Renault Espace Youngtimer – nein, nicht Espähs…

Da hatte sich Renault einen geleistet… Der ESPACE, nichts anderes als das französische Wort für RAUM, war namentlich für die Deutschen komplett ungeeignet. Der Germane versuchte stets verzweifelt, den Namen englisch auszusprechen – und das klang dann ähnlich falsch wie „Patschero“ und der „Ländkrascher„…

Mit dem schlichten Namen „Raum“ kann man den Renault keinesfalls als Angeber einstufen – der Wagen hatte Raum – und das bei einer Außenlänge von gerade einmal 4,36m – das ist eine Handbreite mehr als ein heutiger Golf – und in den bekommst Du auch mit viel Quetschen keine 3000 Liter Ladung rein. Selbst in seinen Van-Bruder nicht – und der ist deutlich länger…

Ähspähse in Äktschn

Der Renault Espace ist ein typisches First-Generation-Auto: Eine Idee erstmals konsequent bis in die Haarspitzen aufgesetzt – bevor sie von irgend welchen Marketing-Abteilungen verwässert wird… Der erste Espace war in diesem Falle konsequent auf Raum und Flexibilität ausgerichtet. Hier wurde das komplette Origiami-Paket des Vans erstmals konsequent geballt eingesetzt – mit Drehsitzen, Klappsitzen, Sitzausbau… was auch immer Du wolltest. Und dazu musstest Du eben nicht das Opfer des Busses bringen. Der Renault Espace war eines dieser „Autos zum Leben“, wie Renault selbst sie in der Werbung damals bezeichnete.

Bei späteren Modellen galt das oftmals nicht mehr so wie beim Original, dessen größte Stärke sicherlich war, den unglaublichen Innenraum mit der geringen Außenfläche zu verbinden. Und nicht nur das: Der Wagen war darüber hinaus ungemein leicht, was auf eine sehr exotische und gleichermaßen geniale Konstruktion zurückzuführen war. Die stammt nicht im eigentlichen Sinne von Renault – vielmehr hatte Renault den gesamten Espace „erbeutet“, nämlich bei Matra – und die hatten schon einige technologisch faszinierende Konstruktionen auf die Beine gestellt, auch wenn man das nicht immer gleich auf den ersten Blick sehen konnte. Bei Matra sollte eine der Rollen des Espace zunächst sein, den Matra Rancho abzulösen, der ja auch schon ein Raumriese war.

Da war Matra schon cool – diverse Espace wurden tatsächlich als „Konferenzmobile“ verwendet – ein Trend der 80er, der irgendwann wieder verschwand, als alle einen Blackberry hatten…

In Frankreich, wo die Durchschnittsfamilie in den 80er Jahren 0,65 Kinder größer war als in Deutschland, trat der Espace schnell einen moralischen Siegeszug an. Hier griffen dann eben auch keine bescheuerten Klischees wie „Mama kann kein großes Auto fahren“ – der Espace war ja faktisch nicht groß…

Wie fühlt sich so ein Wagen heute an? Schwer zu sagen – Du musst erst mal einen finden… Wie die meisten Renault aus diesen Jahren ist auch der Espace sehr sehr verschwunden. Da springt der Deutsche reflexartig vom Stammtisch hoch und ruft „Na klar! Die waren ja auch ganz übel verarbeitet und so…!“ Das wiederum stimmt nicht ganz. Der Renault Espace hatte Probleme – ohne Zweifel. Eine Gruppe von Problemen basiert auf der komplexen Produktionsweise des Wagens, die ohne ein Studium in Physik und erweiterter Materialkunde nur schwer zu verstehen ist und weit weit aus den damals üblichen Materialmixen ausbrach, um Steifigkeit der Karosserie und gleichzeitig geringes Gewicht sicherzustellen. Interessanter Weise erwies sich nicht der Herstellungsprozess als problematisch – den hatte Matra trotz eines hohen Grades an Innovation im Griff. Leider stellte sich heraus, dass die so hergestellten Karosserien samt ihrer Verzinkung empfindlich auf Stöße reagierten und dann doch wieder zum Rost neigten – ähnlich wie frühe verzinkte Audis aus dergleichen Zeit. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Karosseriesteifigkeit, speziell bei Kollisionen im Bereich der A-Säule, oftmals erheblich reduzierte. Einige Espace mit kleinen Remplern wurden dadurch sozusagen „weich“, vergleichbar mit dem Effekt, den Feuchtigkeit auf Pappe ausübt (natürlich nicht so krass).

Espace 1985

Das nannte man in den 80er Jahren dann Freizeitgesellschaft. Words are very unnecessary
They can only do harm…

Das zweite Problemfeld lag im Bereich mangelnder Erfahrung mit der Art von Karosserien – darunter leidet beim Espace beispielsweise die Vorderachse, wenn auch nicht so kritisch wie bei den späteren deutlich schwereren Modellen. Auch sonst waren die beiden Nachfolger deutlich unzuverlässiger als der UR-Espace – dennoch steht da eine lange Liste von Fehlern im Bereich Zündung, Batterien, Lichtmaschinen, Verteiler und Verkabelung auf der einen Seite und immer wieder Probleme mit den Zylinderkopfdichtungen, nicht ausreichender Belüftung geschuldet. Dauerproblem aller drei ersten Generationen: Tür- und Fensterdichtungen…

Dennoch: Als wir den Wagen jetzt mal wieder gefahren sind, hat es uns echt umgehauen: Der Renault Espace aus den 80er Jahren ist ein Auto, das mit viel Weitblick konstruiert wurde und vielen Vans, die erst deutlich später erschienen, weit überlegen ist. Natürlich erzeugen die großen Fensterflächen ein grauenhaftes Klima – sie erzeugen aber auch eine Wahrnehmung der Landschaft, gepaart mit der hohen Sitzposition, die heute nicht mehr bekannt ist und einem wieder einmal vor Augen führt, welche Entwicklung selbst in diesen vergleichsweise jungen Fahrzeug-Genre stattgefunden hat.

Verglichen mit dem ersten Espace, der so luftig daherkommt, fühlen sich heutige Vans vom Schlage eines VW Sharan eng und eingebaut an – übersichtlicher sind sie ganz sicher nicht geworden. Hier hat der Ur-Espace nur das Problem der A-Säule, die immer irgendwo im Weg ist – wenn auch eben nicht ganz so schlimm wie heute, weil sie nicht ganz so massiv ist – auch eine der Folgen der coolen Herstellungsmethode mit der Nutzung des Zinks als Verstärkung der verwendeten Materialien und ihres Zusammenhaltes.

Komisch fühlt sich heute die Sitzposition an, die einem das Gefühl vermittelt, irgendwo oben drauf zu sitzen, mehr als im Geschehen zu sein. In aller Fairness: Hier sind moderne Vans besser und schlicht sicherer.

Der heutige Espace hat mit dem ursprünglichen Renault Espace praktisch nichts mehr gemein außer dem Namen und ist natürlich heute ein CrossOver, was auch immer das im Detail heißen mag. Er sieht aus und fährt sich wie ein etwas zu hoch geratener Kombi. Da war Renault mit coolen, außergewöhnlichen Autos offensichtlich schon mal besser…



2 Gedanken zu „Renault Espace Youngtimer – nein, nicht Espähs…

  1. Ich habe letztens tatsächlich mal einen gesehen – mit H-Kennzeichen. Unfassbar! Die Zweifarblackierung in dunkelgelb und braun war der Hammer. Da könnte ich direkt schwach werden. Aber es gibt einfach keine mehr!

    Statt ihn so schrecklich zu vercrossovern hätte Renault ihm lieber Schiebetüren spendieren sollen. Dann wäre das eins der letzten brauchbaren Familienautos.

  2. Hallo und ich möchte mich beim „Zaungast“ mal melden. Vielleicht meinen Sie mich weil ich im Raum Düsseldorf wohne und so einen Espace seid 25 fahre und seid Dez. 2016 das H-Kennzeichen hat. Der Espace wurde bei Markteinführung auch als Langzeitauto angepriesen was ich hiermit, bei einem z.Z. Km-Stand von 351000, bestätige.

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