Skandytimer – der Abstand zwischen den einzelnen Idioten ist erheblich größer

Wenn Deine Tochter Dir erklärt, dass sie fürs Studium nach Norwegen möchte, dann fragst Du dich vielleicht einen Moment lang, was an der Fern-Uni Hagen eigentlich so schlecht ist und ob es nicht doch irgend etwas in der Nähe gäbe. Aber Dir ist auch klar, dass ein gewisser Kjell hier eine Rolle spielt – und da hast Du als Vater ausgespielt.

So geschehen einem guten Freund von uns – und dem haben wir beim Umsiedeln seiner Tochter geholfen und dabei ein wenig auf Land, Leute und Autos geschaut. Als wir das vor eine paar Jahren schon einmal in Schweden und Dänemark gemacht haben, hatten wir schon das entspannte Verhältnis zu alten Autos erkannt – in Norwegen ist das noch einmal etwas ganz anderes…

Lillehammer?

Wer die TV-Serie Lillehammer gesehen hat, der kennt das Land als schräg und vor allem eins: Kalt und verschneit. Als wir jetzt dort waren, war es eher das Land der trockenen Hitze, gepaart mit unfassbar vielen Mücken. Und die Menschen hier sind nicht ganz so bizarr wie in der Serie – wobei wir niemanden mit italienischem Akzent getroffen haben… 😉

Zählt man die nicht gemeldeten Einwohner Berlins mit, dürften in der Deutschen Hauptstadt ungefähr so viele Menschen leben wie in Norwegen – nur ist die Einwohnerdichte eine der geringsten – Deutschland ist gut 15 mal so dicht besiedelt. Oder wie Jonna, die Umsiedelnde Studentin sagt „Der Abstand zwischen den einzelnen Idioten ist erheblich größer“. Auch eine Sichtweise – wir sehen hingegen in erster Linie Natur. Würdest Du hier einen Bilderwettbewerb zu Youngtimer und Natur veranstalten, wüssten die Leute nicht recht, was Du willst – hier ist die echte Herausforderung, keine Natur auf dem Bild zu haben 😉

Erschreckend: Auch hier am anderen Ende Europas wissen junge Studenten, dass es in Deutschland Parteien gibt, die blöd genug sind, sich der These anzuschließen, Anders Breivik habe aus Verzweiflung gehandelt – solche Peinlichkeiten erlebte man als Deutscher so auch schon lange nicht mehr…

Youngtimer und Oldtimer von Fjord zu Fjord

Wir fanden die Niederländer cool die Dänen und die Schweden entspannt – aber die Norweger, zumindest die, die nicht in Städten wohnen (und das sind reichlich viele) haben zu Autos das Verhältnis totaler Zeitlosigkeit. Hier existieren Youngtimer neben Newtimern neben Neuwagen – Alltimer-Country…

Trotz graduell höherer Spritpreise als bei uns finden sich hier enorm viele US-Amerikanische Youngtimer und Oldtimer in den Fjorden – eventuell eine Folge der hohen Durchschnittseinkommen der Norweger, die sogar Schweizer und Liechtensteiner als Leichtlohngruppen erscheinen lassen. Vielleicht erklärt das auch die obszönen Preise… Ein Glück, dass die Umsiedelnde in einer Einliegerwohnung bei Kjell wohnen kann – denn auch Wohne ist hier nicht wirklich günstig. Eine schlechte Tafel Schokolade kostet hier schnell 3 Euro, ein gezaptes Bier leicht so viel wie auf dem Oktoberfest

Alte Autos hingegen haben hier nur selten die krassen Liebhaberpreise wie bei uns – sie sind auch nicht geschenkt, sondern eher entlang ihres Alltagszustandes realistisch eingepreist. Youngtimer kaufen macht hier Spaß, Oldtimer kaufen noch mehr – wobei Rost hier in den Fjorden durchaus eine Rolle spielt. Dennoch: die Autos hier sind durchgängig in ordentlichen Zuständen und nehmen am Alltagsverkehr teil. Norwegische Werkstätten schaffen eine erstaunliche Breite an Reparaturen und vor allem können sie auch noch echte handwerkliche Reparaturen durchführen. Ein Kfz-Mechaniker, der im gefühlten Nichts eine Art Tankstelle mit Imbiß und Werkstatt betreibt, erklärt uns, dass das auch seine Schattenseiten hat, denn „Ganz neue Autos müssen wir oft in die Stadt bringen – die werden zentral repariert – und das dauert dann oft einen Moment.“ Hier draussen bedingen sich die Lebensumstände dann oft gegenseitig: Die Leute behalten alte Autos, weil alte Werkstätten am Ende der Strasse diese reparieren können.

Fårikål? Gjør det!

Wir dürfen mit Kjell und seinen Freunden – gut ausgebildete, weltgewandte Norweger in den frühen 20ern, ein traditionelles Kohl-Gericht mit Lamm speisen und trinken eigenartiges Bier dazu. „Über alte Autos“ schreiben erscheint ihnen komisch, bis sie auf den Trichter kommen, dass wir sicher Geschichten über Autos erzählen – und das macht für sie Sinn. Geschichten über Autos erzählt man auch hier oft. Gerne auch Geschichten über Reparaturen und über Fahren im Winter – oder das Rammen von schlecht sichtbaren Steinen. Tatsächlich scheinen Norweger mehr Steine zu haben als der Rest der Welt und begrenzen damit gerne ihre Parkplätze – nichts für neumodische lackierte Stoßstangen…

Alte Autos finden die Jungs ansonsten etwa genauso gut wie neue – wobei sie neue als sicherer einstufen wegen der ganzen Airbags und so – einer fährt einen US V8 von 1976, einer Golf 2, ein anderer einen 3 Jahre alten Toyota Auris, entspannt nebeneinander. Schön irgendwie. Und cool: 2 von den Jungs nehmen am Bilderwettbewerb teil 🙂

Auf der anderen Seite sind Elektro-Autos hier gerade der Killer. Reichweitendiskussionen stehen bei Elektro-Autos hier übrigens nicht so im Vordergrund – eher Anschaffungspreise – aber die werden vom Staat heftig subventioniert, damit es auch morgen noch Fjorde gibt. Und ausgerechnet hier, in diesem irre dünn besiedelten Land, finden wir überall Lade-Infrastruktur – je nach Region konkurrieren 3 – 4 Anbieter um die neuen Stromkunden und irgendwo in Deinem Hinterkopf kommt bei Dir schon der Verdacht auf, dass Deutschland hier mal wieder unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt… Wer sich dazu mal den Tag mit einem schlechten Umweltgewissen verderben will, dem sein ein Besuch hier empfohlen… Ein Glück, dass Youngtimer in der Ökobilanz unschlagbar sind. 😉

Norwegen 7er Volvo

In Norwegen noch unfassbar häufig anzutreffen: 7er Volvo

Hier oben im Norwegen sind sie es auch, weil man nicht ständig neue Autos kaufen muss, in die Hestellungs-Energie gesteckt wird – ausserdem sind Autohäuser hier nicht gerade dicht gesät. Und Youngtimer und Oldtimer sind hier ein gesellschaftlich verbindendes Element, denn oft einen sie hier bei der Wartung Sohn und Vater – und manchmal gar dessen Vater gleich mit. Mit ein wenig Distanz kann man da schon ein wenig neidisch werden und muss sich fragen, ob es in Deutschland wohl überhaupt möglich wäre, eine solche gefühlte Entspanntheit zu erreichen wie hier.

Wir kommen wieder her – schon allein, weil wir uns noch so um die 30 Autos anschauen müssen…




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.