Staatstragend und unfreiwillig exklusiv: Peugeot 604

Den Peugeot 604 kennst Du nicht….?

Ja… Das geht heute vielen so – dabei hat Peugeot die Oberklasse-Limousine immerhin satte 11 Jahre gebaut. Zwar nur 153.000 Mal – aber immerhin. Vermutlich würde das sogar als Erfolg gelten. hätte Peugeot nicht 400.000 Stück geplant – und zwar für die Bauzeit von 8 Jahren. Also satte 50.000 Exemplare pro Jahr, von denen sich dann allerdings nur etwa 14.000 materialisierten.

Ja… der war stattlich – auch an heutigen Maßstäben gemessen. Die schiere Breite war großartig und lange Zeit das Maß der Dinge

Warum man bei der Prognose in Frankreich so sehr daneben lag?

Hm… eigentlich war das aus der Ferne betrachtet kein so großes Wunder. Peugeot hatte keine Erfahrung in der Oberklasse. Der 604er war das erste Nachkriegsmodell dieser Größe. Da kann man sich dann natürlich an anderen orientieren, den Heimat-Markt einschätzen – und dann natürlich das ausgeprägte französische Selbstbewusstsein hinzu zählen…. Zum Vergleich: Mercedes baute vom W116 470.000 Stück, vom Vorgänger W108/109 auch etwas über 400.000 Stück. Daran orientiert war Peugeot als „Newcomer“ also durchaus selbstbewusst – schließlich war der Mercedes zu dieser Zeit unangefochten und übrigens auch in Frankreich ein beliebtes auto der Reichen und Schönen.

Geblieben ist von den Qualitäten des Peugeot nur noch seine schiere Größe

Französisches Klassen-System – manifestiert in Ausstattungslinien. Für Staatsbeamte gab es nur die unteren und die kleineren Motoren

Als Peugeot den Wagen 1975 selbstbewusst auf den Markt warf, taten sie das mit einem Motor, der – und da kann man drüber streiten oder nicht – stets irgendwie als Kompromiss angesehen wurde – zumindest mal von der Deutsche „Fach“Presse. Der PRV-Motor galt als rau und ruppig und irgendwie unangemessen für die Oberklasse. Darüber kann man streiten – zumal der Motor auf der anderen Seite ungemein robust war und besser als manch anderes Südeuropäisches Ergebnis dieser Jahre…

Peugeot 604 innen

Deutsche Autozeitungen warfen dem Wagen tatsächlich vor, dass er eine Chrom-Version des Fahrzeug-Namens im Cockpit platzierte, anstatt dort etwas „sinnvolles“ einzubauen. Banausen. Mit Handschaltung verliert der Innenraum viel seiner Staatstragenden Qualität. Die verwendeten Stoffe sind etwas zu weich, halten aber nahezu jeder Beanspruchung statt.

Peugeot legte im Laufe der Bauzeit noch einige Motoren nach – dennoch nörgelte die Autopresse gewohnheitsmäßig an dem Wagen herum. Der zitierfähige Gipfel dessen war im Jahr 1985 „Geblieben ist von den Qualitäten des Peugeot nur noch seine schiere Größe“ – und jeder darf jetzt raten, wer das damals geschrieben hat…

Fakt war tatsächlich: Der 604er konnte bei den meisten Vergleichstest nicht gerade punkten – und das war kein rein Deutsches Phänomen – auch in What Car? Car & Driver und selbst L’Automobile und Quelle Voiture zeigte sich nicht so richtig angetan vom Peugeot 604. Vorgeworfen wurde ihm dort beispielsweise durchgängig die schlechte Raumausnutzung: Der 604er hatte den kleinsten Kofferraum seiner Klasse – der 5er BMW bot mehr, der W123 sowieso und der Volvo der 2er Serie sowieso – letzterer war natürlich etwas länger. Aber selbst der 20 Zentimter kürzere (!) Renault 30 hatte mehr Raum hinter der Rückbank – und der Raum war obendrein noch flexibel nutzbar…

Im Ausland sah der Peugeot 604 bescheuert aus. Dennoch: Die Amis schätzten ihn in einigen Bundesstaaten: Er war kompakter als die heimischen Fahrzeuge, bot dabei aber mehr Innenraum. Und selbst hier galt die Innenbreite als gehoben

Der Peugeot bot jedoch eine Innenbreite, die in dieser Klasse unbekannt war und überbot Kollegen wie den 5er BMW dabei um satte 14 Zentimeter – unvergleichlich. Hier konnte der Peugeot punkten und den Maßstab setzen, der eigentlich schon eine Klasse oberhalb angesiedelt war

Mit den ganz gehobenen Wagen anderer Marken wurde der Peugeot 604 dabei im Regelfall gar nicht erst verglichen, obwohl das dem Selbstverständnis des großen Franzosen durchaus entsprochen hätte. Tatsächlich bot Peugeot den 604 auch nicht so teuer an wie eine S-Klasse – teurer als der vergleichbare W123 jedoch war so ein 604er. Da stufte die ams dann schon mal als frech ein – zumal berechtigter Weise akzeptiert werden musste, dass der Wertverlust schlimm war.

Peugeot 604

Das Bild des Peugeot 604 – so wurde er ab 1975 wiederholt gerne präsentiert

Alles in allem hatte der Peugeot 604 somit tatsächlich schlechte Karten. Dass der Wagen dann noch zu teilweise erheblichem Rost bis hin zu Durchrostungen neigte – und das vor allem in den ersten 4 Jahren der Bauzeit, machte es dem Wagen in Deutschland praktisch unmöglich, Käufer zu finden, obwohl Peugeot gerade den großen Deutschen Markt angepeilt hatte, auf dem viele gehobene Limousinen verkauft wurden.

Wie oft in der französischen Geschichte besann man sich daher – man ahnt es schon – der Tradition der Stützkäufe, die Jahre später auch beim 604er Peugeot schlimmere Verluste verhindern sollte, respektive Arbeitsplätze in der Automobilindustrie zu sichern helfen sollte. Zu diesem Zweck erweiterte Peugeot das Modellprogramm auch nach unten um das SR-Modell, dessen 96PS Motor zwar als vollkommen überforderte Motorisierung galt, tatsächlich aber signifikant weniger Sprit brauchte und in Ländern ohne eine so starke Autobahnhochgeschwindigkeitsfixierung wie bei uns, durchaus passables Mitschwimmen erlaubte. Wer den SR als Dienstwagen (Stützkauf) erhielt, der war damit keinesfalls schlecht bedient.

Insgesamt muss man auch heute noch konstatieren, dass der Peugeot ein sehr anständiges Reise-Auto war, zumal er zu seinem leicht höheren Preis eben auch all die Annehmlichkeiten mitbrachte, die ein Mercedes, BMW oder Opel serienmäßig nicht hatten – angefangen bei heute selbstverständlichen Dingen wie Servolenkung, über elektrische Fensterheber auf allen Plätzen und wärmedämmendes Glas und ähnlichem Luxus der 70er Jahre.

Ohnehin war die Reise, das Schweben und Gleiten, wahrlich die Sache des Peugeot 604 – eine Geisteshaltung, die Deutsche Fahrer (und Deutsche Auto-Tester) nie recht begreifen wollen. Wie auch der Renault 30 oder der Citroen CX war der Peugeot dafür gemacht – und das hatte er drauf. In Frankreich erwarb er sich – neben der auch dort lauten Kritik an der Blech-Qualität – den Ruf eines vorzüglichen Reisewagens.

Neben einem guten Langstrecken-Motor mit Benzineinspritzung und 155PS gesellte sich später noch ein Turbodiesel – und zwar der erste überhaupt in ganz Europa – das war schon ziemlich cool, wie Peugeot ohnehin meisterlich mit dem Diesel-Thema umging, Jahre bevor Audi das für sich entdeckte. (Tatsächlich ist PSA auch heute noch der größte Hersteller von PKW Dieseln).

Immerhin: Der Peugeot 604 wurde sogar mehrfach zur Staatslimousine geadelt – und das nicht nur in Frankreich und einzelnen afrikanischen Staaten, Korea (hier sogar als Lizenzfertigung), sondern auch in Deutschland! Offensichtlich ein Fan des PRV Motors, besaß Erich Honecker neben seinen Volvo 260er Modellen auch einen Peugeot 604. Sonst waren die Meriten des Peugeot Zeit seines Lebens leider nicht ausgeprägt. Peugeot brauchte eine Pause in der Oberklasse und verfolgte einen wirren Kurs in der Oberklasse und gehobenen Mittelklasse mit 504, 505, 605 und dem Auf und Ab bei Positionierungen und Ausstattungsniveaus. Einen Wagen vom leicht dekadenten Staats-Flair des Peugeot 604 gab es lange Zeit nicht mehr und der 605 wird unter Wert gehandelt, der sehr gute 607 fand keine rechte Beachtung.

Am 608 wird gearbeitet – und wir würden uns freuen, wenn der a) satten Staats-Charme hätte und b) parallel als Opel Senator C erschiene. Feste feiern, wie sie fallen 😉



1 Gedanke zu „Staatstragend und unfreiwillig exklusiv: Peugeot 604

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.