Als unsere Youngtimer neu waren: in den 80ern mit dem Auto in den Urlaub

eingestreut von Magnus Haensler

Der Sommer bringt Erinnerungen hervor, die oft lange verschollen in meinem Hirn herum zu lungern scheinen – aber Sommerurlaub war in meiner Jugend natürlich tatsächlich einer der Anlässe, die eine Familie zusammenführten – ein besonderer Moment in der Gesamt-Dramaturgie des Jahres-Verlaufes.

Ich meine: Weihnachten war schon so ein Ding. Da hingen alle zusammen – selbst die, die dir aus den entlegeneren Zweigen der Familie im Laufe des Jahres praktisch entfallen waren. Dann kam das Paket aus der „Zone“, wie meine Oma bis zum Schluss sagen sollte – da war in erster Linie Stollen drin, der viel besser war als der Weststollen. Aus meiner Erinnerung heraus wäre der wirtschaftliche Umschwung auf Basis von Ost-Christstollen problemlos möglich gewesen.

Aber Sommer-Urlaub – das war eine ganz andere Nummer. Da lauerten echte Abenteuer – Abenteuer und echte Gefahren. Da gab es noch überall Grenzen – allem voran natürlich auch hier die Zonengrenze! Heute noch schwer vorstellbar, wo Du bekifft über die niederländische Grenze fahren kannst und kein Grenzer dich raus winken kann – es gibt einfach keinen. Dass Du das Land verlässt, merkst Du in manchen Grenzregionen heute kaum noch, oder? Du kannst ja sogar deine eigene Währung mitnehmen.

Und das war ja oft in den 70ern und 80ern bereits eines der Abenteuer. Für die Fahrt in den Urlaub gab es bei uns in der Familie doppeltes Taschengeld – schließlich war ja Urlaub, da soll es auf die Markfuffzich mal nicht so ankommen, da war Papa dann mal großzügig. Das Geld dann aber in ausländischer Währung zu bekommen war verwirrend – aber immerhin: Es war ein Abenteuer. Lustige bunte Geldscheine, deren Wert oft unerklärlich blieb. „Papa – was ist der Schilling wert? 7 Pfennig?“ „Nein – 7 Schilling sind etwa eine Mark. Also was ist dann ein Schilling wert, mein Junge….?“ „Äh….“

Schon deshalb mochte ich die Niederlande – da war alles ungefähr gleich viel wert wie in der BRD – und an der Küste sprachen alle Deutsch – fast besser als manche Vorarlbereger – ein Kinderparadies.

Aus heutiger Sicht, wo Du für 27€ ans Ende der Welt fliegen kannst, teilweise schwer erklärbar: Mit dem Auto in den Urlaub fahren, war irgendwie eine unwidersprochene Reise-Art für den Sommerurlaub. Wenn man von Düsseldorf an die Nordsee fuhr, war das fein, auch von München nach Südtirol. Als die Ziele exotischer wurden, muss doch irgendwann mal jemand gesagt haben „Hey!! Spanien ist mit dem Käfer wirklich am Ende der Welt!!“ Machte aber niemand….

Auch damals gab es natürlich Leute, die in Länder wie Ägypten Urlaub machten oder exotische Ziele wie Tunesien ansteuerten – aber das war nicht das Volk, nicht die Masse. Nachdem wir uns bei Salzstangen, Erdnuss-Flips, gefüllten Eiern und Exportbier deren gefühlte 700 Dias vom exotischen Urlaub angesehen hatten, sagte meine Mutter beim Hinausgehen Sätze wie „spinnertes Zeug – als ob man wirklich zu den Negern fahren müsste, um sich zu erholen!“

Wir fuhren mit dem Wagen in den Urlaub. Wichtigsten Zutaten:

  • Eine Strassenkarte, in die der Typ aus der ADAC Geschäftstselle die beste Strecke mit dem wenigsten Stau eingezeichnet hatte
  • Hartgekochte Eier, Käsewürfel und kleine Frikadellen, die im nicht klimatisierten Wagen ihren sehr individuellen Geruch entwickelten
  • Und natürlich die unvermeidliche Ajona und Rei in der Tube, weil das Platz sparte.

Allein letzteres verstehen die Kinder, die in der Sharan-Generation aufgewachsen sind, schon mal nicht. Heute kannst Du alles im Auto mitnehmen: komplexe Gesellschaftsspiele, die WII, den Chromcast und 700 Jahre Musik auf dem Ipod oder gleich das Spotify Abo. Der verdammte Mikro-Kofferraum des VW Käfer hingegen führte dich unweigerlich zu „Rei in der Tube“. Der gesamte Urlaub wurde auf die 600 Kilometer Fahrt ausgerichtet. Man hätte ja auch Zahnpasta in Italien kaufen können, aber der entschieden kulturverschlossenere Deutsche der Nachkriegsgeneration sagte sich „Wer weiss schon, was die Italiener da rein tun….?“ Und die Zutaten kann ja eh keiner lesen, weil niemand italienisch kann oder sonst irgendwelche sinnlosen Fremdsprachen.

Die Europäische Gemeinschaft mit ihrer Gleichmacherei ist noch Theorie – auf italienischer Zahpasta stehen italienische Zutaten auf Italienisch und im Restaurant in Brindisi wird in breitem Schwäbisch Mir bekommet die Gnotschi geordert.

In den 80ern wird diese Kultur doch tatsächlich noch um bizarre Plastik-Hightech ergänzt. Da gibt es dann zur Ajona noch REISEZAHNBÜRSTEN. Yeah. Die sind aus Plastik und du nimmst den Oberen Teil heraus, drehst ihn um und steckst ihn auf den unteren Teil – Magie: Die Zahnbürste ist nur noch halb so groß! Science Fiction. Und natürlich ist sie neon-grün wie das Apfel-Shampoo, das du aus logistischen Gründen zuhause lassen musst.

Kinder, wer von Euch sich bis jetzt über den Erfolg der Giganto-Kofferräume gewundert hat: Das ist der Grund. Einmal im Jahr wollte Dein Vater locker sagen können „Ja klar – nimm das ruhig mit in den Urlaub. Na sicher bekommen wir das in den Kofferraum.“ Erfolgs-Momente der Wirtschaftswunder-Generation. Kein Wunder, dass deren Kinder dann schließlich den Sharan kauften, um einmal im Jahr sagen zu können „Na klar – nimm Dein Fahrrad ruhig mit in den Urlaub – das bekommen wir locker rein, Kevin….“

Wichtigste Änderung in den 90ern: Jetzt hat auch Mama den Führerschein, was in den 70er und 80er Jahren alles andere als fest im bürgerlichen Selbstverständnis verankert war. Ich sehe meinen Onkel Horst noch vor mir, der mir erklärt, „Ich hab die Tante Gudrun jetzt mal den Führerschein machen lassen – dann kann sie zumindest die Tagschicht nach Ventimiglia fahren.“ Und ja: heute versteht man, was Alice Schwarzer allein aus linguistischer Perspektive wirklich erreicht hat und was vielen heute so selbstverständlich erscheint….



6 Gedanken zu „Als unsere Youngtimer neu waren: in den 80ern mit dem Auto in den Urlaub

  1. och, der Diplomat A von Vattern hatte kein Platzproblem im Kofferraum. Und war DAS Siedlungsgespräch, als wir eine Expedition in die DDR machten. Ging nur wegen Familienbesuch.

  2. Der Artikel zeigt mir deutlich, wie – sagen wir – konservativ ich aufgewachsen bin. Bin Jahrgang 90 und abgesehen von der Zonengrenze erkenne ich alles in dem Artikel wieder.
    Mutter ohne Führerschein (ist auch besser so in dem Fall), unklimatisierter Ascona, später Vectra ohne ZV mit merkwürdig riechendem Proviant und die halbe Familie trifft sich am polnischen Ostseestrand.
    Für meinen polnischen Opa waren die Opel meines deutschen Vaters bis zum Schluss alles Mercedese. Westauto=Benz! Und er hat die Türen geknallt als wäre es ein Sowjetpanzer.

    Urlaubsreisen hat mein Vater aus Prinzip um 3 Uhr nachts angetreten, damit wir nicht im Stau stehen.

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