Wer rottet denn da?

Wir hadern (auch so ein vergangenes Wort) ja auch schon seit Jahren immer wieder mit dem Thema der „Am Ende“-Youngtimer, die uns immer nicht so recht in den Sinn gehen wollen.

Wieso lassen Leute ihre Autos irgendwo herumstehen, bis sie verrotten? Irgendwie will uns das nicht so recht in den Kopf. Also haben wir uns mal auf die Socken gemacht um da eine wenig nach zu haken. Der lustigste Teil: Kleine Kärtchen an Autos machen, die schon ewig herumstehen mit der Bitte, uns doch einmal anzurufen 😉 Genau – das kennen viele mit „Kaufe Dein Auto – immer super Preis!“ – aber das wollten wir nicht – wir wollen doch nur reden…. 😉

R107

In diversen Tiefgaragen steht „Garagengold“ im abweichenden Sinne

Viele dieser Autos haben wir über die letzten Jahre nicht nur einfach irgendwo am Strassenrand gesehen – German Midlands, Dreigenerationen-Haus – und irgendwo steht da noch dieser rostende Kadett D. Das kennen viele. Aber Tiefgaragen sind auch eine Subkategorie für sich. Dort stehen sich S-Klassen aus den 90ern die Räder in den Bauch mit Staubschichten wie in Männer-WGs… Das bedeutet auch: Im Gegensatz zum Dreigenerationenhaus im Hinterland von Meinerzhagen ist hier jemand am Start, der wirklich Geld dafür bezahlt, dass sein Auto rum steht – das ist mal alles andere als intuitiv, oder?

Wir schnappen uns den Verwalter einer sehr großen Tiefgarage im Rhein-Main Gebiet, in der Du alles findest: Ford Consul, R107 (3x) VW K70, W126… und alle mit Staubschichten… wie gesagt…

Beinahe verschämt…

Über den Consul erzählt uns der Verwalter „Ich arbeite jetzt seit 7 Jahren hier – da stand der schon da. Ich hab den Besitzer nie gesehen, aber sicher ist: einmal im Jahr wischt jemand die Staubschicht ab.“ Ob der Wagen in der Zeit mal gefahren wurde? „Nie! Der ist auch gar nicht zugelassen, obwohl da Kennzeichen dran sind. Man muss sich das mal vorstellen: der hat einen abgesperrten Parkplatz – die kosten hier unten 75€ im Monat! Allein, seit ich hier bin, hat ihn das hier also über 6.000€ gekostet.“

Bei näherer Betrachtung stellen wir fest: So viel ist der Wagen vermutlich nicht mal mehr wert – und wenn, dann gerade so… Die Reifen sind tatsächlich von 1998… Der Ölfleck vorne vermutlich auch – da aber in dem Teil der Tiefgarage schon seit 2 Jahren das Licht nicht mehr geht, ist das schwer zu beurteilen.“

Zwei Orte weiter ein W126 in schlechtem Licht. Der dortige Hausmeister kennt das Auto ebenfalls gut. „Steht hie scho viel z’lang,“ erklärt er uns – jedoch: Der Wagen wir bei schönem Wetter bewegt. Bei sehr schönem, wie er uns wissen lässt, sonst nicht. Das sei so zwei oder 3 Mal im Jahr. Der Besitzer hat in dem Haus früher gearbeitet, hatte eine eigene Praxis und niemand weiss, ob der wohl wirklich für den Stellplatz zahlt… Der Wagen sieht super aus – trotz Staubschicht. Warum der hier steht? Schwer zu sagen. Der Verwalter will wissen, dass der Mann ein großes Haus am Rhein hat, wo sicher eine Garage ist. Gossip?

Oft am ehesten noch Symbol einer traurigen Geschichte, die dahinter steht

Weiter südlich finden wir am Tag drauf einen 2er Golf, der von Grünspan überzogen in einer Wohnsiedlung steht. Der braucht mehr als nur eine Wäsche. Wir klingeln mutig, aber niemand öffnet. Die Nachbarn werden in der behüteten Siedlung auf uns aufmerksam und fragen, ob wir den Wagen kaufen wollen. Als wir unser Ansinnen erklären, halten sie uns zwar für sichtbar geistesgestört, dennoch erfahren wir Stück für Stück, dass der Wagen hier schon seit mindestens 7 oder 8 Jahren steht. Seit der Besitzer gestorben ist.

Abgemeldet sei der nicht. Ein paar Idioten haben das Kennzeichen vergangenes Jahr geklaut. Dass da nicht noch mehr passiert ist, ist ein Wunder. Vor Jahren ist uns da mal ein Polo begegnet, der Wochenlang zentral ohne Kennzeichen abgestellt war. Als sichtbar Gras unter ihm gewachsen war, ließen auch die Randalierer nicht lange auf sich warten…

Abgestellter Polo, als er uns zum ersten Mal auffiel – auch da schon die Insignien des Verrottens unter dem Auto.

Kurze Zeit später sah der Wagen dann so aus…

In einer behüteten süddeutschen Wohnsiedlung kann man da scheinbar Glück haben. Unklar für uns dennoch: Wenn so ein Wagen nicht gefahren wird – warum verkauft ihn dann nicht jemand? Die Nachbarin erzählt uns, dass die Besitzerin alt sei, keine Kinder in der Gegend habe und vermutlich einfach nicht wisse, wie man so einen Wagen verkauft und ihn deshalb lieber stehen lässt.

Vielleicht also einfach nur eine traurige Geschichte mitten aus dem Leben. Vor Jahren sind wir auf diese Weise mal zu einem tollen Youngtimer gekommen – eine witzige Geschichte für sich… Aber tatsächlich gilt das ja oft auch für Rentner-Autos, die wir hatten. Ein Jetta I, über dessen lächerlichen Preis von 500 Mark wir uns als Teenager damals diebisch gefreut haben, ist aus heutiger Sicht eines Erwachsenen eher eine sehr traurige Geschichte einer alten Frau aus der Generation, in der Frauen mit Autos nicht zu tun hatten und ohne eigenes Konto oder Einkommen groß geworden sind und dann geheiratet haben… Der Wagen war damals wahrscheinlich fast das Zehnfache wert. Jedenfalls haben wir ihn 3 Jahre gefahren und noch für fast 3.000 verkauft… Später schämt man sich dann.

Diffuse Beleuchtung, aber im Detail gut: W124, der auf eine Fahranfängerin wartet

Per Zufall stoßen wir dann doch noch auf einen W124, dessen Besitzer wir kennen lernen. Der Wagen steht seit knapp 6 Jahren in einer sündhaft teuren Garage in der Schweiz. Der W124 ich technisch gesehen gepflegt, hat erst 120.000 drauf. Warum der Staub in der Garage ansetzt? „Der Wagen ist für meine Frau – die macht jetzt seit 4 Jahren ihre Fahrprüfung. Geplant war das nicht, dass der hier so steht…

Geplant ist das irgendwie nie. Auch bei einem Kadett D, den wir auf einem Parkplatz finden, machen wir den Besitzer ausfindig. Etwas über 5 Jahre steht der Wagen schon da. Gedacht war er als Restaurationsobjekt. Dann ist die Ehe zerbrochen und der Besitzer hatte andere Prioritäten. „Ich geh vorne aus dem Haus, da sehe ich den Wagen praktisch nie… Ich weiss, dass er hier ist – ihn zu verkaufen, wäre jetzt irgendwie feige. Vielleicht mach ich das nächsten Sommer – besser als alleine in den Urlaub zu fahren…“

Das Auto aus der Jugend – Potential für einen tollen Youngtimer

Der D-Kadett war das Jugendauto. „Die gleiche Lackierung, der gleiche Motor, die gleiche Innenausstattung – da musste ich zuschlagen. Meiner hatte den blöden Aufkleber an der Seite nicht – aber es war mein erster Wagen. Fand bei meiner Frau nur wenig Verständnis.“ Hm… wir wünschen viel Glück.

Der Besitzer macht uns auf einen Volvo 164 aufmerksam, der keinen 5 Minuten entfernt steht. „Um den wollte der Besitzer sich schon vor dem Euro kümmern, wenn ich mich richtig erinnere. Er hat ihn zwei mal halb restauriert…“

Tatsächlich finden wir den nach ein wenig Suchen. Die „vor dem Euro“ Geschichte kann ein Nachbar bestätigen, der weiss, dass „das olle Ding da schon immer vor sich hin rottet“. Rotten ist vielleicht zuviel gesagt. Er sieht in Teilen ganz gut aus – aber so einen Wagen unter zwei Bäumen zu parken, ist vielleicht nicht ganz zuende gedacht….

Sie sind unter uns….

Auf dem Heimweg bekommen wir dann einen Anruf von einem der Besitzer, denen wir ein kleines Kärtchen an den Wagen gesteckt haben. „Wollen Sie den Wagen kaufen?“ „Nein… Wir wollten eigentlich nur fragen, warum ihr Wagen an der Strasse so vor sich hin rottet. Das ist doch schade drum. Wir betreiben….“ „Ich kann keinen Wagen doch wohl verrotten lassen, wo ich will – oder ist das jetzt verboten?? Das Grundstück gehört mir und ich bezahle Steuern!!

Willkommen in Deutschland.



1 Gedanke zu „Wer rottet denn da?

  1. Wer kennt es nicht? Mein Audi Coupe Bj. 85 rottete vorm Haus rum weil dann die Kinder kamen, Jobwechsel etc. Dann kam wieder ein 32B,genau so wie mein erster, jahrelang Teile gesammelt, nie dazu gekommen loszulegen. Die Olle stand halt auf Pferde und brsuchte dafür mein (unser!) Geld… und davon monatl. reichlich. Den hab ivh immer noch, parkt kostenfrei in einer leeren Garage meiner Eltern. Dazu ein zweiter 42B mit H der als Alltagsauto dienen musste. Als das eigene Haus bezogen war ging sie fremd und schmiss alles hin! Seit dem Hauskauf war ja nun endlich noch mehr zu holen und so tobt nun ein etwa 3 jähriger Rosenkrieg den sie unsere Kinder ausbaden lässt, die lieber bei mir Leben wollen. Hab ich den Scirocco GL erwähnt nt den ich für sie gekauft hatte? Der stand gut 2 Jahre im freien. Ich wars irgendwann leid und hab ihm zumindest einen provisorischen Unterstand gebaut und ihn dick in Planen gepackt.
    Warum das alles? Ich bin ein Youngtimer Nerd ich habe inzwischen eine respektable Hobbywerkstatt, das Know How und was mir fehlt sind die Zeit und finanziellen Mittel um all das realisieren zu können. Genau wie im Text hängen momentan die Prioritäten woanders. Die Kinder vor dem schlimmsten bewahren, die Bude retten in der so viel steckt… alles vor diesem gierigen Parasiten in Sicherheit bringen um nicht total überschuldet unter zu gehen. Ist im Moment halt wichtiger. Die Autos, tja wer kann behält sie eben und vertagt man das einfach. Einen Zederngrünen mit grüner Innenausstattung, Automatik und 85 PS findest du nie wieder. Das lässt du dir von so einem Zombie nicht auch noch kaputt machen. Also erstmal trocken unterstellen und dann aussitzen. Die paar Standschäden machen den Braten am Ende auch nicht mehr fett….

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