Besitzer eines W140 werden – wie geht das?

Wenn Du heute einen Gebrauchtwagen suchst, was machst Du dann? Na klar – Du gehst zu mobile.de – was denn sonst? In der zweiten Hälfte der 90er Jahre war das alles noch anders – da schnapptest Du Dir entweder die unfassbare Zeitung mit all den winzigen Buchstaben, die dir Samstags mittags vor den Augen flimmerten – oder, zumindest, wenn Du in einer Großstadt wohntest – Du zogst los auf die Ausfallstrassen zu den großen Gebrauchtwagenhändlern. Die Fähnchen-Händler mit Kiesplatz – damals, bevor der Markt in türkische, dann in russische Hände wanderte, waren das noch ältere bäuchige Deutsche, die oft die Langeweile des Alltags mit Bier bekämpften und dich deshalb nie mit auf die Probefahrt begleiten konnten.

Andere, die in ganz kalten Containern hausten, griffen zu Kirschwasser… Die bekamen dann ab Nachmittags gar nichts mehr auf die Reihe – und für genau so einen arbeitete ich während meiner Studienzeit. Ein typischer Nebenjob an einer großen Münchner Strasse. Angefangen mit stattlichen 9 Mark Fuffzich die Stunde. Dann 11 Mark, dann Gewinnbeteiligung. Klappe halten, Alkohol ignorieren und die Jobs machen, die liegen bleiben. Chef abschirmen, nett zu den Leuten sein – ob Du nun Deine Kurt Cobain Frisur in einem Zopf bändigst oder nicht – Du bist „Der nette Junge Mann“ und irgendwann bekommst Du das mit dem verkaufen immer besser hin und kannst Dir von den Zusatzeinnahmen locker mal einen Abend im Kunstpark oder ein paar extra Chilli-Fries in Munich’s First Diner leisten, wo die Kellnerinnen auf Rollerskates vorbei schweben – was für Zeiten.

Eine Zeitlang akzeptierst Du, dass Dein Chef bei dem Einkommen dann auch mal den einen oder anderen Hunderter später zahlt – so ist das Gebrauchtwagen-Business. Und auch damals verschwindet Bargeld in Taschen, bevor es die Steuer erfährt. „Mach mal einen Kaufvertrag für Sechsfünf fertig“ – „Ich dachte Siebenfünf?“ „Ja – aber ned im Vertrag…“

Achso…

Olymp

Wie gesagt – eine Zeit akzeptierst Du das – dann merkst Du langsam, dass das irgendwie immer häufiger vorkommt. Du beginnst, Buch zu führen, Du listest auf, während Du den nächsten E28 vertickst, du rechnest zusammen, als Du den nächsten Typ44 verkaufst.

Und irgendwann bist Du als erfolgreicher Student bei einem Betrag angekommen, der nun wirklich kleinen Aufschub mehr duldet: 14.000 Mark. Dafür kannst Du selbst im München der späten 90er ein Jahr üppig in einem dieser gelb gestrichenen Häuser in besserer Lage wohnen – und zwar nicht unbedingt in dieser WG…. Puuuhh… Lilienstrasse, Falkenstrasse, Nockherberg – etwas in der Art wäre schön.

Du schiebst auf, verkaufst weiter Gebrauchte und irgendwann kommst Du abends noch einmal raus gefahren, weil Du dein Siemens E10 vergessen hast, siehst im Container noch Licht und gehst mit einem komischen Gefühl auf die Bude zu. Dort sitzt dein Chef – gerötete Augen, voller Aschenbecher, die zu kurz gebundene Krawatte weit gelockert, eine Flasche Kirschwasser (halb leer) und eine Flasche Williams (eher leerer…) und schaut Dich an.

„De hams mie“

„Wer?“

„Pol’zei, Steuer – was woas Ih…? Die kommets – morgen oder übermorgen, sofui is kloa. Du hast gwusst, gell?“

„“Hm… geahnt vielleicht….“

Der kritische Moment ist also da… Und nicht nur das… Du weisst genau, dass Dine Arbeitsvertrag bezüglich der Provisionen da nicht so eindeutig ist. Dein Chef ist im Grunde Herzensgut – aber bevor der in den Knast geht, zahlt er dir vielleicht noch den ausstehenden Stundenlohn – und das war es dann mit dem Traum von Nockherberg 🙁 16.200 Mark stehen auf Deiner Liste. Kurz wird dir schwummrig. Solltest Du die Liste vielleicht besser verschwinden lassen? Hinterher bist Du auch dran, ohne es geahnt zu haben. Und hey… Du bist ja bisher ohne das Geld ausgekommen – wird schon auch so gehen irgendwie.

„Du wast a supä Bursch hier, hast di gut ‚macht – aus diä widd woas.“ Er zögert, denkt nach. „I schuld dir no was, richtig? I kimm uf….“ Er zupft ein A7-Buch hervor und blättert herum. „guade 17.000 werden’s wo scho soa sei.“

Du nickst zurückhaltend. „Passt scho“

Der Mann denkt nach – wie auch immer er das schafft. Er muss fast soviel Alkohol wie Blut im Körper haben – und er weiss, dass das hier alles nicht mehr zu retten ist. Er dreht sich um, will aufstehen, weiss aber, dass das schief gehen wird. „Schau in’d Schrank – des obeste Fach, wo nur der oahne Briaf drin liagt. Der is füa dia. Nimm ihn, fah ihn weg und verkauf ihn – Vertrag liegt bei – dir kann koaner was.“ Er dreht sich wieder um. „Und jetzt – mach dass di schleichst….“ Er dreht sich weg.

Du zögerst, dann gehst Du an das Fach mit den Papieren. Er wird es schon irgendwie fair gemacht haben, denkst Du dir, schnappst Dir Papiere, Schlüssel, Kaufvertrag – und traust Deinen Augen nicht. Ein 91er 300SE W140. Der hat damals gut und gerne 100.000 gekostet. Der steht für 26.500 Mark auf dem Hof – neben dem E38 das teuerste Auto auf dem Hof!!

„Danke“

„Past scho“

Und dann verlässt Du den Hof und langsam aber ganz sicher stellt sich dieses Grinsen ein. Du hast eine S-Klasse! Und nicht irgendeine – eine, die so noch verkauft wird. Hammer! Wie geil ist das denn??

Es gibt zwei Wochen lang Party-Fahrten: Starnberger See, Wochinger Brauerei-Fest, Frühstück in Salzburg und dann Schnitzel in Wien. Dann verkaufst Du den Wagen an einen Fähnchen Händler für 22.500. Irre guter Deal und keine großen Fragen – im Kaufvertrag steht eine falsche Adresse. Those were the days. 5 Wochen später die Wohnung in der Neuberghauser Strasse – ein Traum. 🙂

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