Hochdachkombis: Savoir vivre und fahrende Rumpelkammern der Laissez-faire Generation

Wikipedia führt zum Hochdachkombi aus:

Hochdachkombi

Ein Hochdachkombi ist ein kompaktes Nutzfahrzeug oder auch PKW mit großer Innenraumhöhe. Der Begriff wird heute für die Fahrzeugklasse verwendet, die 1996 durch den Citroën Berlingo geschaffen wurde und hauptsächlich in Europa vertreten ist.

Hm…

Einspruch!

Ich saß bereits 2 Jahre zuvor in einem Hochdachkombi – und der war eine der schlimmsten Müllhalden, in denen ich mich je befunden hab. Genau genommen war er so etwas wie das siebte Zimmer der WG, in die ich damals einzog und gehörte irgendwie zum Haus dazu. Das Haus lag „auf dem Land“ und der Hochdachkombi war 1994 auch nicht neu oder gar der heimlicher Vorbote des Citroen Berlingo – er war vielmehr der Urvater und zu diesem Zeitpunkt schon satte 19 Jahre alt und hörte auf den Namen „R4 F6“ (Genau genommen hörte er in der WG auf den Manen Kurt, gespochen natürlich Kucht mit dem CH aus Sport – warum, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand mehr, Kurt war eine Art Erbstück).

Renault Hochdachkombi R4 F6

So… Das konnte kein Deutscher zu der Zeit. Als Renault später behauptete, „Autos zum Leben“ zu bauen, verunstalteten sie zwar einen großartigen Pop-Song, hatten in der Sache aber recht

Wir fuhren den Wagen irre gern, weil er dieses bizarre Fahrverhalten hatte (und weil er etwa 8 Wäschesäcke und 4 Kisten Bier schluckte), bei dem Du stets das Gefühl hattest, am Ende der Kurve ganz woanders herauszukommen – aber irgend eine Magie hielt dich auf der Strasse. Ein Teil der Magie war der Frontantrieb – der andere Teil sicherlich die Tatsache, dass die realen Kurvengeschwindigkeiten bei weitem nicht so hoch waren wie die Gefühlten. Das galt vor allem für die Passagiere auf den Rücksitzen: Kurt hatte hinten keine Gurte – 1975 waren die noch nicht vorgeschrieben und niemand hatte eine Nachrüstung für nötig befunden.

Eine Generation später: Der R5 als Hochdachkompi wurde unter dem irgendwie ostblockig klingen Namen „Rapid“ verkauft

Tatsächlich war Kurt nicht der einzige Hochdachkombi, den es weit vor dem Citroen Berlingo gab. Faktisch hatte unsere WG sogar 2 davon. Katja-Sophie (und man ahnt irgendwie, was sie studierte….) war im Besitz eines Renault Rapid, der zunächst ihrer Mutter (Sonderpädagogin mit Nebenjob im Eine-Welt Laden) gehört hatte und dann im Alter von 10 Jahren in Katja-Sophies Hände übergeben worden war. Der Renault Rapid war der legitime Nachfolger des R4 F6 und erschien 1985 auf Basis diverser Renault 5 Komponenten. Beiden war eine vergleichbare Straßenlage gemein und natürlich das Hochdachheck, das schier obszöne Zuladungen gestattete, die dem Fahrverhalten alles andere als zuträglich waren.

Katja-Sophie war etwas unzugänglich und verlieh ihren Wagen nicht gern, schon gar nicht an Jungs, die damit immer nur „heizen“ wollten – der R4 F6 hingegen gehörte allen und wurde (ausser von Katja-Sophie) ohne Murren kollektiv mit gemietet. Ich fragte mich damals relativ schnell, warum eigentlich aus deutscher Auto-Produktion nie solche entspannten Autos gekommen waren. Der R4 F6 war auf seine spezielle Weise ein echtes Lifestyle-Auto – das war ein Hingucker. Das war keiner, bei dem Du den Laderaum zentimetergenau ausmessen wolltest vor dem Umzug, da konntest du einfach ein wenig quetschen, notfalls hing halt hinten was aus der offenen Tür – Je m’en fous.

Mit den lässig französischen Autos hattest du immer irgendwie das Gefühl, für alles gerüstet zu sein (und das finden ja gerade Deutsche gut) – ohne den Preis eines klobigen VW Bus dafür zahlen zu müssen. Ich mochte den T2 und (damals unerschwinglich) den T3 – aber sie verlangten von Dir, dass Du immer den großen Parkplatz suchtest, ein hohes Parkhaus und all das – da war so ein Hochdachkombi doch irgendwie weniger anspruchsvoll, oder?

Mal gespannt, wer merkt, was an dem Bild nicht stimmt…. 😉

1997 schließlich fuhren wir mit dem R4 F6 nach Frankreich. Das passierte Freitags abends spontan, als dreien von uns klar wurde, dass wir früh genug mit unseren Hausarbeiten fertig waren und wir eine Vierte überreden konnten, ihre Bücher für die Hausarbeit auch auf französischen Campingplätzen lesen zu können. Um 19 Uhr am Freitag beschlossen, am Samstag früh den ersten Mlichkaffee schräg gegenüber des damaligen Hauptgebäudes der AGF. Einfach durchgefahren und am zweiten Abend dann Station auf einem Campingplatz nahe Dijon. Der Renault, mittlerweile auch schon über 20, meisterte seinen Job hervorragend und mit leicht dröhnendem Auspuff. Die folgenden Tage trug er uns über Montpellier rauf in die Bordeaux-Region, wo mich schließlich in Gujan-Mestras des Schlag trifft.

Da steht ein weiterer Hochdachkombi am Hafen zum Verkauf herum – der vielleicht coolste, den ich gar nicht mehr auf der Rechnung hatte. Meinen Kadett C-Kombi hatte ich kurz vor meinen Hausarbeiten ohne TÜV für 400 blutige Mark verkaufen müssen und ich war ohnehin auf der Suche nach etwas Neuem – und dann das!

Wie weit der Rancho seiner Zeit voraus war, wussten nicht einmal seine Entwickler – das begriffen erst die Marketing-Leute. Und das zu einer Zeit, als das Wort „Freizeitgesellschaft“ noch gar nicht erfunden war. die Ladefläche war ein Traum.ä, die Flexibilität dieses Wagens überwog seine Rostneigung bei weitem – wobei meinem Modell sicherlich zugute kam, dass er so lange im Süden gelebt hatte. Den Winter mochte er nicht – und da hätte man sich dann im übrigen auch den Allrad-Antrieb, den man optisch ohnehin erwartet, wirklich gewünscht. Die Traktion auf Schnee war schändlich – die Rundumsicht im Rancho hingegen ungeschlagen. Und im Gegensatz zu manch anderem Hochdachkombi war er auch noch cool

Für nicht ganz 4.000 Francs erwerbe ich sehr spontan einen Matra Rancho – für den Preis bekam man den zu der Zeit in Deutschland nirgends – immerhin handelte es sich da um eines der letzten Modelle aus dem Jahre 1983, sogar erst 1984 zugelassen. Zustand: mittelprächtig, aber technisch gut – da soll es mal auf eine Beule hier und eine Delle dort nicht ankommen.

Mein Französisch ist begrenzt; meine Vorstellungen von der Zulassung eines solchen Wagens in Deutschland allenfalls vage – aber ich will den Wagen haben. Weil ich das Geld nicht sofort von der Bank bekomme, bleibe ich in Gujan-Mestras. Jasmin bleibt mit mir dort. Während die anderen den Heimweg in Kurt antreten, verleben wir zwei wunderschöne Tage in der Region und verbringen verbotener Weise eine Sternennacht auf der Dune de Pyla. Die Nacht ist unzweifelhaft die sandigste meines Lebens, das karge Nachtmahl besteht aus leichtem Rotwein, Oliven, einem halben Baguette und Ziegenkäse – aber Jasmin und ich kommen uns näher; dauerhaft. Der Rückweg mit dem Matra Rancho verzichtet auf Campingplätze – wir schlafen auf der Ladefläche und leben von Baguette, Ziegenkäse, Luft und Liebe – mal im Ernst: Passiert dir das auch mit einem Volkswagen Caddy? No way, ehrlich. Das Auto färbt irgendwie ab – aber soviel sei gesagt: Die Liebe hielt nicht nur einen Sommer lang.

Hm… sag, was du willst. Franzosen…

Die Zulassung des Matra Rancho Hochdachkombis der coolen Art kostet mich allerdings praktisch den ganzen Sommer mit all seinen Einzelabnahmen und zu allem Überfluss geprägt von der Tatsache, dass der Wagen nicht die üblichen 80PS hat, sondern 94PS, über die es keine deutschen Dokumentationen gibt. EU-Ähnlichkeits-Firlefanz ist 1997 noch nicht erfunden, schon gar nicht für Autos aus den 80ern. Und am Ende steht da eine Übersetzerin, die vor einer Einzelabnahme französischsprachige Fahrzeugdokumente übersetzt.

Ja, Kinder… heute ist Europa wirklich irgendwie kleiner geworden. Und die große Zeit der Hochdachkombis bricht tatsächlich in den späten 90ern erst so richtig an. Der Boom hält nicht lange – und primär sind es natürlich weiterhin die Franzosen, die diesen Markt prägen. VW bietet den Caddy an, der das Konzept nicht versteht und in erster Linie schier unverschämt teuer ist, wenn man all das bestellt, was Renault, Peugeot und Citroen serienmäßig haben. Die Franzosen machen das ganze so gut, dass Mercedes sich seinen Hochdachkombi nach einem desaströsen Selbstversuch auf Basis der A-Klasse von den Franzosen bauen lässt.

Die Deutschen Kunden nehmen die Klasse nicht richtig ernst. Größere Konzentrationen von Hochdachkombis findet man gefühlt (und statistisch korrekt) nur in Berlin und Köln.

Meine Jahre mit den Hochdachkombis gehören im automobilen Sinne und mit all ihren Erinnerungen zu den schönsten meines Lebens. Der Matra mutierte vom Erst- zum Zweitwagen und stand dann 2002 einmal blöd vor der Tür, als der neue Müllwagen-Fahrer… Eine traurige Geschichte. Heute denke ich oft, dass wir ihn damals hätten retten sollen, Jasmin und ich. Wer weiss, was dann alles passiert und nicht passiert wäre.


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