Basis das alte Diesel-Topmodell locker in die Tasche steckt.
    Beim 300 E-24 vs. E200 Benziner ist es ähnlich.

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