Audi 100 Typ43 – nur der Piech-Streber?

Typ43

Typ43: Verblüffend klare Linie – daneben wirkt ein W123 schier verschnörkelt und barock

Der erste Audi 100 wurde in Deutschland bei seinem Erscheinen zunächst zögerlich aufgenommen – sein Erfolg in anderen Ländern jedoch lag signifikant über den Erwartungen und das Coupé, dessen italienischer Charme rückblickend unglaublich ist, tat sein übriges.

Monster-Rückleuchten – damals gerade der letzte Schrei

Knapp 900.000 Exemplare verließen am Ende die Bänder, bevor 1976 schließlich das zweite Modell folgte, der somit in große Fußstapfen trat. Und genau dafür hatten seine Entwickler, allem voran Ferdinand Piech, ab 1975 Vorstandsmitglied bei Audi für Technik, den Wagen gemacht.

Hier kam ein Wagen, der nach oben wollte.

Und dafür hatte Audi alles getan, was im Konzernregal möglich und vertretbar erschien – denn hier darf man mal eines nicht vergessen: Zu diesem Zeitpunkt war der Volkswagen Konzern nicht das fundamental reiche Unternehmen von heute: Der Kauf von NSU musste verdaut werden, die Nachwirkungen der späten luftgekühlten Boxer Entwicklungen mussten finanziell verkraftet werden. So orientierte man sich bei der Entwicklung natürlich am Klassenstandard W114/W115 – aber aus dem vollen schöpfen, wie Mercedes bei der zeitgleichen Entwicklung des Mercedes W123, konnte man hier nicht. Das galt vor allem für die gefühlte Qualität, die sich damals in den noch legendären schweren Türen der Mercedes Modelle mit ihren Zapfenschlössern und dessen legendär satten Schließgeräusch in der breiten Volkswahrnehmung widerspiegelte.

Das wäre es doch gewesen – erst beim Nach-Nachfolger gab es ein Heck, das wirklich Kombi war

So wog ein Audi 100 Typ 43 dann tatsächlich 200-300 Kilo weniger als der Mercedes W123 – ein Umstand, den die Autozeitungen ihm tatsächlich damals zur Last legten, der von Piech jedoch fortan zur Tugend erhoben wurde. Ganz Ingenieur, erklärte der nun in jedem Interview, dass der Audi seinen Mitbewerbern von BMW und Mercedes in 3 Punkten überlegen sei.

  1. Der Audi war leichter als seine beiden Mitbewerber
  2. Der Audi war strömungsgünstiger
    …und aus den beiden Faktoren folgte
  3. Der Audi war ökonomischer, weil er weniger verbrauchte und mit kleineren, sparsameren und billigeren Motoren dieselben Fahrleistungen realisieren konnte.

    So dick war im gesamten Konzern sonst keiner verkleidet

Das eigentliche Thema daran war für die meisten, dass Piech sich traute, BMW und Mercedes mit seinem Fabrikat in eine Reihe zu stellen

Tatsächlich aber traf seine Darstellung unzweifelhaft zu: die Fahrwerte des Audi 100 Typ 43 waren jenen des W123 überlegen und übertrafen auch vergleichbare BMW Werte des Modells E12, obwohl der BMW als sportlich galt.

So… nun konnte man zwar mit dem Audi 100 Typ43 noch nicht am Stammtisch glänzen in den ersten Jahren – aber intellektuell war hier etwas passiert. Die Ingenieursberufe, die in den späten 70ern in der Industrie plötzlich gesucht waren und in den folgenden Jahren rasch in bessere Gehaltsklassen aufstiegen, hatten einen neuen Helden. Ähnlich wie 20 Jahre später eierköpfige neureiche Nerds wie Bill Gates den Lexus der etablierten Premiumklasse vorziehen sollten.

Konzern bis runter zum VAG Schlüsselmäppchen – das gleiche bekamen Derby Fahrer und Käfer Käufer auch – nur eben ohne Ringe

Dennoch fühlte man beim Einsteigen in den Audi 100 Typ43, dass er immer noch so etwas wie der größte Polo war, den man kaufen konnte. VW hatte die Gleichteilestrategie schon früh und nachhaltig verstanden – und mit ein wenig Beobachtungsgabe merkte man das leider. Tatsächlich konnte man etwa das dicker gepolsterte Lenkrad des Typ43 in einen Golf einbauen und ähnliches.

Dennoch: Es stellte sich heraus, dass der Wagen nicht nur seine Fans fand – er war auch ein ungemein verlässliches und wirtschaftliches Auto, das zudem mit jedem Jahr seiner Bauzeit dekorativer und wertiger wurde. Mit Erscheinen der CD und CS Modelle mit kleinen Schmankerln wie ihren weissen Blinkern entstand ein immer eleganter wirkendes Auto.

Der Audi 200 leistete mit 136 bis 170PS und damals noch elitärem Turbo-Motor seinen Beitrag – und bereits ab 1977 zeigte der Typ43 Avant den designerischen Weg hin zum heutigen Audi A7. Wobei hier gleichzeitig ein Fehler deutlich wird: Einen echten Kombi baute Audi vom Typ43 nicht, obwohl damit experimentiert wurde. Ebenso wie mit einem Wankelmotor, der damals noch als interessante Spielart eingestuft wurde, bevor VW ihn mit dem vermeintlichen Scheitern des RO80 vollständig ad acta legte und den Japanern überließ. Ebenso wurde ein Sechszylinder verworfen, weil der einen schlechteren Wirkungsgrad aufwies als der Fünfzylinder. Letzterer wurde immerhin in einigen Kreisen zum Kult und beispielsweise durch den Audi 90 weiter kultiviert. Hier leistete die Marketing-Abteilung auf dem Weg vom Plüsch-VW zum Premium-Auto Großes und füllt dadurch heute Fachbücher – zurecht.

Typ43 Avant

Heute nirgends mehr zu finden – und wenn, dann zu sündigen Preisen

Fahrerisch war der Audi 100 Typ43 in mehrerlei Hinsicht ein früher Fronttriebler für VW – zudem sicherlich einer der frühen Modelle in dieser Größe und Leistung. Das führte durch seine VW Herkunft einerseits zum überproportionalen Verschleiß an den Antriebswellen, die VW auch Jahre später noch nicht im Griff hatte und schon gar nicht bei den stark motorisierten Modellen. Gleichermaßen schob der Audi 100 bei Nässe in einem Maße über die Vorderräder, das seinesgleichen sucht und bei einem Auto dieser Größe wohl unerreicht sein dürfte. Der schlimmste von allen: das kleine 85PS Modell, das schlicht zu wenig Gewicht auf der vorderen Achse hatte. Dennoch: Fahren mit dem Audi 100 hat etwas Dynamisches, wenn man es erst einmal raus hat. Volles Beschleunigen nämlich entlastet die Vorderachse durch die zu weiche Hinterachse derartig, dass man eine gewisse Zeit der Gewöhnung benötigt, um den Audi zur vollen fahrerischen Blüte zu erwecken – dann jedoch kann man einen W123 mit ihm ebenso nass machen wie einen E12 oder E28.

Die fünfzylindrigen Modelle mit ihrem unschlagbaren Geräusch sind generell in allen Dimensionen besser als die Vierzylinder – wobei heute leider ohnehin nicht mehr übermäßig viel Auswahl auf dem Markt besteht. Der Audi 100 galt lange Zeit als nicht erhaltenswert, speziell gemessen am W123, und wurde als billiges Verbrauchsauto gefahren und oft nicht ausreichend geliebt, was wirklich schade ist. Gemessen an seinem längst legendären Nachfolger wirkt der Typ43 noch plüschig und schier ein wenig schrullig und weniger sachlich als folgende Modelle von Audi. Da gibt es hemmungslose Verwendung brauner und grüner Stoffe bis hin zu braunen Kunststoff-Verkleidungen im Innenraum. Da gibt es schrullig wirkende Lacktöne… Ein Traum. Der Audi 100 schien noch weit mehr mit Fahrzeugen wie dem Opel Rekord und dem Ford Granada konkurrieren zu wollen als die späteren Modelle aus dem Hause Audi.

Eine Schande, dass so wenige übrig sind – man kann fast sagen, dass es vom Vorgänger (1968 – 1976) fast genauso viele Modelle auf dem Markt zu geben scheint. Entsprechend sind die Preise unsortiert, wirr und reichen von 2.000 für vernünftige Exemplare bis zu irrsisnnigen Glücksritter-Exemplaren für 12.000€ für Avant 5E mit CD Ausstattung.


9 Gedanken zu „Audi 100 Typ43 – nur der Piech-Streber?

  1. Legendär waren auch die Ausdünstungen der verwendeten Kunststoffe, die in schönen Farben wie moosgrün und kackbraun kombiniert wurden. Dank schräger und großer Scheiben würde es bei Sonne auch muckelig warm in der Hütte. Klima hatte man ja damals nicht, zumindest nicht in der 85 PS Version. Alle 2 Wochen musste man die Scheiben innen vom Schlier befreien. Audi hatte ganz nebenbei das Fogging erfunden!

    Laut war der Hobel auch, ich glaube das war ein Nachfahre des lärmigen Mitteldruckmotors. Besser wurde das erst mit dem ersten Facelift, das den nur 75 PS starken Langpleuelmotor brachte. Der hatte zwar nominal 10 Pferde weniger, aber deutlich mehr Bumms (sofern man in dem Zusammenhang den Begriff verwenden darf).

    1. Als laut haben wir den eigentlich nie empfunden – man muss das ja auch im Spiegel der Zeit sehen – klar: So gedämpft wie ein W123 oder ein Volvo 760 war er nicht

    2. Hm… Mit 75Ps gab es den meiner ansicht nach nie – 85PS war die kleinste Motorisierung. Erst der Typ44 hatte einen 75PS Motor. Der müsste dann aber schon der 1.8er gewesen sein

  2. Das weckt Kindheitserinnerungen in mir. Mein Vater hat 1978 als Vertriebsleiter einer Elektronikfirma die Fahrzeugflotte von Opel auf Audi umgestellt. Ich habe schöne Erinnerungen an einen metallic grünen 100 GL 5E und vor allem an dessen Nachfolger. Das war ein dunkelbrauner Avant GL 5E mit hellbeiger Innenausstattung. Bis heute freue ich mich, wenn ich mal wieder den unvergleichlichen Sound höre.

  3. Der Grund für die wenigen Exemplare ist eher die starke Korrosionsanfälligkeit dieser Modelle. Meine Eltern kauften 1982 einen 6 Jahre altes Modell in beige mit brauner Innenausstattung. Der 100L war nach 2 Jahren durchgerostet und mußte aufwendig geschweißt werden. 1 Jahr später ging er dann bei einen Honda Händler in Zahlung, der Ihn verschrottete.

  4. Audiator sagt:

    Grpoßartiger Artikel, der viele gute Aspekte zusammenträgt. Insbesondere der „intellektuelle Umschwung“, die Marketingarbeit und das „Ingenieurfahrzeug. Mir gelang es. meinen Vater 1978 endlich auf den von mir schon als 11 jähriger „verfolgten“ Audi 100 zu bringen., Leider nur ein manilagrüner LS. Als Ingenieur fand er sich dann in einer Gesellschaft von über 10 Kollegen und Studienfreunden wieder, die zum Teil auch schon GL5E fuhren, Ich habe heute noch – mit Nachbarn, Eltern von Schulfreunden etc. über 20 43er in Erinnerung. Manchmal hörte man den Kommentar: „“Jetzt fahrt ihr auch so einen Aufsteigerwagen“. Und in der Tat war das ja auch die Positionierung in den Autotest „Schönling“, „Emporkömmling“ (MOT-Vergleichstest mit einen CD 5S im Juni 79 gegen Commodore und 230. Und tatsächlich gab es in den ersten beiden Jahren starke Zulassungszahlen., Umso frustrierender dann schon das frühe Lebensende vor allem wegen Rost ab ´82. Das Aufsteigerauto massenhaft auf den Schrottplätzen während die 123er weiterlebten. Der LS meines Vaters endete auch schon nach 156.000 Km acht Jahre später mit Rückkauf beim VAG-Händler für eine Art Abwrackprämie. Es folgte immerhin ein 200er.

    1. Das Wort „Emporkömmling“ ist heute tatsächlich nur noch im Wort von Onkel Paul und seiner Frau im aktiven Wortschatz 😉

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