Koreakrieg: Als die „neuen Japaner“ nach Deutschland kamen

Eins vorneweg: Proton war kein koreanischer Autohersteller – auch kein Japaner (Die kamen viel früher); nicht mal ein Chinese (die kamen erst viel später).

Geübte Leser schaffen auf dem Weg von Malaysia nach Korea „Krieg und Frieden“ 😉

Proton baute seine Autos vielmehr in Malaysia. Und wer sich jetzt aus einer vagen Erinnerung des Erkunde-Unterrichtes sagt: Ach – Malaysia ist doch da bei Korea gleich um die Ecke: Von Kuala Lumpur nach Seoul fliegt man je nach Verbindung rund sieben Stunden… Wenn Du von Frankfurt aus sieben Stunden fliegst – dann bist du ziemlich weit weg.

Warum sagen wir das? Weil wir schon zigfach gehört haben „Bringt doch auch mal was über Proton, Hyundai und die anderen Koreaner…“ 😉

Tatsächlich aber stellte sich dieser Eindruck bei den Deutschen nicht etwa ein, weil sie alle in Geographie gepennt hätten – vielmehr kam da gefühlt plötzlich ein ganzer Sack voll neuer Automarken In den frühen 90er Jahren nach Deutschland. Die (West-)Deutschen hatten gerade genug damit zu tun, sich mit der Idee anzufreunden, dass nun Wartburg und Trabant auf den Straßen zu sehen waren – und Ostdeutsche mussten sich mit einer schier unüberschaubaren Vielfalt neuer Marken auseinandersetzen – in absolut jedem Konsum-Segment…

Hyundai Pony

Der frühe Hyundai Pony erinnerte auf eine eigenartige Weise an den Morris Marina – auch in seiner Werbefotografie… In den Niederlanden zeigte der Wagen sich als enorm erfolgreich. Dort lernten die Koreaner noch viel über Anpassungen an den Europäischen Geschmack – erst das daraus entstandene Facelift schaffte dann auch den Weg zu uns

Aufmerksame „Holland“-Urlauber jedoch kannten sie schon: Spezielle Hyundai testete den Erfolg seiner Modelle in Europa in den Niederlanden sehr ausgiebig, bevor sie sich nach Deutschland trauten…

Tatsächlich sah der gemeine Deutsche schon wieder den Untergang nahe, als die Koreaner kamen. In einem Land, in dem man, kurz nachdem man aufrecht stehen kann, lernt, dass jeder 6.(in manchen Überlieferungen auch jeder 7.) Arbeitsplatz direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängt, sind Autos aus fremden Ländern TEUFELSZEUG.

Also tat der Deutsche, was er in solchen Fällen immer tut: Gewohnheitspropaganda. Erst mal lässt Du vorsichtshalber noch einmal gehäuft Politiker auftreten, die erklären, dass Die Autos in den asiatischen Ländern unter unmöglichen Bedingungen hergestellt werden – Du faselst vage von Kinderarbeit und Sicherheits-Standards, auch wenn sich das auf die Teppichknüpfer in Bangladesch bezieht, die irgendwo am Ende eines langen Satzes noch kommen. Aber der Deutsche speichert Empörung. „Deshalb sind die Kisten so billig – hab ich doch gleich gewusst!“ Dann zündet man Stufe 2 und lässt die üblichen Verdächtigen ausschwärmen, die Autos zu testen, respektive sich über sie lächerlich zu machen – denn genau das taten die Deutschen Tester gewohnheitsmäßig, wie sie es auch Jahre zuvor bei den Japanern gemacht hatte.

Hatte auch nicht wirklich was gebracht – aber man fühlte sich irgendwie besser danach…

Fotografisch richtete Hyundai sich an die große weite Welt des internationalen Managements – die kauften natürlich in Deutschland weiter Mercedes, Audi und BMW – hier galt Hyundai erst einmal als Lachnummer. Auf dem Dorf zählten da handfeste Realitäten. Der Sonata war ein tolles Abbild seiner Zeit und ein durchaus luxuriöses und komfortables Auto mit ausgezeichneter Ausstattung – aber keins, um mit 220 auf der linke Spur unsicher zu machen

Die Japaner hatten schnell „aufgeholt,“ soviel mussten selbst die kritischsten zugeben – dass die Koreaner hier noch schneller sein würden, ahnte keiner so recht. Daewoo etwa hatte dabei Hilfe von GM – witziger Weise aber hatten die meisten der Neuankömmlinge (Ja, auch Proton…) tatsächlich Schützenhilfe von Organspender Mitsubishi. Eigentlich zeigt das nur, wie weit die Japaner zu der zeit also wirklich waren.

Hyundai kam mit der vollen Palette zu uns: Der Pony (Golf), der Lantra (Jetta / Passat) und der Sonata (Omega / Scorpio) landeten bei uns – in einer bizarren Konzernehe auch noch der Hyundai Galopper, der im Grunde ein Mitsubishi Pajero – Klamotten vom großen Bruder abtragen sozusagen…

Cockpit Design des Kia Sephia (Und praktisch jeden anderen Autos aus Südkorea damals) – Den Deutschen zu wenig Hightech, klar – aber der US Markt hieß die billigen Genossen aus Asien herzlich willkommen

Und ja: Diese Wagen waren nicht so cool wie eine E-Klasse, nicht so ausgewogen ie ein Golf, nicht so autobahntauglich wie ein Passat – aber sie waren billig. Und zwar wirklich jenseitig billig – und wie sich später herausstellen sollte, auch noch robust. Speziell der Sonata machte doch auch viele eingefleischte Käufer der Deutschen Premium-Marken schwach. Seine Ausstattung mit 3 Liter-Motor, Automatik, Leder, Klima… Die kostete bei der E-Klasse praktisch soviel Aufpreis wie bei Hyundai ein ganzer Wagen. Und gerade die älteren Käufer wurden da schwach – solche, die auch beim Honda Legend der ersten Generation zugeschlagen hatten. Die konnten sich noch dran erinnern, wie es war, als alle Autos sich so fuhren – und sooo schlecht waren sie dann eben doch nicht.

Hyundai S-Coupé 1991

Hyundai S-Coupé – auch mit dem meinte es die Werbefotografie ein wenig zu gut – aber die Form war simpel und schön. In UK und Irland ein Kult-Auto

Die Koreaner wurden natürlich dennoch boykottiert, wo nur möglich. Wir kennen mindestens 3 Redaktionen von Lokalzeitungen, die sich weigerten, über die Eröffnung der neuen Autohäuser zu schreiben. Peinlich.

In meinem Heimat-Kaff eröffnete ein junger Kerl aus Dessau die Hyundai Niederlassung in den Räumen des pleite gegangenen Opel-Händlers. Der war aus gutem Grund pleite gegangen – nun munkelte man, der junge Mann aus Dessau habe da seine Finger mit im Spiel gehabt… Es wurde ein Protest organisiert und tatsächlich flogen 2 Eier auf einen nagelneuen Hyundai Pony. Nun kam tatsächlich die Presse und lichtete den jungen Mann aus Dessau neben dem betroffenen Fahrzeug ab – so, dass jeder das Preisschild lesen konnte: 16.990DM. Ein vergleichbarer Astra F kostete 3 Orte weiter unter Freunden 25.000DM. Und wie es auf dem Dorf so ist: Plötzlich war der Pony mit einem regionalen Kennzeichen auf der Straße und mit ihm zwei weitere und ein Lantra. Nicht, weil man den jungen Mann aus Dessau unterstützen wollte – aber die Typen von Opel galten nun auf dem Dorf plötzlich als Abzocker mit ihren 25.000 Mark…

Daewoo Espero

Autos wie den Dawoo Espero entlarvte meine Oma klar mit dem heute ausgestorbenen Midlands-Wort als „Gernegross“ – und Recht hatte sie. Der Espero war ein Ascona C im schlecht kopierten Kleid eines Toyota Carina und bestand praktisch nur aus Komponenten, die sonst keiner mehr haben wollte. Ergebnis: Der höchste Wertverlust seiner Klasse.

Einen Ort weiter, mitten in den German Midlands, öffnete dann sehr bald auch der Kia Händler und verkaufte den wirklich substanziell hässlichen Sephia und hinter dem großen Baumarkt verkaufte Daewoo die billige Kopie des Kadett E und den Espero, der auf dem Ascona C von 1981 basierte. Weil die Lage übel war, bauten sie in der Mitte einen hohen Mast und steckten oben das Daewoo-Logo drauf. Ganz ähnlich wie der Landmaschinen Händler übrigens, der auch in zweiter Reihe sein Geschäft hatte. Der Daewoo-Händler musste sein Schild wieder abbauen – aus Sicherheitsgründen…. Klar.

So sah der kleine Krieg gegen die Eindringlinge aus Korea in Deutschland aus.

Daewoo Leganza

Namensgebungen wie auf der Dorfkirmes: Daewoo „Leganza“… Weder die Lächerlichen Namen noch die lächerliche Werbefotografie vermochten seinen Erfolg in manchen Ländern verhindern. In den Niederlanden verkaufte sich der Leganza

Wir Kids mochten den jungen Mann aus Dessau und seine leicht schrulligen Autos im ehemaligen Opel-Autohaus. Irgendwann nahm er noch die ebenfalls pleite gegangene Tankstelle nebenan dazu, weil er mehr Autos stehen haben wollte. Nachmittags schauten wir oft bei ihm vorbei, durften in den Autos sitzen und den schrulligen Prospekten blättern. Er erklärte uns dann auch mal, dass Hyundais nicht einfach aus „Korea“ seien, sondern aus Süd-Korea, was gegenüber dem restlichen Korea in etwa so unterschiedlich war wie die DDR gegenüber Disneyland. Und wer, wenn nicht er, wäre da kompetent gewesen…?

Daewoo Gründern Kim Woo Choong war so etwas wie der Carsten Maschmeyer der asiatischen Auto-Szene, bevor ihn der Hochmut und Bilanzfälschungen zu Fall brachten. Auch sein Postulat des „bedingungslosen Mitarbeiters“ erzürnte mehrere Europäische Gerichte – sein Hirnwäsche-Buch war kein Bestseller und der Spannungsbogen des Wirtschafts-Fantasten reicht nicht für den Flug von Kuala Lumpur nach Seoul

1997 fielen meine Eltern mir fast ein wenig in den Rücken und erwarben einen Kia Shuma, den ich persönlich verachtenswert hässlich fand. wenige Wochen später aber übernahm der jungen Mann aus Dessau den Kia Händler und führte damit fortan nicht nur 2 einigermaßen erfolgreiche Autohäuser – er nahm auch etwas vorweg, was auf die großen Bühne geschehen sollte: ein Jahr später nämlich sollte Kia so in Schieflage geraten, dass sie von Hyundai übernommen wurden. Bizarr.

Der Umbau der Kia-Vertretung brachte mir meinen ersten Ferienjob ein – der Umzug des Hyundai Autohauses in ein weit größeres brachte mir und zwei Freunden während des Studiums eine Art Dauer-Ferienjob ein. Und ich lernte, den Sonata zu lieben, zunächst den seltenen Y2 und dann speziell die Y3-Serie, die von 1993 bis 1996 gebaut wurde. An der kenne ich auch heute noch jede Schraube. Traurig, dass auf den in Deutschland heute keiner mehr schaut. In den USA ist der in vielen Regionen eine Art Kult-Auto: Er kostet schier nichts, ist aber nicht kaputt zu kriegen.

Die Rache der Simplizität! Überschaubare Technik ist unzerstörbar und im Falles eines Falles eben einfach zu reparieren – ein Traum… Wenn es einen legitimen Nachfolger des Granadas gibt: Das ist er.

In aller Fairness: Die Koreaner waren nie so schlecht wie die Deutschen gerne gehabt hätten – und heute sind sie richtig gut. Hyundai ist der viertgrößte Autohersteller auf diesem Planeten (Organspender Mitsubishi liegt heute übrigens je nach Zählweise an 18 oder 19, Tendenz fallend, weil Companies wie Tata, Baik oder Changan beispiellos aufholen.

Kennste nicht? Chundai und Da-e-woo kannte mein Opa auch nicht…



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.