Leuchtfeuer einer neuen Klasse: Ford Fiesta 89

Der erste Ford Fiesta war konzeptionell unzweifelhaft ein großer Wurf – einer vor allem, der eigentlich das Zeug dazu hatte, einer damals gerade neu entstehenden Fahrzeug-Klasse in Europa den rechten Stempel aufzudrücken.

Hätte die Klasse unterhalb der Golf Klasse damals nicht Fiesta-Klasse heissen sollen? Knapp 3 Millionen baute Ford von dem Ding – das ist eigentlich ziemlich Respekt einflössend, oder?

Innen weit luftiger als der Klassenstandard – da waren die Jungs in Wolfsburg erst mal einen Moment verwirrt

Ford selbst fand den Fiesta auch ziemlich gut und baute ihn vorsichtshalber gleich mal 13 Jahre lang – Bei Ford über Phasen eine ziemlich verbreitete Unsitte aber natürlich am Ende ein Traum für Gebrauchtwagenkäufer und Youngtimer-Fahrer.

Ford Fiesta – Wie konnte man da noch einen drauf setzen?

1989 erschien der Nachfolger des ersten Fiesta – und alles in allem kann man schon sagen, dass er in diesem Segment vielleicht der größte Fortschritt war, den man bis dahin gesehen hatte. Waren Kleinwagen zu dieser Zeit oft noch reichlich kompromiss-behaftet, zu klein, zu leicht, zu untermotorisiert, setzte der Fiesta ganz neue Maßstäbe.

Zum Teil schier lächerlich billig: Ford Fiesta aus den frühen 90ern, oft in tadellosem Zustand

Einerseits war er größer als der Rest der Klasse,vor allem größer als Erzrivale Polo und signifikant größer als der erste Opel Corsa, der – gemessen an seinem Erscheinungsjahr 1982 nicht besonders weitsichtig gestaltet war und eben keine echte Duftmarke setzen konnte.

Der Fiesta 89 hingegen konnte.

Vor allem auf der Rückbank musste man sich bei Passagieren nicht mehr entschuldigen, dass man ihnen einen Platz angeboten hatte – und das war im Polo 86c nun wirklich noch anders. Alles in allem machte das den Ford Fiesta 89 zu einem vollständigen Auto, das notfalls auch einer Familie als einziges auto dienen konnte. Der Fiesta 89 war im Grunde schon so gut wie möglich in der Golf-Klasse angekommen.

Ford Fiesta XR2 MK3 1989

Über die Jahre dann doch ganz schön kantig geworden, obwohl er bei seinem Erscheinen vor knapp 30 Jahren rundlich wirkte. Die Straßenlage ist zeitgemäß geblieben.

Die Karosserie erwachsen, die Straßenlage noch viel erwachsener – wenn dich Deine reichen Eltern fragten, ob es ein Golf oder ein Fiesta zum 18. sein sollte, der 6 Jahre länger auf dem Markt war, dann war die Frage gar nicht mal so einfach zu beantworten, weil man sich beim Fiesta einen größeren Motor gönnen konnte – bei weniger Gewicht! Und im Gegensatz zum vergleichsweise dösigen und blutleeren Polo 86c gab es den Fiesta auch mit 4 Türen, um alle deine Kumpels würdig einsteigen lassen zu können.

Not bad.

Wenn in der Klasse noch ein coolerer in Sicht war, dann maximal der Peugeot 205 – zumindest in seiner GTI-Version, die unschlagbar cool war. Cruisin Downtown.

Ford Fiesta 1990 schlicht

Die einfachen Modelle erscheinen einem heute unglaublich schlicht – und sind es auch. In Summe vielleicht einer der besten Kleinwagen, da sich hier Vernunft im Unterhalt mit Fahrspaß paaren

Wobei natürlich auch das XR2-Modell des Fiesta was konnte. Am Ende gab es da bis zu 130PS. Das war damals auch noch in der Größe der E-Klasse war wert – ein 5er BMW E34 fing bei 113PS an…

Man kann sich darüber streiten, wie lange es den Fiesta 89 eigentlich wirklich gab. Effektiv gab es ihn realistisch betrachtet bis 2001, zwei sehr teuer verpackte Facelifts eingeschlossen – obwohl Ford offiziell bereit 1996 einen Nachfolger vorstellte (…der nicht nur auf der Bodengruppe des Fiesta ruhte, sondern auch in diversen anderen Teilen unverändert übernommen wurde). Somit lief der zweite Fiesta fast so lange wie der erste – und das hatte er durchaus verdient.

Am Ende seiner Dienstzeit hatte der Polo natürlich mit dem Modell 6N enorm aufgeholt – und jetzt gab es den sogar viertürig. Opel hatte das B-Modell des Corsa auf den Markt gebracht – auch ein riesiger Schritt, aber signifikant winziger als der Fiesta des Jahrgangs 89, der die Größenverhältnisse der Klasse nachhaltig verschoben hatte und den Wettbewerb dort veränderte. Alle Unos und R5 waren nach ihm nur noch Kleinwagen.

In UK galt der Fiesta ab Erscheinen als Volksheld – vielleicht gönnten sie ihm deshalb noch mehr Sprtversionen als bei uns

Im Anschluss war der Ford Fiesta lange lange Zeit immer eher die Dorfhure einer gesamten Klasse. Der Fiesta war das billigste seriöse Auto, das Du kaufen konntest. Billiger gab es nur schlecht erhaltene E-Kadett – und die waren weit weniger zäh als der Fiesta, der sich auch in der Klasse bis 500€ stets als ungewöhnlich robust und langlebig erwies und vor allem mechanisch enorm solide im Alter war.

Dadurch blieben – wie so oft bei den ungeliebten Kleinwagen – nicht viele schöne Exemplare übrig. Zumindest schien es eine Zeit lang so. Aber wie so oft kommen jetzt teilweise erst die gepflegten Oma-Exemplare auf den Markt. Manchmal stehen die bei den Ford-Händlern im Moment sogar vorne – Garantieversprechen hin oder her. 25 Jahre alte Ford Fiesta in ausgezeichneten Zuständen für 2.000€. Das ist schon beinahe surreal, aber derzeit gelebt Markt-Realität. Und selbst unter 1.000€ gibt es zurzeit wirklich gute Exemplare mit 70.000 auf der Uhr und 2 Jahren Tüv. Die haben sich lange Zeit Ford-Fahrer von schützenswerten Modellen für den Winter gekauft – aber so langsam sind die Leute, deren Jugend-Auto der Fiesta 89 war, so weit und müssen ihn einfach noch einmal haben.

Und das ist keine schlechte Entscheidung.



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