Akzeptable Bevormundung: Navigationsgeräte statt Strassen-Brockhaus

Was waren das noch für Zeiten, als man Straßenkarten noch griffbereit in seinem Auto liegen hatte – der Shell Atlas war jahrelang die meistgewählte Prämie, wenn man für den irgendeine Institution ein neues Mitglied warb… Und das Ding war schwer, unhandlich und konnte nicht während der Fahrt bedient werden. Aber die Alternativen waren schmal: Hat man einmal die Orientierung verloren, dann musste man am Ende womöglich noch nach dem Weg fragen – und das ist kein Klischee: Väter fragen nicht nach dem Weg – die sind auf einer Mission.

Smartphone war nicht – nicht mal ein 5110 stand zur Verfügung. Heutzutage sieht das anders aus – und hier müssen wir ganz klar sagen: Das ist eine Entwicklung, die ergebene Orientierungslegastheniker wie wir begrüßen – aus vollem Herzen.Wir stehen auch auf diese Szene in US-Actionfilmen, in denen irgendein Bruce Willis am Telefon erfährt, der Gesuchte sei noch Norden geflohen – woraufhin Bruce Willis, gerade erst durch einen Kanaldeckel aus der Kanalisation auf die Strasse getreten, auf seinen Nikes zielsicher um exakt 78 Grad herum kreiselt und sich zielsicher nach Norden wendet.

Klar…

Für einen schnellen Überblick im Landesinneren gibt es mittlerweile jede Menge Apps. Oder für Fans von hochwertigen Produkten noble Navigationsgeräte, die sogar weltweite Karten jederzeit abrufbar haben, falls man mal eben schnell zum Set von Die Hard 9 rüber muss. Mit Zusatzfunktionen wie Spracheingabe oder Verbindung zu den Rückfahrkamera, sind wir jetzt etwa auf dem historischen Niveau von Moonraker angekommen. Zeit, einen kurzen Schulterblick zu riskieren.

EVA – wer ist EVA?

Die ersten Navis kommen natürlich aus dem militärischen Bereich, um sich auf dem Weg an die feindlichen Linien nicht zu verfahren. Doch erst 1989 hat es das erste Navigationsgerät auf den deutschen Markt geschafft. Viele Funktionen hatte es noch nicht und ein GPS hat es ebenfalls nicht genutzt. Trotzdem hat sich die Firma Bosch einen Namen für dieses neuartige Produkt überlegt: EVA. EVA steht für Elektronischer Verkehrsloste für Autofahrer und geht in die automobilen Geschichtsbücher ein – schon aufgrund des natürlich gewählten sexistischen Ansatzes, der die historische Fortsetzung von „Mama“ auf dem Beifahrersitz in einem weiblichen Namen und weiblichen Stimmen als Navi-Ansagerinnen zementierte.

Natürlich war Papa ein Held – er hatte her gefunden…

Wir hätten schon damals lieber Darth Vader gehabt – war aber noch Zukunftsmusik 😉

Erst 4 Jahre später kam das erste Navi mit einem GPS-System zum Einsatz. Auch dieses kannte ausschließlich die Funktion Autofahrer von A nach B zu bringen. Touchscreen? Umleitungsempfehlungen? Parkplatz-Daten und lustige Points of interest? Ha ha…

Navigation ist Basistechnologie

2017 kannst Du Dir im Grunde aussuchen, nach welcher Methode die Route berechnet werden soll – schnell, kurz, ökonomisch, ökologisch, vegetarisch… Und Staus werden frühzeitig erkannt und eine Alternativroute zur Verfügung gestellt. – wie erkläre ich das meinen Eltern…? Zusätzlich werden komplexe Kreuzungen und Abfahrten graphisch dargestellt, damit man sich auf keinen Fall verfahren kann. Die Mission der Väter ist also längst beendet – heute musst Du dich als Vater anders profilieren.

Der Touchscreen als Eingabe-Interface ist Standard geworden – obwohl das im Auto nicht mal die klügste Idee ist. Neu sind zusätzliche Eingabefunktionen, wie z.B. über einen Sprachbefehl. Und es können nicht nur Adressen gesucht werden, sondern auch POI’s (Points of interests, wie z.B. Tankstellen, Shops etc.). Das macht vor allem im Ausland Sinn, damit man so wenig Umwege wie möglich in Kauf nehmen muss.

Science Fiction – und vielleicht der einzige Moment, in dem wir uns gerne mal bevormunden lassen.

Wirkt heute schon beinahe ein wenig unfreiwillig komisch: Hightech im BMW E38

Daneben gibt es allerdings noch viele Zusatzfunktionen, wie eine Verbindung mit dem Handy über Bluetooth und einer eingebauten Freisprecheinrichtung – funktioniert auch beim 30 Jahre alten Ford. Manche können sogar schon Videos abspielen, wozu das gut ist, kann man sich durchaus fragen, aber technisch ist es möglich. Daneben gibt es noch viele weitere Möglichkeiten und Kriterien, auf die man beim Kauf achten sollte. Diverse Navigationsgeräte Tests.verschaffen heute einen vernünftigen Überblick – und hier spielen tatsächlich Nachrüstgeräte bis hin zu Doppel-Din auch in unserer Szene scheinbar eine immer größere Rolle – und Youngtimer wie der W210 und der E38 werden, wie das im Industrie-Jargon heist „geretrofittet“ – mit aller Hightech, die es theoretisch gab, die Vorbesitzer aber nicht gekauft haben – Einbautelefone in der BMW-Mittelkonsole und andere historische Hightech erzielen bei ebay brutale Höchstpreise.

Der Blick in die Glaskugel

2017 ist nichts mehr unvorstellbar in dem Bereich – vor allem mit der Verbindung von Smartphone und Fahrzeug. Dass hier das Ende noch lange nicht erreicht ist, zeigen die Installationen von Apple und Android, die selbst in modernen Autos noch oft wackelig erscheinen und vermutlich schon in 3 Jahren unfassbar primitiv wirken werden. Die Navis aus den Premium-Autos der 90er sind heute schon eine schrullige Lachnummer und unfassbar langsam, wenn es um die neue Berechnung der Strecke geht, wenn Du die Abfahrt verpasst hast.

Ausgereift ist anders – aber die Kids mögen es 😉

Da sind Smartphones längst weiter – und schneller ohnehin. Gibt es da eigentlich Sinn, sich teure Nachrüst-Navis zu gönnen, wie wir das immer häufiger sehen? Hm.. Wenn Du viel im Ausland unterwegs bist, gerade noch so, solange die Flatrates hier noch Grenzen haben. Ansonsten würden wir vom Festeinbau eigentlich auch verlangen, dass er die Reichweite des verbleibenden Tankinhaltes in die Berechnung der Fahrdauer mal mit einbezieht – wie schwer kann das sein? Gibt es mittlerweile Autos, die das machen? Diese Art Bevormundung würden wir dann fast mal cool finden…

Die Wahrscheinlichkeit für diese Richtung ist sehr groß, doch was die Zukunft tatsächlich bringt, steht noch in den Sternen. Auf jeden Fall bringt sie mehr „Touch“ in unsere Autos – eine der schlimmsten ergonomischen Fehlentwicklungen, die wir uns vorstellen können.

6 Gedanken zu „Akzeptable Bevormundung: Navigationsgeräte statt Strassen-Brockhaus

  1. Bruce Willis 🙂 In New York (und ähnlichen US-Städten) Norden NICHT zu finden, wäre eine Leistung… Da gab es mal eine Untersuchung, wonach man durch exzessive Navibenutzung seinen Orientierungssinn erst recht verliert. Das Navi löst also ein Problem, das es erst selbst schafft. Na ja, damit ist es ja in guter Gesellschaft aktueller „Innovationen“.

    1. Die Verdummungseffekte moderner technik sind allumfassend. Kürzlich mussten wir einen Lehrer mit anhören, der erklärte, sein Job sei im herkömmlichen Sinne nicht wichtig, weil Wikipedia ihn ersetzt und besser ist….

      1. Der Verdummungseffekt ist bei Youngtimer-Navis allerdings weniger hoch. Wenn die Karten von 2001 sind nimmt man dem Navi zwar die grobe Richtung ab, aber gucken muss man trotzdem noch selbst, weil inzwischen Autobahnkreuze geändert wurden oder Straßenführungen.
        Zur Zeit nerven mich eher Tempomatfahrer, die mit 2 km/h mehr an dem Rechtsfahrer vorbeischleichen. Man fährt nicht mehr mit situativ angepasster Geschwindigkeit, sondern stoisch und stur mit 132 km/h, was zu ärgerlichen und manchmal gefährlichen Situationen führt. Darüber müsste man sofort einen Aufreg-Artikel schreiben (vielleicht bin ich damit aber auch 15 Jahre zu spät…).

        1. Auch wieder ein deutschen Thema. In Ländern mit Tempolimit läuft der Verkehr meist gleichmässiger; da ist der situativ anzupassende Geschwindigkeitsbereich viel kleiner. Genauso nervig sind die Linksfahrer, die keinen von rechts rauslassen und dann faktisch fast alle dazu nötigen, auch links zu fahren. Zwischen zB 2 LKW mal rechts einzuscheren, um einen mit 10 kmh mehr vorbeizulassen wird doch massiv bestraft, weil man nicht mehr rausgelassen wird.

    2. Da kommt es wohl darauf an, wie man das Navi nutzt. Nutzt man es vor Allem als Karte, so fördert es m.E. den Orientierungssinn eher (zumindest hilft es bei der Vermittlung von Ortskenntnis). Ich stelle das Gerät aber immer so ein, daß Norden „oben“ ist – wenn sich die Karte selbständig einnordet verliere zumindest ich das Gefühl für die Richtung im Raum, es geht dann ja (auf dem Display) immer in die gleiche Richtung, nämlich nach oben auf dem Bildschirm.
      Stumpf der Ansagerin zu folgen wird sich ebenfalls nicht sonderlich fördernd auf Orientierungssinn und Ortskenntnis auswirken. Es kommt also, wie bei aller Technik, darauf an, was man damit macht und wie.

      Zur orientierung in Großstädten reicht es im Allgemeinen aus, zu wissen, in welcher Stadt man ist (und wo ungefähr auf dem Globus die sich befindet). Dann hält an nach Satellitenschüsseln Ausschau. Geostionäre Umlaufbahnen sind alle über dem Äquator, auf der Nordhalbkugel öffnen Satellitenschüsseln also alle in südlicher Richtung. Der Mittelwert aller Öffnungswinkel ist also annähernd Süden, die Gegenrichtung folglich Norden. Je näher zum Äquator man kommt, umso ungenauer wird das, aber in mittleren Breiten funktioniert das hervorragend.

      Außerhalb von Siedlungen orientiert man sich nach Sonnenstand und Uhrzeit, eigentlich auch nicht schwierig…

      1. Navis sind ja nicht ganz nutzlos 🙂 Zielführung in einer fremden Stadt, dynamische Staumeldung bei Dienstfahrten, da reicht allerding auch das Telefon. Aber es gibt ja Zeitgenossen, die ihr Navi auch auf dem Weg zum Bäcker anmachen… Und keine „innere Karte“ mehr haben und damit keinen Plan, in welcher räumlichen Beziehung die Orte zueinander liegen, an die sie sich navigieren lassen.
        Passt doch schön zum Zeitgeist, der mündige, selbständige Staatsbürger nervt doch eh nur. Was die DDR durch Zwang nicht schaffte, erledigen die Leute heute selbst 🙂 Selbstentmündigung durch Bequemlichkeit.
        Ok, das war jetzt arg zugepitzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.