Generation Teiletauscher: Lernt das KFZ-Handwerk jetzt Youngtimer?

Es ist jetzt gute zwei Jahre her, dass der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeugewerbes (ZDK), angekündigt hat, sein Engagement im Bereich Oldtimer und Youngtimer – das sind in deren Definition die Jahrgänge 1970 bis 1995 – deutlich zu verstärken. Zeit für uns, sich auf den Weg zu machen, diese vollmundige Ankündigung mal in Augenschein zu nehmen – mittlerweile sollte sich da ja schon was fühlbares getan haben, oder?

In Hipster-Kreisen etwa so teuer wie ein neuer Mondeo

Den Anstoß gibt ein uns gut bekannter KFZ-Meister, der sich seit einigen Jahren auf Youngtimer und Oldtimer spezialisiert hat, weil der Hipster-Gentrifizierung ihm gerade recht kommt. Mittlerweile expandiert der heftig und sucht insgesamt 5-6 Leute für Wartung, Instandhaltung und Restauration. „Die Gehälter für 40jährige KFZ-Mechaniker oder gar Meister wirft das im Moment noch nicht ab – aber ich könnte auf der Stelle 4 bis 5 junge Leute und einen Meister einstellen.“ Wie schwer kann das auf einem Arbeitsmarkt wie dem unseren sein? „Es kommen schon ausreichend Bewerbungen – aber so, wie die Jungs kaum einen geraden Satz schreiben können, so ist auch ihr Ausbildungsgrad. Kürzlich hatte ich hier einen Burschen, Jahrgang 93, der mir auf die Frage nach Erfahrungen mit Vergasern sagte, er habe mal einen in der Lehrwerkstatt gesehen. Was mache ich mit solchen Leuten?“

Jetzt muss man sich vergegenwärtigen, dass wir hier nicht direkt von Kutschentechnik reden – Vergaser sollten im Ausbildungprogramm von jemandem, der 2009 mit der Ausbildung angefangen hat, eigentlich noch vorgekommen sein, oder?

Hybridtechnologie setzt einen weiteren Layer an Komplexität auf die Fehleranalytik

Ein großer Opel-Händler sagt uns, dass viele Auszubildende auch wirklich frustriert sind und das auch kundtun. „Viele junge Leite wollen diese mechanischen Sachen lernen – deshalb machen sie das ganze. Die wollen keine reinen Teiletauscher sein.“

Tatsächlich bestätigen uns das zwei Azubis vehement. „vieles, was ich mache, kann im Grunde auch ein Computer machen, mit Ausnahme von 2 oder drei Handgriffen vielleicht – aber das ist ja auch eher eine Frage der Zeit. Im Grunde sagen sie dir mit allem, was du in der Ausbildung lernst: Deinen Job wird es so bald nicht mehr geben. Traurig.“ Und er ergänzt „Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, hänge ich auf jeden Fall noch was dran.“

Gleichzeitig kommt ein weiterer Faktor hinzu, wie uns sein Kumpel erklärt, der bei einem Japanischen Hersteller lernt „Uns sagen jetzt natürlich alle, dass wir uns auf Elektroautos und Hybride spezialisieren sollen. Im Grunde ist das aber ein ganz anderes Berufsbild. Und da frage ich mich obendrein: Werden sie die Autos nicht demnächst gleich so konstruieren, dass Maschinen sie warten und reparieren können?“

Klar – wenn Roboter Autos zusammensetzen, warum sollen sie sich nicht auch warten und reparieren können?

Ein Berater aus dem Automotive-Sektor sagt uns das schon seit Jahren und bringt es auf eine einfache Formel „Wenn Du ein Auto mit Robotern zusammenbauen kannst, warum sollst Du dann eigentlich Leute brauchen, um Teile zu tauschen?“ Die große Zeit des Berufsbildes – hat die also nicht nur ihren Zenit überschritten, sondern ist es vielmehr Zeit, langsam mal die Sachen zusammen zu packen und die Schraubendreher aufzuräumen?

Lars, Berater bei einer der namhaftesten Automotive-Unternehmensberatungen nickt dazu „Wenn meine Kinder irgend etwas in der Art lernen wollten, würde ich laut NEEEIIIN schreien und mein letztes Vater-Veto einlegen. mechanische Fakten:

  • Die Mehrzahl der kommenden defekte werden digitale Defekte sein – da kannst Du nichts flicken, das ist eine klare Null – ein Beziehung: Geht, geht nicht.
  • Mit der E-Mobilität, die kommt, verschwinden mal schnell 40% – 60% der mechanisch beanspruchten Teile. Ein Elektro-Motor ist unempfindlich und erfordert auch keine große Entwicklungsarbeit mehr. Der Beruf stirbt also nicht nur in der Wartung auch – für die Konstrukteure wird das auf Sicht eine Berufslebens betrachtet, eng – ganz eng. Und das schon in 6-10 Jahren. Nicht viel für ein Berufsleben“

Und dann setzt er noch einen hässlichen Abschluss drauf: „Du glaubst nicht, wie viele Betriebe heute schon keine echte Analyse mehr machen, sondern den Kunden nach Hause schicken. Fehlersuche rechnet sich heute nicht mehr. Wir haben kürzlich im Mystery Shopping festgestellt, dass viele Werkstätten Assistenz-Systeme, deren Warnleuchten blinken, einfach überbrücken oder abschalten – kein Witz! Die 20 Jahre alten Bremsassistenten und Antischlupfregelungen haben dann halte einfach keine Funktion mehr – Hauptsache die Warnleuchte ist aus. Wenn Du beispielsweise eine A-Klasse von 1999 oder 2000 hast, dann sind 2 Stunden Fehlersuche schnell mal 10%-20% des Fahrzeugwertes…“

Tesla

Klar – wenn du Fahrzeuge wie den Tesla behandeln musst, dann ist das Wissen um Vergaser von eher geringem Nutzen…

Bei solchen Ergebnissen stehen einem natürlich die Haare zu Berge – und sicherlich helfen solche Themen dem Berufsstand nicht. Man wundert sich an vielen Stellen nicht, dass Leute lieber in Osteuropa restaurieren lassen.
Da geht es eben nicht mehr nur um mögliche Schnäppchen, sondern auch um Handwerk.

Ein Kfz-Meister, mit dem wir sprechen wirbt da auf der einen Seite erst einmal für Verständnis „Die meisten Kunden, die wir bedienen, haben eben Autos, die zwischen 2 und 8 Jahren alt sind – die haben einfach keine Vergaser mehr, an denen muss nicht mehr eingestellt und nachgestellt werden. Tatsächlich musst Du da Teile tauschen, wenn was ist.“ Der gleiche schränkt dann auf der anderen Seite aber auch ein „In unserem Ferienhaus haben wir eine alte Waschmaschine. Als die vor 2 Jahren im Sommer nicht lief, habe ich keinen Handwerker in der Region gefunden, der das konnte – klar: Das nervt dann….“ Und ganz sicher wollen wir da auch dem einzelnen Betrieb keinen Vorwurf machen – unser Herd hat uns allerdings gezeigt, dass der Zwang zum Teiletauschen nicht nur hausgemacht ist, sondern oft auch gar nicht besteht. Aber klar: Das ist nicht die Kalkulation der Industrie oder der Handwerksbetriebe.

Und wie passt da jetzt die Initiative des ZDK rein? „Ganz einfach: Gar nicht,“ erklärt uns ein Besitzer von 3 Werkstätten, der den ZDK als durchaus wichtige Institution einstuft. „Wenn ich mich richtig erinnere, gab es da eine Broschüre und eine Website mit Videos oder so – aber ich glaube, das hat weder der Absender ganz ernst genommen, noch haben wir das.“ Er tippt auf seinem Tablet rum und zeigt uns anschließend eine Grafik „unter 2% der Kunden-Fahrzeuge in 2017 waren 25 Jahre und älter. Um die kümmere ich mich natürlich nicht spezifisch. Was es braucht, ist eine Art Zwei-Klassen-Berufsbild. Einen ‚Oldtimer-Mechaniker‘ oder so. Du sagst ja einem Zahnarzt auch nicht: ‚hilf mir mit meinem komplizierten Schlüsselbeinbruch,‘ nur weil er Mediziner ist – und so muss das da auch werden.“ Und auch er zeigt noch einmal auf den Wandel, der noch bevorsteht „Fragt euch mal, was passiert, wenn doch irgend eine ernstzunehmende Förderung für E-Autos kommt. Ob das die Regierung ist oder einfach nur 4-6 große Firmen für ihre Fuhrparks – Siemens, die Telekom, einer von denen. Dann kommst Du als Mechaniker auch irgendwann mal an Grenzen – Du kannst Dich nicht mit Hybrid-Fahrzeugen, E-Autos, Benzinern und Dieseln auskennen und noch alles im Kopf haben, was Du über die Glühkerzen des 220D Strichacht wissen musst. Die nächste Generation wird eine Art dickes Tablet haben und nachsehen müssen, was sie da gerade repariert.“

Heute braucht ein Airbag mehr Platz…

„Und genau das,“ sagt unser Youngtimer-Spezialist auf Mitarbeitersuche, „ist das Problem! Die Ausbildungsbetriebe kommen ihrer eigentlichen Verantwortung an der Stelle nicht mehr nach und drücken Leute Reparaturhandbücher in die Hand. Die elementaren Zusammenhänge, Basistechnologien und Physik und Mathe – das verstehen die jüngeren Mechaniker nicht mehr. Dramatisch – denn das hat nichts mit Youngtimern oder Oldtimer zu tun – das ist eine fundamentale Frage des Ausbildungsversprechens.“

Und so wundert es dann auch niemanden, dass unser Freund am Ende seine Stellen etwas unkonventionell besetzt. „Ich hab jetzt zwei Leute eingestellt – auch junge Kerle. Der eine ist auf einem Bauernhof groß geworden. Der ist mit Landmaschinen aufgewachsen – dann kannst Du auch mit einem Volvo 245 mit Diesel umgehen. Der zweite kam mit seinem Kadett D vorbei – H-Kennzeichen – und hat mir eine komplette Foto-Doku gezeigt, wie er diesen Wagen von Grund auf aufgebaut hat; ein Scheunenfund. Der Kerl hat sich ‚Jetzt helfe ich mir selbst‘ bei eBay gekauft und einfach angefangen. Im Moment restauriert er mit mir einen Rolls Royce Silver Shadow – formale Ausbildung hin oder her: Ich könnte mir dafür keinen besseren Wingman wünschen.“



3 Gedanken zu „Generation Teiletauscher: Lernt das KFZ-Handwerk jetzt Youngtimer?

  1. Moin, Moin,

    tja, die Welt dreht sich weiter…
    Mein Neffe lernte bei BMW Kfz- Mechatroniker, gute anspruchsvolle Ausbildung. Auf die Frage, ob er einen Vergaser einstellen könnte, wurde nur der Kopf geschüttelt, Arbeiten an “Oldtimern” gehöre nicht zur Ausbildung….

  2. Dem Altautokunden könnte an der Stelle der Werkstattkompetenz die Konzentration auf “tote Marken” hilfreich sein, weil es sich technisch und modellseitig um ein geschlossenes Sammelgebiet mit üblicherweise begrenztem Teilevorrat handelt.
    Da schlägt dann der Einzelfall auch die Statistik mit dem arithmetischen Mittel des Alters…
    Diese Betriebe müssen rein aus Eigennutz den Umgang mit den Kunden- und Teile-Schranken lernen; können auch nicht unbedingt einen Neuwagen verkaufen… Ausbildung hin oder her…

  3. Das ist alles so traurig.
    Ich bin selbst bj.93. und wie im Beitrag steht habe ich das alles in mei er lehre auch nicht gelernt. Wenn mans sich nicht selbat beibringt wirds nix. Mfg

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