Youngtimer Alfa Romeo 164 – Ungewollter Mafia-Held

Tatsächlich hatte der Alfa 164 ein Image-Problem, das in Deutschland unbekannt und ebenso weitgehend irrelevant war – im Heimatland Italien jedoch nicht. Als in der zweiten Hälfte der 90er die große Welle der Mafia-Verhaftungen mit kurzfristigem Mut durch Italien rollte, da gingen stets Bilder von Mafiosi durch die Presse, die aus ihrem Haus abgeführt wurden – und vor dem Haus parkte stets ein Alfa 164. Gefühlt immer. Manchmal gar zwei davon. Fuhren die Jungs denn nichts anderes? Einen dekorativen Lancia etwa? Schräg – und ein echtes Thema in der italienischen Presse damals.

Alfa Romeo 164

Linie!

Zu dem Zeitpunkt neigte sich die Bauzeit des Alfa 164 bereits dem Ende zu. Gemeinsam mit dem Fiat Croma, dem Saab 9000 und dem Lancia Thema entwickelt, hatte der Alfa einen ungewöhnlich schlechten Start. Alfa hatte viel Liebe in die Idee gesteckt, den Wagen anders aussehen zu lassen – Design war stets eine wichtige Kernkompetenz der Marke. Konnte man leicht erkennen, dass Croma, Thema und Saab 9000 gemeinsame Gene hatten, war das beim Alfa 164 fast unmöglich.

Und das war wichtig: Alfa Romeo steckte in einer substanziellen Krise und der 164 sollte es richten. Der Vorgänger Alfa 90 galt als Notnagel und wurde nach nur 3 Jahren eingestellt. Der eigentlich Vorgänger, der Alfa 6 – eine der ungewöhnlichsten und schönsten Limousinen der gehobenen Mittelklasse dieser Zeit – war fast noch glückloser gewesen, wurde aber zumindest deutlich länger gebaut. Auch er war ein Mafia-Klassiker…

Alfa 164

Facelifts steigern die Attraktivität nicht immer

Einen leichten Start konnte der Alfa 164 bei den Fans mal grundsätzlich nicht haben – der neumodische Frontantrieb wurde dem Wagen übel genommen und kam bei den Fans der Marke zunächst nicht recht an, sollte aber tatsächlich in den folgenden Jahren diverse neue Käufer erschließen. Dennoch wurde bei Alfa fortan mit jeder Neuentwicklung das Thema der Antriebsachse wieder zum Thema – und erst gute 30 Jahre später sollte sich die Fraktion der Traditionalisten wieder durchsetzen.

So aber startete der 164er mit der falschen angetriebenen Achse – Tribut an die gemeinsame Plattform: Für Lancia war es ein Kompromiss, für Fiat gleichgültig, für Saab hingegen war Frontantrieb eine Art religiöses Prinzip, an dem man nicht rütteln konnte.Insider sagen, dass Alfa so viel um den Frontantrieb herum konstruierte und testete, um den Wagen neutral auszulegen, dass schon allein dadurch die potentiellen Synergien der gemeinsamen Plattform zunichte gemacht wurden. Klingt schwachsinnig, aber ebenso glaubwürdig 😉

Die beinahe beeindruckendere Ingenieurleistung aber ist die Gründlichkeit, mit der Alfa den Innenraum des Wagens gegenüber seinen Plattform-Brüdern geschrumpft hat. Vor allem könnte man auf der Hinterbank meinen, der Wagen sei für Menschen konstruiert worden, die nicht nur kurze Beine, sondern vor allem keine Füße hätten. Immerhin: Der Kofferraum ist überdurchschnittlich groß – da passen beispielsweise locker ein Mensch und ein Sack Zement rein 😉

Auch sonst hat der Alfa viele Alfa-Qualitäten. Der Innenraum ist einfach schön – hier greift die italienische Magie voll und ganz, das können die Italiener per se schon und Alfa sicherlich ganz im Speziellen. Das gilt nochmal mehr, sofern Leder geordert wurde. Ebenso toll ist, was Alfa dann nun mit all dem Aufwand aus der Strassenlage herausgeholt hat. Der Wagen kann nicht nur sportlich (und das kann er!), sondern auch die gepflegte Reise. Tatsächlich nicht nur auf der Autobahn, sondern eben auch auf italienischen Serpentinen-Straßen mit Kurven und kurzen schnellen Stücken. Wie auch der Alfa 75 setzt er hier zu seinem persönlichen Höhenflug an. Auch heute, wo die ältesten Exemplare knapp 30 Jahre alt sind, spürt man die Sportlichkeit noch ebenso wie die sauber abgestimmte Federung und allem voran die feinfühlige Lenkung, die eine ungemein gute Kontrolle über den Wagen ermöglicht. Die gefühlte Straßenlage, die Art und Weise wie der Alfa 164 die Grenzbereiche vermittelt, sind so toll, dass Du dich heute kaum noch traust, dass bei einem in Würde ergrauten Wagen zu sagen…

Der Alfa 75 kann das in Teilen noch etwas besser – aber die satte selbstbewusste Art des Alfa 164 hat er einfach nicht.

Immerhin: Alfa 164 sind noch einigermaßen zu bekommen – auch in gescheiten Zuständen, teils jedoch auch schon zu üppigen Preisen, die sich mit der Möglichkeit des H-Kennzeichens in den kommenden 2-3 Jahren bereits erheblich steigern werden, wie bei allen Alfa davor auch…

Der Alfa 164 belegte zu Lebzeiten stets einen unrühmlichen Platz bei der Pannenstatistik und fiel vor allem durch teure unangenehme Defekte auf: Zahnriemen, Getriebe, Zündelektrik, Wegfahrsperren sowie nervige Defekte wie Elektrische Fensterheber, die nur hin und wieder funktionieren oder nur gleich nach dem Anlassen und ähnlicher Quatsch. Das nervt ohne Zweifel – die erhaltenen Exemplare sind jedoch heute die besseren des Wagens und vermitteln immer noch eine Menge Fahrspaß und sind längst ein echter Hingucker mit ihrer enormen und repräsentativen Kantigkeit.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.