Als die GTIs schrumpften III/VI: VW Polo Coupé GT

Mit der Vorstellung des Polo 86c hatte Volkswagen sich in diesem Segment mutig von der Standard-Bauart des Schräghecks, das sich gerade erst etablierte, komplett abgekoppelt. Der Polo vom Typ86c kam ab 1981 eher wie ein Kombi daher – das war bei der geringen Karosserielänge natürlich im Grunde die klügste damals bekannte Möglichkeit, Raum zu nutzen – aber der Schrägheck-Polo des Vorgängers hatte irgendwie cooler ausgesehen.

Polo 86c Coupe

Die Ur-Version. Vor dem Facelift sah der Polo als Coupe schon reichlich bieder aus, auch wenn die Form natürlich bedeutend knackiger war als die des „Kombis“. Dennoch versteht man, warum Leute an diesen Wagen immer so viel Zeug dran schrauben wollten, um ihn sportlicher aussehen zu lassen. Immerhin: Das Coupé sah im wesentlichen wieder so aus wie der Vorgänger – das sprach alte Damen mit lilagrauen Haaren an 😉

Von dem hatte es auch ein „Sportversion“ namens GT gegeben – die allerdings im Grunde lächerlich gewesen war. Vereinfacht gesagt: Eine Version mit Rallye-Streifen und dem 60PS Motor, den man auch so schon im Polo kaufen konnte.

Beim neuen Polo legte VW daher „mutig“ nach: Als das Coupé erschien, hatte die GT Version „stattliche“ 75PS… Benchmark: Der Fiesta XR2 hatte bereits 84PS und sollte kurze Zeit später gar 96PS bekommen – in Zeiten, in denen ein Golf GTI auch nur 112 hatte, war das eine Ansage. Opel hatte noch nichts Vergleichbares auf dem Markt. Peugeot sollte kurze Zeit später den 205er als GTI mit satten 105PS bringen – die Sportversionen der Renault 5 hatten zu diesem Zeitpunkt längst 93, 107 und sogar 160(!)PS.

Allen war praktisch zudem gemein, dass sie im Grunde billiger oder sogar substanziell billiger waren als der Polo GT – zumal der legendäre 66PS-Motor des normalen Fiesta dem Polo GT in der Beschleunigung praktisch ebenbürtig war und dann sogar signifikant billiger daher kam.

Nach dem Facelift irgendwie schärfer – aber ein XR2 sah die meisten Zeit über eben doch knackiger aus – nur der Corsa GSI vermochte da stattlich underzuperformen

Hinzu kam: Mit der Sportlichkeit des GT Modells war es auch nicht so arg weit her: Das Coupé GT konnte, was jeder Polo konnte, sah allerdings etwas schneller aus. Mit dem Sportfahrwerk des Fiesta XR2 war das so erst einmal nicht zu vergleichen.

Während die Deutschen Autozeitungen den Polo natürlich damals schon für seine Ausgeglichenheit lobten, verlor er in Ländern wie Großbritannien und der Schweiz – beides Top-Abnehmer-Länder für die „Hot Hatches“ – die Tests und wurde als unsportlich wahrgenommen, was er im tiefsten Herzen auch war.

Klar: 75PS waren damals schon was in einem Wagen dieser Gewichts- und Größenklasse – Mittelklasse-Autos wie der Audi 80 oder der Passat fuhren mit dieser Leistung durch die Gegend und deutlich kleineren Motorisierungen. Dennoch fehlte der Kick. Tatsächlich zeigten die Marktbeobachtungen, dass der Polo GT primär von Vätern für Söhne gekauft wurde, in dem Willen, dem mit der Pseudo-Sportlichkeit etwas gutes zu tun. Väter, die religiös VW fuhren, während Autos wie der Fiesta XR2 nicht nur Selbstfahrer anlockten, sondern auch Käufer von anderen Marken zu Ford brachten.

Die Konkurrenz rüstete zudem weiter auf – selbst der hauseigene Konkurrenz Seat Ibiza war ab 1984 mit 86PS zu haben und hätte selbst mit 16PS dabei noch sportlicher ausgesehen. VW musste nachziehen.

Und das taten sie auch.

Wenn Du einem niedersächsischen Ingenieur sagst „Hier – mach mal was knackiges, für die jungen Leuten –  Du weisst schon…,“ dann kommt so etwas dabei heraus…

1986 schob VW einen GT G40 nach, der es mit seinem Lader nicht nur auf satte 115PS brachte – er war auch schneller als ein Golf GTI und schaffte 195KM/H. Damit konnte man sich schon mal mit einem BMW 320 anlegen – auch auf der Autobahn. Die Preis-Situation wurde dadurch nicht besser – kostete schon der kleine GT mit 75PS bei seinem Erscheinen satte 14.500.-DM, so wollte VW am Ende der Bauzeit für den GT G40 27.000 Mark haben. Und das zu einer Zeit, da die GTI-Absätze immer mehr zurück gingen.

Und das muss man vielleicht einmal kurz ins rechte Verhältnis setzen: Wenn Du mit 27.000 Mark Mitte der 90er zu einem VW Händler kamst, konntest Du statt des winzigen Polo G40 tatsächlich einen Passat mitnehmen – oder bei Ford einen damals stark rabattierten Scorpio

Am Ende bringt uns das auch zurück zu den Gründen für das Schrumpfen der GTIs. Die „richtigen“ GTIs – die der Golf-Klasse – waren mittlerweile preislich enteilt. Die Verkäufe der bürgerlichen Coupés vom Schlage des Manta, des Scirocco und ähnlichen, waren ebenfalls rückläufig. Die Leute, die das Geld hatten, sich solche Autos zu kaufen, schwenkten nun plötzlich zu Autos wie dem Passat Variant um, weil man in dem notfalls eben auch mal angesagte Mountainbikes und Surfbretter transportieren konnte, was den Leuten nun wichtiger erschien, als mit Mitte 30 noch Ampel-Rennen zu gewinnen… Die alten Sportfahrer schwenkten von kriegsbemalten Opels um zu Wagen wie dem 3er BMW und sportlichen Audi 80/Audi 90-Versionen. Es wurde also enger.

Umsatzrekorde ließen sich mit den GTI-Modellen nicht mehr so sehr machen – für die Autohersteller waren sie jetzt eher zu Prestige-Themen geworden, um mal wieder ein Cover einer Autozeitung mit 10 Zusatz-PS zu füllen…

Die Zeiten hatten sich geändert.

Heute sind die sportlichen Versionen des Polos natürlich die weitaus gesuchtesten Versionen, für die vermutlich im Originalzustand unfassbare Summen gezahlt werden würden. Originalzustand ist jedoch speziell bei diesem Modell komplett ausgestorben – ein „Böser Blick“ Umbau und Tieferlegung ist da eher mal das untere Minimum… Und selbst für schlimm verschandelte Exemplare wollen Vorbesitzer obszöne Summen haben.

Alles in allem: Kein Tip für H-Kennzeichen Aspiranten….

Nach dem Polo GT 86C launchte VW den Polo 6N. Dessen visueller Pep lag auf dem Niveau einer unbehandelten Betonwand, weshalb VW die Gnade besaß, uns das Coupé zu ersparen. Auch die GTI-Version, die hier angeboten wurde, knüpfte nicht an alte Zeiten an – nur Insider konnten sie erkennen und das im Grunde auch nur, wenn sie ganz nah dran standen…. Another One bites the dust.

 

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