Unterbewertetes Design-Element des intimen Kontaktes: Schaltkulissen

Lenkräder mögen wir gerne mit Lederbezug – das geht vielen Leute so. Das Lenkrad stellt die Beziehung zum Auto her, es ist daher wichtig, wie es sich anfühlt. Die drei schlechtesten Lenkräder, die uns kollektiv einfallen:

  • VW Polo 1979, Grundausstattung – kratzig, unangenehm
  • Opel Corsa A von 1983, ebenfalls Grundausstattung – ekelhaft synthetische Oberfläche
  • Polonez aus den frühen 80er Jahren -fühlte sich an wie genarbtes Lakritz – und roch irgendwie auch so

Bei Schalthebeln ist das auch irgendwie klar und wird auch gerne und oft in Tests erwähnt – schließlich werden die auch oft angefasst und spielen somit in der Wahrnehmung des Wagens auch eine nicht unerhebliche Rolle. Nur bei Automatik- Wählhebeln ist das lange Zeit ein wenig anders gewesen – die hatten immer unter stiefmütterlicher Behandlung zu leiden. Vielleicht, weil man sie nicht ganz so oft anfasst.

Amerikaner etwa haben diese typische Verhältnis zu den Wählhebeln der Automatik – die machen sie seit jeher langweilig. Da gibt es einen Schacht, in dem Du den Hebel bewegen kannst – und links daneben steht, in welchem Gang du dich befindest.

Opel, sicherlich auch amerikanisch beeinflusst, hat das auch über Jahre so gehalten – da hab es diese Hebel, links daneben steht, in welchem Gang Du dich gerade befindest – gut ist. Das ganze gerne noch mit der Haptik des möglicherweise leicht langweiligen Lenkrades in den Grundausstattungen.

Da steckte nicht viel Leibe drin, da gab es keine Details, auf die jemand geachtet hatte – und vor allem: Hier gab es keine Ergonomischen Highlight, keine Nutzerführung. Im Grunde musstest Du auf den Hebel schauen, um herauszufinden, in welchem Gang Du bist – was eigentlich blöd ist. Beim herkömmlichen Schalter musst Du das ja auch nicht – Du weißt, wo der Rückwärtsgang ist. Versierte Automatik-Fahrer wissen das auch – klar. Wenn Du in D bist, dann bedeutet zwei mal kleine Rasterung überwinden „R“ – so gehört sich das.

Außerdem rastet die Schaltung gegenüber der Neutral Stellung jeweils ein – das spürst Du – zumindest bei einem Youngtimer spürst Du das ganz klar – bei modernen Autos nicht immer. Außerdem rutsch man manchmal über eine Raste hinweg, ohne es recht zu merken, weil manche Komponenten vielleicht etwas ausgeschlagen bist – oder Du bist ein Grobmotoriker.

Daher erfanden diverse Hersteller schon sehr früh, zu den Zeiten der Lenkradautomatik die Anzeige des gewählten Ganges im Armaturenbrett.

Was uns immer schon gewundert hat – und aus heutiger Sicht beinahe noch mehr als früher – war die Art, wie BMW die Schaltkulisse der Automatik handhabte. Die war nicht nur langweilig – der Hebel wurde in einem eigenartigen Material geführt, dass immer die eigenartige Assoziation von Kopfhaar bei uns auslöste.

Das war total schräg. Einerseits zeigte das mit der zeit Spuren – ging einfach aus der Form, was wenig ansehnlich war. Aber schon deutlich früher fiel es unangenehm dadurch auf, dass das Material Staub anzog – noch und nöcher, wie man damals gerne sagte.

Wertig wirkte das jedenfalls nicht. Und besonders hilfreich war es natürlich beim Schalten auch nicht. Zumal hier hinzu kam: Die Rasterungen im E12, E21 und E28 waren nicht besonders genau. Der Schalthebel und die daneben stehenden Angaben waren nicht besonders präzise. Entweder war BMW damals einfach scharf drauf, Schaltungen zu verkaufen – oder aber BMW verkaufte so viele Handschaltungen, weil die Automatik so übel gestaltet war. Beides ergäbe Sinn. Mit Ausnahme der Tatsache, dass auch schon in den frühen 80ern bekannt war, dass Automatik-Käufer besser ausgestattete Autos kaufen und somit immer eine attraktive Zielgruppe der Auto-Industrie waren.

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Unserer erklärter Sieger des Segmentes könnte klarer nicht sein: Mercedes.Die Schwaben waren in vielen Dingen gut – aber das, was sie hier leisteten, war in dieser Hinsicht wirklich das Maß der Dinge. Mercedes entwickelte eine Schaltkulisse, die eine Nutzerführung gewährleistete. Das Klacken des Schalthebels war etwas völlig mechanisches, verschleiß-freies. Du hättest Die Gänge mit dem Fuß und verbundenen Augen wählen können.

Da gab es eine innere Logik, eine Bedienung, die nicht nur bestechend klar war und sich leicht erschloss – sie ging auch in Fleisch und Blut über und vermittelte ein anderes Gefühl von Kontrolle, vor allem beim Rangieren, wenn Du mal mehrmals vorwärts und rückwärts fahren musstest. Die Mercedes-Automatik-Schaltkulisse ist bis heute unübertroffen.

Dass Mercedes-Ingenieure sich den Spaß gönnten, diese Automatik mit LSD zu beschriften – angesichts der damals verwendeten Farben glauben wir nicht, dass das ein Zufall war…



5 Gedanken zu „Unterbewertetes Design-Element des intimen Kontaktes: Schaltkulissen

    1. Das stimmt. Das Plastik im W124 und W201 war nicht das Gelbe vom Ei, bei 202 und 210 wurde es in der Basis nicht unbedingt besser.
      Die gezackte Kulisse aber ist grandios! Nur so kann man die Fahrstufe wechseln ohne hinzusehen.
      Ford hatte eine ähnliche Lösung bei Sierra und Scorpio. Jedoch weniger knackig und mit einer merkwürdigen Sperre, bei der man den Wählhebel runterdrücken muss. Kommt einfach nicht an den Benz ran.

  1. Die Kulisse von Mercedes ist nicht mein Ding. Aber die Vom Rekord E 2 ist einfach und sehr leicht. Da ich und mein Bruder einen besitzen wissen wir nur zu gut das die Automatik sehr angenehm ist. Und man muss nicht draufsehen wo der Gang ist 😉 Und ich finde es besser wenn es nicht so kompliziert aussieht. Lieber einfach und robust als schön und endpfindlich 😉

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