„Stützkäufe“ – was ist das eigentlich?

Eng verzahnt: Automobile Oberklasse und gehobene Staatsbeamte

Dieser Tage erreichte uns eine Mail, die uns fragte, was eigentlich ein Stützkauf sei, den wir schon hin und wieder hier erwähnt hätten, weil man den bei Wikipedia nur im Bereich der Börse fänden, nicht im Bereich des Fahrzeugbaus.

Tatsächlich ist der begriff eher rar geworden, heißt in der Literatur auch eher „Stützungskauf“ (hilft aber bei Wikipedia auch nix…) und kam immer wieder in verschiedenen Weisen vor – primär in Frankreich und Italien.

Die großen Stützkäufer: Italien und Frankreich

In der Presse findet man selten viel über die sogenannten Stützkäufe – bekannt werden sie am Ende des Tages im Regelfall dennoch – aber man ahnt es: Alle vermutlich nicht.

Tatsächlich gelten sie in den meisten Ländern als eher ehrenrührig, in anderen als Eingriff in den Markt, in wieder anderen sind sie ganz explizit per Gesetzestext verboten.

Frankreich und Italien hatten lange Zeit zumindest halbstaatliche Automobilindustrien – vielleicht hat sich das dort deshalb stets ein wenig anderes entwickelt. Von Stützkäufen sprach man dort stets dann, wenn ein Wagen nicht zum geplanten Erfolg wurde und dann der Staat dahingehend eingriff, dass er den entsprechenden Wagen gezielt entweder großvolumig oder über längere Zeit für Behörden einkaufte, die Marke oder das Modell also durch Käufe „stützte“ – normalerweise zu einem „faireren“ Preis. Da kann man jetzt verschiedene Meinungen zu haben – aus vielerlei Hinsicht macht das jedoch sicherlich Sinn und wir erinnern uns an Momente, in denen wir uns so etwas für Opel gewünscht hätten… Natürlich ist das Thema schwierig: Stütze ich Unternehmen A wird Unternehmen B (zurecht) sagen: „Hey – Du machst uns Konkurrenz“. Nun muss man sich dazu sicherlich einmal das entsprechende Umfeld ansehen. Auch Frankreich und Italien sind – ähnlich wie Deutschland – mit Blick auf die Gesamtwirtschaft und eben auch Arbeitsplätze sehr abhängig von ihrer jeweiligen Automobil-Industrie.

Staatslimousine

Für uns bezahlt der Staat?

Stellte nun also Peugeot – wie zuletzt beim 604 beschrieben – einen Wagen her, der deutlich hinter den Umsatzerwartungen zurück bliebt, dann kann ich mich als Staat daneben stellen, die Schultern zucken und sagen „Survival of the fittest – wenn ihr keine gescheiten Autos baut, geht ihr eben pleite und die anderen übernehmen den Markt, basta“.

Ich kann mich auch hinstellen und mich als Staat fragen: „Will ich die Arbeitslosen, die hier vielleicht entstehen, mit meinem Geld bei einem unwürdigen Leben unterstützen oder geben ich das Geld Peugeot, erhalte Autos dafür, die ich ohnehin hätte kaufen müssen und erhalte am Ende noch Arbeitsplätze damit?“

Hm…

Die Kritik

Das Ganze klingt soweit eigentlich nicht ganz dumm. Natürlich ist das trotzdem schwierig – denn: Es gibt keine gesetzliche Regelung für so etwas, kein staatliches Handbuch „Le Stützkauf“, in dem du als Beamter nachschauen kannst, wie man so etwas handhabt. Im Grunde öffnet das natürlich dem Betrug Tür und Tor. Interessanter Weise wurde die Diskussion um diese Frage nie laut geführt. Denn natürlich haben sich die „anderen“, die nicht begünstigten Autobauer, immer einen Moment lang gefragt „Und was ist, wenn es beim nächsten Mal uns trifft?“ Und tatsächlich war das ja auch durchaus der Fall.

Peugeot 607 werks

Lebten immer mal wieder von der „Stütze“ – große Limousinen aus Frankreich und Italien

Peugeot erlebte Stützkäufe ebenso wie Renault – Fiat rettete diverse Modelle über dieses Markt-Stilmittel, Lancia war General-Lieferant des Vatikans, während andere sich artig über Ausschreibungen bei stattlichen und teil-staatlichen Betrieben bewerben mussten… Da steckt schon Potential für Stress drin.

Ebenfalls eine Diskussion, die hier immer mitschwingt: Die meisten Stützkäufe wurden bei Luxus-Fahrzeugen, zumindest solchen der gehobenen Mittelklasse oder eben landestypischen Oberklasse getätigt – nicht etwa beim Fiat Uno oder dem Peugeot 205, wo keiner etwas gesagt hätte, weil der Neidfaktor einfach kleiner gewesen wäre.

Bei Peugeot 604 nahm Peugeot sogar einen kleineren Motor ins Programm, um den Regularien der Behördenkäufe gerecht zu werden. Der Peugeot 605 wurde später ebenfalls erheblich gestützt, der Fiat 130 hatte komplett lächerliche Verkaufszahlen – und selbst die wenigen Exemplare kaufte eher der Staat als Privatpersonen. Wollten sich da also Beamte ein Luxusleben durch die Hintertür gönnen. Hm – der Verdacht besteht. Schaut man jedoch einmal modellhistorisch auf die Stützkäufe, so muss natürlich auch gelten: Es waren die großen Wagen der französischen und italienischen Hersteller, die Absatzprobleme hatten, nicht die kleinen. Die kleinen Fahrzeuge wurden neben dem Verkauf auf dem Heimatmarkt auch sehr oft Erfolge auf den beiden großen Europäischen Märkten. In Deutschland und Frankreich verkauften sich beispielsweise die Peugeots wie der 205, der 306 oder auch der Renault 19 ausgezeichnet – und auch Fiat Uno und Punto und erst recht der Panda hatten eine feste Abnehmerschaft. Warum also hätte man denen noch Stützkäufe hinterher schmeißen sollen?

Fiat 130

Gestützte Bekanntheit? Keine 20.000 Einheiten schaffte der Fiat 130 – trotz staatlicher Beihilfe

Eine krasse historische Ausnahme in allen Dimensionen bildete übrigens der Renault 14. Als der durch Stützkäufe in die Profitabilität geliftet werden sollte, lehnten die staatlichen Einheiten das unsolidarisch ab. Der Wagen galt zu diesem Zeitpunkt tatsächlich als so schlecht, dass den auch auf diesem Wege niemand haben wollte…

Und die Deutschen – sind das Stützkäufer?

Hm… hierzu besteht unter Branchenbeobachtern eine durchaus gemischte Meinung.

In Deutschland gelten Stützkäufe traditionell als Versagen und sind verpönt – natürlich stets vor dem Hintergrund der Marktgerechtigkeit… Wie auch in anderen Ländern ist dieses Thema aber auch hier immer ein totgeschwiegenes, obwohl alle wissen, dass es das gibt.

War „aufrechten“ Deutschen ein Dorn im Auge: Telekom-Transporter Renault Rapid

Wo aber fängt denn eigentlich ein Stützkauf an? Wenn eine Behörde in der Nähe von Köln ständig Behördenfahrzeuge von Ford erwirbt und eine in der Nähe von Rüsselsheim einen Opel-Fuhrpark hat – ist das dann ein Stützkauf? Wie die Deutschen nun mal so sind: Hier wird das über eine Ausschreibung geregelt und am Ende gewinnt dann eben der lokale Provider. Da wurde nie groß drüber geredet und keine normale Behörde ist gezwungen, Deutsche Autos zu kaufen – wobei das bei einigen sogar nachvollziehbar sein kann, etwa der Bundeswehr.

Was aber passiert, wenn eine Behörde gegen den Moralkodex verstößt? Wir konnten das im Kleinen beobachten. Zwei von uns lebten Mitte der 90er Jahre in einer bergigen, schneereichen Gemeinde – und als der neue Rettungswagen und das Einsatzleitfahrzeug der Feuerwehr zur Neuanschaffung anstanden, da waren die Preise des Mercedes W124 als 4Matic bereits derartig weg galoppiert, dass sich die Gemeinde zur Anschaffung eines Subaru Legacy entschloss.

W124 Schnee

Killer-Preis: Mercedes W124 4Matic

Einerseits kostete der in der vorgesehenen Ausstattung tatsächlich weniger als die Hälfte, gleichzeitig gab es sogar einen kleinen Subaru-Händler mitten in diesem schneereichen Kaff, der auch den Service und die Reparaturen übernehmen konnte – der nächste Mercedes Händler war satte 12 Kilometer weit weg, was allen Nutzern des Wagens stets ein Dorn im Auge gewesen war.

Plötzlich jedoch fühltest Du dich, als würdest Du an der Tür zur echten Politik angeklopft haben. Da gab es Bürgerversammlungen, da gab es sogar eine Schlägerei im Bürgerbüro!

Aber tatsächlich gab es das Thema dann auch in der echten Welt. Die Telekom erdreistete sich doch tatsächlich, den Hochdachkombi Renault Rapid 1988 in großen Mengen zu ordern. Warum? Die Deutsche Auto-Industrie konnte keinen vergleichbaren Wagen zu auch nur ansatzweise konkurrenzfähigen Preis anbieten. Wie so oft saß die Deutsche Automobilindustrie hier auf hohem Ross und forderte nun lautstark die Stützkäufe ein – freilich ohne diese so zu nennen.

Citroen C6

Wir hätten den gestützt 😉

Eine Diskussion, die es bis in die Tagesschau schaffte und erst dann wieder klein geredet wurde, als den Auto-Lobbyisten klar wurde, dass sie hier wohl reflexhaft laut geworden waren – und daraus dann versehentlich eine Diskussion über die Anschaffungskosten Deutscher Autos wurde, die keiner von Industrie-Seite führen wollte. Am Ende des Tages lieferte diese Diskussion all jenen, die sich aufgrund nachbarschaftlichen Drucks nicht trauten, ausserdeutsch zu kaufen, alle Argumente zum Mitschreiben frei Haus.

Hier hatte die Deutsche Autoindustrie Mist gebaut, indem sie zu laut geworden war – und das schlug zurück Auf dem Privatmarkt ebenso wie in Gemeinden, die nun Toyota Landcruiser und ähnliche Arbeitstiere anschafften, die damals tatsächlich oft halb so teuer waren wie eine G-Klasse. Hat die Deutsche Automobil-Industrie daraus gelernt? Hm… Man könnte meinen, der Streescooter lehrt uns aktuell mal wieder etwas anderes.

Sorry, Deutsche Automobil-Bauer – das können Eure französischen Kollegen echt besser. Der letzte echte Stützkauf, von dem man dort hörte, sollte den Citroen C6 betreffen, dessen Verkaufszahlen (in Summe nur knapp über 20.000 Stück – weniger als ein Zehntel des XM) katastrophal waren. Als Sarkozy eingreifen wollte, wurde er ausgebremst. Der C6 galt bei den Behörden als zu komplex und zu dekadent – und so verschwand die Idee wieder, bevor sie richtig laut geworden war.




1 Gedanke zu „„Stützkäufe“ – was ist das eigentlich?

  1. Polizei, Rettungsdienste, Behörden, die großen Staatsunternehmen (bzw. die mit hohen staatlichen Beteiligungen) – da sehe ich in Deutschland immer noch die “Stützkäufe”.

    Ohne diese (in Zusammenhang mit zeitweise extremen Flotten-und-Privat-Leasing-Preisen) wären mMn. Audi nicht “Premium” geworden und Mercedes und BMW nicht geblieben – von der Marktdominanz VWs mal ganz zu schweigen…

    Die Lobby-Entscheidung “Abwrackprämie” ist für mich auch eine Art versuchter Stützkauf.

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