German Midlands: Konserviertes Land

Immer mal wieder, wenn wir von den konserviertes Rentnerautos des Landes berichten – den VW Ventos aus erster Hand mit 77.000 auf der Uhr – dann fragen uns Berliner, Münchner und Bremer schon mal, wo man die eigentlich bekommt.

German Midlands – kultureller und kulinarischer Höhepunkt: Der Imbiss an der Haupt- und Durchgangsstrasse B-Irgendwas. Wirken auf Außenstehende oftmals geschlossen – zumindest tagsüber. In jedem Falle wirkt hier vieles ein bisschen wie früher.

German Midlands – Wo sind die?

Wir bevorzugen für diesen Zweck einen Landstrich, der sich auf der Karte zu verstecken scheint – fernab der grossen Autobahnen mit Eckpunkten wie Meinerzhagen, Hadamar oder Mammelzen – oder liebevoll benamten Käffern wie Busenhausen oder Würges, Brechen und Würgendorf.

Tja… arg viel spannender wird es hier nicht… Überholverbotschilder haben eher empfehlenden Charakter – Geschwindigkeitsbeschränkungen hingegen werden hier ernst genommen: Mit der Blitze verdient manche Gemeinde hier das meiste Geld

Kennst Du nicht? Macht nix, denn glaub uns: Den Ort, in dem Du lebst, kennt man dort auch nicht. Tatsächlich haben wir uns Mitte der 90er Jahre dort einmal schlimm verfahren und schließlich mitten im Nichts eine Bäuerin gefunden, circa Jahrgang 1920, und sie gefragt, nach welcher größeren Stadt wir uns auf den Schildern orientieren könnten, um zur Autobahn zu gelangen. Wo die Autobahn liegt, wisse Sie nicht- und der nächste größere Ort, den sie uns nennen konnte, hatten wir noch nie gehört. Also baten wir sie darum, uns einen größeren Ort zu nennen, was sie nach kurzer Überlegungen tat. Auch der war in der erweiterten zivilisierten Welt gänzlich unbekannt. Schließlich sagte sie uns leicht gereizt, wir sollen uns nach Meinerzhagen richten – das sei wirklich groß. 

Irgendwann braucht den mal wieder jemand und dann machen wir den wieder fit… Das 500€ Auto ist hier noch tief verwurzelt

Aus ihrem Mund klang das wie London – Paris – New York – Meinerzhagen hat 19.000 Einwohner… Aber in aller Fairness: Man kommt dort tatsächlich auf die Autobahn….

German Midlands – warum wir die Region mögen

W123

Aus dem wird noch was…

Natürlich kommen wir seit Jahren immer wieder gern hierher, weil man hier einfach ausgezeichnet Autos kaufen kann – und zwar ohne Internet und solch neumodisches Zeug. Aber es ist auch die Kultur des Landstrichs, in dem freistehende Einfamilienhäuser mit ernsthaftem Grundstück 180.000 Euro kosten.

Wenn du deinen Kindern zeigen willst, wie Deutschland in den 70er und 80er Jahren war, dann geh nicht mit ihnen ins Haus der Geschichte, sondern steuer gezielt die German Midlands an. Hier siehst Du Baustoffe, die Du längst vergessen hast, eine ungeschminkte Ehrlichkeit – das ist Deutschland before Marketing.

Jedes Kaff hat hier noch eine eigene Tankstelle – und das ist kein Shop in der Größe eines Stadtviertels, sondern eine klassische Tanke, irgendwo rein gequetscht, damals in den 60ern – und heute normalerweise noch von derselben Familie betrieben wie damals. Clubsmartkarten und ähnlicher Blödsinn findet hier nicht statt – hier gibt es Sprit und Alkohol, dazwischen die Freizeit Revue.

Prägendes Stilmittel ebenso: Der Imbiß nahe der Durchgangsstrasse. Der heißt hier Traditionell USCHI’S GRILLSTUBE. Der Deppenapostroph ist da Pflicht. 1998 haben wir in Salchendorf bei Siegen mal eine LKW mit der Aufschrift „Für Sie unterweg’s“ gesehen. Eine Schande, dass ein Siemens S6 noch keine Digitalphotos konnte…

Das alte Auto

Autos kaufst Du hier nicht wegen ihres Status‘ und junge Kerle fahren hier keinen Dreier BMW, sondern gebrauchte Ford Focus mit nachträglich aufgeklebten mattschwarzen Streifen. Und die Felgen sind nicht von ATU, sondern von Reifen Henke, 4 Orte weiter, bei dem schon Opa Paul die Reifen für seinen Opel Commodore immer gekauft hat.

Gebrauchtwagenhändler funktionieren hier nach einem gänzlich anderen Muster als Du das aus München kennst. Hier sitzt nicht Igor in der improvisierten Bude und druckt Kauf-Verträge auf dem 24 Nadel-Drucker. Wer hier Gebrauchtwagen verkauft, der stellt diese in Mengen zwischen 10 und 20 Fahrzeugen auf eine Wiese am Strassenrand. Die „fertigen“ Autos stehen in der vorderen Reihe, die, wo man noch „bei muss“, einfach dahinter. Das wirkt total verrottet, wenn man Deutschland nach dem Einzug des Marketings kennt.

Man beachte: Die Hollywood-Schaukel in trendigem orange

Probefahrten machst Du in der Seitenstrasse – Rote Kennzeichen kennt man hier aus der Zeitung; eine Rolle spielen sie nicht. Und die Container, wie Du sie vom Großstadt-Fähnchenhändler kennst, die gibt es hier auch nicht. Der Gebrauchtwagenhändler wohnt entweder direkt neben der Wiese oder hängt irgendwo handschriftlich eine Telefonnummer auf. Wenn Du ihn da anrufst, ist er normalerweise auf ein Bier in USCHI’S BIERTUNNEL, zwei Orte weiter bei der Schlauchpflege der Freiwilligen Feuerwehr oder an der Tanke im Nebenort (auf ein Bier…) und kommt dann schnell rüber gefahren, heisst Gerd und trägt eine Wollmütze – auch im Juli. Warum, wissen wir nicht, aber das ist schon über 20 Jahre empirisch stabil. Meist hat er einen Youngtimer in der zweiten oder dritten Reihe seiner Wiese stehen und kapiert nie, warum Du dich für den interessieren solltest.

Youngtimer?

Ein Anruf und der Typ mit der Wollmütze kommt – Gebrauchtwagenverkauf wie damals, als man dort eher noch Kadett B für 650 Mark kaufen konnte. Eine Reihe weiter hinten sind die Autos noch „unfertig“

Oft enden diese Gespräche dann aber auch nicht auf seinem Hof, sondern er weiss, dass Herbert seinen alten Audi 100 verkaufen würde. Herbert ist 91 und sollte ohnehin nicht mehr fahren – eigentlich fährt er auch nur noch zur Tankstelle, um sich die Bild am Sonntag zu kaufen – und das seit Jahren, seit Gertrud damals an Blutvergiftung gestorben ist, nachdem Arko sie gebissen hat….

Youngtimer-Fahrer, Archetyp: Herbert „Ich hab den Wagen einfach behalten“

Und Leute wie Herbert gibt es hier zuhauf – und das Muster ist immer das gleiche. Wenn Du hier lebst, dann brauchst Du ein Auto. Öffentliche Verkehrsmittel finden hier nicht statt. Für alles, was Du an der Tanke oder bei Uschi nicht bekommt, musst Du 3 Orte weiterfahren – oder gar in Großstädte wie Meinerzhagen. Und weil das so ist, hat GERTI’S SCHNITZELFARM dann auch immer einen riesigen Parkplatz, damit Du dich auf dem Rückweg nach dem Ausflug entsprechend stärken kannst. Außerdem trifft sich hier abends die Dorfjugend, um in zähen mehrstündigen Diskussionen zu beschließen, dass man doch nicht mehr in die Großstadt fährt, weil beim Warten auf den letzten Teilnehmer längst alle zuviel getrunken haben und nur noch maximal den Weg nach Hause schaffen…

Life on Mars – man beachte die liebevollen Gardinen

In einer dieser Buden haben wir vor 3 Jahren mal ein Sinti & Roma Schnitzel (6,90€ mit Pommes und obligatorischen gemischten Salat) auf der Karte gefunden, uns aber – umgeben von einem Haufen breitschultriger Ureinwohner mit Wollmützen – nicht getraut, das zu fotografieren. Der Imbiß hat hier einen gewissen Ehrenkodex. Die Dinger mögen schmierig wirken – aber Uschi kocht hier selbst und holt den Krautsalat nicht aus dem Plastikbottich vom Großhandel, sondern raspelt ihn selbst. Vielleicht weiß der Großhandel auch einfach nichts von dieser Region, gut möglich. Vegetarier haben hier schlechte Karten, vegane Ernährung hat sich bis hier vermutlich noch gar nicht rumgesprochen – hier hat der Krautsalat noch Speck, der Bohnensalat sowieso und Gewürze wie Kümmel spielen hier noch eine Rolle. Rucola heisst hier manchmal noch Rauke.

Omega B

Gedrucktes Verkaufsschild? Liebevolles Design? Fahrzeugdetails? Braucht hier kein Mensch

Klar ist aber in dieser Gegend: Du fährst immer mit dem Auto. Wer das sein Leben lang verinnerlicht hat, der kauft sich kurz vor der Rente auch wieder ein gut ausgestattetes, gut motorisiertes, robustes Auto, um zur Arbeit zu kommen – und ganz sicher keinen Prius, sondern ein richtiges Auto. Und dann muss er irgendwann nicht mehr zur Arbeit fahren und behält das Auto einfach die kommenden 20 Jahre. Und so entstehen hier oft ausnehmend gepflegte Youngtimer, weil Herbert jeden zweiten Sonntag mit dem Lappen durch den Wagen geht und Wartung eine vornehme Pflicht ist, weil Du nicht zwischen zwei Orten liegen bleiben möchtest, wo die Fuchspopulation größer ist als die Humanpopulation und aus dieser Stärke durchaus ein gewisses Selbstbewusstsein ableitet…

Wie gesagt – wie mögen die Midlands.




8 Gedanken zu „German Midlands: Konserviertes Land

  1. Wow!
    das ist Zufall das genau heute dieser Beitrag erscheint!
    Heute Morgen 10.00 in Rh-Wd:
    Mit Kumpel Robert losgefahren zum Treffen in Attendorn!
    Den 02ti angerissen: Sprotzel Grummel Rumpel (Wecken mag der kleine genauso wenig wie ich) und los. 🙂
    Auf der 55 angekommen war der kleine Wach und Grummelte gemütlich vor sich hin. Hinter Lippstadt kam dann genau dieses Gefühl wieder! Quer durch das Sauerland! 🙂
    Auf freien Landstraßen, schönen Kurven, der kleine wurde richtig wach und rotzte und brabbelte in allen Tonlagen vor sich hin das es eine Freude war.
    Tankstopp mitten in der Pampa in Oestereiden oder so. (SuPlu für 1.30!) Also ran. 3 Zapfsäulen: Diesel, Super, SuPlu! – und oh Wunder ein Autogastank! An der Kasse auch: Paar Ölflaschen, Hochprozentiges, 3 Kisten Bier, Bifi und Süßigkeiten – und ein Gefrierschrank mit Pzza, etc.. auf 10 m²
    In Eslohe dann ein Museum gesehen: Heimat, Dampf und Maschinen! – Hmm, nehmen wir auf dem Rückweg mit. 🙂
    Attendorn war enttäuschend, die hatten nicht mal einen Würstchenstand und es war nicht viel los.
    Also zurück.
    Das Museum in Eslohe ist absolut sehenswert. Da fahren wir zu den Dampftagen nochmal hin. Zig Dampfmaschinen die man zu den Dampftagen auch in Aktion sehen kann.
    Kurz vor Warstein einen kleinen Imbiss gefunden: Rein 🙂
    SchniPo mit Salat für 7.50! – Lecker!
    3 Gestalten drin, die mit 2.5 auf dem Kessel Weltpolitik machten. 🙂
    Dorfkneipen, die auch offen haben.
    Kommt man dann ab Erwitte / Lippstadt wieder in Halbwegs erschlossenes Gebiet 😉 kann man nur noch den Niedergang einer früher gelebten Kultur feststellen:
    https://abload.de/img/dsc_15133ish7.jpg

    In dem Sinne
    Viele Grüße
    Carsten, der heute wieder einmal das Sprotzen und Grummeln genossen hat!

    1. Tja, Pech gehabt, wer über Eslohe nach Attendorn fährt kommt zwangsläufig über Elspe und dort gibt es sehr wohl noch eine gute (und morderne) Pommesbude.

  2. Vielen vielen Dank für diese Würdigung meiner Heimatregion, die sich auf dem absteigenden Ast befindet. Das Café Ambiente kenn ich noch aus früheren Zeiten – direkt daneben war eine Art Bosch Dienst. Viele Leute haben da ihr Auto machen lassen und bei kleineren Sachen im Ambiente gewartet. Nix Dialogannahme oder so – man kennt sich….

  3. Vielen Dank für diesen absolut irren Artikel.
    Ich komme aus dem Nachbardorf von Busenhausen und Mammelzen. Auch wenn es nicht überall dort ganz so trostlos ist, wie auf den Fotos gezeigt (wir haben auch Weltmarktführer, frisch renovierte Fußgängerzonen und nach Bonn und Köln fährt sogar ein Zug), macht es wieder einmal richtig Spaß, den Artikel zu lesen! 🙂

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