„Der“ 11. September – Tag des Dienstwagens

Jeder, der am 11. September 2001 schon aufrecht stehen konnte, weiß, wo er sich befunden hat, als er von den Anschlägen in New York erfuhr. Ich natürlich auch – und das vielleicht auch nochmals mehr als manch anderer.

Für mich war der Tag ein doppelt und dreifach wichtig.

Eigentlich wollte ich an dem Tag meinen ersten Dienstwagen morgens in München abholen – jedoch musste ich in letzter Minute für einen Kollegen einspringen um am Morgen des 11. September einen Vortrag halten – und zwar wo? Ja… Im World Trade Center.

Nein – nicht in dem World Trade Center – sondern im WTC Zurich. Und warum war der Tag so wichtig für mich? Ich sollte an diesem Tag nicht aus irgend einem Grund meinen ersten Dienstwagen abholen: Unser erstes Baby war unterwegs und hatte sich im Bauch meiner Frau bereits unglaublich breit gemacht – so sehr, dass es wirklich nur noch schwer zu übersehen war. Und weil all das  bevorstand mit allen Windeln und Kinderwagen und allem drum und dran, hatte ich mich entschieden, zum ersten Mal in meinem Leben keinen Youngtimer mehr zu fahren, sondern meine Dienstwagen-Option zu ziehen…

Nicht alle World Trade Center sind ganz so groß…

Naja… Sagen wir es so: Meine werdende Frau hatte den Vorschlag gemacht… Also: Hatte angeregt, dass wir… Hatte die Idee in den Raum…

Genau genommen hatte sie gesagt „Schön und gut – aber jetzt hört der Scheiss mit den alten Autos auf. Wir bekommen ein Kind – werd‘ erwachsen!“ So oder so ähnlich.. vielleicht nicht wörtlich, aber thematisch stimmt es auf jeden Fall….

Der 11. September hatte wochenlang in meinem Kalender gestanden. Es war der Tag, an dem Youngtimer-Fahren vorbei sein würde. Ein Abnehmer für meinen 220D, 74er Strichachter, war gefunden, er würde ihn am 13. September abholen. Und ja… ich würde am 11. September das Auto des Langweilers abholen und mich in meine neue Rolle begeben.

Ich war also am Abend vorher eingetroffen, hatte irgendwo in Glattbrugg übernachtet (zu nahe an den Bahnschienen) und war morgens am 11. im World Trade Center Zurich eingetroffen, hatte um 0830 den ersten Vortrag gehalten, Fragen beantwortet, und mich anschließend mit einem Mietwagen auf den Weg nach München gemacht, wo ich meinen Dienstwagen entgegennehmen sollte.

Gegen 14.30 war die Einführung durch den VW Händler in München abgeschlossen – ich war gut durchgekommen, hatte bei Mutter Maria hinter dem Deutschen Museum noch Pasta zu mir genommen – alles lief super. Und in aller Fairness: Ich erlag dem Charme des Neuwagens. Dieser Geruch, diese unberührten Materialien…

Ich machte mich auf den Weg gen Norden und war schon knapp in der Holledau, als mich der Anruf auf meinem sehr hightechigen Siemens S35 erreichte und die werdende Mutter sagte „Es gab einen Anschlag!“

„Hä?“

„Einen Anschlag – auf das World Trade Center….!! Da ist ein Hubschrauber rein geflogen!!“

„Äh … Schatz… Was?? Auf das Wolrd Trade Center?? Bist Du da sicher?? Da sind praktisch alle meine Kollegen….“

„Was ist mit Deinen Kollegen? Es gab einen Anschlag! Auf das Wolrd Trade Center – ein Hubschrauber oder ein Flugzeug. Die sind ins World Trade Center geflogen!!! Und man hat Bomben geworfen. Auf das Wolrd Trade Center!!! Mit Dem Flugzeug! Bush tritt jetzt gleich vor die Presse!“

„Busch? Welcher Busch?“
„Sag mal – hörst Du mir zu? Ein Terroranschlag – mitten im Land! Natürlich trittt Bush da vor die Presse?“

In meinem Kopf bilden sich wirre Bilder. Ich versuche mir vorzustellen, wie cool ein Pilot sein muss, der es schafft, im eng bebauten Zurich das World Trade Center mit einem Flugzeug zu treffen. Das nämlich ist ein eher europäisch geschnittenes Gebäude, eingebettet in einen Haufen weiterer Gebäude. Einen Hubschrauber oder ein Flugzeug in dieses Gebäude zu landen, ist technisch praktisch unmöglich… Und warum überhaupt?

„Welcher Bush?“

„Hä??? George Bush!!“

„Der amerikanische Präsident? Was hat der mit dem World Trade Center zu tun??“ Und da dämmert es mir. „WTC in New York??“

„Ja – wo denn sonst????“

„Ah… verstehe, war gerade geistig… äh… woanders… irgendwie. Aber Schatz – wie soll man denn da….“ Die Verbindung wird getrennt. Ich versuche, meine zukünftige Frau zurück zu rufen – vergebens – an dem tag ist Mobilfunk so verfügbar wie die WebSites von CNN und N24 – gar nicht.

Also schalte ich das Radio ein und will auf die Nachrichten warten – aber längst wurde der Ausnahmezustand im Radio Realität. Es läuft eine Berichterstattung der völlig wirren Art. Ich vergesse einige Zeit, die kommende Mutter meiner Kinder zurück zu rufen und höre wirre Nachrichten, während ich auf der anderen Seite versuche, mich an den komischen neuen Wagen zu gewöhnen, den ich nicht recht verstehe. Gemessen an meinen bisherigen Autos ist der Wagen schon von reichlich Hightech gekennzeichnet. Ich verstehe die Radiobedienung nicht und ich verstehe die Nachrichtenlage nicht. Irgendwann zwischendurch verliere ich den Sender und bin zu blöd, in dem neuen Auto mit all seinen vielen Knöpfen und Suchläufen einen neuen zu finden und fahre schließlich auf einen Autohof, irgendwo im Bayerischen Hinterland.

Während ich rein latsche, erinnere ich mich daran, meine Frau anzufrufen. Ich glaube das alles noch nicht und versuche, die neue Situation zu begreifen. Wenn nun die Hälfte stimmt, dann hat das das Potential für einen dritten Weltkrieg. Oder spinne ich jetzt, weil ich Vater werde und das Gefühl hab, meine zarte kleine Familie jetzt bald beschützen zu müssen?

Als ich durchkomme, weint meine Frau. Im Autohof läuft CNN oder NTV – vielleicht ist das an dem Tag auch dasselbe. Als der erste Turm einstürzt, habe ich eine 0,33er Cola und zwei Bifi Roll in der Hand und will eigentlich zahlen – aber alle starren plötzlich auf diesen Bildschirm. Das ist das erste Bild, das ich von den Anschlägen sehe, während meine Frau mir – hormonell sicherlich etwas geflutet – ins Ohr schreit.

Es wird unübersichtlich. Es soll einen Anschlag auf das Pentagon gegeben haben. Hä? DAS Pentagon?? Die Bilder nehmen mich gefangen. Ich schütte die Cola in Trance in mich rein, esse die beiden Bifi Roll und kaufe mir exakt das gleich nochmals, während ich wie hypnotisiert auf einen Monitor über dem Counter starre, wie alle anderen in diesem Bayerischen Autohof auch. Die Welt steht Kopf. War der 11. September bislang der schwarze Tag in meinem persönlichen Kalender, meiner kleinen Welt, in der er den Abschied von Youngtimern bedeuten sollte, so wird der 11. September zum schwarzen Tag für die westliche Welt. Ein Tag, der zu Kriegen führen soll, einer nachhaltigen Spaltung der Welt, Unsicherheit, irre Kontrollen an Flughäfen, die ganze Palette…

Und in meiner kleinen Welt war es eigentlich der Tag, der meine Youngimer-Phase beenden sollte.

Spätestens auf Höhe von Würzburg ist mir klar, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie morgens noch gewesen ist. Ich spreche mit Kollegen im WTC in Zurich. Die machen sich Gedanken über unseren Aktien-Kurs, was mir gar nicht in den Kopf gehen will. „Wann kommt euer Baby?“ „Hä?“ „Euer Baby! Ist Deine Frau nicht schwanger?“ „Achso – ja, kommt planmäßig am 13. Oktober, noch ein bisschen Zeit….“ „Ich glaube, das gibt Krieg“ „Ich auch. Hast Du gehört, dass noch ein viertes Flugzeug abgestützt ist?“ „Ja… wirr – und ein weiteres Gebäude ist eingestürzt“ Wo?“ „Irgendwo hinter dem World Trade Center. Oh – ich höre, dass sie hier in Zurich das WTC räumen wollen. Angst… ich…“ Die Verbindung in die Schweiz reisst ab, wie so viele Verbindungen an diesem Tag. An Internet ist an dem Tag auch nicht zu denken – die Seite von CNN stockt praktisch die nächsten 24 Stunden lang.

Was für ein Tag.

Als ich Abends mit dem neuen Dienstwagen heim komme und neben dem Mercedes 220D parke, kommt mein Schwiegervater raus und hilft mir mit dem Koffer. Er kann nicht mehr. „Die Frauen sind total durchgedreht – schon den ganzen Tag….“ Wir gehen mit dem Hund um den Block. Keiner interessiert sich für das neue Auto, niemand für das Sicherheitsgitter, das mein Schwiegervater aus Gründen der Kindersicherheit an der Treppe installiert hat, während ich im WTC in Zurich war – und schon gar nicht interessiert sich irgend jemand an diesem tag für den Strichachter, für meinen Abschied, meinen inneren Umbruch.

„Glaubst Du, dass es Krieg gibt?“

„…. Ja – ich glaube schon… das kann man so nicht….“

„Ja – das denke ich auch.“

Vor knapp 2 Wochen habe ich die Familie getroffen, die jetzt unseren damaligen ersten Dienstwagen fährt. Der Sharan hat jetzt fast 300.000 Kilometer drauf und den dritten Besitzer. Die wohnen keine 5 Kilometer von uns weg. Der Wagen ist verlebt und verwohnt und heute nicht mehr arg viel mehr wert als meine Bifi und die Cola, damals am 11. September an diesem bayerischen Autohof, während über 3.000 Menschen ihr Leben voerloren – Verschwörungstheorien hin oder her.

Die Welt hat sich weiter gedreht, Und ich fahre wieder einen Youngtimer. Einen, der damals noch als eher modisch galt: einen Ford Scorpio der letzten Serie. Und genau genommen hat das nicht lange gedauert. Den ersten Youngtimer nach dem 11. September hatte ich bereits im Sommer 2002 – ein roter Jetta CL von 1983 in Mexicobeige.

Meine Tochter wird bald 16 – ich Freund ist Halb-Pärser und war am 11. September knapp 3. Manchmal reden wir über den 11. September – aber meine persönliche Geschichte mag ich dabei nicht erzählen.

Sie ist so winzig.




4 Gedanken zu „„Der“ 11. September – Tag des Dienstwagens

  1. Schön ist die Geschichte ja nicht gerade, eher etwas düster. Irgendwie war man an dem Tag völlig neben der Spur und wenn man sich die Folgen für einen persönlich anschaut, gibt es eigentlich nur strengere Kontrollen an Flughäfen. Ansonsten hat sich für einen selbst nicht viel geändert. Die Hysterie an dem Tag und den Monaten danach war völlig übertrieben.

    Ich fuhr damals in meinem Fast-Youngtimer (89er Golf II) gerade von meinem Ausbildungsort nach Hause und hörte es im Radio und fragte mich bis ich daheim ankam, ob das jetzt irgend eine Satire-Sendung oder ein Streich sei, weil alles so wirr und unzusamenhängend war. Abends saß dann die ganze Familie vor dem Fernseher und schaute fassungslos an, wie das WTC immer und immer wieder in sich zusammenstürzte. Das konnte man irgendwie nicht so richtig fassen.

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